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Dienstag, 13. Februar 2007

Realitätsgetreue Parabel

 

1981 verstarb der albanische Ministerpräsident Mehmed Shehu unter mysteriösen Umständen. Mangels Gewissheiten jagten einander die Gerüchte und verbreiteten Angst und Schrecken. In seinem jüngsten Roman Der Nachfolger seziert Ismail Kadare brillant und bissig diesen Furor der Fama. In der Nacht vom 13. auf den 14. Dezember stirbt der Nachfolger und ruft eine breite Spur von Mutmaßungen und Thesen hervor. Die Frage nach der Täterschaft bleibt unerheblich, wichtiger ist die Botschaft, dass der Führer die Zügel fest in Händen hält, ohne dass jemand Einblick in sein Inneres erhielte. „Seine Zweifel waren das Rudel Hunde, mit dem er in einsamen Stunden spielte. Wehe dem, der es mit dieser Meute zu tun bekam!“
Die Familie des Nachfolgers selbst gerät in Verdacht, und auf den Innenminister fällt ein verfänglicher Schatten. Insgeheim bezichtigt sich auch ein Architekt des Mordes. Weil er dessen Haus schöner gebaut habe als das des Führers, habe er Argwohn und Neid auf den Nachfolger gelenkt. Was immer daran wahr ist, sein Tun rettet immerhin die Kunst in diesem alptraumhaften Gebräu aus Legenden und Vermutungen.
Wie nahe die Figur des Architekten dem Autor selbst stehen mag, macht ein Essay von Piet de Moor deutlich, in dem Kadares literarischer Weg auf dem schmalen Grad zwischen Kunst und Opportunismus beschrieben wird. In den 1970er-Jahren schrieb Kadare ein nicht unschmeichelhaftes Porträt des albanischen Despoten Enver Hoxha, das ihm künstlerische Freiheit zumindest im Gewand der literarischen Parabel gestattete. Hoxha konnte danach, so de Moor, „den Schriftsteller nicht eliminieren, ohne Mörder an seinem positiven alter ego zu werden“. Wie der Architekt in Der Nachfolger bedient sich Kadare der Ästhetik, doch weniger um das Regime zu stürzen, als den eigenen Kopf zu retten. Seine großartigen Bücher rechtfertigen diese List ohne Zweifel.

Ismail Kadare
Der Nachfolger
Aus dem Albanischen
von Joachim Röhm
Ammann Verlag, Zürich 2006
176 Seiten, € 18,90 (D) /
€ 19,50 (A) / sFr 33,40

Piet de Moor
Eine Maske für die Macht. Ismail Kadare – Schriftsteller einer Diktatur.
Aus dem Niederländischen
von Marie-Luise Flammersfeld
Ammann Verlag, Zürich 2006
94 Seiten, € 12 (D) /
€ 12,40 (A) / sFr 20

 


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    Freitag, 25. November 2011 

    Cover Volltext 4/2011

    Titelgeschichte: Die Geisterstadt
    Daniel Kehlmann über Sherwood Andersons einflussreichen Klassiker Winesburg, Ohio

    Sebalds Neger
    Die Vereinnahmung von W.G. Sebald als Klassiker erfordert ein Ausblenden seiner widerborstigen Seite. Von Uwe Schütte

    Tiere und Pflanzen, diese gewaltige Dichtung
    Jean-Henri Fabres Erinnerungen eines Insektenforschers. Von Ulrike Draesner

    Eigen, skurril, versponnen
    Christoph Schröder über Jan Peter Bremers Roman Der amerikanische Investor

    „Du elender Hauseingang!“
    Klaus Kastberger über Xaver Bayers Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen

    „Rache ist ein schlechter Berater“
    Christoph Hein spricht mit Katrin Hillgruber über seinen neuen Roman Weiskerns Nachlass.

    Dichter unter Hochdruck
    Daniela Strigl über Leben und Werk des Lyrikers Walter Buchebner

    Neulich
    Andreas Maier dümpelt im Moorsee.

    Grandioses Cartoon-Gespann
    Nicolas Mahler illustriert Thomas Bernhards Alte Meister. Von Thomas von Steinaecker

    Lyrik-Logbuch Michael Brauns Eintragungen zu Gedichten der Gegenwart

    Lyrischer Moment
    Silke Scheuermann als Pandabär in Hongkong

    Siebzehn Stufen
    Zum Verhältnis von Alltag und Literatur. Von Georg Klein

    Wie Literatur funktioniert
    Gerrit Bartels über James Woods Die Kunst des Erzählens

    Das Fahrrad weiß mehr
    Nicht mehr lieferbar! – Eine Serie von Clemens J. Setz über vergriffene Werke bedeutender Autoren. Teil 2: Denton Welch.

    „Es ist viel Arbeit, normal zu bleiben“
    Die Literatur im Zeitalter von Wordpress und Twitter. Eine Umfrage

    Die Bewohner von Château Talbot Von Arno Geiger

    Unsere Popmoderne Die Wechselstunden. Von Marc Degens

    Sehr gepflegt, aber Perser!
    Pavel Kohout entfaltet in seinem neuen Roman Der Fremde und die Schöne Frau ein Panorama alltäglicher Xenophobie. Von Ulrich Faure

    Geld und Erlösung
    Über Hermann Brochs ökonomische Fantasie. Von Bernhard Fetz

    Was kostet ein Broch?
    Rezeption und Autografenhandel. Von Michael Hansel

    Platzanweisung
    Christina Böhms Siegertext beim 19. open mike

    Herr Jesus springt
    Der Siegertext des FM 4-Literaturwettbewerbs Wortlaut. Von Isabella Straub

    Im Schatten der Mauer des Lebens
    Mirko Bonné zu seiner Neuübersetzung von Sherwood Andersons Winesburg, Ohio