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Der flämische Schriftsteller Hugo Claus im Gespräch mit Mark Schaevers über das hässlichste Land der Welt, die Frauen, die Eitelkeit und den Tod.
VOLLTEXT In Interviews stilisieren Sie sich immer selbst zur Figur. Geht Ihnen diese Selbstdarstellung nicht schon ein wenig auf die Nerven?
CLAUS Das ist ein Thema, mit dem ich mich in meiner Lyrik immer wieder beschäftige. Wenn ich interviewt werde, dann drehe ich einen Schalter um. Ich sehe keine andere Möglichkeit, um dieser Situation Herr zu werden. Ich habe schon in jungen Jahren gelernt, dass man vorsichtig sein muss, wenn man sich ernsthaft mit einer Sache beschäftigt. Das passiert ohnehin selten bei mir, weil mich mein abscheuliches Leben gelehrt hat, kein emotionaler Typ zu sein. Im Internat durfte man keine Emotionen zeigen, nichts tun, mit dem man aus der Reihe tanzte. Dieses Klima, das dort herrschte, hat mich zu dem Typ gemacht, den sie vor sich sehen: Einer, der nicht so einfach erzählt, was ihn beschäftigt.
VOLLTEXT In einer Biographie über Christian Dotremont, der Sie bei der Künstlergruppe COBRA eingeführt hat, wird über die extreme Armut gesprochen, unter der Sie während ihrer ersten Künstlerjahre in Paris gelitten haben.
CLAUS Oh ja, wir liefen tatsächlich mit gesenktem Kopf durch die Straßen von Paris. Wir waren auf der Suche nach dem einen halben Franc, der da vielleicht in der Gosse lag … COBRA war zu der Zeit in Paris beheimatet und da wohnte ich dann in einem Raum, der so groß war wie dieses Wohnzimmer hier, ohne WC, ohne laufendes Wasser. Da hausten dann auch noch vier oder fünf andere Künstler mit Kind und Kegel, durch Wände aus Karton von einander getrennt. Das war echte Armut.
VOLLTEXT Ein paar Jahrzehnte später kam ein Reporter der Tageszeitung De Standaard bei Ihnen in Paris vorbei. Sie lebten damals in luxuriösen Umständen in der Gesellschaft von Sylvia Kristel. Anscheinend bass erstaunt vermerkte der Reporter: „Claus will kein Hauspersonal“.
CLAUS Selbst das hat er falsch verstanden, weil zu diesem Zeitpunkt hatte Sylvia einen Chauffeur und ich hatte einen Chauffeur, einen Portugiesen. Sylvia hatte einen Personal Assistant, einen Coiffeur, einen Agenten … Kein Personal? Wir hatten reihenweise Personal. Diese Zeiten kamen und gingen. Als ich mit Elly, meiner ersten Frau, in Paris lebte – drei Jahre hat das gedauert, und dann später mit Sylvia, auch drei Jahre – war das ziemlich heftig. Eine einzige Jojo-Bewegung; manchmal gab es Geld, dann wieder keines. Auf einmal gab es viel Geld und dann war es wieder innerhalb von drei Tagen aufgebraucht. Wir wollten nichts sparen.
VOLLTEXT Wenn sie zurückblicken, wie teilen Sie dann Ihre Lebensabschnitte ein? Vor und nach dem Krieg? Nach Jahrzehnten? Oder nach Frauen?
CLAUS Meistens nach Frauen, ja: „das passierte, als ich mit ihr zusammen war, dann kam die andere daher …“ An Daten kann ich mich kaum erinnern.
VOLLTEXT Als junger Mann waren sie sehr besorgt um ihr Äußeres. In einem 1954 geschriebenen Brief an den niederländischen Schriftsteller Simon Vinkenoog nehmen Sie es einfach nicht hin, dass er sie als „bis zur Missbildung verfettet“ beschreibt. „Es tut mir sehr leid“, schreiben Sie ihm, „aber ich bin 1,81 Meter lang und habe in meinem ganzen Leben nicht mehr gewogen als 84 bis 85 Kilo, das sind 3 bis 4 Kilo zuviel“.
CLAUS Danach ist es rapide bergab gegangen. Nach vielen Jahren sah ich wieder einmal Alexander Trocchi in New York, den ich in Paris kennen gelernt hatte. Der erschrak, als er mich sah und sagte: „But you were so beautiful!“. Oh, oh, das war ein harter Schlag.
VOLLTEXT Sie haben 1948 über Ihr Prosadebüt selbst Rezensionen verfasst, in denen sie ihren Roman als „das eindruckvollste Werk seit Jahren“ bezeichneten, das „eine Tonalität besitzt, die wir bei uns noch nie vernommen haben“.
