|
Literatur und Buchhandel unter Rationalisierungsdruck
Kunst muss außerhalb von ökonomischen Erwägungen geschaffen, vermittelt und erlebt werden. Literatur, wenn sie den Namen verdient, sich nicht im Kunstgewerbe erschöpft, ist eine nach innen wirkende, außerhalb kommerziellen Kalküls stattfindende Veranstaltung. Das Erschaffen von solcher Literatur, das Schreiben, ist dem Produzenten eine Notwendigkeit, das Erlebnis solcher Literatur, das Lesen, dem Konsumenten eine dankbare Entsprechung. Einmal den Text in der Hand, tritt der Leser in direkten Kontakt mit dem Autor, vergisst sein Außen für einen Moment und ermisst sein Innen. Hunderte, Tausende dieser Texte warten auf den Leser, warten darauf, von ihm entdeckt zu werden. Und der Leser erwartet, diese Texte, die ihm wertvoll sind, auch für sich zu entdecken.
Man kann es nicht häufig genug sagen: Es ist eine große Errungenschaft, dass es nicht nur jährlich immer wieder neue Texte, sondern auch jederzeit und überall Abertausende „alte“ zu kaufen gibt. In Form von Büchern. Durch die Kulturtechnik des Verlegens ist über die Jahrhunderte ein großer kultureller Fundus entstanden. Mode- und Industrieunternehmen beispielsweise tauschen ihre Produkte ständig aus, das Alte ist alt. Der Buchhandel seinerseits fügt ständig hinzu, natürlich ausgewählt, nach dem Motto: Nicht alles Neue ist gut, aber alles Gute neu. Aber die Guten bleiben. Neben den halbjährlichen Neuerscheinungen gibt es für uns selbstverständlich Klassiker und moderne Klassiker in schön gebundenen Ausgaben oder preiswert als Taschenbuch. Wo? Natürlich in der Buchhandlung, der erweiterten Bibliothek des Lesers. Dem Netz geistiger Tankstellen, wie es einmal ein deutscher Bundeskanzler (es ist lang her) formulierte. Hier, auf diesen Quadratmetern, finden die Bücher in ihrer Vielfalt statt. Dort will der Leser seine Bücher finden. Den Anstoß, ein Buch zu kaufen, erhält der Kunde in der Buchhandlung: Zwei Drittel der Entscheidungen für einen Buchkauf, so eine Untersuchung, werden in der Buchhandlung gefällt. Dorthin geht der Leser, um sich zu orientieren, sich beraten zu lassen, ein Buch (auch ganz zufällig) in die Hand zu nehmen, zu stöbern, zu blättern, zu kaufen.
Etwa 900.000 lieferbare Titel listet das VLB, das Verzeichnis lieferbarer deutschsprachiger Bücher, derzeit auf. (Der Buchhandel nennt das zuweilen die „Überproduktion“, ich nenne das unsere Kultur.) Literatur so weit das Auge lesen kann. So viele Bücher sind also erhältlich, wenn nicht in der Auslage des Buchhändlers, so doch bei Verlagen auf Lager – und in kürzester Frist zu bestellen. Eine große kulturelle Leistung, bedenkt man, dass unsere Kultur mit Sprachgeschehen zu tun hat, durch geschriebene Sprache gebildet wird. (Ohne die geschriebene Tradition sind wir so biegsam wie ein Baum ohne Wurzeln.) Nur fängt bei einer solchen unglaublichen potenziellen Verfügbarkeit schon das Problem an, denn das Buch ist nicht nur Kunst, sondern naturgemäß auch eine handelbare Ware, die, was den Weg vom Autor zum Leser betrifft, notwendigermaßen kommerziellem Handeln unterworfen ist. Und heute redet man allgemeinhin nicht mehr über Kunst, sondern von der Krise, der Krise des Marktes. Und die wirtschaftliche Krise bringt es ans Licht. Eine unangenehme Entwicklung hat heute den Buchmarkt erfasst, mit Konsequenzen für die Zugänglichkeit des Fundus an lieferbaren Büchern. Von einem zunehmenden Verfall der Sitten, vor einer durchgreifenden Ökonomisierung des Buchmarkts ist zu warnen.
Eine Ware ist bekanntermaßen um so heftiger marktwirtschaftlichen Zwängen unterworfen, wie die Zeiten schwierig oder renditehungrig sind. Unsere Zeiten sind beides, und in jedem Lebensbereich spürt man den wachsenden Druck. Diesmal hat es ohne Zweifel auch den sonst relativ krisenresistenten Buchhandel erwischt. Es werden weniger Bücher verkauft, die Geschäfte laufen schlecht. Konzentration, Marktmacht, Filialisierung sind die Themen, weniger die Inhalte der Bücher. Zwei Thesen: die Schnelllebigkeit der Gesellschaft, der ökonomische Stress, der auch mehr und mehr unsere privaten Sphären erfasst, ist auf den Büchermarkt übergesprungen. Die andere: Möglicherweise ist das veränderte Leseverhalten auf das langsame Verschwinden jener gesellschaftlichen Gruppe der Kulturinteressierten zurückzuführen, die man früher unter dem Begriff Bildungsbürgertum zusammenfasste.
