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Der Aufstand gegen Politik und Lüge in Aleksandar Tis¡mas frühen Tagebüchern.
In einem Fernsehportrait stand Aleksandar Tis¡ma 1995 mit seiner Frau in einer Buchhandlung in Novi Sad. Was ihren Mann denn am meisten interessiere, wurde Frau Tis¡ma gefragt. Ihre spontane Antwort: „Sex.“ – Stimmt. Schon die frühesten Aufzeichnungen (1942–1951), die unter dem Titel Reise in mein vergessenes Ich jetzt vorliegen, scheinen das Peepshow-Fenster (das jedes gute Tagebuch auch ist) zunächst auf nichts anderes hin aufzuklappen: „Heute nachmittag war ich bei K. Das Begehren wollte nicht erwachen. Ich erklärte ihr das damit, dass ich gerade bei einer anderen gewesen sei. Sie glaubte es. Wir tranken und redeten dummes Zeug. Wohl unter der Einwirkung des Alkohols stürzte ich mich auf sie. Sie war feurig. Danach ging ich zur Verabredung mit Gy. Ich umarmte sie ohne rechte Lust. Morgen treffen wir uns wieder. Was bin ich nach alldem? Ein prostituierter Mann?“
Eher umgekehrt: Wie seine Handlungsreisenden, kleine Geschäftsleute und Bauern in Novi Sads Bordellen ein halbes Jahrhundert später in Die wir lieben (1991) ist der 18jährige Tis¡ma ein Mann, der Prostituierte sucht und findet. Ein Süchtiger, wie solche getrieben und skrupellos: „Ich gebe mich bei den Straßenmädchen als Detektiv aus, weide mich an ihrer Angst und drücke dann ein Auge zu, damit sie mir zu willen sind. Bin ich ein Sadist? Ein Mensch mit krankem Hirn? Oder ein rückständiger Orientale, ein machtgieriger Despot ohne Untertanen?“
Das hier ist der Punkt, in einer Art von „coitus interruptus“ eine Pause einzulegen: Ein „Despot“, der sich selbst als solcher erkennt, ist kein ganzer mehr, sondern zumindest ein gebrochener Despot (was ein Widerspruch in sich ist). Und überdies stellt hier der 19jährige Schein-„Macho“ sich selbst schon eine Frage, die der Dichter Aleksandar Tisma tatsächlich lebenslang in seinem Werk umkreisen wird – die nach dem Zusammenhang von Sexualität und Macht.
Anders als in Arthur Schnitzlers Tagebüchern, wo einem die zahlreichen sexuellen Erfolgsmeldungen – der junge Herr Doktor kopuliert phasenweise mit vier Bekanntschaften pro Tag – auf die Nerven gehen, weil sie sich ausschließlich im geschichtsfreien Raum der verwöhnten wienerischen Boheme vollziehen, ist Tis¡mas Sexualbesessenheit eine konkrete Reaktion auf reale Unterdrückung: Diese Tagebücher setzen ein im Juli 1942. Was einige Monate davor, im Jänner 1942, in Novi Sad unter der von den Deutschen unterstützten ungarischen Besatzungsmacht geschah, das hat Tis¡ma in Das Buch Blam (1972/deutsch 1985) und in seiner Erzählung Ohne einen Schrei beschrieben: Die Kleinstadt wird in Raster für Durchsuchungskommandos geteilt, Juden und Serben zum Donauufer getrieben und erschossen. Inmitten dieser Rasterfahndung lebt der nach der damaligen Sprachregelung „halbjüdische“ Tis¡ma Sándor. Seine Mutter ist ungarische Jüdin, sein Vater ein perfekt Deutsch sprechender Serbe, der junge Tis¡ma gilt also gleich doppelt als „Untermensch“. Immer wieder quält ihn auch im Tagebuch seine „Rassenschande“. In diesem Kontext ist die Sexualität noch mehr, ist anderes als klischeehafter Balkan-Machismo: Sie ist – als wäre es ein Schulbeispiel aus Michel Foucaults Sexualität und Wahrheit – die Rebellion des Machtlosen gegen die Macht, der einzige Raum von Freiheit, der Widerstand gegen das Übermaß an politischer Reglementierung. Eine Möglichkeit von Flucht, eine von mehreren, die der unsichere und gefährdete junge Mann sucht.
Diese Aufzeichnungen zeichnen Pendelbewegungen nach, existentiell und geografisch: Um unauffindbar zu bleiben, wechselt der junge Dichter zwischen Novi Sad und Budapest (wo Tante und Großmutter leben). Er beobachtet. Er liest Proust und Gide im Original. Er sieht – mitten im Kriegs-Budapest 1943 – Pirandellos Sechs Personen suchen einen Autor. Er notiert, und zwar schon in dem Stil kühler, faktenbesessener Sachlichkeit, die seine späteren großen Romane auszeichnet: „Meine Natur nämlich strebt nach äußerster Aufrichtigkeit und völliger Versenkung in Erscheinungen und Beziehungen“ (8. 8. 1943).
