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Mittwoch, 16. Juni 2004

Sie schreiben, doch sie lesen nicht

 

Korrumpierte Literaturkritik versagt vor einem engagierten Roman.

Bis vor kurzem hatte ich das Feuilleton als Intelligenzschicht verstanden, die dem Zellophan von Schutzumschlägen entspricht: Sie sollte klar sein und möglichst ohne fettige Fingerabdrücke daherkommen. Der Pressespiegel zu meinem neuen Roman offenbarte ein ungeahntes Maß an Schmutzaffinität: persönliche Verunglimpfungen, Polemik, verklemmte Kalauer – und nichts, oder fast gar nichts, zu einem engagierten Roman.

Ein Leser der Süddeutschen brachte es auf den Punkt. „Ich bin enttäuscht“, schrieb mir R. Cramer am 5. 6. per E-Mail. „Nach der Rezension von Robin Detje, hatte ich mich auf einen herzhaften Porno gefreut, aber auf je 100 Seiten liefern Sie nur eine (1) einzige Fickszene, und diese wird einem noch durch Ironisieren vermiest. Ich finde es unerhört, dass Sie Ihren Roman als Nazi-Porno vermarkten.“ Moment mal, wer hat denn Endstufe als „Nazi-Porno“ vermarktet? Waren das nicht all die notgeilen Feuilletonisten, die aus vollem Halse „Sieg Geil!“ gekräht hatten? Sie schluckten den Köder und kamen nicht davon los.

Ich will es so sagen: Nach dem Abflauen der Spekulationen um die „Sachsenwald- Filme“, nach dem Ende des Medienrummels, hätte man eine Einkehr der Ruhe und Änderung der Tonlage erwarten dürfen. Man hätte erwarten dürfen, dass die Rezensenten endlich lesen und sich Gedanken machen – über das „Warum“. Stattdessen gab es nur Inhaltsangaben auf Bildzeitungs-Niveau, das Gejammer moralisierender Nervensägen und Warngeschrei von der psycho-historischen Warte.

Natürlich gab es auch andere Rezensionen, Wilhelm Hindemith lieferte eine geistreiche Analyse für den swr und Dirk Schümer resümierte in der Sendung „büchertalk“, er habe Endstufe „mit großem Genuss gelesen“ und „fand es eine monströse, horrorfilmartige Innenperspektive eines Systems, das sonst immer nur aus der Perspektive der Opfer geschildert wird.“ Die Tageszeitung Junge Freiheit lobte den „sichtbaren Willen des Autors, sich von einer ausschließlich politisch angeleiteten Kritik das Denken und den Blick auf die wahren Verhältnisse nicht verbieten zu lassen.“ Stimmt. Trotzdem kam der Bezug zur eigentlichen Materie – dem Text, der ästhetischen Struktur (die nur einmal, in VOLLTEXT nämlich, als „Stilblütenstil“ bezeichnet wurde) – viel zu kurz.

Die literarische Tätigkeit ist nur und darin literarisch, dass sie als „Generator von Überraschungen“ auf unserem Weg ins Unbekannte (Unbenannte) auftritt, dass sie also Zukunft „produziert“. Dabei werden Bewusstseinsinhalte neu sortiert.

All unsere Begriffe und „Vorstellungen“ setzen sich aus Beobachtungspartikeln zusammen und im Schreiben liegt die Möglichkeit, aus diesen Partikeln neue Bedeutung zu schöpfen (und so die Grenzen der festgefahrenen Wahrnehmung zu überwinden). Interessant wird es beim Schreiben – wie beim wissenschaftlichen Experiment –, wenn man „Bedeutungen“ nicht so einsetzt, wie man sie einsetzen sollte. Endstufe ist ein Spiel mit der Mikro-Ästhetik von Worten und Redewendungen aus der Nazi-Zeit, um die geistige Wirklichkeit einer an Techno-Utopie und Hedonismus berauschten Elite zu vergegenwärtigen. Es handelte sich also um ein bewusst gewähltes Stilmittel, um das Lebensgefühl einer vergangenen Zeit zu evozieren.
Wenn das schon ausreicht, um als „literarischer Provokateur“ zu gelten, dann kann man sich vorstellen, was in der deutschen Literatur für ein Einheitsbrei herrscht.