CLAUS Diese Selbstverherrlichung, tja … das muss man auch im Kontext der damaligen Zeit sehen: Es gab enormen Widerstand gegen mich. Als mein Debüt De Metsiers erschien, schrieb Maurice Roelants in der niederländischen Wochenzeitung Elseviers: „Früh reif, früh faul …“
VOLLTEXT Noch ein letztes Aufflackern vom jungen Claus, wieder in einem Brief an Vinkenoog: „Im Vergleich mit den anderen Affen bin ich natürlich ein Schimpanse mit schnellen Reflexen und von einer ausufernden Vitalität, aber ich gebe doch nicht Vollgas. Das wird noch kommen“. Haben Sie inzwischen Vollgas gegeben?
CLAUS Das klingt jetzt doch ein bisschen selbsteingenommen, aber ich bin nicht unzufrieden. Es hätte viel ärger kommen können (lacht). Übrigens bin ich noch nicht leergeschrieben. Wie könnte ich das je von mir behaupten? Wenn man ein Autor ist, der mit einem Skalpell in seiner eigenen Psyche bohrt, kann es passieren, dass man sagt: „Es reicht, ich habe es geschafft“ oder: „Ich bin es jetzt müde“. Aber ich bin doch eine andere Art von Schriftsteller: Ich muss mich mit den Anderen beschäftigen, um schreiben zu können und auch das bloße Jeu liegt mir sehr am Herzen. Autoren, die ich sehr schätze, beschreiben dieses Phänomen ähnlich: Michaux spricht zwar über sich selbst und seine Uneinigkeit, aber immer mittels Parabeln und Fabeln. Zu dieser Art von Autor fühle ich mich berufen.
VOLLTEXT Sie wurden in Belgien geboren. Stört es Sie, dass Sie vielleicht in Flandern sterben werden?
CLAUS Aber ich plane überhaupt nicht, hier zu sterben! Ich habe schon meinen Ableger im Land der Troubadoure.
VOLLTEXT Ich meine: Hängen Sie noch an Belgien, als eine Art Schwejk-Land?
CLAUS Ich finde, dass es so ein drolliges, schlappes Land ist. Vielleicht müssen wir das bewahren, als Spiegel, der zeigt, was wir sind. Die Leute sind hier genauso drollig wie in Frankreich. Nur haben wir ein paar groteske Charakterzüge mehr als die Franzosen. Beinahe alles muss hier daneben gehen. Und darum sag ich: drollig.
VOLLTEXT Nichts funktioniert: Die Züge funktionieren nicht, die Justiz funktioniert nicht. Davon müssen wir uns endlich lösen, von dieser Art Land, hört man jetzt in der Post-Dutroux-Ära.
CLAUS Nein, das müssen wir beibehalten! Genauso wie man Belgien erschaffen hat, als Pufferzone zwischen den großen Mächten, müssen wir ein Art bockiges Reich darstellen. Dann schauen wir, wer übrigbleibt und wer ihm entronnen ist.
VOLLTEXT Sie sind also gegen Säuberungsrituale wie die Weißen Märsche, die 1998 durch Brüssel zogen und mit denen das Volk dem Missmut über die Zustände im eigenen Land Ausdruck verlieh.
CLAUS „Sauberkeit“ ist für mich eines der schmutzigsten Wörter, die es gibt. Und „Ehrlichkeit“ noch so eines! „Jetzt sei mal ehrlich,“ sagen sie dann, „jetzt gib doch zu“. Bah!
VOLLTEXT In den letzten Jahren pendeln Sie immer zwischen la douce France und dem hässlichsten Land der Welt.
CLAUS Ich könnte nicht das ganze Jahr lang in Frankreich leben, ich muss da auch mal raus. Aber dass Belgien das hässlichste Land der Welt ist, so wie das der Architekt Renaat Braem behauptet, finde ich nicht. Ich juble förmlich, wenn ich hier wieder durch die Straßen laufen darf. Ich kann mich nicht satt sehen an dieser so genannten Verschandelung. Das ist doch fabelhaft, wenn hier in jeder normalen Straße die Einzelhäuser aneinander geklebt werden. In Holland gibt es nur diese monotonen braunen Edelschuppen. Bei uns kann jeder bauen, was ihm gefällt, und dieses Konglomerat von all diesen Hässlichkeiten ist von einer bestimmten Schönheit.
VOLLTEXT Das Thema Selbstmord kommt in Ihren letzten Texten immer häufiger vor. Beschäftigen Sie sich in Ihrem Alter mit dem Tod?
CLAUS Natürlich, ich denke jeden Tag an den Tod.
VOLLTEXT Tatsächlich?
CLAUS Nein, nicht jeden Tag. Ich habe ein schlimmes Rückenleiden und werde andauernd auf die Tatsache hingewiesen, dass die Maschinerie nicht nur sehr viele Unglücke überlebt hat, sondern auch, dass sie langsam einrostet. Ich habe einmal Kenzaburo Oe in Tokio getroffen. „Hallo“, sage ich, „wie geht’s?“. „I’m preparing for my death“, antwortet er. – Ja, genau so ist es, aber dürfen wir das den Leuten sagen?
