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Thor Kunkels gründlich misslungener Roman „Endstufe“.
„Hoppla, was hab ich jetzt wieder gesagt?“ Die Frage, die ein an Ernst Jünger geschulter Edel-Nazi in Thor Kunkels Roman Endstufe stellt, lässt sich präzise beantworten. Gesagt hat er dieses: „Der Einsatz von Atombomben gegen Zivilisten ist ein schnelles und humanes Mittel zu töten … Die Strahlen sind auf jeden Fall effektiver als Zyklon B.“ Ein nicht ganz so edler Ex-Nazi, der nach dem Ende des Naziregimes professionell in Reeducation macht, weil er durchschaut zu haben glaubt, dass Amis und Nazis eh dasselbe wollen, kommt zu einer ähnlichen Einschätzung der Lage wie der von ihm Befragte: „Das III. Reich war nur ein Wirtskörper“ für den Geist der Wissenschaft und Biotechnik, der sich erst in den USA zur vollen Pracht und Herrlichkeit entfaltet.
Die Tragik der Nazis, deren elitäre Teile Nietzsches Hinweise auf den letzten Menschen recht verstanden haben, liegt in dieser Perspektive offen zu Tage: „Es mag seltsam klingen, aber eines Tages wird man feststellen, dass wir einfach zu weit waren – zu weit für die vierziger Jahre.“ Die USA hatten das bessere Timing bei ihrem Rendezvous mit dem biotechnischen Weltgeist. Dabei fehlt ihnen die deutsche Tiefe, die selbst und gerade noch den fleischeslustigen fidelen Faschisten eignet. Denn die haben immerhin ein Programm auf Nietzsche-Niveau: „das Fleisch soll Wort werden“ und die Macht des Geldes überwinden.
Unter den Hunderten von Zitaten, die Kunkels so wirrer wie irrer Roman seinen Kapiteln als Motti voranstellt, findet sich denn auch ein Schlüsselzitat – das Wort des deliranten italienischen Faschisten Malarparte: „Unsere amerikanischen Verbündeten sind es, denen ich die heilige Fackel des Faschismus übergeben habe! … Viva l’America fascista!“ Es gibt Werke, die sich selbst richten, wenn man nur aus ihnen zitiert. Also kommt alles darauf an, die Handlungs- und Personenkonstellationen zu finden, die Sätze wie die zitierten als Rollenprosa erträglich macht. Bei Thor Kunkel, der schon in seinem Debüt-Roman Das Schwarzlicht-Terrarium (2000) eine ausgeglichene US-Nazi-Genozid (an Rothäuten/ Juden)-Bilanz konstatierte, geht das so: Der Protagonist des Romans ist ein lebensfroher SS-Hygieniker, der Parasiten bekämpft, erfolgreich an Programmen der Malariaprophylaxe arbeitet und seinem Namen alle Ehre macht. Karl Fußmann verfällt als Fuß- und Stiefelfetischist den dämonischen Reizen einer Femme fatale, die ihn zur lustvollen „Sexistenz“ verdammt. „Lotterlotte“ bezieht „fließende Zinsen“ vom „stehenden Kapital“, und sie lässt die Worte „Sieg Geil“ auf ihr Hinterteil tätowieren, was nicht nur ihren Freier Dirk Hartwig alias „Arsch-Wig“ entzückt. Der Sprachwitz dieses Romans ist auf dem Niveau seiner Zeitdiagnostik.
Zusammen mit anderen fidelen Faschisten orientiert man/frau sich, Pornofilme produzierend, an Goebbels, dem „Bock von Babelsberg“ und seinem geflügelten, vom zitatseligen Kunkel aber seltsamerweise nicht angeführten Wort „Wir Nationalsozialisten sind ja schließlich nicht prüde“. Immerhin ist die Produktion der „Sachsenwald Naturfilm GmbH“, die es tatsächlich gab, auch politökonomisch nicht ganz unwichtig. Geile Ölscheichs sind wild auf helles Film-Frauenfleisch, und so entwickelt sich ein über Schweden abgewickelter Handel nach der Maxime Naturstoffe wie Erz und Öl gegen „Naturfilme“. Wo es um viel Macht und noch mehr Geld geht, sind bekanntlich skrupellose Figuren wie Karls Chef Ferrie Graf Gessner nicht fern. Fußmann gerät zusehends in bedrohliche Situationen, folgt Gessner nach Nordafrika, wo Rommel heroisch, aber vergeblich gegen die seelenlosgeldgeilen Angelsachsen kämpft, lässt sich auf eine Ferntrauung mit Johanna ein, wird von sadistischen Gestapo-Leuten verfolgt und verdankt sein Überleben einem jungen naturverbundenen Soldaten, der, einem nicht wegoperierten Granatsplitter im Kopf sei Dank, mantisch-magnetisch begabt ist und sich im allseits verminten Gelände (Achtung: Allegorie!) deshalb mit traumwandlerischer Sicherheit bewegt.
