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Freitag, 20. Juni 2003

Die Tochter unserer Herrscherin erzählt

 

Jeden Morgen wenn uns die Augen aufgehen öffnet auch unsere Herrscherin ihre Augen. Und erneut hebt ihre Regentschaft an. Jeden Tag zwingt sie uns unter ihre Herrschaft. Ihre Herrschaft ist umfassend und unbestritten.
In früheren Zeiten soll ihr Reich kleiner gewesen sein. Immer neue Territorien hat sie ihrer Macht unterworfen. Längst gebietet sie über ein Imperium. Wie alle Imperien wird auch das ihre eines Tages zerbrechen. Schon meinen einige von uns erste Risse im Gefüge ihrer Macht erkennen zu können.
Aber noch beherrscht sie uns unerbittlich.
Und für uns ist es lebensnotwendig uns unterzuordnen. Denn wie sollten wir sonst dem Durcheinander unseres Daseins Herr werden. Ohne unsere Herrscherin würden wir uns in heillosem Wirrwarr verlieren. Wir brauchen sie. Wir brauchen eine solche Herrscherin. Täglich brauchen wir heute eine absolute Herrscherin. Und viele verehren sie. Vielen ist es eine Lust sich ihrer Macht zu beugen. Sich unserer Herrscherin mit Wonne hinzugeben bringt Gewinn und Ansehen in der Welt.
Einige von uns jedoch geben auf. Ihre Kraft reicht nicht aus sich Tag für Tag beherrschen zu lassen. Sie vermögen unserer Herrscherin keine Gefolgschaft mehr zu leisten. Sie fallen aus ihrer harten Hand. Kopfüber sehen wir sie aus unserer Welt stürzen.

Jung und schön und frei ist die Tochter der Herrscherin. Niemals muss sie den Thron besteigen. Das ist ihrem Bruder dem Erben vorbehalten. Gern lassen wir uns von ihr bei der Hand nehmen. Missbilligend und voll Neid sieht es die Herrscherin und lässt es doch geschehen. Sie ist klug genug uns den Umgang mit ihrer Blutsverwandten nicht zu verwehren.
So gehen wir also an der Hand der Tochter und sie führt uns durch ihren Teil des Tages. Heute. So spricht sie. Heute erzähle ich euch aus unserem Leben eine der Geschichten vom Mann:

Im Garten

Im Garten hockt der Mann. Hinter einem Busch im Garten hockt der Mann. Er hat sich hingehockt. Der Mann. Keine soll ihn sehen. Den Mann.
Er kann aus dem Busch herausblicken. Der Mann. Und er blickt aus dem Busch heraus. Der Mann.
Der Garten ist leer. Nur er ist im Garten. Er wartet. Und wartet. Er will sie sehen. Er will beide sehen. Lange schon wartet er.
Da treten beide in den Garten hinein. Tekla und Keeke betreten zusammen den Garten.
Er macht sich klein. Der Mann hinter dem Busch. Er schiebt seine Nase in den Busch hinein. Sie kommen näher. Die beiden. Er schließt kurz die Augen. Dann blickt er weiter. Er blickt die Frauen an.

Keeke und Tekla gehen Arm in Arm.
Der Mann schiebt seine Nase weiter in den Busch hinein.
Beide Frauen nähern sich. Bald werden Tekla und Keeke an dem Busch vorübergegangen sein.
Tekla und Keeke gehen. Es ist heiß.
Oh. Sagt Keeke. Das dort ist ein schöner Busch.
Ja. Sagt Tekla. Ich pflanzte ihn vor Jahren. In jedem Jahr wächst er. Und im Herbst blüht er.
Lass uns hingehen. Sagt Keeke. Ich will den Busch betrachten. Genau will ich den Busch betrachten.
Und sie gehen.

Der Mann sieht Tekla und Keeke auf den Busch zukommen. Geradewegs auf den Busch gehen Tekla und Keeke zu. Der Mann spürt seinen Schweiß. Er zieht seine Nase aus dem Busch zurück. Er hockt sich klein. Er senkt den Kopf.