Schleppende Buchverkäufe, rückläufige Umsätze bei steigenden Personal- und Mietkosten führten im Buchhandel zwangsläufig zu verschärftem Rationalisierungsdruck: Abbau des Personals, Einschränkung der Beratungsleistung, Reduzierung des Buchangebots – insbesondere aber die Einführung elektronischer Warenwirtschaftssysteme als vermeintliche Lösung des Problems, „überflüssige“ Ware schnell zu erkennen und auszusortieren. Die elektronische Überwachung verändert jedoch den Umgang mit der Literatur. Durch Warenwirtschaftssysteme haben die Buchhändler zwar ihre Bestände tagesgenau unter Kontrolle. Sie folgen beim Einkauf der neuen Bücher immer weniger den (langfristigen) Empfehlungen der Verlagsvertreter, sondern den (kurzlebigen) Bestsellerlisten und Fernsehempfehlungen, bestellen beim Verlag an Neuem in der Regel nur noch „das Wichtigste“, die Bücher, die sich sicher verkaufen. So genannte „Langsamdreher“ werden computergesteuert sofort identifiziert und haben wenig Chancen.
Die Lebenszeit eines Buches, das es bis in die Buchhandlung schafft, verkürzt sich, wenn die aktive Verkaufszeit eines Titels nicht den Vorgaben der Statistik genügt. Man hat es schwarz auf weiß. Wobei man nie weiß, was man im Laden hat, sondern nur, was sich wie verkauft. Nichtverkäufliches wird um einer niedrigeren Kapitalbindung halber frühzeitig an den Verlag remittiert, also zurückgeschickt. Die jetzt sichtbare Folge: Nicht nur das literarische Präsenzangebot ist in den rationalisierten Buchhandlungen stetig zurückgegangen. Auch die Erstauflagen gerade der anspruchsvollen Bücher sind bei den Verlagen im letzten Jahrzehnt durch das vorsichtige Bestellverhalten des Buchhandels drastisch zurückgegangen, eben in dem Maße wie sich Buchhandlungen durch elektronische Warenwirtschaft kommerzialisierten, und damit einhergehend eine intellektuelle Scheu vor dem Neuen, vor allem dem Riskanten entwickelten. Da im Sinne des Computers das Risiko „Neuer Autor“ sich nicht rechnet, da Literatur im eigentlichen Sinne charttechnisch wenig Charme hat, verzichtet man darauf. Verlage agieren in solch einem intellektuell hostilen Umfeld zurückhaltender; wer verlegt schon gerne Literatur, die nicht vom Buchhandel bestellt wird. Backlist funktioniert nur durch gezielte Nachfrage der Buchhandelskunden oder wenn einmal ein Buch durch die Medien ins Gespräch kommen sollte. Ein Ende dieser tief greifenden Veränderung ist noch nicht abzusehen.
Es scheint dabei, dass die inhabergeführte Buchhandlung – mit ihrem Unternehmerstolz, auch das Schwergängige im Sortiment zu halten – langsam aber sicher der Vergangenheit angehört, so wie der von Konzernen unabhängige Verlag, dessen Verleger „Kunst“ macht und bei neuen Autoren noch etwas riskieren will. Was im Moment dagegen blitzschnell wächst, sind anonyme Buchhandelsketten, die ein computeroptimiertes kleineres, populäres Angebot und geringe Beratung kennzeichnet: eine Art Ikea-Buchhandel, der die Bücher führt, die von vorneherein kommerziell aussichtsreich sind. Computer sind wenig sentimental. Die Lust am Inhalt oder an der Qualität der Bücher spielt in einem computerisierten Auswahlprozess immer weniger eine Rolle. Es geht – eigentlich recht schamlos – um den Verkauf: Präsentiert im Laden wird der „sure shot bestseller“.
Doch konnte man auf gezielte Anfrage bislang die meisten Bücher relativ problemlos bestellen. Der Zwischenbuchhandel, das so genannte Barsortiment, liefert, was der Buchhändler nicht im Laden hat. Diesen Barsortimenten (eigentlich sind es nur drei) kommt bei verkleinertem Buchangebot in der Buchhandlung eine immer wichtigere Rolle zu. Weil die Buchhandlungen immer weniger auf Lager hatten, mussten die technischen Leistungen des Zwischenbuchhandels immer perfekter und die Lieferzeiten immer kürzer werden. Nur verspricht heute gerade das, was einmal als sinnvoller Service für die Vorhaltung von Hundertausenden lieferbarer Bücher gedacht war und immer effizienter gemacht wurde, weil der Buchhandel immer weniger vorrätig haben wollte, der Literatur zum Verhängnis zu werden. Es gibt eine Art „Barsortimentsparadox“: Eben weil das Barsortiment so schnell liefern kann, verlassen sich die Buchhandlungen auf diese Lieferfähigkeit, und versuchen, im Laden mit immer weniger, und immer weniger schwierigen Büchern auszukommen. Schade ums Stöbern, aber – so die Auskunft – auf Anfrage des Kunden könne man das Gewünschte immer noch beim Barsortiment ordern.
