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Dienstag, 08. April 2003

Lichtbücher aus den Dunkelgegenden Europas

 

Seine literarischen Anfänge in den frühen neunziger Jahren trugen Andrzej Stasiuk den Ruf ein, „der größte Rüpel der polnischen Literatur“ zu sein. Heute zählt der 42-jährige zu den wichtigsten Autoren des Landes.

„Das ganze östliche Europa ist eine Art Pompeji,“ schreibt Karl Schlögel in seinem Essayband Die Mitte liegt ostwärts (Hanser, 2002). Die Feststellung bezieht sich zwar auf die historische Überlagerung und somit Verdoppelung von kulturellen Codes in Osteuropa, bietet aber auch ein schönes Bild für die gegenwärtigen Vorgänge in Mittelosteuropa. Denn verschüttet, fragmentarisch und undechiffriert scheinen vor unseren Augen vielfach auch die Wirklichkeiten des heutigen östlichen Europa. Erkundungen durch Schriftsteller sind daher – quasi als Nebeneffekt und Mehrwert der Literatur – hilfreiche Anhaltspunkte für eine Annäherung an diese Region. Der polnische Schriftsteller Andrzej Stasiuk gräbt nun schon seit einem guten Jahrzehnt in diesem östlichen Pompeji und hat inzwischen an die dreizehn Bücher ans Licht befördert. Für seine programmatische Inventarisierung mittelosteuropäischer Wirklichkeiten schlägt er nicht allein den Bogen von den großstädtischen Bezirken Warschaus zu den entlegenen Grenzprovinzen in den südostpolnischen Karpaten, wo der gebürtige Warschauer seit Ende der achtziger Jahre lebt und seine Texte webt. Die detaillierte Bestandsaufnahme äußerer Wirklichkeiten dient immer auch als Sprungbrett in die vielschichtigen Innenwelten seiner Figuren, die er mit derselben Sorgfalt ausleuchtet. Der Zweiundvierzigjährige gilt heute als einer der bedeutendsten polnischen Autoren der mittleren Generation. Dass die Kritik ihn einst als „den größten Rüpel der polnischen Literatur“ bezeichnete, hat der Verbreitung seiner Bücher zweifellos nicht geschadet. Bereits sein Debüt im Jahr 1992, "Die Mauern von Hebron", eröffnete Stasiuk einen kontroversiellen und somit erfolgversprechenden Eintritt in die Literatur des Landes. Der Erzählband – soeben auch auf Deutsch erschienen – basiert auf Erfahrungen im Gefängnis, die sich dem Autor als Kriegsdienstverweigerer und Deserteur der Armee Anfang der achtziger Jahre einschärften. Für Aufregung sorgten die Erzählungen vor allem durch die drastischen Schilderungen etwa von Sodomie und kollektiver Selbstbefriedigung, Inzest, Muttermord oder das Bild des Lebens im kriminellen Großstadtmilieu sowie die nihilistisch-zynische Weltanschauung der Hauptfigur.

Auf seine Zeit als Häftling kommt Stasiuk auch Jahre später noch zurück, in dem Band "Wie ich Schriftsteller wurde", einem Versuch einer intellektuellen Autobiographie. Und wieder gibt er Anlass zum Ärger: Nicht weil er sich selbst zum Helden der Nation stilisiert, sondern im Gegenteil, weil er sich auf leichtfertige Weise des Solidarnosc-Mythos annimmt und über die polnische Leidensgeschichte ein geradezu orgiastisches Gelächter veranstaltet. Stasiuk versteht es, treffsichere Provokationen für seine Landsleute einzustreuen, wenn er beispielsweise die internierten Oppositionellen und Solidarnosc-Anhänger aus der Sicht der Kleinkriminellen als religiöse Lieder singende Störenfriede beschreibt. „Wir sahen sie nicht, aber sie nervten uns.“ Zudem vermasselten sie gewöhnlichen Kleinkriminellen die Möglichkeit einer Amnestie. Eine ähnliche Wirkung erzielt der Autor durch seine apologetische Geste gegenüber der kommunistischen Ära. Wiederholt schwärmt er in stereotypen Wendungen für die Vergangenheit: „Niemand machte einen an.“ „Nicht so wie heute.“ Um solche Verherrlichungen gleich darauf ad absurdum zu führen: „Damals regnete es viel. Nicht so wie heute.“ Stasiuks Unverschämtheit wird jedoch bereits auf der Ebene des Genres sichtbar, indem er die auf hehre Weise angekündigte „intellektuelle“ Schriftstellerautobiographie programmatisch unterläuft. Tatsächlich handelt es sich bei diesem absatzlosen, logorrhöischen Text um ein Buch über die Jugend in den siebziger und achtziger Jahren. Musikgruppen, Kneipen, Moden sind die beherrschenden Themen, denen er, quasi nebenbei, subtile Einsichten abzugewinnen vermag.

