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Dienstag, 20. März 2007

Die Schwerkraft des Seins

 

Für Verschwörungstheoretiker stellt der Van-Allen-Gürtel, der auf 6000 Kilometer Höhe die Erde umhüllt, eine Barriere dar. Seine radioaktive Strahlung verhindert nicht nur den Ausbruch des Menschen in den Kosmos hinaus, sie hat konkret auch die Landung auf dem Mond verunmöglicht, so dass sie in einem Hollywood-Studio gefilmt werden musste. Dergestalt ist dieser Van-Allen-Gürtel eine treffliche Metapher für die Gefangenschaft des Menschen auf seinem Jammerplaneten. Wolfgang Herrndorfs Helden empfinden diese Bodenhaftung mit besonderem Nachdruck. Sie kommen einfach nicht hoch, sie finden nie zur viel beschworenen Leichtigkeit des Seins. Dabei sind es nicht nur Lektüren wie die von Eugenides-Romanen, die den allzu vorschnellen Sterbehelfer Hendrick erschlagen, sondern die lähmende Zwischenmenschlichkeit an und für sich. Georg Bitsch erlebt eine Begegnung der dritten Art mit einer jungen Frau, bei der er eines Nachts die Polizei alarmieren will, weil ihm das Auto geklaut wurde. Wie sich mit jemandem verständigen, den man nicht kennt? Während er es mit Smalltalk versucht, belehrt sie ihn blasiert: „Wir sehen uns nie wieder, verstehst du? Da muss man nicht über Banalitäten reden.“ Mehr als solche Banalitäten kommen auf der Party seiner Ex-Frau Christine nicht zur Sprache, weil keiner der Gäste aus dem eigenen Gesellschaftskokon herausfindet. Und auch die Gründung einer obskuren „Zentralen Intelligenz Agentur ZIA“ endet andernorts nur in chaotischer Unübersichtlichkeit.

Das Stichwort ZIA verortet immerhin den Autor in der Berliner Szene. Herrndorfs sechs miteinander vernetzte Erzählungen verströmen den melancholischen Charme des Scheiterns, das im Berufswunsch eines Helden gipfelt, der als Kind einst Firmenmitarbeiter (anstatt Astronaut) werden wollte. Nicht jede der Geschichten ist von derselben Güte, einige aber sind hinreißend komisch gerade im ironischen Bemühen, genau dies nicht zu sein.

Wolfgang Herrndorf
Diesseits des Van-Allen-Gürtels
Eichborn Verlag, Frankfurt 2007
188 Seiten, € 17,90 (D) /
€ 18,40 (A) / sFr 29,90

 


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    Freitag, 25. November 2011 

    Cover Volltext 4/2011

    Titelgeschichte: Die Geisterstadt
    Daniel Kehlmann über Sherwood Andersons einflussreichen Klassiker Winesburg, Ohio

    Sebalds Neger
    Die Vereinnahmung von W.G. Sebald als Klassiker erfordert ein Ausblenden seiner widerborstigen Seite. Von Uwe Schütte

    Tiere und Pflanzen, diese gewaltige Dichtung
    Jean-Henri Fabres Erinnerungen eines Insektenforschers. Von Ulrike Draesner

    Eigen, skurril, versponnen
    Christoph Schröder über Jan Peter Bremers Roman Der amerikanische Investor

    „Du elender Hauseingang!“
    Klaus Kastberger über Xaver Bayers Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen

    „Rache ist ein schlechter Berater“
    Christoph Hein spricht mit Katrin Hillgruber über seinen neuen Roman Weiskerns Nachlass.

    Dichter unter Hochdruck
    Daniela Strigl über Leben und Werk des Lyrikers Walter Buchebner

    Neulich
    Andreas Maier dümpelt im Moorsee.

    Grandioses Cartoon-Gespann
    Nicolas Mahler illustriert Thomas Bernhards Alte Meister. Von Thomas von Steinaecker

    Lyrik-Logbuch Michael Brauns Eintragungen zu Gedichten der Gegenwart

    Lyrischer Moment
    Silke Scheuermann als Pandabär in Hongkong

    Siebzehn Stufen
    Zum Verhältnis von Alltag und Literatur. Von Georg Klein

    Wie Literatur funktioniert
    Gerrit Bartels über James Woods Die Kunst des Erzählens

    Das Fahrrad weiß mehr
    Nicht mehr lieferbar! – Eine Serie von Clemens J. Setz über vergriffene Werke bedeutender Autoren. Teil 2: Denton Welch.

    „Es ist viel Arbeit, normal zu bleiben“
    Die Literatur im Zeitalter von Wordpress und Twitter. Eine Umfrage

    Die Bewohner von Château Talbot Von Arno Geiger

    Unsere Popmoderne Die Wechselstunden. Von Marc Degens

    Sehr gepflegt, aber Perser!
    Pavel Kohout entfaltet in seinem neuen Roman Der Fremde und die Schöne Frau ein Panorama alltäglicher Xenophobie. Von Ulrich Faure

    Geld und Erlösung
    Über Hermann Brochs ökonomische Fantasie. Von Bernhard Fetz

    Was kostet ein Broch?
    Rezeption und Autografenhandel. Von Michael Hansel

    Platzanweisung
    Christina Böhms Siegertext beim 19. open mike

    Herr Jesus springt
    Der Siegertext des FM 4-Literaturwettbewerbs Wortlaut. Von Isabella Straub

    Im Schatten der Mauer des Lebens
    Mirko Bonné zu seiner Neuübersetzung von Sherwood Andersons Winesburg, Ohio