|
Das Feuilleton und die Zukunft der kritischen Öffentlichkeit in Deutschland. Alexander Kluge im Gespräch mit Thomas Steinfeld.
KLUGE Woher kommt das Wort „Feuilleton“? STEINFELD Das Wort „Feuilleton“? Das ist ein Blättchen gewesen, das ist – die Geschichte ist ja bekannt – ursprünglich der Fortsetzungsroman gewesen. KLUGE Die Zugabe sozusagen. STEINFELD Die Zugabe zu den französischen Zeitschriften im 18., frühen 19. Jahrhundert. Das ist der unterhaltende Teil der Zeitungen gewesen. Aus diesen Verhältnissen hat sich das Feuilleton emanzipiert und ist heute ein eigenes Produkt in allen großen Zeitungen, und oft ist es das Produkt, das die großen Zeitungen am meisten voneinander unterscheidet. KLUGE Das heißt ihre Konkurrenz üben sie aus, eine Zeit lang, über die Qualität der Feuilletons? STEINFELD Ganz bestimmt. Das ist seit 15, 20 Jahren so, dass das Feuilleton jenes Element ist, das die Zeitung am stärksten profiliert. KLUGE Sie sprechen davon, dass es eine besondere Autonomie des Feuilletons seit Mitte der 80er-Jahre gibt. Wenn Sie das mal beschreiben. STEINFELD Das können Sie ganz pragmatisch sehen. Es gibt einen Zeitpunkt, da wandert das Feuilleton raus aus den Verhältnissen unter dem Strich … KLUGE Unter dem Strich heißt, politischer Teil und da drunter … STEINFELD … ein Strich, und dann kommt das Vergnügen, die Unterhaltung und die schönen Dinge des Lebens. Und das Feuilleton wächst daraus hinaus und wird so groß, dass es ein eigenes Buch bekommt, wie das in der Zeitungssprache heißt, das heißt eine eigene Lage, ein Produkt in der Zeitung mit einer eigenen Aufschlagseite, einer eigenen Bindung, und einem ganz eigenem Auftritt. Und diese Verhältnisse beginnen Mitte der 80er-Jahre. Ich glaube, es gibt ein Ereignis, das das wirklich trägt, das ist der Historikerstreit. KLUGE Können Sie den mal beschreiben? STEINFELD Der Historikerstreit war ja eigentlich der Streit um einen Berliner Historiker namens Nolte. Bei diesem Streit ging es um die deutsche Verantwortung oder Alleinverantwortung und die Einzigartigkeit des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts. Dieser Streit ging eigentlich unentschieden aus, aber es war der Streit, in dem zum ersten Mal deutsche Vergangenheit wirklich gründlich diskutiert wurde, und das war ein Stück Neuordnung der Bundesrepublik. KLUGE Es hatte sich in Form von Lehrstühlen nach ’45 so eine Historikergemeinde gebildet, die gewissermaßen unter Vorwürfen gegen Hitler und ausgewählte Nationalsozialisten doch so eine Art Reorientierung versuchten, eine Annäherung an wirkliche, normale Verhältnisse. STEINFELD Ja, Normalität ist dabei das Schlüsselwort gewesen. Es ging um Vergleichbarkeit/ Nicht-Vergleichbarkeit eines gigantischen Verbrechens. KLUGE Kann sich ein Verbrechen auf ein anderes hinausreden? STEINFELD Genau. Das war ja der Standpunkt von Nolte und deswegen ist er so angegriffen worden. KLUGE Und dagegen steht jetzt Habermas auf. STEINFELD Ja, und sagte: das ist einzigartig gewesen und nichts kann sich mit diesem Verbrechen messen. KLUGE Und die Feuilletons als eine besondere Öffentlichkeit greifen das auf … STEINFELD … und machen das zu einer Debatte für die gesamte Republik. KLUGE Eine Republik, bei der sich manche 68er oder manche aus den 70er-Jahren zum ersten Mal in ihrer eigenen Republik eingerichtet haben. Kann man das so sagen? STEINFELD Das kann man so sagen. Es ist erkennbar gewesen, das ist ein eminent politisches Thema, tangiert unmittelbar das Selbstverständnis des ganzen Staates, und dieses Thema ist ein Feuilleton-Thema. KLUGE Das Interessante ist ja, dass es ein Gefäß ist, das Feuilleton, das Blättchen, die Zugabe. Als Nebensache konstruiert, kann es Hauptinteressen der Öffentlichkeit transportieren. STEINFELD Man muss sagen, es gibt natürlich so etwas wie eine Zeitdiagnostik innerhalb des Feuilletons oder innerhalb der Kulturseiten etwa seit der Jahrhundertwende. Also Simmel, Kracauer, die ganzen großen Heroen des modernen Feuilletons. Aber richtig emanzipieren tun sich diese Verhältnisse erst in den späten 80er-Jahren. Dafür gibt es ökonomische Gründe, die vor allem darin bestehen, dass es den Zeitungen so gut geht, dass es ein Anzeigenaufkommen gibt, das die Zeitungen in bisher nicht bekanntem Maße trägt. KLUGE Und gleichzeitig ist die Zeitung etwas, das sich differenziert. Also meinetwegen der Wirtschaftsteil teilt sich in Wirtschaft oder Wirtschaftspolitik und Börse, Finanzen, Finanzmarkt. STEINFELD Wirtschaft hat ja einen öffentlichen Teil, all das, was die Politik affiziert, und es hat den privaten Teil, also das Firmenorientierte. Die Politik differenziert sich auch stärker als vorher, in Innenpolitik und Außenpolitik, was früher enger zusammengeführt war. Und was man, finde ich, auch