Die Frauen erreichen den Busch.
Oh. Sagt Keeke. Da hockt etwas. Da hockt etwas hinter dem Busch.
Komm hervor. Sagt Tekla. Dies ist mein Garten. Niemand hat sich in meinen Garten zu hocken.

Der Mann bewegt sich nicht. Keeke tritt näher heran.
Das ist ein Mann. Sagt Keeke. Ein Mann hockt hier hinter deinem Busch.
Komm hervor. Sagt Tekla. Sofort kommst du hervor.


Der Mann bewegt sich nicht. Da tritt Keeke hinter den Busch. Keeke greift in die Haare des Mannes.
Komm. Sagt Keeke.
Und Keeke zieht an den Haaren des Mannes. So muss der Mann hinter dem Busch hervorkriechen. Und der Mann kriecht auf allen Vieren hinter dem Busch hervor.

Keeke hat immer noch in die Haare des Mannes im Griff.
Das ist er. Sagt Keeke. Als sie ihn vor Tekla geführt hat.

Das ist kein schöner Mann. Sagt Tekla.
Findest du. Hebe den Kopf. Mann. Sagt Keeke.
Keeke lässt die Haare los.
Hebe den Kopf. Sagt Keeke.
Da hebt der Mann den Kopf.


Der Mann hat auf die Füße von Tekla geblickt. Und auf die Waden hat der Mann geblickt. Er hat rote Nägel gesehen. Und weiße Waden. Mehr konnte er nicht sehen. Mit dem gesenkten Gesicht. Jetzt hebt er den Kopf. Und sieht Tekla und Keeke Wange an Wange auf ihn hinabblicken.

Das ist wirklich kein schöner Mann. Sagt Tekla.
Was tun wir mit dem Mann. Sagt Keeke.
Ich weiß nicht. Sagt Tekla. Lass uns überlegen.
Ja. Überlegen wir. Sagt Keeke.
Er sieht nicht schön aus. Sagt Tekla.
Er hat volles Haar. Sagt Keeke.
Das habe ich gespürt. Sagt Keeke.

Keeke bückt sich zu dem Mann hin. Keeke betrachtet das Gesicht des Mannes.

Er sieht aus als wäre er rasiert. Sagt Keeke.
Und Keeke streicht mit dem Zeigefinger über das Kinn des Mannes.
Es kann erst wenige Stunden her sein. Sagt Keeke.
Gut. Sagt Tekla. Das ist gut. Aber was tun wir mit einem rasierten Mann. Lassen wir ihn noch ein wenig hinter dem Busch hocken. Sagt Keeke. Nein. Sagt Tekla. Dort hockt er und blickt. Das soll er nicht.
Tekla bückt sich.
Tekla geht mit der Hand über das Kinn des Mannes.
Du hast Recht. Sagt Tekla. Er hat sich erst vor kurzem rasiert. Was tun wir mit einem rasierten Mann der nicht schön ist.
Vielleicht sollten wir ihn umziehen. Sagt Keeke.
Umziehen. Sagt Tekla.
Ja. Sagt Keeke. Wir machen aus ihm einen Präriereiter.
Wie das. Sagt Tekle.
Oh. Sagt Keeke. Ich mache das. Ich habe auf dem Dachboden etwas. Das werden wir benutzen. Warte hier. Ich hole es.
Hocke dich wieder hinter den Busch. Mann. Sagt Keeke.
Warte hier. Sagte Keeke zu Tekla.
Hinter den Busch. Sagt Keeke.
Und Keeke greift in die Haare des Mannes und schiebt ihn mit dem Knie zurück hinter den Busch. Da hockt er nun wieder.
Pass auf hier. Sagt Keeke zu Tekla.
Und Keeke geht.
Tekla legt sich vor den Busch und wartet.
Der Mann hockt hinter dem Busch und schaut.
Bald kommt Keeke zurück. Unter dem Arm hat Keeke Sachen. Die Sachen sind aus Leder.
So. Sagt Keeke. Und jetzt hole den Mann wieder hervor.
Tekla steht auf. Tekla greift hinter den Busch und greift in die Haare des Mannes und holt den Mann wieder hervor.
Und jetzt betrachten wir ihn noch einmal. Sagt Keeke. Er trägt ein Hemd. Er trägt ein grünkariertes Hemd. Und er trägt eine Hose. Das ist gut. Stehe auf Mann. Sagt Keeke.
Hier. Sagt Keeke. Hier habe ich etwas für ihn.
Und Keeke hält ein Paar Hosenschurze aus Leder hoch.
Was ist das. Sagt Tekla.
Das tragen die Präriereiter. Sagt Keeke. Das tragen die Präriereiter über ihre langen Hosen. Damit schützen sie ihre Hosenbeine wenn sie durch die Prärie reiten. Komm. Wir ziehen sie dem Mann an.
Der Mann kann sie selbst anziehen. Sagt Tekla.
Komm. Mann. Ziehe sie an. Sagt Tekla.

