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Das Feuilleton und die Zukunft der kritischen Öffentlichkeit in Deutschland. Alexander Kluge im Gespräch mit Thomas Steinfeld.
KLUGE Woher kommt das Wort „Feuilleton“? STEINFELD Das Wort „Feuilleton“? Das ist ein Blättchen gewesen, das ist – die Geschichte ist ja bekannt – ursprünglich der Fortsetzungsroman gewesen. KLUGE Die Zugabe sozusagen. STEINFELD Die Zugabe zu den französischen Zeitschriften im 18., frühen 19. Jahrhundert. Das ist der unterhaltende Teil der Zeitungen gewesen. Aus diesen Verhältnissen hat sich das Feuilleton emanzipiert und ist heute ein eigenes Produkt in allen großen Zeitungen, und oft ist es das Produkt, das die großen Zeitungen am meisten voneinander unterscheidet. KLUGE Das heißt ihre Konkurrenz üben sie aus, eine Zeit lang, über die Qualität der Feuilletons? STEINFELD Ganz bestimmt. Das ist seit 15, 20 Jahren so, dass das Feuilleton jenes Element ist, das die Zeitung am stärksten profiliert. KLUGE Sie sprechen davon, dass es eine besondere Autonomie des Feuilletons seit Mitte der 80er-Jahre gibt. Wenn Sie das mal beschreiben. STEINFELD Das können Sie ganz pragmatisch sehen. Es gibt einen Zeitpunkt, da wandert das Feuilleton raus aus den Verhältnissen unter dem Strich … KLUGE Unter dem Strich heißt, politischer Teil und da drunter … STEINFELD … ein Strich, und dann kommt das Vergnügen, die Unterhaltung und die schönen Dinge des Lebens. Und das Feuilleton wächst daraus hinaus und wird so groß, dass es ein eigenes Buch bekommt, wie das in der Zeitungssprache heißt, das heißt eine eigene Lage, ein Produkt in der Zeitung mit einer eigenen Aufschlagseite, einer eigenen Bindung, und einem ganz eigenem Auftritt. Und diese Verhältnisse beginnen Mitte der 80er-Jahre. Ich glaube, es gibt ein Ereignis, das das wirklich trägt, das ist der Historikerstreit. KLUGE Können Sie den mal beschreiben? STEINFELD Der Historikerstreit war ja eigentlich der Streit um einen Berliner Historiker namens Nolte. Bei diesem Streit ging es um die deutsche Verantwortung oder Alleinverantwortung und die Einzigartigkeit des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts. Dieser Streit ging eigentlich unentschieden aus, aber es war der Streit, in dem zum ersten Mal deutsche Vergangenheit wirklich gründlich diskutiert wurde, und das war ein Stück Neuordnung der Bundesrepublik. KLUGE Es hatte sich in Form von Lehrstühlen nach ’45 so eine Historikergemeinde gebildet, die gewissermaßen unter Vorwürfen gegen Hitler und ausgewählte Nationalsozialisten doch so eine Art Reorientierung versuchten, eine Annäherung an wirkliche, normale Verhältnisse. STEINFELD Ja, Normalität ist dabei das Schlüsselwort gewesen. Es ging um Vergleichbarkeit/ Nicht-Vergleichbarkeit eines gigantischen Verbrechens. KLUGE Kann sich ein Verbrechen auf ein anderes hinausreden? STEINFELD Genau. Das war ja der Standpunkt von Nolte und deswegen ist er so angegriffen worden. KLUGE Und dagegen steht jetzt Habermas auf. STEINFELD Ja, und sagte: das ist einzigartig gewesen und nichts kann sich mit diesem Verbrechen messen. KLUGE Und die Feuilletons als eine besondere Öffentlichkeit greifen das auf … STEINFELD … und machen das zu einer Debatte für die gesamte Republik. KLUGE Eine Republik, bei der sich manche 68er oder manche aus den 70er-Jahren zum ersten Mal in ihrer eigenen Republik eingerichtet haben. Kann man das so sagen? STEINFELD Das kann man so sagen. Es ist erkennbar gewesen, das ist ein eminent politisches Thema, tangiert unmittelbar das Selbstverständnis des ganzen Staates, und dieses Thema ist ein Feuilleton-Thema. KLUGE Das Interessante ist ja, dass es ein Gefäß ist, das Feuilleton, das Blättchen, die