Der Roman "Der weiße Rabe" – Stasiuks erstes ins Deutsche übertragenes Buch, sein drittes auf Polnisch – beschreibt einer Gruppe von fünf jungen Ausreißern, die die Metropole Warschau hinter sich lassen, um sich in der südostpolnischen Bergregion ihrer Freundschaft und ihres Daseins zu vergewissern. Was sich ursprünglich wie eine abenteuerliche Reise ausnimmt, erhält nach einem ungeplanten Überfall auf einen polnischen Grenzbeamten eine alptraumhafte Wendung. Was herauskommt, ist ein wilder Roman über Existenzängste und Verzweiflung, Scheitern und Tod, erzählt in einem unheimlichen Tempo und in der rauen Sprache der Warschauer Vororte.

Schon in "Die Welt hinter Dukla", dem Buch, das als nächstes auf Deutsch erschien und als Hohelied auf die Provinz gelesen werden kann, ist der Autor kaum wiederzuerkennen. Der deutschen Ausgabe ist die Genrezuschreibung „Roman“ beigefügt, nicht dem Original. Doch das Spiel mit dem Genre ist dem Text eingeschrieben: „Es wird keine Handlung geben, keine Geschichte...“ Ist es nun „Erzählung“ (wie es auch im Text lautet), poetisches Gedicht oder Traktat? Oder alles gleichzeitig? Stasiuk selbst hat es als einen „Akt atheistischer Mystik“ bezeichnet. In jedem Fall ist es ein „Buch über das Licht“, die „schwarze Abwesenheit des Lichts“ eingeschlossen: Die Ereignisse und Gegenstände tauchen darin nur auf, weil sie das Licht brechen, es gestalten und formen. Immer wieder kehrt der Erzähler, mit dem Auto unterwegs, in das südpolnische Städtchen Dukla zurück, „um es bei unterschiedlichem Licht, zu unterschiedlichen Tageszeiten anzusehen“.

Die Frage der Wirklichkeits- und Selbstwahrnehmung, bei Stasiuk stets aneinander gekoppelt, verbindet seine Bücher unterirdisch miteinander. Der Mensch, heißt es in Die Welt hinter Dukla, gleicht „einem wirren Kaleidoskop und das Leben einer Halluzination, denn nichts von dem, was man betrachtet, ist, was es ist“. Immer mischt sich das Gedächtnis, mischen sich die eigenen Vorstellungen hinein. Man kann das Buch auch als emphatische Dokumentation jenes Urerlebnisses lesen, das Stasiuk in "Das Pappflugzeug", seiner Sammlung pointierter Kurzprosa, als Erfahrung der „Vieldeutigkeit oder Zwiespältigkeit des Daseins“ bezeichnet hat.