Zwischen Hystorie und «Horrorkauz»
Es können hier nicht alle Wadenbeißer und gescheiterten Existenzen erwähnt werden, die sich im Ablehnungssog tummelten, aber selbst der Lokalpatriot Jörg Sundermeier (Jungle World) und ein angegrauter Mattschwätzer wie Klaus Bittermann (taz) machten mobil. Nur einer hatte wirklich allen Grund zu schimpfen – der kauzige Schmock Henryk M. Broder, der durch Endstufe nicht nur die Notwendigkeit des Degussa-Mahnmals in Berlin gefährdet sah, sondern gleich die Existenzgrundlage der gesamten Entrüstungsindustrie Deutschlands. Ende der lukrativen „Trauerarbeit“, kapiske? Selten wurde im Ausland dermaßen über das hystorische Gegacker einer Spiegel-Journaille geschmunzelt. „Kann es sein, dass die Deutschen noch immer nicht mit ihrer Vergangenheit umgehen können?“, fragte mich derNew-York Times-Journalist Jefferson Chase. Auch Zulfikar Abbaby von ABC Radio Australien hatte nach „all der Aufregung“ um einen Roman den Eindruck, „das Land sei geistig – trotz der Wiedervereinigung – 1945 stehengeblieben.“
Warum nur diese Panik, diese moralinhaltige Empörung? War es die semantische Transmutationsformel „Nazi-Porno“ – oder mein offensichtliches Engagement, das den Rezensenten nicht schmeckte? Da hieß es einmal, ich hätte „Kampfthesen“ im geistigen Sturmgepäck, andere wiederum wähnten die politisch korrekte Opferhierarchie des Zweiten Weltkriegs durch meine Erzählung entweiht. Und dann das – „Pornographie als Metapher für das Dritte Reich“ – Sakrileg! War das nicht Demoralisierung des deutschen Schuldbewusstseins? Wie oft dieser Ausspruch falsch interpretiert wurde, keine Ahnung.

Aber selbst wenn diese Einsicht betrüblich ist, Pornologismen eignen sich hervorragend, um den moralischen Bankrott der Menschheit zu beschreiben. Sie haben die richtige Ladung, die richtige Temperatur. Das Dritte Reich erzeugte einen allgemeinen Lustrausch der Macht, es bestätigte die Volksgenossen in ihren archaischen Rollen, in ihrem Männchen- und Weibchen- Gehabe, – ganz logisch übrigens im Rahmen der vom Biologismus bestimmten Politik. Schon die offizielle „Nazi-Kunst“ war für die 30er-Jahre eher freizügig, man erinnere sich nur an die Monumental-Nuditäten von Breker. Diese „Pop-Art“-Exponate zusammengenommen mit Uniformen von Hugo Boss führten zu einer unterschwelligen Erotifizierung des öffentlichen Lebens. Und dass erotische Fantasien explodieren, wenn die Wirklichkeit unerträglich wird, diese Tatsache ist seit Freud hinlänglich bekannt. Das mag man als Nebensache empfinden, doch wem diese Induktion (und was sonst ist Literatur?) nicht gefällt, der sollte eben Imre Kertész lesen. Oder Die Kinder von Bullerbü. Romane sind nur Wahrnehmungsangebote von der Welt, und keine ästhetische Ordnung (von Worten) ist mit der Wirklichkeit identisch. „Ironically, the more kitschy you make the 3rd Reich the more you are approaching reality”, schreibt der renommierte Historiker Michael Burleigh in der Sunday Times.

 


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