ganz deutlich sieht an den Veränderungen der Zeitung, ist, dass der politische Teil immer mehr ins Kommentarwesen rückt. Also diskursive, analytische Elemente aufgibt, und zur Parteienbegleitung wird. KLUGE Seit wann gibt es eigentlich dieses Instrument Zeitung, um Öffentlichkeit zu bauen? Es gibt ja im Hochmittelalter Pamphletisten, es gibt Klöster, die schreiben, es gibt eine reiche Kommunikation, eine reiche Öffentlichkeit, aber keine Zeitung. STEINFELD Zeitung im emphatischen Sinne gibt es seit Mitte des 19. Jahrhunderts. Es ist eine Bewegung, die von Frankreich ausgeht, und die dann sehr, sehr schnell auch die anliegenden Länder ergreift. KLUGE Und zunächst ist die Zeitung ein aktuelles Medium. STEINFELD Aktualität ist ein schwieriger Begriff. Wenn Sie zum Beispiel bei Karl Kraus nachschauen, und dort auf einen richtigen Zeitungshasser stoßen, dann stellen Sie fest, dass der alles über den Begriff der Aktualität barbiert. Die Aktualität, der Zwang zur Aktualität ist das große gleichmacherische Element. KLUGE Ein Hackmesser, das den Zusammenhang zerstört. STEINFELD Wenn man aber intensiver mit den Zeitungen beschäftigt ist, dann sieht man, dass die Zeitungen sich gerade im Verhältnis zur Aktualität sehr unterscheiden. Es gibt Zeitungen, die sind ganz und gar Aktualität, das ist all das, was wir als „Boulevard“ bezeichnen. Aber es gibt andere Zeitungen, unsere seriösen Zeitungen, die einen anderen Begriff von Aktualität haben. Das heißt, sie haben viele Aktualitäten, die Aktualität ist in sich gestaffelt. Eine Zeitung ist immer auch eine Zeitschrift, ist immer auch ein Buch, ist immer vielleicht sogar ein anderes Medium, und dadurch entstehen in einer Zeitung verschiedene Zeitverhältnisse. KLUGE Wenn man das mal beschreibt: Also da haben Sie die Schlagzeile, sie appelliert an den Tag … STEINFELD Unbedingt. KLUGE … ist auch angewiesen darauf. STEINFELD Aber dann haben Sie auch das Dossier, dann haben Sie den kommentierenden Artikel und den Kommentar. KLUGE Da haben Sie die große Reportage auf Seite drei bei der Süddeutschen Zeitung, da haben Sie das „Streiflicht“. STEINFELD Alle diese Dinge leben sozusagen in verschiedenen Zeitrhythmen. Es gibt fließende Übergänge zwischen Zeitung und Zeitschrift und es gibt auch fließende Übergänge zwischen Zeitung und Buch. Eine große Zeitung, eine seriöse Zeitung, hat all diese Zeitstufen in sich. Und was wir zur Zeit erleben, also in einer Zeit, in der die Zeitungen in einer großen Krise sind, ist, dass diese Zeitstaffel sich reduziert, wieder nach vorne geht, mehr in Richtung Boulevard geht. Und das ist ein eminenter Verlust. KLUGE Das eine ist ja, ich knüpfe an an ein Zuschauerinteresse, ein Leserinteresse. Das ist ein ganz anderer Grund als ich knüpfe an an die Ereignisse, die zufällig an diesem Tag passiert sind. STEINFELD Und dann gibt es noch die Ereignisse, die eine Zeitung machen kann. Also eine Zeitung, die über ein großes Zeitregister verfügt, kann Dinge auf die Tagesordnung setzen, die ohne sie nie auf die Tagesordnung gekommen wären, und hat dadurch wirklich auch etwas Volkspädagogisches, oder etwas emphatisch Intellektuelles. KLUGE Emphatisch intellektuell. Sie sind ja eigentlich ein Philologe, Sie als Person. STEINFELD Ja, klar. KLUGE Ein gewissenhafter Mann, der sammelt, mit Texten umgeht, sie deutet und so weiter, also einen ganzen Kanon von Tätigkeiten darauf gründet. Wenn Sie mir mal beschreiben als jemand, der von Sprache ausgeht, was bedeutet da Gegenwart? Gibt es eigentlich eine Gegenwart, auf die sich eine Zeitung, zum Beispiel, ganz konzentrieren kann? STEINFELD Es gibt natürlich unendlich viele Ereignisse, die einfach vorgegeben sind. Also wenn, um jetzt ein Beispiel zu nennen … KLUGE … ein Flugzeug abstürzt, würde natürlich von der ersten Seite dieses und jenes verdrängt. Es gibt einen Druck der Gegenwart. STEINFELD Natürlich. Dann hängt das aber sehr davon ab, wie das Flugzeug abstürzt. Wenn das Flugzeug in einer Weise abstürzt, die, sagen wir mal, kulturhistorisch geprägt ist, oder für die es kulturhistorische Bilder gibt, dann gibt es natürlich Möglichkeiten für das Feuilleton, darauf zu reagieren. Wenn ein Unfall geschieht in einem Alpentunnel und vielleicht sogar in zwei Alpentunneln, dann gibt es einen Anlass, darüber nachzudenken, ob die Alpen als große Barriere zwischen Nord und Süd wiederkommen. Das ist ein Thema, das großen kulturhistorischen Vorlauf hat, wo viele Leute darüber nachgedacht haben, was das eigentlich für eine Schranke ist. Es gibt bei aktuellen Ereignissen immer diese Rückkopplungseffekte, und die kann man nutzen. KLUGE Sodass also viel Vergangenheit und viel Zukunft, viel Konjunktiv, also Möglichkeitsform, und sehr viel Optativ, also Wunschform, in einer Nachricht stecken. |