Folgen als Abspann dieses unsäglichen Plots die Ereignisse der Nachkriegsjahre. Vorbei sind die seligen Zeiten im Luxusbordell. Denn russische Soldaten vergewaltigen massenhaft deutsche Mädchen und Frauen, amerikanische Nigger-Soldaten kommen mit plumpen Bestechungen zum selben Ziel. Nur durch den Einsatz eines geretteten Pornofilms, der die Barbaren mehr fasziniert als das reale Fleisch, kann Fußmann abwehren, dass auch Lotte serienvergewaltigt wird. Beide gehen alsbald in die USA, genießen noch einige drogen- und sexselige mittelalterliche Jahre und entdecken ihre alte Lust an politischen Diskussionen wieder. Die gehen z. B. so: „Die Amis sind ganz in Ordnung. Die wollen auch nur dasselbe wie wir.“ Dieser Einschätzung ihres Kerls und Karls kann die welterfahrene Lotterlotte nicht zustimmen. „Karl, hör auf. Nicht die Gerechten haben den Krieg gewonnen, sondern die Brutalen. Hast du die Bilder von Dresden gesehen?“
Das Buch ist ein einziger Graus. Alles an diesem Roman ist abgründig missraten: sein entbundener Stilblütenstil („schon bei der ersten Berührung waren ihre Schleimhäute in der Hitze einer roten Nova verdampft“), sein Plot, seine Polit- und Epochendiagnostik, seine ebenso pornographischen wie erotikfernen Momente, seine vermeintlichen Tabubrüche – nicht aber eine Fragestellung, der er ressentimentgeladen und offenbar eher unfreiwillig nachstolpert: der nach der Triebstruktur des Faschismus. Die schwarze Faszination, die davon ausgehen kann, wenn Über-Ich-Instanzen wie der Nazi-Staat selbst alle Über-Ich- Reglementierungen kassieren, hätte ein spannendes Motiv dieses unsäglich missglückten Romans sein können. Filme wie Pasolinis 120 Tage oder der Nachtportier, Romane wie Thomas Pynchons neoklassischer Krieg-und- Medienroman Gravitys Rainbow oder die Wunschmaschinen-Konzeption im Anti-Ödipus von Deleuze/Guattari (auf letztere spielt Endstufe manchmal an) machen schlagend deutlich, dass Thor Kunkel sich intellektuell ebenso gewaltig überfordert wie stilistisch.
Zum Skandal taugt der Roman Endstufe aber schlicht deshalb nicht, weil er aufgrund seiner plumpesten Provokationslust verlässlich dort donnert, wo keine grell verletzenden Erkenntnis- Blitze sind. Man muss nur die gleichfalls im Eichborn-Verlag erschienenen Erinnerungen der Anonyma über traumatische Nachkriegserlebnisse von Frauen im sowjetisch besetzten, zerbombten Berlin lesen, um den Abstand ermessen zu können, der zwischen der komplexen Aufarbeitung von Tabus und einer deliranten literarischen Affektabfuhr besteht. Dennoch ist der Roman aller Aufmerksamkeit wert – als Symptom einer 20 Jahre nach dem Historikerstreit gründlich veränderten Diskurslage. Unfreiwillig entstellt Kunkels Roman alte Rancune- Sätze wie den Heideggers, die maschinisierte Landwirtschaft in den USA und der industrielle Massenmord der Nazis seien wesensmäßig dasselbe, zur Kenntlichkeit. Gerade an den Stellen, wo der Roman anti-modernen revanchistischen Klartext nur notdürftig hinter Rollenprosa versteckt, ist er aller diagnostischen Aufmerksamkeit wert. Und dort, wo er symptomhaft Kluges gegen sich selbst artikuliert: „Er betraute Fußmann mit der Entsorgung des Altpapiers.“ .
Thor Kunkel Endstufe Eichborn, Frankfurt/M., 2004 590 Seiten, € 24,90 (D) / € 25,60 (A) / sFr 44,90 |