Die beiden im letzten Jahr auf Deutsch erschienen Bücher – die frühen "Galizischen Geschichten" und der Großstadtroman "Neun" – fügen Stasiuks Farb- und Lichtspektrum neue Segmente hinzu. Hält man sie gegeneinander, bekommt man einen plastischen Eindruck seiner weit auseinanderliegenden Schreibregister und eigentümlichen Genreaneignungen. An Neun lässt sich überprüfen, wie bravourös dieser Autor das Genre des Großstadtromans, die Techniken der Montage und des inneren Monologs beherrscht. Neun spielt im Milieu der Großstadtkriminalität, wenngleich es sich fast ausschließlich auf seine Unterschicht, die der Kleinkriminellen beschränkt. Virtuos bedient sich Stasiuk hier der Stilmittel des Film-noir und spinnt die Tradition der modernen Großstadtromane fort. Ist "Neun" in einem nüchternen, drückenden Ton komponiert, erscheint Warschau in ein kalt-blaues Licht getaucht, so sind die "Galizischen Geschichten" mit kräftigen Farben gezeichnet, die Unmittelbarkeit des Erzählens und Zuhörens bestimmen den Lektüreeindruck. Für eine Zigarette, ein Bier oder „Wenn Sie ’ne Flasche Wein holen“, kann hier der Zuhörer und (Weiter-)Erzähler die Lebens- und Elendsgeschichten der Dorfbewohner von Żłobiska – hinter Dukla – nachvollziehen. Das Genre der Dorfgeschichten ist auf ein inneres kompositorisches Gerüst gespannt, die Anordnung der Geschichten folgt unaufdringlichen Prinzipien der Symmetrie und Variation. Wie mit Blitzlichtern hellt der Erzählzyklus Bruchstücke der einstürzenden Welt der LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) auf. Doch dieses untergehende soziale Universum enthält reichlich Ansatzpunkte für das Absurd-Phantastische, wie die Figur des Kościejny, des „Knochenmannes“, der nach seinem Tod als Gespenst wiederkehrt.

Es wäre allzu einfach, aus den gegenteiligen Farb- und Tonlagen der Geschichten aus der Provinz und des Großstadtromans eine Privilegierung der Gestalten aus den Galizischen Geschichten herauslesen zu wollen. Dagegen muss man die radikale Unvoreingenommenheit Stasiuks gegenüber seinen Großstadtfiguren ins Feld führen. Er lässt die neun Hauptgestalten wie lebende Kameras durch die Straßen, Unterführungen oder Wohnungen heruntergekommener Warschauer Stadtviertel streifen und die Wirklichkeit aufzeichnen. Die Wucht allerdings, mit der die Figuren das Eindringen der großstädtischen Wahrnehmungssplitter erleben, macht das Verhältnis spürbar, in dem sie, allesamt Randexistenzen, zur Übermacht der äußeren Wirklichkeit stehen. „Als glitte ein Wind über seine Eingeweide, als wäre er innen hohl, angefüllt mit herausgerissenen Teilen der Stadt, mit Bruchstücken der Landschaft, als liefe ein beschleunigter Stummfilm durch ihn hindurch.“

Radikaler als der Autor es hier anhand der Figur Jacek tut, lässt sich das Erlebnis der Unmittelbarkeit kaum ins Bild setzen. Es weist zurück auf existenzielle Erfahrungen der Protagonisten in "Der weiße Rabe", denen der Wind durch „unsere halbgeöffneten Innenräume, unsere halbnackten Innereien“ wehte.

Das Interesse Stasiuks für die Dunkelbezirke und ihre Bewohner verbindet den Großstadtroman mit den Geschichten aus der südpolnischen Provinz. Es sind die Bezirke und Gegenden des „schlechteren“ Europa, die seine Aufmerksamkeit in Bann ziehen. Das freilich ist kokett gemeint. Doch zugleich enthält die ironische Strategie der Selbstverteidigung ein offensives Programm. Es schlägt sich zum Beispiel in der Ausrichtung des von Stasiuk und seiner Frau Monika Sznajderman betriebenen Eigenverlags nieder, in dem Bücher von ausgesuchten Autoren Mittelosteuropas erscheinen. Als explizites Statement in diese Richtung zählt neben zahlreichen polemischen Wortmeldungen des Autors auch sein zehntes Buch, "Mein Europa" (gemeinsam mit Yuri Andrukhovych). „Der Ort, an dem man lebt, verpflichtet einen zu etwas“, sagt Stasiuk. Diese Verpflichtung ist bei ihm allerdings stets an eine eminent literarische geknüpft, die er seinen Büchern jedes Mal neu auferlegt.

 


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    Freitag, 25. November 2011 

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