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Dienstag, 20. März 2007

Zu spät gekommen

 

In seinem Roman Die Geistigen karikierte Salamon Dembitzer die literarischen Größen der Weimarer Republik.

Salamon Dembitzer ist ein vergessener Autor, wie viele andere es sind. Allerdings ist seine Geschichte gleich in mehrfacher Hinsicht tragisch. Denn der Roman, der sein Durchbruch in der deutschen Literatur hätte sein können, erschien zu spät, und sprach nun eher gegen als für den Autor.
Doch zunächst zu seiner Biografie: Geboren 1888 als Enkel des Historikers Chaim Nathan Dembitzer, lernt Salamon Dembitzer schon im Alter von vier Jahren die Armut kennen, da seine Mutter sich nach dem Tod des Großvaters als Hausiererin durchschlagen muss. Daran ändern auch ihre Heirat und die Geburt dreier weiterer Kinder nichts. Salamon Dembitzer wehrt sich bereits früh dagegen, Rabbiner zu werden, flieht schon in der Pubertät das Elternhaus, kehrt wieder zurück und geht 1903 schließlich nach Antwerpen. Als seine Familie 1906 nach Kassel zieht, stößt er wieder zu ihr, beginnt ein Studium in Göttingen, bricht schon 1907 wieder ab, kann allerdings – protegiert durch Philipp Scheidemann, damals Redakteur des Kasseler Volksblattes – erste Texte publizieren. Mit 20 hat er bereits seinen ersten Gedichtband veröffentlicht, 1915 erscheint sein erster Band mit Erzählungen.

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges siedelt er, der zwischenzeitlich wieder in Antwerpen als Dichter und Antiquar gelebt hatte, nach Berlin um, arbeitet bald, nun als Kriegskorrespondent des Vorwärts, wieder in Holland, und veröffentlicht diverse Bücher mit Erzählungen auf Holländisch. 1919 kehrt er nach Berlin zurück, wird Feuilletonist für diverse Blätter und veröffentlicht 1928, nach dem Tod seiner Mutter, Bummler und Bettler, einen ihr gewidmeten autobiografisch gefärbten Roman. Das Buch erntet einiges Lob, größere Kreise werden auf ihn aufmerksam. Zeitgleich veröffentlicht er mit ein paar Gleichgesinnten die ziemlich erfolglose Zeitschrift Clique, in der er vor allem den Literaturbetrieb angreift.
1933 flieht Dembitzer in die Niederlande, kann dort erneut als Feuilletonist arbeiten, und publiziert seinen Roman Die Geistigen, er erscheint in einem niederländischen Verlag auf deutsch. Bis auf eine begeisterte Besprechung des jungen Albert Vigoleis Thelen und einer Handvoll Verrisse wird der Roman nicht wahrgenommen. Die Restauflage wurde später vernichtet, nur wenige Exemplare des Buches haben sich überhaupt erhalten, Dembitzer selbst besaß am Ende seines Lebens kein eigenes Exemplar mehr.

1935 zieht Dembitzer nach Belgien, 1940/41 gelangt er in die USA. Seine Flucht beschreibt er in dem 1952 erschienenen Buch Visas for America. 1947 wandert er nach Australien aus, seine spätere Frau, Hertha Weiß, publiziert in dem eigens zu diesem Zweck gegründeten Verlag Villon Press Sydney seinen 1939 verfassten Roman Drama in Ostend, die Bände Visas for America und Adventures in Prague, eine Auswahl aus seinen zuvor publizierten Erzählungen, erscheinen ebenfalls dort. 1958 gehen Dembitzer und seine Frau in die Schweiz, wo er 1964 stirbt. In den letzten zehn Jahren seines Lebens hat er nichts mehr publiziert. Sein Nachlass liegt im Leo Baeck Institute, New York.
Der Autor Dembitzer ist heute vollständig vergessen, und auch die soeben erschienene Neuauflage seines Romans Die Geistigen wird das vermutlich kaum ändern. Dem Roman hat der nicht genug zu lobende Weidle Verlag dankenswerterweise ein kenntnisreiches Nachwort von Uta Beiküfner zugestanden, das auf über 30 Seiten den Kontext des gerade einmal 140 Seiten starken Romans erklärt.