Zugabe. Als Nebensache konstruiert, kann es Hauptinteressen der Öffentlichkeit transportieren. STEINFELD Man muss sagen, es gibt natürlich so etwas wie eine Zeitdiagnostik innerhalb des Feuilletons oder innerhalb der Kulturseiten etwa seit der Jahrhundertwende. Also Simmel, Kracauer, die ganzen großen Heroen des modernen Feuilletons. Aber richtig emanzipieren tun sich diese Verhältnisse erst in den späten 80er-Jahren. Dafür gibt es ökonomische Gründe, die vor allem darin bestehen, dass es den Zeitungen so gut geht, dass es ein Anzeigenaufkommen gibt, das die Zeitungen in bisher nicht bekanntem Maße trägt. KLUGE Und gleichzeitig ist die Zeitung etwas, das sich differenziert. Also meinetwegen der Wirtschaftsteil teilt sich in Wirtschaft oder Wirtschaftspolitik und Börse, Finanzen, Finanzmarkt. STEINFELD Wirtschaft hat ja einen öffentlichen Teil, all das, was die Politik affiziert, und es hat den privaten Teil, also das Firmenorientierte. Die Politik differenziert sich auch stärker als vorher, in Innenpolitik und Außenpolitik, was früher enger zusammengeführt war. Und was man, finde ich, auch ganz deutlich sieht an den Veränderungen der Zeitung, ist, dass der politische Teil immer mehr ins Kommentarwesen rückt. Also diskursive, analytische Elemente aufgibt, und zur Parteienbegleitung wird. KLUGE Seit wann gibt es eigentlich dieses Instrument Zeitung, um Öffentlichkeit zu bauen? Es gibt ja im Hochmittelalter Pamphletisten, es gibt Klöster, die schreiben, es gibt eine reiche Kommunikation, eine reiche Öffentlichkeit, aber keine Zeitung. STEINFELD Zeitung im emphatischen Sinne gibt es seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Es ist eine Bewegung, die von Frankreich ausgeht, und die dann sehr, sehr schnell auch die anliegenden Länder ergreift. KLUGE Und zunächst ist die Zeitung ein aktuelles Medium. STEINFELD Aktualität ist ein schwieriger Begriff. Wenn Sie zum Beispiel bei Karl Kraus nachschauen, und dort auf einen richtigen Zeitungshasser stoßen, dann stellen Sie fest, dass der alles über den Begriff der Aktualität barbiert. Die Aktualität, der Zwang zur Aktualität ist das große gleichmacherische Element. KLUGE Ein Hackmesser, das den Zusammenhang zerstört. STEINFELD Wenn man aber intensiver mit den Zeitungen beschäftigt ist, dann sieht man, dass die Zeitungen sich gerade im Verhältnis zur Aktualität sehr unterscheiden. Es gibt Zeitungen, die sind ganz und gar Aktualität, das ist all das, was wir als „Boulevard“ bezeichnen. Aber es gibt andere Zeitungen, unsere seriösen Zeitungen, die einen anderen Begriff von Aktualität haben. Das heißt, sie haben viele Aktualitäten, die Aktualität ist in sich gestaffelt. Eine Zeitung ist immer auch eine Zeitschrift, ist immer auch ein Buch, ist immer vielleicht sogar ein anderes Medium, und dadurch entstehen in einer Zeitung verschiedene Zeitverhältnisse. KLUGE Wenn man das mal beschreibt: Also da haben Sie die Schlagzeile, sie appelliert an den Tag … STEINFELD Unbedingt. KLUGE … ist auch angewiesen darauf. STEINFELD Aber dann haben Sie auch das Dossier, dann haben Sie den kommentierenden Artikel und den Kommentar. KLUGE Da haben Sie die große Reportage auf Seite drei bei der Süddeutschen Zeitung, da haben Sie das „Streiflicht“. STEINFELD Alle diese Dinge leben sozusagen in verschiedenen Zeitrhythmen. Es gibt fließende Übergänge zwischen Zeitung und Zeitschrift und es gibt auch fließende Übergänge zwischen Zeitung und Buch. Eine große Zeitung, eine seriöse Zeitung, hat all diese Zeitstufen in sich. Und was wir zur Zeit erleben, also in einer Zeit, in der die Zeitungen in einer großen Krise sind, ist, dass diese Zeitstaffel sich reduziert, wieder nach vorne geht, mehr in