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Montag, 29. September 2003

Schreibtechniken

 

Über das Geheimnis, über Aussparung.

1. Das vor der Nase liegende ist uninteressant, wenn es zu lange davor liegt. Von der Naturbetrachtung des ewig gleichen, aber auch ewig dummen Berges vorm Fenster, vom im Vergleich zu den rapide sich wandelnden Zeitläufen wenig veränderten Flusslaufes abgesehen, ist das Gewohnte fad, aber beruhigend. Nichts beruhigt mehr als das vertraute Antlitz des Partners. Im Gehäuse des Vorhersehbaren lebt man seelenruhig, bloß die äußeren Widrigkeiten bringen einen dazu, sich an den Händen zu ergreifen, zueinander zu stehen, aufeinander zu trotzen. Doch das Gewohnte in seiner unmerklichen Veränderung, sei es durch Alterung, sei es durch Krankheiten, sei es durch unbekannte innere Vorgänge hervorgerufen, hat etwas Drohendes. Als schöbe sich ein Schatten vors Gesicht, ohne dass da etwas sichtbar ist, das den Schatten gemacht hat. Erklärungen müssen her und sind schon da. Doch nicht bloß von außen oder durch Veränderung ist Drohendes in der Welt. Von innen, aus dem vermeintlich so vertrauten Selbst entspringt es, man weiß nicht, wieso flottiert Angst frei, es geht einem doch so gut oder gewohnt schlecht, wie heute zumeist. Es ist wahr: jeder Mensch, heißt es, ist ein eigener Kontinent, doch wir haben ihn und uns mit Müh und Fleiß einschraffiert. Jede seiner Bemerkungen haben wir im privaten Katasteramt unserer selbst registriert, um Späteres alsogleich zuordnen zu können. Auch die eigenen Marotten liegen griffbereit im Erklärungs- und Rechtfertigungsfutteral, im Entschuldigungstabernakel. Wenn die äußeren Widrigkeiten und die inneren Ängste nicht wären, lebten wir ordentlich und so dahin. Das Leben ist hart, aber modern, es ist gefährlich, aber es übt kolossal. Was rede ich denn da? Das ist doch alles über die Maßen bekannt. Ich hab bloß einige Wörter verwendet, die Sie nicht jeden Tag hören, damit Sie mir da nicht einschlummern, auch wenn diese Wörter ein bisschen GEWOLLT klingen, wie man so sagt. Tja, Vorträge muss man aufpeppen; der Redefluss möge etwas mäandern, auch Brüche, Aufrauungen dienen der Erhaltung von Aufmerksamkeit. Was ich da sage, bekommt seine Bedeutung , weil ich es nicht so sage, sondern so. Wie? Das „Wie“ macht das „Was“ erst bedeutend? Leeres Geschwätz mit ausgesuchten Wörtern verliert seine Leere und hört auf, Geschwätz zu sein? Was ist denn das für ein Formalismus. Neugierig, wie der sich aus dem herausredet, aus diesem Widerspruch. Das tu ich nicht, im Gegenteil, die Fortsetzung rede ich unhörbar für Sie in mich hinein. Das klingt so, als bräche ich den Gedankengang ab, als redete ich künftig über etwas anderes.

2. Zuerst möchte ich ein Gedicht aufsagen, das mir einfiel, als ich Texte unserer heutigen Literatur durchblätterte. Es waren zufällig keine guten Texte. Sicher, jeder schreibt auch einen Haufen schlechter, wenn er viel schreibt, vor allem, wenn es ihn sehr drängt, möglichst viel möglichst schnell zu veröffentlichen. Es gibt Texte, die stecken an, denn indes meine Augen die wenig anregenden Zeilen entlangliefen, stieg in mir eine kleine Wut auf, die mich dazu verleitete, ein mäßiges Gedicht über diese mäßigen Texte zu schreiben. Dieses Gedicht schrieb sich gewissermaßen von selbst, meine Hand schrieb nieder, währenddessen die Texte mir noch in die Augen fielen.

