volltext.net

Dienstag, 24. Februar 2004

Erkundungsreisen ins Inferno

 

Gregor Hens: Matta verlässt seine Kinder

Der Kopf von Karsten Matta ist „voll mit Bildern, die ein Mensch nicht aushält“, Bilder die sich ihm eingeprägt haben auf seinen seltsamen Dienstreisen. Denn Matta, der Titelheld von Gregor Hens neuem Buch Matta verlässt seine Kinder, ist als Gutachter eines Londoner Think Tanks unterwegs, bereist als „Krisenspezialist“ die Konfliktzonen und Katastrophengebiete der Erde und erstattet Bericht für die Manager global agierender Emerging-Markets-Fonds, für Ölmultis, für Ämter, für Regierungen. Er analysiert, empfiehlt, verwirft ganze Regionen und Länder: Wo kann man nach dem Massaker die Anlagen wieder eröffnen? Wo ist mit Betriebsstörungen durch Völkermord zu rechnen? In seinem Bericht über Ruanda steht „jeder Buchstabe für 150 in der Hitze aufgeblähte Leichen“. Auch heute noch liegt das Herz der Finsternis in der selben Gegend wie zur Zeit von Joseph Conrad.

Seit 15 Jahren unternimmt Matta diese Erkundungsreisen ins Inferno, pendelt er zwischen den Killing Fields der Dritten Welt und seiner Familie daheim in Berlin. Ein „sehr erfolgreicher Mann, alles in allem“. Doch für ein unbeschädigtes Leben hat er zuviel erlebt. Zum Beispiel das: „Ich habe gesehen, wie ein mit Drogen vollgepumpter Soldat eine Frau vergewaltigt, der er vorher mit einer Eisenstange die Knie gebrochen hat. Damit sie ihm nicht wegläuft. Er lässt sie im Dreck liegen, statt ihr den Gefallen zu tun, sie zu töten. Sie bewegt sich noch. Sie wimmert. Als er mich sieht, lacht er und ruft mir zu, man, ruft er, I am fuck man, good fuck good fuck and fast.“

Ereignisse wie dieses haben Matta im Lauf der Jahre soweit mit Aggression und Verachtung aufgeladen, dass die schikanöse Behandlung in einem pakistanischen Konsulat schließlich zur Explosion führt. Er schmeißt den Job hin und lässt eine Schimpftirade los gegen „Scheiß Pakistan“, gegen den Balkan, gegen Afrika: „Ich berichte nicht mehr über Menschen, die sich gegenseitig abschlachten, die einander ausrauben, vergewaltigen. Männer, die ihre Frauen anzünden und die Kinder ihrer Nachbarn vergewaltigen. Möglichst schnell und möglichst oft und möglichst brutal.“ Mattas Krise geht über den Beruf, der seine ganze Existenz vergiftet hat, hinaus: Am Tag der Kündigung verlässt er daher auch gleich seine Frau und seine Kinder in Berlin und macht sich auf, um seine schwedische Geliebte Malin in Hamburg zu treffen. Sie ist die einzige Person, bei der Matta mit seinem überstrapazierten Nervenkostüm noch zur Ruhe kommt, neben der er tief und traumlos schlafen kann.

Aber Matta ist nicht mehr zu helfen. Beruflich und privat aus der Verankerung gerissen, zerfällt seine Persönlichkeit im Zeitraffer. Binnen dreier Tage wird aus dem „sehr erfolgreichen Mann“ ein Rasender, mit dem es kein gutes Ende nehmen kann. Im Vollrausch setzt Matta eine Wirtsstube in Brand, wodurch – möglicherweise – ein Mädchen ums Leben kommt. Er gesteht, zwei Tage vorher seine eigene Frau umgebracht zu haben – was nicht stimmen kann, weil dieselbe nach ihrer angeblichen Ermordung noch Telefongespräche geführt hat und schließlich geht er auch noch auf seine geliebte Malin los.