Richtung Boulevard geht. Und das ist ein eminenter Verlust. KLUGE Das eine ist ja, ich knüpfe an an ein Zuschauerinteresse, ein Leserinteresse. Das ist ein ganz anderer Grund als ich knüpfe an an die Ereignisse, die zufällig an diesem Tag passiert sind. STEINFELD Und dann gibt es noch die Ereignisse, die eine Zeitung machen kann. Also eine Zeitung, die über ein großes Zeitregister verfügt, kann Dinge auf die Tagesordnung setzen, die ohne sie nie auf die Tagesordnung gekommen wären, und hat dadurch wirklich auch etwas Volkspädagogisches, oder etwas emphatisch Intellektuelles. KLUGE Emphatisch intellektuell. Sie sind ja eigentlich ein Philologe, Sie als Person. STEINFELD Ja, klar. KLUGE Ein gewissenhafter Mann, der sammelt, mit Texten umgeht, sie deutet und so weiter, also einen ganzen Kanon von Tätigkeiten darauf gründet. Wenn Sie mir mal beschreiben als jemand, der von Sprache ausgeht, was bedeutet da Gegenwart? Gibt es eigentlich eine Gegenwart, auf die sich eine Zeitung, zum Beispiel, ganz konzentrieren kann? STEINFELD Es gibt natürlich unendlich viele Ereignisse, die einfach vorgegeben sind. Also wenn, um jetzt ein Beispiel zu nennen … KLUGE … ein Flugzeug abstürzt, würde natürlich von der ersten Seite dieses und jenes verdrängt. Es gibt einen Druck der Gegenwart. STEINFELD Natürlich. Dann hängt das aber sehr davon ab, wie das Flugzeug abstürzt. Wenn das Flugzeug in einer Weise abstürzt, die, sagen wir mal, kulturhistorisch geprägt ist, oder für die es kulturhistorische Bilder gibt, dann gibt es natürlich Möglichkeiten für das Feuilleton, darauf zu reagieren. Wenn ein Unfall geschieht in einem Alpentunnel und vielleicht sogar in zwei Alpentunneln, dann gibt es einen Anlass, darüber nachzudenken, ob die Alpen als große Barriere zwischen Nord und Süd wiederkommen. Das ist ein Thema, das großen kulturhistorischen Vorlauf hat, wo viele Leute darüber nachgedacht haben, was das eigentlich für eine Schranke ist. Es gibt bei aktuellen Ereignissen immer diese Rückkopplungseffekte, und die kann man nutzen. KLUGE Sodass also viel Vergangenheit und viel Zukunft, viel Konjunktiv, also Möglichkeitsform, und sehr viel Optativ, also Wunschform, in einer Nachricht stecken. STEINFELD Wenn man richtig gut ist in einem Feuilleton, dann ist das Feuilleton die Instanz, in der die Gesellschaft über sich selbst nachdenkt, und auch die Instanz, in der sich die Gesellschaft selber eine Form gibt. KLUGE Was eine Zeitung herstellt und wofür sich ein Feuilleton verantwortlich fühlt, das ist Öffentlichkeit. Den Begriff gibt es ja auf französisch so emphatisch als Substantiv gar nicht. STEINFELD Im Französischen ist Öffentlichkeit Publikum. KLUGE Ja, vie publique, das öffentliche Leben. STEINFELD Und Öffentlichkeit ist ja mehr. Unter Öffentlichkeit verstehen wir ja lauter Menschen, die sich untereinander verständigen über die Dinge, die wirklich wichtig sind. KLUGE Das ist eigentlich eine Errungenschaft an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert, da wird das emphatisch. STEINFELD Das ist Strukturwandel der Öffentlichkeit, also Habermas. Das ist sein Thema gewesen. Und allen kulturkritischen Prognosen zum Trotz hat sich diese Öffentlichkeit in Deutschland weitgehend erhalten. Man kann sich fragen, wie groß sie ist. Also wenn man Feuilleton macht, dann fragt man sich natürlich manchmal, produziere ich das jetzt für 2.000 Leute, für 20.000 Leute oder sind es sogar viel mehr. Aber darauf kommt es eigentlich nicht an. KLUGE Wenn ich planwirtschaftliche Öffentlichkeit herstelle, zum Beispiel auf dem Nürnberger Parteitag, oder auf einer großen Kundgebung, dann ist es keine. STEINFELD Nein, zur Öffentlichkeit gehört das Räsonieren. Zur