VOM GEHEIMNISLOSEN (Notiz)

Die gewöhnlichen Wörter
Am gewohnten Platz
Durchrissen so die Örter
Prosagewächs für die Katz


Wieso latschen manche Literaten
Bloß auf dem Nenngerätpfad?
Was sie mit ihrer Sprache taten
Macht die Wörter allumfad


Zwischen den Sätzen
Im Gestad des brackigen Winkels
Möchten sie sich hetzen
Ein Gebrodel des eigenen Tümpels


Abgewohntes Wort, obdachlose Phrase
Die Zehen lieben ihr Fenstersims
Dem Eigengeruch seine Nase
Nimm dein Gewohntes und brings


Einer schaut, der andere blickt
Einer bringt, einer nimmt
Die Wörter schweigen unverrückt
Einer flutet, einer rinnt.


Und das Gedicht vom Geheimnislosen ist ohne jedes Geheimnis. Ich sagte vorhin, jeder Mensch ist ein eigener Kontinent und geheimnislose Kontinente gibt es nicht, sie haben bloß viele geheimnislose Stellen. Wo tut sich in uns ein Widerspruch auf, und wie bringe ich ihn zur Darstellung, ohne dass der Leser „erklärtermaßen“ dazu sagt? „Wahr sind nur die Gedanken, die sich selbst nicht verstehen“. Ein Spruch von Adorno, der abgeschattete Sprachen liebte. Was soll das heißen? Sollten wir uns, weil er von Wahrheit spricht, schreibend selbst erkennen? Eine Selbstanalyse mit unwissenschaftlichen, wohl aber poetischen Mitteln schreibend vornehmen? Wir sind also angehalten, den mitleidlosen Blick auf uns selbst zu werfen und damit einen Sachverhalt kundzutun, der wohl auch für andere von Interesse ist, denn wir leben ja in einer Welt. Ist also Schreiben ein Absaugen des eigenen Tümpels, wobei dieses Biotop in Worte verwandelt wird? Was vorher beim Tümpel war, Wasser, Schlamm, Angstlust, Lustangst, Libellen, Ameisengedanken, Gefisch und Gealg, Ablagerungen bisheriger Erfahrungen, die dort nun, also in uns drin modern oder aber auch kompostieren, ist nun Text geworden und für jeden lesbar? Gleich kommen welche – denn es kommen immer welche – und sagen: Was soll so eine Nabelbeschau. Welche Innerlichkeiten sollen da äußerln geführt werden? Die Welt ist voll von wirklichem Elend, Hunger, Durst, Fanatismus etc, aber wir hier in dieser satten Gegend machen unsere Seelenschatullen auf und zeigen schamlos unsere von Tränen geäderten Perlen als Poesie. Andere kommen – und es kommen auch immer andere – und sagen: Engagement für die Elenden, Missbrauchten, Unterdrückten in poetischer Weise ist Rokoko, reproduziert eine Gesinnungsästhetik und moralisiert. Das muss Amnesty überlassen werden oder wir engagieren uns in Bewegungen, Parteien etc auf der einen Seite, auf der andern machen wir Poesie, indem wir bloß analysieren, was mit und in der Sprache ist. Dritte eilen herbei: Was spielt ihr das eine gegen das andere aus? Äußere Miseren korrespondieren mit inneren, Sprachanalyse, Angst und Utopien lassen sich zusammenzwingen. Keine Einseitigkeiten und Schrullitäten. Also pilgern wir allesamt zu Gott und unterwerfen uns seinem Verdikt. Wir fragen ihn: Was sollen wir also machen? Gott antwortet: Ach, macht, was ihr wollt. So ist es. Wir machen, was wir wollen. Aber wie?