Inmitten des Kriegs entsteht hier in den Kreisen und Netzen, die sich in Tis¡mas Freundes- und Bekanntenkreis bilden, genau das, was die Diktatoren den „Untermenschen“ absprechen: Leben, Solidaridät, eine Gegen-Geschichte, die Tis¡ma in seinem dem Band beigegebenen, vor Erzählkraft berstendem Essay Die Meridiane Mitteleuropas von 1961 so beschreibt: „Denn das waren verrückte Zeiten, diese Kriegsjahre in Pest, das den Krieg nicht als Realität anerkannte; wo täglich Alarm war, aber ebenso täglich getanzt wurde … Darum konnte ich mich dort, wenn schon nicht wohl, weil ich voller Sorgen war, aber doch mit Einschränkungen als Mensch fühlen; darum floh ich hierher aus meiner Stadt, die finster angespannt der Okkupation zu widerstehen versuchte.“ Wie wird jemand aus einer solchen „Situation“ im Sinne Sartres heraus ein Dichter?
Einmal – das zeigt ein anderer Strang dieser Tagebücher – durch Ausschließung: durch das Gefühl, nicht und nirgends ganz dazuzugehören, als Skeptiker am Rand zu stehen: „Wie fern ich allem Serbischen und Östlichen bin – vielleicht weniger aus Gefühl als durch Erkenntnis und geistige Bindung“, notiert er (am 6. 12. 1943). Einerseits. Anderseits lobt ein Novi Sader Mentor des werdenden, zweifelnden Dichters an einem frühen Erzählversuch: „Das hat etwas Balkanisches“.
Und 1944 weiß Tis¡ma – nach der Lektüre von Márai und Krúdy – auch schon, was damit für sein Werk gemeint ist, ja was genau die Größe seines späteren Werkes ausmachen wird: „Es hat nichts Folkloristisches. Das Soziale darin ist allgemein menschlich, und die Probleme sind auf ein europäisches Niveau gehoben, aber durch alles strömt der Balkan, die Backa, die Kleinstadt, der Marktplatz. Durch alles: durch den Rhythmus der Worte, der Gesten, sogar der Dialoge.“ – Das genau ist es, was Tis¡mas späte Beschwörungen der Kriegsjahre in Novi Sad in Romanen wie Der Gebrauch des Menschen (1980) evozieren werden, diese Welt der Kroners und Blams zwischen Schuppen, Waschküchen, Vereinszimmern und Bordellen, diese Sprachwelt zwischen Serbisch, Deutsch, Ungarisch, diese Welt der „auf Pfosten in den lockeren, den Winden ausgesetzten Sand der Donauebene getriebenen“ Kleinstadt, in der die europäische Geschichte zusammen läuft.
Zu dieser Welt gehört Tis¡ma. Aber als Beobachter, also nicht distanzlos. Das ist das zweite, was ihn zum Dichter formt und was diese Aufzeichnungen so faszinierend sichtbar machen: Tis¡ma kann verschiedene Ideologien später auch deshalb so genau beschreiben, weil er keiner selbst verfällt. Dazu ist er zu analytisch, zu distanziert.
Was soll der junge Tito-Staat wohl von einem Journalisten in einer Parteizeitung halten, der wie Tis¡ma 1946 notiert: „Ich trete wohl jetzt in die Periode meiner marxistischen Entwicklung ein. … Auch jetzt ergebe ich mich der Tendenz des Heutigen nicht ohne Reserve. … Aber das Begonnene ist wahrscheinlich mein Lebensweg.“ Soviel „wohl“ und „wahrscheinlich“ anstelle von bedingungsloser Hingabe an den „Fortschritt“!
Und auch das ist aus diesen Aufzeichnungen zu lernen oder wiederzufinden – die Distanz, die Skepsis, die auch den späten Tis¡ma, den, der im Jugoslawienkrieg der 90er Jahre nach Frankreich floh, als Persönlichkeit so kraftvoll machte: „Ich bin in erster Linie ein Negator. Ich fühle mich schlecht in einer Gesellschaft, die positiv ist oder nach dem Positiven strebt, sogar in einer, die sich einbildet, positiv zu sein“ (7. 12. 1943).
Aleksandar Tisma Reise in mein vergessenes Ich. Tagebuch 1942–1951 Übersetzt von Barbara Antkowiak Hanser, München 2003 317 Seiten, EU 21,50 (D) / EU 22,10 (A) / sFr 38,70 |