Öffentlichkeit gehört auch eine gewisse philologische Grundhaltung, die Dinge nicht so zu nehmen wie sie daherkommen, sondern auf den Kopf zu stellen, zu schütteln und zu gucken, was da noch drin ist und was man damit anstellen kann. Und tatsächlich ist es, glaube ich, so, dass die Öffentlichkeit in Deutschland sehr, sehr groß ist. Wir haben unglaublich viele Hochschulen, wir haben unheimlich viele Universitäten, wir haben Leute, die in den kulturellen Berufen arbeiten, wie man überhaupt sagen kann, dass die Vergrößerung der Feuilletons in den 80er-Jahren auch damit zu tun hat, dass der ganze Kulturbereich in Deutschland so groß geworden ist und so stark professionalisiert ist. Das sind ja in Wirklichkeit Hunderttausende von Menschen. Und dann kann man sagen, dass ein solches Feuilleton immer auch die Aufgaben eines Fachblattes erfüllt, also ein Organ, das diesen großen – wenn man so sagen kann – „Industriezweig“ mit Nachrichten über sich selbst und über den Rest der Welt versorgt. Aber diese Öffentlichkeit ist da, und das Entscheidende ist, dass diese Öffentlichkeit räsoniert. KLUGE Und wenn man diese räsonierende Öffentlichkeit sich vorstellt: Die kann ja auch sozusagen nicht mit Worten räsonieren, die kann mit Gefühlen, mit Musik, mit anderen Teilen des Gehirns kommunizieren. STEINFELD Auch ein Feuilleton reagiert nicht nur mit Worten, ein Feuilleton reagiert mit Bildern, ein Feuilleton reagiert mit Artikelformaten, mit Überschriften, und wir haben ja vor allem in den vergangenen Jahren eine richtige Wendung des Feuilletons zum Gestischen hin erlebt, also mit ganzseitigen Aufmachern, mit riesengroßen Bildern. Die berühmten Seiten der FAZ, die gar nicht mehr aus Text bestanden, sondern nur noch aus Buchstaben, CATG, das Gen-Feuilleton. KLUGE Das war sehr eindrucksvoll. STEINFELD Das war sehr, sehr eindrucksvoll, aber das ist auch ein Zeichen dafür, dass es eben nicht nur um Wörter geht, nicht nur um Text, sondern dass in diesen ganzen Auftritten auch etwas sehr Gestisches, Performatives steckt. Und es gibt Länder, in denen es keine funktionierenden Zeitungen mehr gibt, also keine funktionierenden seriösen Zeitungen in unserem Sinne: Das ist England, ganz bestimmt, nach dem Verfall der Times … KLUGE Verfall durch Aufkauf. Dadurch, dass Murdoch die Times übernommen hat oder durch … STEINFELD Durch etwas, das auch hier latent droht, durch rigorose Boulevardisierung der großen Zeitungen. KLUGE Und Boulevardisierung bedeutet auch Kommerzialisierung von außen, das heißt, es werden von außen Bedingungen gesetzt. STEINFELD Für das Innenleben einer Zeitung bedeutet das vor allem, dass die großen bürgerlichen Tugenden der Zeitung verloren gehen, und die großen bürgerlichen Tugenden der Zeitung sind Gelassenheit, Distanz, Reflexivität, Nüchternheit. Sich nicht beeindrucken lassen vom Rest der Welt. Das ist natürlich alles das Gegenteil vom dem, was ein Boulevard macht. KLUGE Boulevard würde machen: Hingabe an das, was verlangt wird, was der Leser möchte. Ich bin der Knecht des Lesers. STEINFELD Was er meint zu möchten. Das ist ja nicht dasselbe. KLUGE Also Minderwertigkeitskomplexe eigentlich. Nicht das Boulevard-Prinzip ist das, was Sie hier attackieren, sondern der Minderwertigkeitskomplex, der keine Öffentlichkeit herstellen kann. STEINFELD Ja. Aber in England sind die Verhältnisse insofern anders, dass die Universität noch eine ganz andere Rolle spielt als hier. Und Italien, also sich in Italien gut zu informieren, ist wirklich ein Kunststück. KLUGE Aber sie sagen, es gibt keine Verfallszeiten. Also wenn Öffentlichkeit an einer Stelle verschwindet, wird sie an irgendeiner anderen Stelle wieder in Erscheinung treten. Das sagen