Wir lagen schon tief in der Macchia
Als du endlich herankrochst
Doch konnten wir nicht
hinüberdunkeln zu dir
Es herrschte Lichtzwang
Paul Celan


3. Was wir aus uns herausschaufeln, muss wen anderen interessieren, und zwar sogar einen, der uns persönlich gar nicht kennt. Die Art und Weise, wie der Ichkorken in der Zeit schwimmt, ist für den Dukorken, den Wirkorken, die ja auch in der Zeit schwimmen, nicht uninteressant. Diese Bewegungen müssen mir etwas zeigen, was ich einerseits schon kenne oder was mir bekannt vorkommt, was andrerseits neu für mich ist, erstaunlich, verführerisch, weil im Andren ich selbst bloß wie eine Maske mich erkennen kann oder so ähnlich. Die Wiederkehr eigener Erfahrung aber verfremdet, sodass ich bloß ahne, aber nicht weiß, dass es meine Erfahrung ist, die in fremder Gestalt vor mir steht, ist wie ein Spalt, eine Dunkelheit, ein poetisches Deja vu, es ist das Unheimliche. Wer kennt das nicht? Ich lese einen Text und sage: Das bin ja ich. Wie weiß der soviel von mir? Das ist mir unheimlich, das ist interessant, da bin ich dabei, da will ich was wissen. Schon hat mich dieser Text eingesteckt und die Selbstmeditation mit fremden Texten kann beginnen. An sich ist das nicht verwunderlich. Eckermann fand 1827 einen lesenden Goethe vor, als er dessen Salon betrat. Goethe schaute auf und soll gesagt haben: „Ich lese da gerade in einem alten chinesischen Roman. Das alles kommt mir so bekannt vor.“ Wir können also, was die Inhalte anlangt, beruhigt sein. Alles vermag zu interessieren, wenn es Welt hereinnimmt, sei es faktisch, sei es durch Andocken ans Draußen, sei es in Veränderung des Gewohnten etc. Es gibt aber auch Themen, die an und für sich interessieren. Da sagt einer zu einer: Ich liebe dich. Zwar weiß er gar nicht, was sein Ich ist, zwar weiß er wenig über sie und von Liebe haben sie beide keinen Schimmer, aber er sagt es, er glaubt es, sie hört es, sie glaubt es, es ist so. Sie fallen aufeinander und trotzen der Welt. Und so erfahren sie Ich, Du, Liebe. Darüber kann man auch schreiben, das will jeder wissen, wie das Unmögliche wirklich wird und wirkt. Da sagt einer über eine soeben Gestorbene: „Sie starb einen leichten Tod, wie die anderen immer zu wissen glauben“. Oder der bekannte Witz von Freud: Wenn einer von uns zwei stirbt, dann zieh ich nach Paris. Der Tod, der im Anfang so schmächtig neben uns einher geht und immer größer wird, derweil wir immer kleiner, ist ein Thema, an dem sich jeder ästhetisch zu grausen vermag. Jederzeit kann ein Kriminalroman geschrieben werden, denn die Boshaftigkeit, der Verrat, Liebe und Tod, sind ja die wenigen Themen, die als literarische Balken unser Gehäuse ausmachen. Und die Natur, die blöde Natur in ihrem Wachstum und Vergehen, in ihrer Gewalt und Lieblichkeit, denn eben hat auf der lieblichen Glockenblume, die sich allreizend im Wind bewegt und ihn dadurch sichtbar macht, eine Libelle einer Wespe den Kopf abgebissen. Halbe Dörfer wälzten sich nach Genuss des prächtigen Grünen Knollenblätterpilzes auf dem Boden, ständig fallen Leute von den sanftesten Kuppen herunter ins ferne Tal und so weiter. Und erst die Natur in uns selbst und wir als Teil und Gegenspieler der Natur. Jeder finde sein Thema und jedes Thema findet seinen Schreiber Doch die Medien. Dazu gibts eh die Medien. Was unterscheidet ihre Berichte von unseren? Immer wieder kommt der Esel in den Stall: Das Wie entscheidet alles.

