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Dienstag, 13. Februar 2007

Fremdes Leben

 

„Später einmal“, heißt es gleich zu Beginn, „werden wir auf einen schwarzen Bildschirm starren ...“ – es würde dann der 9. September sein. Mit diesem Vorgriff aufs Ende beginnt Daniel Goetsch seine Parallelgeschichte einer doppelten Identitätskrise. Der Erzähler Dan Kader mogelt sich unlustig durchs Leben, sein Verhalten zeigt autistische Züge und verrät überspielte Unsicherheit. Dass dies auch mit seinem Vater Ben zu tun hat, mag er nicht zugeben. Allmählich muss er sich aber dessen Lebensgeschichte stellen, die von einer Entfremdung anderer Art erzählt. Als junger hoffnungsvoller Orientalist, der in Algier zur Welt kam, in Paris lebte und armenische Wurzeln hatte, wurde Ben Kader 1957 in den Kolonialkrieg nach Algerien einberufen, um als Spezialist und Übersetzer bei den „strengen Verhören“ der Franzosen mit dabei zu sein. Was er sah, war schrecklich, und verwirrte ihn zutiefst. Er verdrängte diese Irritation und verarbeitete sie in Form einer radikalen Position innerhalb der Orientforschung. Seinen Sohn jedoch vermochte er damit nicht zu beeindrucken, vielmehr wirft ihm dieser bis aufs Totenbett vor, sich abwesend gemacht zu haben. Von diesem Vorwurf zehrt Dan in seiner Unentschlossenheit, die sich auch gegenüber seiner Geliebten Miriam manifestiert.
Daniel Goetsch verknüpft unter der Identitäts-Thematik klug die private mit einer politischen Dimension, um die Frage nach deren tieferen Zusammenhängen zu stellen. Wie vermag sich ein Mensch in extremis zu bewähren, und wie bewahrt er dabei seine Integrität und Würde? Ben Kader hat sein Weltbild rigoros verändert. Sein Sohn Dan dagegen flüchtet sich so lange in Ausreden, bis er in der Ecke steht. Am 9. September würde sein neues Leben beginnen, hat er sich vorgenommen.

Daniel Goetsch
Ben Kader
Bilgerverlag, Zürich 2006
254 Seiten, € 22 (D) /
€ 22,70 (A) / sFr 35

 


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    Freitag, 25. November 2011 

    Cover Volltext 4/2011

    Titelgeschichte: Die Geisterstadt
    Daniel Kehlmann über Sherwood Andersons einflussreichen Klassiker Winesburg, Ohio

    Sebalds Neger
    Die Vereinnahmung von W.G. Sebald als Klassiker erfordert ein Ausblenden seiner widerborstigen Seite. Von Uwe Schütte

    Tiere und Pflanzen, diese gewaltige Dichtung
    Jean-Henri Fabres Erinnerungen eines Insektenforschers. Von Ulrike Draesner

    Eigen, skurril, versponnen
    Christoph Schröder über Jan Peter Bremers Roman Der amerikanische Investor

    „Du elender Hauseingang!“
    Klaus Kastberger über Xaver Bayers Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen

    „Rache ist ein schlechter Berater“
    Christoph Hein spricht mit Katrin Hillgruber über seinen neuen Roman Weiskerns Nachlass.

    Dichter unter Hochdruck
    Daniela Strigl über Leben und Werk des Lyrikers Walter Buchebner

    Neulich
    Andreas Maier dümpelt im Moorsee.

    Grandioses Cartoon-Gespann
    Nicolas Mahler illustriert Thomas Bernhards Alte Meister. Von Thomas von Steinaecker

    Lyrik-Logbuch Michael Brauns Eintragungen zu Gedichten der Gegenwart

    Lyrischer Moment
    Silke Scheuermann als Pandabär in Hongkong

    Siebzehn Stufen
    Zum Verhältnis von Alltag und Literatur. Von Georg Klein

    Wie Literatur funktioniert
    Gerrit Bartels über James Woods Die Kunst des Erzählens

    Das Fahrrad weiß mehr
    Nicht mehr lieferbar! – Eine Serie von Clemens J. Setz über vergriffene Werke bedeutender Autoren. Teil 2: Denton Welch.

    „Es ist viel Arbeit, normal zu bleiben“
    Die Literatur im Zeitalter von Wordpress und Twitter. Eine Umfrage

    Die Bewohner von Château Talbot Von Arno Geiger

    Unsere Popmoderne Die Wechselstunden. Von Marc Degens

    Sehr gepflegt, aber Perser!
    Pavel Kohout entfaltet in seinem neuen Roman Der Fremde und die Schöne Frau ein Panorama alltäglicher Xenophobie. Von Ulrich Faure

    Geld und Erlösung
    Über Hermann Brochs ökonomische Fantasie. Von Bernhard Fetz

    Was kostet ein Broch?
    Rezeption und Autografenhandel. Von Michael Hansel

    Platzanweisung
    Christina Böhms Siegertext beim 19. open mike

    Herr Jesus springt
    Der Siegertext des FM 4-Literaturwettbewerbs Wortlaut. Von Isabella Straub

    Im Schatten der Mauer des Lebens
    Mirko Bonné zu seiner Neuübersetzung von Sherwood Andersons Winesburg, Ohio