VOLLTEXT Über den Nobelpreis, für den Sie schon seit Jahrzehnten gehandelt werden, wollte ich Sie schon fast gar nicht mehr befragen, bis ich in der Tageszeitung De Gentenaar las, dass man Sie 1960 gefragt hat, wer den Preis gewinnen soll. Claus antwortete: er selbst. Handelt es sich hier schon um ein Spiel, das außer Kontrolle geraten ist?
CLAUS Jedes Jahr im Oktober ist es der gleiche Unsinn hier, obwohl … es wird immer schwächer, man gewöhnt sich daran.
VOLLTEXT Der niederländische Schriftsteller Maarten ’t Hart teilte unlängst der belgischen Wochenzeitung Humo mit, warum Sie niemals den Nobelpreis erhalten werden: Sie sind zu wenig positiv und Sie haben sich nie missbilligend über Inzest geäußert.
CLAUS Na gut, dass ich das jetzt auch weiß.
VOLLTEXT Harry Mulisch teilt in seinem Roman Die Prozedur Schriftsteller in zwei Lager ein: Da gibt es Schriftsteller wie Nabokov, die unvergessliche Sätze schreiben und dann gibt es Schriftsteller wie Dostojewski, die unvergessliche Bücher schreiben.
CLAUS Ich gehöre dann zu den Schriftstellern, die schöne Sätze schreiben: Darum bemühe ich mich jedenfalls. Wenn etwas schlecht geschrieben ist, lese ich nicht weiter. Die Annäherung an die Welt muss sich anhand verschiedener Filter vollziehen und in schönen Sätzen gipfeln – eine Art ästhetisches Prinzip für mich. Aber Harry verteidigt doch auch die unsinnige Vorstellung, dass das Welträtsel vergrößert werden muss, oder?
VOLLTEXT Aber das Verkleinern des Welträtsels ist doch auch nicht wirklich Ihre Ambition?
CLAUS Man muss das Rätsel Rätsel bleiben lassen. Schluss aus.
VOLLTEXT Die sogenannten Sätze-Schriftsteller, fügt Harry Mulisch noch hinzu, zählen dann auch zu den eigentlich unübersetzbaren Schriftstellern.
CLAUS Ja, das ist das große Unglück.
VOLLTEXT Hatten Sie beim Lesen einer Übersetzung eines Ihrer Bücher nie das Gefühl: Ja, das ist es!
CLAUS Nein, eigentlich nicht. Vielleicht klingt es auf brasilianisch besser. Ich lese die Übersetzungen meiner Bücher nicht. Ich habe das ein einziges Mal gemacht: Als Het verdriet van België (Der Kummer von Flandern) in Amerika erschien, habe ich mich zwei Monate lang mit der Übersetzung beschäftigt und mehr als tausend Anmerkungen gemacht. Und weil ich ein Autodidakt bin, also ein Besserwisser, habe ich bei jedem „Fehler“ dazu geschrieben, warum diese „Fehler“ stehenbleiben mussten. Von diesen 1.000 Korrekturen haben sie dann ungefähr 20 übernommen. Jetzt wurde mein Buch bei den Penguin Classics aufgenommen. Und dann frage ich mich: Wie liest man eigentlich?
VOLLTEXT Das Motto Ihres Gedichtbands De aap in Efese lautet: „Der weiseste Mensch vor Gott ist ein Affe“. Das ist doch wohl kein Aufruf zur Bescheidenheit, oder?
CLAUS Bescheidenheit ist nicht meine stärkste Seite. Nennen wir es: Relativierung. Der Mensch muss wissen, dass er bloß der Schatten eines Sandkorns auf dem Strand von Blankenberge ist; – aber was für ein Schatten!
VOLLTEXT Aber um der Claus zu werden, der Sie jetzt sind, nach einer Karriere, die bereits länger als ein halbes Jahrhundert andauert, war auch der Hochmut des jungen Kaisers nötig?
CLAUS Und das Selbstbewusstsein, ja, aber das fiel nur so stark auf, weil die anderen so wenig davon hatten. Flamen haben per definitionem eine Art Demut, die mich irritiert. Fragen Sie doch mal einen Flamen etwas auf der Straße: Erst läuft er beinahe weg, dann stolpert er über seine eigene Stümperhaftigkeit – es ist ein Trauerspiel, das sich da einem darbietet. In so einem Land wird einem Selbstbewusstsein sehr schnell als Arroganz ausgelegt.
Aus dem Niederländischen übersetzt von Rainer Hawlik. Der Artikel erschien im Original in der belgischen Tageszeitung De Standaard.
Hugo Claus: Der Schlafwandler
Drei Geschichten. Aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert
Klett-Cotta, 2002 188 Seiten. € 18 (D) / € 18,50 (A) / sFr 31,40
Hugo Claus: Der Kummer von Flandern.
Roman. Aus dem Niederländ. von Johannes Piron Dtv, München 1999 678 Seiten. € 15,29 (D) / € 15,84 (A) / sFr 26,40 |