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Dienstag, 20. März 2007

Saschas Geschichte

 

Die Großmutter nennt ihn „Dummerchen“ oder „undankbares Stück Scheiße“. Trotz solcher Grobheiten aber liebt und umsorgt sie ihren chronisch kränkelnden Enkel mit ganzer Kraft. Sie hat vieles durchgemacht, alle möglichen Unglücke überlebt, nur Sascha ist ihr geblieben. Vom Großvater erwartet sie keine Hilfe, und die Tochter ist nichts weiter als das „Flittchen“ eines „Giftzwergs und Erbschleichers“, wie uns Sascha gleich zu Beginn mitteilt. Die Mutter hat ihn der Großmutter aufgebürdet. Doch der 12-jährige Junge erahnt nur unscharf, was mit ihm genau geschieht. Aus kindlicher Perspektive erzählt er uns seine Geschichte und versucht so tastend, die eigenen Nöte und Ängste zu verstehen. Gefühlsmäßig zwischen Mutter und Großmutter hin und her geworfen, droht er von der Fürsorge letzterer immer mehr erstickt zu werden. Am liebsten möchte Sascha hinter einer Fußleiste in Mutters Wohnung begraben sein, weil er diese dann durch die Ritzen immer sehen könnte.

In seinem ersten Roman beschreibt der Filmemacher und Autor Pawel Sanajew ein Psychodrama mit gesteigert grotesken, tragikomischen Zügen. Der Reiz des Buches liegt darin, dass sich alle Personen um den Ich-Erzähler herum im Laufe der Geschichte verwandeln. Aus der aufopfernden Großmutter wird eine böse Hexe, aus der schlampigen Mutter eine verunsicherte Frau, die mutlos um ihren Sohn kämpft. Zwischen ihnen sieht sich Sascha von widersprüchlichen Begehren bedrängt und verunsichert. Seine anfängliche Unbeschwertheit und Lustigkeit erweist sich immer mehr als gespielt. Nicht ganz frei von formalen Mängeln ist Sanajew eine stimmige Erzählung gelungen, aus der am Ende der Junge mit neuem Mut hervorgeht.

Pawel Sanajew
Begrabt mich hinter der Fußleiste
Aus dem Russischen von Natascha Wodin
Kunstmann, München 2007
240 Seiten, € 17,90 (D) /
€ 18,40 (A) / sFr 30,70

 


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