Keeke hält dem Mann die ledernen Hosenschurze hin. Der Mann greift nach den ledernen Hosenschurzen. Der Mann zieht die ledernen Hosenschurze an. Dann hat der Mann die ledernen Hosenschurze angezogen.

Aber wie sieht er aus. Sagt Tekla. Er hat lederne Hosenbeine. Er hat eine lederne Pobedeckung. Aber vorne. Vorne hat er gar nichts. Vorne fehlt das Leder. Vorne ist alles offen.
Ja. Sagt Keeke. So sieht der Präriereiter aus. Vorne ist alles offen.
Warum ist vorne alles offen. Sagt Tekla.
Damit sich vorne alles schnell öffnen lässt. Sagt Keeke.
Mann. Sagt Keeke. Gehe einige Meter durch den Garten und komme dann zurück.
Der Mann geht.
Wie findest du ihn. Sagt Keeke.
Er wird langsam schöner. Sagt Tekla.
Der Mann kommt zurück.
Gehe noch einmal. Sagt Tekla.
Und der Mann geht noch einmal.
Ja. Doch. Sagt Tekla. Er verschönert sich. Besonders wenn er zurückkommt verschönert er sich.
Und so lassen Tekla und Keeke den Mann von sich weggehen und lassen den Mann wieder auf sich zugehen.


Er wird immer schöner. Sagt Tekla. Ja. Er ist schön.
Dann können wir ihn jetzt gehen lassen. Sagt Keeke.
Nein. Sagt Tekla. Er kann hierbleiben. Jetzt wo er schön ist.
Er soll hier im Garten hinter dem Busch hocken bleiben. Sagt Keeke.
Ich weiß nicht. Sagt Tekla. Vielleicht können wir ihn mit ins Haus nehmen. Das geht nicht. Sagt Keeke. Präriereiter sind immer im Freien. Öffnen wir die Gartentür. Dann kann er seines Weges gehen.
Die Hosenschurze soll er ausziehen. Sagt Tekla.
Nein. Sagt Keeke. Lassen wir sie ihm an. So soll er durchs Land ziehen. Vielleicht finden ihn dann noch andere schön.

Und Tekla und Keeke gehen zur Gartentür. Der Mann folgt ihnen. Tekla und Keeke öffnen die Gartentür. Der Mann schreitet hinaus.

So. Sagt Keeke. Und wir. Wir gehen weiter durch den Garten.

Katrin de Vries
Geboren 1959 in Dollart, lebt in Dollart, Deutschland Lebt in Ostfriesland, zwei Kinder, verheiratet. Schreibt Prosa und Theaterstücke.

Veröffentlichungen (Auswahl):
Prosa in Zeitschriften (manuskripte, ndl, etc.) und Anthologien, Hörspiele (Sender Freies Berlin).
Comicbücher für Erwachsene mit der Zeichnerin Anke Feuchtenberger: Die Hure H. Jochen Enterprises 1997. Neuauflage Sommer 2003 bei Reprodukt.
Die kleine Dame. Jochen Enterprises 1999. Neuauflage Sommer 2003 bei Reprodukt.
Die Hure H zieht ihre Bahnen. Edition Moderne 2003.

 


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    Freitag, 25. November 2011 

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