4. Das Wie entscheidet alles, sagt Raymond Chandler. Wie drücke ich zum Beispiel die Liebe zu dir aus, ohne dass dem Dritten – und der Dritte, das ist die Welt – nicht die Ohren abspringen vor so viel Schmalz, Klischee, Althergebrachtem, tausendmal Gehörtem. Eine Live-Reportage der inneren Vorgänge direkt übersetzt in Wörtern, die grade bei der Hand sind, wirkt für einen selbst seltsam kraftlos und unangemessen, für andere lächerlich bis hanebüchen. Bloß die Geliebte, wenn sie zurückliebt, wird in den Anfängen diese Wörter als Koseeinheiten gerne in ihren Ohren verschwinden lassen und womöglich mit dazu wenig verschiedenen Wörtern antworten. Dennoch werden glänzende Liebesgedichte geschrieben. Immer noch und immer wieder. Wie kommen sie zustande, und der Effekt des Allumfaden tritt nicht ein? Ich sage bloß: Aussparung, indirektes Schreiben, Verfahrensweisen also, in denen aufgeschrieben wird, von dem das Aufgeschriebene eben nicht handelt. Kein Lichtzwang. Eine rätselhafte Formel hat der Erfinder des Begriffs „Weltliteratur“, Johann Wolfgang Goethe, angeboten: „Die Form, ein Geheimnis den meisten“. In diesem Sinn lasst uns das Lichte eindunkeln, damit Dunkles sich erhellt. Etwas wird sichtbar.

Robert Schindel, geboren 1944 in Bad Hall, Oberösterreich, lebt als freier Schriftsteller in Wien. Zuletzt erschien der Gedichtband Immernie (Suhrkamp 2000).

 


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    Freitag, 25. November 2011 

    Cover Volltext 4/2011

    Titelgeschichte: Die Geisterstadt
    Daniel Kehlmann über Sherwood Andersons einflussreichen Klassiker Winesburg, Ohio

    Sebalds Neger
    Die Vereinnahmung von W.G. Sebald als Klassiker erfordert ein Ausblenden seiner widerborstigen Seite. Von Uwe Schütte

    Tiere und Pflanzen, diese gewaltige Dichtung
    Jean-Henri Fabres Erinnerungen eines Insektenforschers. Von Ulrike Draesner

    Eigen, skurril, versponnen
    Christoph Schröder über Jan Peter Bremers Roman Der amerikanische Investor

    „Du elender Hauseingang!“
    Klaus Kastberger über Xaver Bayers Wenn die Kinder Steine ins Wasser werfen

    „Rache ist ein schlechter Berater“
    Christoph Hein spricht mit Katrin Hillgruber über seinen neuen Roman Weiskerns Nachlass.

    Dichter unter Hochdruck
    Daniela Strigl über Leben und Werk des Lyrikers Walter Buchebner

    Neulich
    Andreas Maier dümpelt im Moorsee.

    Grandioses Cartoon-Gespann
    Nicolas Mahler illustriert Thomas Bernhards Alte Meister. Von Thomas von Steinaecker

    Lyrik-Logbuch Michael Brauns Eintragungen zu Gedichten der Gegenwart

    Lyrischer Moment
    Silke Scheuermann als Pandabär in Hongkong

    Siebzehn Stufen
    Zum Verhältnis von Alltag und Literatur. Von Georg Klein

    Wie Literatur funktioniert
    Gerrit Bartels über James Woods Die Kunst des Erzählens

    Das Fahrrad weiß mehr
    Nicht mehr lieferbar! – Eine Serie von Clemens J. Setz über vergriffene Werke bedeutender Autoren. Teil 2: Denton Welch.

    „Es ist viel Arbeit, normal zu bleiben“
    Die Literatur im Zeitalter von Wordpress und Twitter. Eine Umfrage

    Die Bewohner von Château Talbot Von Arno Geiger

    Unsere Popmoderne Die Wechselstunden. Von Marc Degens

    Sehr gepflegt, aber Perser!
    Pavel Kohout entfaltet in seinem neuen Roman Der Fremde und die Schöne Frau ein Panorama alltäglicher Xenophobie. Von Ulrich Faure

    Geld und Erlösung
    Über Hermann Brochs ökonomische Fantasie. Von Bernhard Fetz

    Was kostet ein Broch?
    Rezeption und Autografenhandel. Von Michael Hansel

    Platzanweisung
    Christina Böhms Siegertext beim 19. open mike

    Herr Jesus springt
    Der Siegertext des FM 4-Literaturwettbewerbs Wortlaut. Von Isabella Straub

    Im Schatten der Mauer des Lebens
    Mirko Bonné zu seiner Neuübersetzung von Sherwood Andersons Winesburg, Ohio