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Wüstenhitze, Attentate, Schießereien und Mord – mit seinem neuen Roman Linda und die Flugzeuge verabschiedet sich Peter Henning von den unspektakulären Geschichten.
Spotter sind Leute mit einer ungewöhnlichen Leidenschaft: Sie wählen Flugzeuge aus, denen sie quer durch die Welt nachreisen und deren wechselvolle Karriere – unterschiedliche Besitzer und Strecken, unterschiedliche Farben und Bemalungen – sie bis zur letzten Station, dem einsamen Maschinenfriedhof in der kalifornischen Wüste verfolgen, beobachten, fotografieren. Zweifellos ein Hobby für Verrückte, andererseits hat es etwas Grandioses. Also ein lohnendes Thema für einen Roman.
Peter Henning wurde 1997 mit Tod eines Eisvogels bekannt. Der kleine, hochkonzentrierte Roman erzählte von der ziellosen Autoreise eines Mannes und seiner geistesgestörten Schwester; einer Fahrt voll dunkel halluzinatorischer Familienerinnerungen, an deren Ende der Tod steht. Drei Jahre später beschrieb Hennings Novelle Aus der Spur eine Woche im Leben eines verlassenen Ehemannes, der in einer spanischen Ferienwohnung auf seine Frau wartet, die nicht kommen wird. Hennings Stil war noch sparsamer geworden, noch kontrollierter und stärker beeinflußt vom amerikanischen Minimalismus. Ein Jahr darauf widmete er sich in dem Erzählband Giganten den kleinen, gescheiterten Existenzen: Ein Mann kehrt nach Jahren in die Heimatstadt zurück und lässt sich vom Barkeeper, ohne sich zu erkennen zu geben, zunächst lokalen Tratsch, dann alle Details der eigenen Familienkatastrophe schildern. Ein mittelloser Vater wird durch eine geradezu lächerliche Verkettung von Zufällen bei dem Versuch, Illustrierte für sein krankes Kind zu stehlen, zum Totschläger. Er entkommt und versucht, so der lakonische Schlusssatz, „sich vorzustellen, wie die Welt wohl morgen für ihn aussehen würde“. Eine andere Hauptfigur bemerkt, dass alle Todesfälle in der Familie stets vom Auftauchen eines Nachtfalterschwarms begleitet werden: die Geschichte hat keine abschließende Wendung, keine Pointe, sie erstarrt in einem surreal-unheimlichen Schlussbild. Henning schien sich sowohl thematisch als auch in seiner Tonlage festgelegt zu haben: Ein präzise kunstvoller Stil, düstere Geschichten über alle Spielarten des Scheiterns, der Verzweiflung. Und nun plötzlich Linda und die Flugzeuge.
Wollte man das Vorurteil widerlegen, dass ein Schriftsteller sich nicht bewusst entscheiden könne, wie und worüber er schreibt, dass es ihm nicht möglich sei, Stil und Inhalte wie Kleider zu wechseln, - es gäbe kaum ein besseres Beispiel als diesen Roman. Henning macht so ziemlich alles anders als in den früheren Büchern. Er schreibt saloppe Rollenprosa, er erzählt mit Geschwindigkeit und Energie, und zwar diesmal keine leise, unspektakuläre Geschichte, sondern eine von Liebe und Wüstenhitze, von Attentaten, Schießereien und Mord.
Der Erzähler, ein Hamburger Magazinjournalist, lernt am Flughafen von Mojave eine junge Frau kennen, die Plainspotterin Linda. Sie haben eine leidenschaftliche Affäre, durch Linda lernt er – und wir mit ihm – die Subkultur der Spotter, ihre Rituale, ihre Rangordnungen kennen und lässt sich fesseln: Schon nach kurzem bringt er es nicht mehr über sich, nach Hause, zu Frau und Beruf zurückzukehren, er folgt Linda nach Asien, wo ein Spottertreffen und eine große gemeinsame Unternehmung geplant ist, eine Demonstration für einen vor Jahren durch Polizeigewalt ums Leben gekommenen Spotterfreund. Allmählich erst kommt heraus, dass auch Linda die Tragweite des Vorhabens falsch einschätzt, dass es Hintermänner gibt, von denen sie nichts ahnt und die Wahrheit viel gefährlicher ist. Aber da ist schon alles zu spät. Wie lange ist es her, dass ein Roman von hoher literarischer Qualität solchen Mut zur puren Spannung hatte? Manche Kritiker werden dem Buch wohl genau das vorwerfen. Vor der letzten Seite aber, soviel ist sicher, werden auch sie es nicht weglegen.
Linda und die Flugzeuge hat alle Zutaten eines Bestsellers. Trotzdem hat man keine Sekunde das Gefühl, dass es dem Autor darum zu tun gewesen wäre, dass er auch nur eine Sekunde in diese Richtung kalkuliert hätte. Liest man genau, so wird klar, dass der neue Roman alle Themen aus Hennings früheren Büchern wiederaufnimmt: Die Einsamkeit in der Partnerschaft, die scheiternde Flucht vor der Familienhölle, der unweigerlich misslingende Kampf um eine selbstbestimmte Existenz. Die ganz andere Atmosphäre, die neuartigen Figuren und der überraschende Erzählton sind nur ein Beweis für die alte und schöne Wahrheit, dass ein Schriftsteller machen kann, was immer er möchte, vorausgesetzt, er macht es gut. Eine Voraussetzung, die Peter Henning spielend erfüllt.
Peter Henning Linda und die Flugzeuge Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt a. M. 2004 128 Seiten, EU 15,90 (D) / EU 16,40 (A) / sFr 28,50 |