Sie. STEINFELD Ja, und das sieht man in Italien vor allem am Verhältnis der Zeitungen zu den Zeitschriften. Also die Gleichschaltung der Zeitungen im Boulevard hat ja bedeutet in Italien, dass Zeitschriften neu entstanden sind oder wiederbelebt wurden. Ich habe immer die Vorstellung, dass man sich in relativ geschlossenen Verhältnissen bewegt. Wenn man an einer Position etwas verändert, oder wenn eine Position zusammenbricht, dann wird irgendwo anders wieder etwas Neues entstehen, das diese Funktion übernimmt. KLUGE Die Elementarform der Öffentlichkeit war lange Zeit die Nachricht. STEINFELD Ja. KLUGE Wenn Sie mir beschreiben, was ist eine Nachricht? Es gibt ja Zeitungen, die fangen mit den Todesanzeigen an. Die Times klassisch, hatte vorne auf der ersten Seite alle Todesanzeigen. Mein Vater noch, als Arzt in einer Kleinstadt, hat zuerst die Todesanzeigen gelesen. Wäre eine Nachricht. STEINFELD Eine Nachricht, wenn ich es mal so freihändig formulieren soll, ist ein Ereignis, oder ist die Publikation eines Ereignisses, das die Sicht des Tages verändert. KLUGE Wenn jetzt, zum Beispiel, ein römischer Kaiser an den großen Straßen Roms sein Standbild aufstellt, also mit Straßen meine ich jetzt die, die über Anatolien hinweg gehen, in Syrien beginnen, bis Germanien reichen. Da stehen jetzt große Säulen und da sind Inschriften drin. STEINFELD Dann ist es eine Nachricht. KLUGE Ich bin schon da. Wie Hase und Igel. STEINFELD Das ist ein Versuch, die Sicht des Tages zu verändern. KLUGE Und das tut es ja. STEINFELD Ja, das tut es. KLUGE Eine permanente Autorität wird durch täglich besichtigbare Denkmäler angenommen. STEINFELD Ja, genau. KLUGE Also die erste Form der Öffentlichkeit wären Straßen, Legionen, Verkehrsverbindungen. Und die Transposition eines Feindes zu den Barbaren nach draußen. Einheit der Sprache. Wenn wir jetzt auf Europa zugehen: Welche Forderungen an die Öffentlichkeit kann man stellen? STEINFELD Ich weiß nicht, ob man Forderungen stellen kann. Ich glaube, es ist eher so, dass man Bedürfnisse erkennt, die da sind, und dann richtig auf diese Bedürfnisse reagiert. Ich würde das gerne an einem Beispiel illustrieren. Wenn wir jetzt in einer Lage sind, in der die Zeitungen in großen Schwierigkeiten sind, dann existiert natürlich die Frage, wie reagieren wir darauf. Unsere Zeitungen haben sehr wenig Erfahrung im Umgang mit großen Krisen. Das kennen die nicht. Die Zeitungen sind in Deutschland in den letzten 50 Jahren einfach nur gewachsen … KLUGE Es ging ihnen immer gut. STEINFELD … zwar in Wellen und es ging ihnen nicht immer so gut, aber es ging ihnen immer gut genug, dass sie nicht wirklich über sich selbst haben nachdenken müssen. Diese Situation ist heute anders, und man sieht manchmal mit Verblüffung, ja mit Bestürzung, wie darauf reagiert wird. Denn was macht eine Zeitung in der Krise? Sie guckt auf konkurrierende Medien, das sind vor allem die audiovisuellen Medien, und denkt sich, oh, die sind unheimlich erfolgreich und wir müssen ins Bild, wir müssen farbig werden. Das ist ein grober Fehler, weil die Zeitung dann das aufgibt, was sie eigentlich ausmacht. Sie konkurriert mit einem Wettbewerber, der unter ganz anderen Bedingungen arbeitet, als eine Zeitung das tut. KLUGE Und verliert diese Abstraktionsfähigkeit, die ihre Verbreitung garantiert. STEINFELD Genau. Sie verliert die Bindung an die Schrift, was elementar ist für eine Zeitung, sie verliert diese Bindung an die Reflexivität, und wird dadurch zu einem Produkt, das kein Mensch mehr braucht. KLUGE Also Kleist, zum Beispiel, wollte ja zum Ende seines Lebens die Berliner Abendblätter herausbringen. STEINFELD Das ist etwas, was ich sehr, sehr gut verstehe. Aber es