Dass der Roman seinen Autor nicht doch noch rehabilitieren wird, liegt nicht zuletzt an dem Werk selbst. Schon 1934, als das Buch erschien, war vieles von dem, womit sich der Roman satirisch auseinander setzte, passé. Alfred Döblin etwa und Alfred Kerr, die Dembitzer als Dr Abel Driglin beziehungsweise als Abel Krampf auftreten ließ, waren längst nicht mehr die umjubelten Beherrscher der literarischen Szene Berlins, sondern, nicht anders als Dembitzer selbst, auf der Flucht. Dass Döblin nach dem Krieg nicht mehr den früheren Platz im Literaturspektakel innehaben würde, und dass Kerr verarmt sterben müsste, das war allerdings auch 1934 noch nicht zu ahnen.
Die Atmosphäre, in der Dembitzers Geistige ihren Erfolgen hinterdreinlaufen, die Literaturszene um das Berliner Tageblatt, um das Romanische Café, all das hatten die Nazis dahingemacht. Dembitzer, der sich selbst unbeholfen in der Figur des nie irrenden Wahrheitssuchers Sylvian Grand porträtiert hat, karikierte mit seinem zu spät erschienenen Roman eine Literaturszene, die soeben vernichtet wurde, seine Gags wirkten dementsprechend pietätlos. Der sich dem galizischen Judentum verpflichtet fühlende Dembitzer warf den Juden Kerr und Döblin vor, das traditionelle Judentum an die Moderne verraten zu haben, doch die Mittel, mit denen er sie bloßzustellen sucht, entsprechen fatalerweise denen der Antisemiten, die Geistigen sind krumm und unansehnlich, stets geil und nur auf die eigene Vorteilsnahme bedacht. Die Figur der „Bremerin“, ein klassisches „gefallenes Mädchen“, das dank der sie missbrauchenden Großliteraten in der Gosse endet, ist schon zur Entstehungszeit des Romans arg altbacken angelegt. Auch ist der Neid des erfolglosen Autors allzu deutlich spürbar. All das lässt den Roman an einigen Stellen als unappetitlich und ärgerlich erscheinen.

Richtig jedoch lag Dembitzer in seiner Darstellung des Literaturbetriebs, also seiner abstrakten Funktionsweisen. Das, was man heute Netzwerke nennt, und man damals mit Seilschaft korrekt bezeichnete – Dembitzer nutzte das Wort „Clique“ –, zeichnet er wunderbar nach. Die Angst des Dr Driglin, dass sein Geburtstag nicht ausreichend gewürdigt werde, die Machtfantasien des Großfeuilletonisten und die Verlogenheit ihrer Lobesreden erinnern an Verhältnisse, die auch heute vorherrschen. Die Taktiken der Jungschriftsteller sind dieselben, die Inszenierungen der Geistigen vergleichbar; wenn man will, kann man
alle Namen des Buches locker durch gerade laut machende Autoren ersetzen, er würde genauso gut als Schlüsselroman funktionieren. Wäre das Buch früher erschienen, hätten viele Autoren, die sich ähnlich wie Dembitzer herabgesetzt fühlten, dieses Buch vermutlich zu ihrem Lieblingsbuch erklärt. Der Literaturbetrieb als solcher wäre bloßgestellt gewesen, und sei es nur für einen kurzen Augenblick. So aber kann er ungestört weitermachen wie bisher, denn er hat den Krieg ja leider unbeschadet überlebt.

Jörg Sundermeier, geboren 1970 in Gütersloh, lebt als Literaturkritiker und Verleger des Verbrecher Verlages in Berlin.

Salamon Dembitzer
Die Geistigen
Nachwort von Uta Beiküfner
Weidle, Bonn 2007
188 Seiten, € 19 (D) / € 19 (A) / sFr 32,40

 


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