Der zunehmenden Konfusion des Helden entspricht eine fortschreitend konfusere Handlung – und Erzählweise. Etwa wenn sich plötzlich ein Erzähler einschaltet und Auskunft gibt über seine narrativen Intentionen: „Ich werde diese Frau beschreiben, liefern, zeigen, wer sie ist. Ich will sie nicht erzählen,“ heißt es bei der Beschreibung von Mattas Geliebter. Das Kalkül hinter einem solchen Kunstgriff ist für den Leser schwer nachzuvollziehen, was dem Text alles in allem wenig Abbruch tut.

Gregor Hens ist mit Matta verlässt seine Kinder ein stilistisch eindrucksvolles Buch gelungen. Die Geschichte von der Midlife-Crisis des materiell abgesicherten Mitteleuropäers

Matta, der die Bilder aus der Hölle nicht mehr los wird, schließt auf hohem Niveau an Hens’ viel gelobte, vorangegangenen Bücher Himmelssturz und Transfer Lounge an. (tk)

Gregor Hens
Matta verlässt seine Kinder
S. Fischer, Frankfurt a. M. 2004
144 Seiten, EU 14,90 (D) EU 15,40 (A) / sFr 26,80

 


<< zurück

    Nachrichten von Büchern und Menschen

    Montag, 14. Januar 2008  –  dradio.de

    Hans Magnus Enzensberger: "Hammerstein oder der Eigensinn. Eine deutsche Geschichte"

    Montag, 14. Januar 2008  –  Frankfurter Rundschau

    Das gedruckte Wort allein reicht schon lange nicht mehr aus, um Bücher zu verkaufen.

    Montag, 14. Januar 2008  –  taz

    Rumänische Kirche gegen "Satanische Verse"

    Montag, 14. Januar 2008  –  FAZ

    Im Gespräch: Wladimir Sorokin

     

    Montag, 14. Januar 2008  –  Die Welt

    Ein hochdramatisches Familienschicksal ist der Plot des Buches "Hammerstein oder der Eigensinn".

    Montag, 14. Januar 2008  –  Die Welt

    Seine Geschichte erinnert an Will Smith, der in "I am a legend" allein durch New York streift ...

    Montag, 14. Januar 2008  –  Die Presse

    Intensiv: Friedrich Hahn über die postmoderne Liebe.

    Montag, 14. Januar 2008  –  Die Presse

    Aus einem Prosaband von Andrea Winkler

     

    Montag, 14. Januar 2008  –  Die Presse

    Drago Jancars „Katharina, der Pfau und der Jesuit“.

    Montag, 14. Januar 2008  –  Die Presse

    Alfredo Bauer, Ruth Klüger, Felix Pollak, Stella Rotenberg und mehr als 270 weitere Exilanten sind...

    Montag, 14. Januar 2008  –  derStandard.at

    Hans Magnus Enzensberger gedenkt des Reichswehr-Generals Kurt von Hammerstein-Equord.

    Montag, 14. Januar 2008  –  derStandard.at

    Ulrich Peltzer erkundet den Zusammenhang von Politik, Liebe, Medientheorie und Überwachungskameras

    Montag, 14. Januar 2008  –  derStandard.at

    Spanischer Dichter starb im Alter von 82 Jahren

    Montag, 14. Januar 2008  –  NZZ

    Dass der Kanon oft das Ende der Debatten ist, lässt sich an vielen Versuchen zeigen, die Literatur...

    Montag, 14. Januar 2008  –  NZZ

    Hans Magnus Enzensbergers Recherche über General Hammerstein und seinen Kreis

    Montag, 14. Januar 2008  –  NZZ

    Michael Donhausers neue Prosagedichte

    Freitag, 11. Januar 2008  –  Berliner Zeitung

    Hans Magnus Enzensbergers Buch über den eigensinnigen General Kurt von Hammerstein

    Freitag, 11. Januar 2008  –  dradio.de

    Peter Handke: "Die morawische Nacht"

    Freitag, 11. Januar 2008  –  Frankfurter Rundschau

    Das grüne Archiv als Nachlass: Michael Hamburger war nicht nur Dichter, sondern auch Apfelzüchter.

    Freitag, 11. Januar 2008  –  Frankfurter Rundschau

    Enzensberger über Hammerstein