Es liegt nun im Wesen der Sache, dass ein Großhändler nicht alle lieferbaren Bücher auf Lager hat, wesentlich ist ihm (er ist kein Buchhändler, sondern Großhändler) das Verkäufliche. Nur hatte man Einsicht in die Bedürfnisse der Leser oder wenigstens Anstand. Etwa ein Drittel der lieferbaren Bücher waren bislang immerhin dort vorrätig. Jetzt kündigen auch die Barsortimente an, ihr Titelangebot (natürlich aus wirtschaftlichen Notwendigkeiten, die schnelle Lieferbarkeit hat ihren Preis) drastisch zu reduzieren. Maßgebend für die Auswahl: das Warenwirtschaftssystem. Da kann es eng werden für das literarische Buch: Schon in der Vergangenheit gab es nämlich jene Unsitte, dass ein Buch, das nicht im Barsortimentskatalog als lieferbar aufgeführt, vom Buchhändler dem Kunden gegenüber als „vergriffen“ bezeichnet wurde, obwohl es über den Verlag zu beziehen ist. Da gibt es Buchhändler, die dann beharrlich – und zur Verzweiflung der Verlage und der Autoren – die Lieferbarkeit solcher Bücher leugnen. Ein einzelnes Buch beim Verlag nachzubestellen, ist mühsam und lohnt letztlich nicht, der Bündelungsfaktor fehlt, da hätte man zu guten Konditionen und mit langfristigem Denken vorher den Halbjahresbedarf richtig auswählen und beim Verlagsvertreter einkaufen müssen. Die dürre Mitteilung „vergriffen“ meint aber für den Leser nichts anderes als den Tod des in Wahrheit existierenden Buches. Was nützt, so muß man sich fragen, die kostenträchtige Effizienz der immer schnelleren Nachlieferung, wenn immer weniger Titel und letztlich die verkäuflichen im Barsortimentssinne „lieferbar“ sind. Es bleiben die Inhalte auf der Strecke, ein Lyrikband zum Beispiel, der weder vom Buchhändler auf Lager genommen wird, noch über das Barsortiment zu beziehen ist. Wie soll der Leser dann noch wissen, ob das Buch, das er sucht, möglicherweise beim Verlag noch lieferbar ist? Über einen Internetshop? Nur, dass diese Internetler, genauso wenig wie die Zwischenbuchhändler, einen kulturellen Auftrag verspüren, sondern ihrer Rendite verpflichtet sind, nicht dem Kundenwunsch nach umfassender Lieferbarkeit: Fakt ist, dass diese Internetfirmen ihre Titel der Einfachheit halber auch nur über das Barsortiment beziehen.
Aus der Binsenweisheit, dass nur ein verkauftes Buch ein gutes Buch ist, ist durch das Effizienzdenken in darwinistischer Zeit (die teure Investition in immer kürzere Bestellzeiten) eine traurige Wahrheit entstanden. Eine schleichende kulturelle Verarmung tut sich da auf. Immer weniger „Langsamdreher“ werden ihren Weg in eine Buchhandlung finden. Und beste Bücher werden im Lager der Verlage schlummern, ohne dass der Leser das ahnt. Es scheint, dass die Buchbranche über Jahrzehnte in ihre Schnelligkeit (und Schnelllebigkeit), nicht in Inhalte (das, was der Kunde im Buch sucht) investiert hat: immer mehr verkäufliche, am Besten jene „Steckdosenbücher“ genannte, also vom Fernsehen gehypte Bücherware, aber immer weniger neue, riskante Literatur gelangen in die Auslage. Natürlich gibt es sie noch, die literarischen Buchhandlungen, die wissen, was in den Büchern los ist. Aber die anderen, die mit den wenig sentimentalen Warenwirtschaftssystemen: da gerät einiges in Vergessenheit, fällt große Literatur schnell durchs Raster. Man wird sich Gedanken machen müssen, wie der unglaubliche Fundus an (guten) Büchern weiterhin dem Leser zugänglich, lieferbar bleibt. In der Not braucht man Ideen. Denn der literarische Verleger hält sich weiter an den Auftrag der Autoren, ihre Bücher dort hinzubringen, wo die Leser sind. . |