ist noch nicht Feuilleton. KLUGE Der Dichter geht zum Innenministerium und holt sich Nachrichten, täglich. STEINFELD Es ist etwas sehr, sehr Zeitungshaftes – zeitungshaft auch in dem Sinne, als Kleists Projekt der Abendblätter ja der Versuch war, wirklich im emphatischen Sinne jedem Tag eine neue Seite abzugewinnen, und es offenbart vor allem den großen Zusammenhang zwischen Zeitung und Literatur. Eine Zeitung – eine gute Zeitung – ist ein literarisches Produkt. KLUGE Er ist nun auch wirklich ausgewiesen in der Hinsicht. Er will aber auch den Usurpator Napoleon langfristig mit Hilfe seiner Blätter, seines Feuilletons sozusagen, besiegen. Er läuft mit Dahlmann auf dem Schlachtfeld von Aspern umher und hat in der Tasche Artikel und Die Hermannsschlacht, Pamphlete, wenn Sie so wollen. Man muss, so wie man die Römer besiegt, hier diesen Napoleon und seine Franzosen aus dem Lande schlagen. Es ist ein nationalistisches Vorhaben, das er hat, das er hier verfolgt. Mit seinem Blatt. Meinung. STEINFELD Ja, aber ist nicht nur Meinung, es ist nicht nur Nationalismus, es ist auch, was ich vorhin mit Literatur meinte: Literatur heißt ja auch, der Gegenwart eine Form geben, sie überhaupt so zu gestalten, dass sie begreiflich, sinnlich begreiflich wird. KLUGE Erkennbar und austauschbar. Denn wenn jemand die Gegenwart aufzählen wollte, das wäre ja wie die Arbeit eines Tausendfüsslers. Kann man nicht. STEINFELD Es gibt dieses irrsinnige Projekt Bouvard und Pécuchet von Flaubert, das ist ja gescheitert einfach an Masse und an seinem Aufzählungscharakter. Das ist es gerade nicht, aber wenn wir vorhin gesagt haben „Literarisierung der Verhältnisse“, das hat etwas mit Zeitung zu tun, das heißt, seiner Welt eine feste Form geben. KLUGE Die Idole des Feuilletons. STEINFELD Des jetzigen Feuilletons? Die jetzigen Idole des Feuilletons? KLUGE Des selbstbewussten Feuilletons. STEINFELD Es sind immer noch die großen Figuren der 20er-Jahre. Es ist Simmel, es ist Kracauer, es sind, wenn man so sagen will, die ganz großen Neugierigen. KLUGE Wie hieß der Erste? STEINFELD Simmel. KLUGE Wer war das? STEINFELD Georg Simmel. KLUGE Der Soziologe? STEINFELD Ja! KLUGE Der hat in Zeitungen geschrieben? STEINFELD Nein, Sie haben ja nach den Idolen gefragt. KLUGE Ja. STEINFELD Es ist also, wie man mit Alltagsphänomenen so umgeht, dass man ihnen einen großen und überraschenden Sinn entlockt. KLUGE Es ist anders als ein Detektiv arbeitet, nicht? STEINFELD Ein Feuilletonist ist kühner als ein Detektiv. Manchmal gehört zu einem guten Feuilletonisten auch ein Stück Verantwortungslosigkeit. Also dass er Schlüsse zieht, die kein Detektiv je ziehen würde. KLUGE Wie ist das gemeint? STEINFELD Es ist als Kühnheit gemeint, als ein Vorauspreschen, ein Versuch, ein völlig neues Licht zu setzten. Was dabei entsteht, ist ein mehr oder minder beständiger Kanon des Alltags. KLUGE Und der dient nicht dem Wissen, dass man es weiß, und wiederholen kann, damit angeben kann, sondern der Orientierung. STEINFELD Ja. KLUGE Wie ein Navigator, wie eine Schiffskarte, nach der ich mein Leben einrichte. STEINFELD Das ist völlig richtig.
ALEXANDER KLUGE, geboren 1932 in Halberstadt, ist Schriftsteller, Filmemacher und Fernsehproduzent. Zuletzt erschienen seine monumentale Geschichtensammlung Die Lücke, die der Teufel Lässt (Suhrkamp, 2003) und Die Kunst, Unterschiede zu machen (Suhrkamp, 2003).
THOMAS STEINFELD, geboren 1954, ist leitender Redakteur der Süddeutschen Zeitung. Zuletzt erschienen Deutsche Landschaften (S. Fischer, 2003), Wallanders Landschaft (Zsolnay, 2002) und Riff (DuMont, 2000).
„Was vom Tage bleibt“ wurde am 12. 3. 2004 im Rahmen des Mitternachtsmagazins auf VOX gesendet. |