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Lieber Freund, die Wochen und Monate, die du in W. verbracht hast, saß ich, wenn nicht gerade in I., an meinem Wiener Schreibtisch. Mein Familienzerfallsroman in neun Tagen (1982, 1938, 1945, 1955 … 2001 plus Rahmen- und Zwischenkapitel) ist auf 400 Seiten angewachsen, das Gröbste ist somit bewältigt, und ich habe einen roten Kopf und ein krummes Kreuz und würde mich gerne an meinen Pfoten in den verspäteten Winterschlaf saugen. 400 Seiten sind für meine Verhältnisse kein Ziegel, sondern ein Schrank, den werde ich noch einige Monate im Kopf hin und her schieben (dort gibt es keine Möbelpacker, da kann mir keiner helfen), und werde weiter Lage auf Lage darin stapeln, bis das Durcheinander ausreichend planvoll ist. Tja, und so ist aus diesen Wochen nicht viel an Äußerem zu berichten. Heute? Vielleicht: Dass Montag Nacht ist, dass ich bei offenem Fenster sitze, weil das Wetter sich hier in Wien sehr freundlich präsentiert, weiters, dass tagsüber Arbeiter begonnen haben, den frostbrüchigen Innenhof aufzuschremmen, und dass ich deshalb viel unterwegs war und auch am Abend in die Arbeit nicht mehr hineinfand und mich jetzt freue, dir zu schreiben. Es geht ohne Hast, das erste Verschnaufen nach dem vorerst letzten Satz am Roman.
Weißt du, ich wollte dir längst Nachricht von mir zukommen lassen, und wir beide wissen, wie oft man kann, wenn man will, und ich wollte und hätte auch gekonnt, aber es war mir zu anstrengend. So einfach. In den Momenten, in denen ich vom Roman abgelassen habe, musste ich raus, brauchte ich frische Luft oder das Durcheinanderreden meiner immer fröhlichen Nachbarn, dort hatte ich meine Aufwärmstube. Jetzt sind die Nachbarn für eine Woche in Abbazia, und somit ist es bei mir für einige Tage ruhig. Für diese Zeit bleibe ich in meiner Verschanzung, dann laufen die Präliminarien für Klagenfurt an. Der ORF will mich porträtieren, VOLLTEXT will, dass ich mein Schreiben porträtiere, was meines Erachtens nicht ganz einfach ist, einerseits, weil die Distanz, also der Blick von außen fehlt, andererseits aus Angst vor Koketterie (sei’s in Form von Tiefstapelei oder Angeberei). Da ist man natürlich sehr in die Ecke gedrängt und versucht, sich um eine klare Aussage herumzudrücken. Weißt du, ich sollte nach Venedig reisen zu einem dieser zwischen Souvenirständen auf Klappstühlen sitzenden 5-Minuten-Zeichner und mir ein Porträt anfertigen lassen, für 10 Euro. Ich sollte mich von hundertachtzig 5-Minuten- Zeichnern porträtieren lassen, die könnte der ORF – es stehen drei Minuten zur Verfügung – abfotografieren und eins hinter das andere schneiden, cut, cut, cut. Warum nicht, ich meine, zur Abwechslung, es würde halt ein fürs Kopfschütteln gemachter, sehr hässlicher kleiner Film; du kannst jetzt selbst entscheiden, ob hässlich aufgrund der bloßen Idee, des fehlenden Kunstverstandes der Maler oder weil der Zahn der Zeit auch an mir einiges zu nagen findet oder weil es mit allem nicht zum Besten steht. Und wenn! Ich sollte mit diesem Vorschlag beim ORF anfragen, vielleicht sind die Herrschaften interessiert. Und in Sachen Porträt meines Schreibens könnte ich Maria Lassnig bitten: Vielleicht ist sie geneigt auf fünf Minuten mit Rötel und Kohle. Ich könnte mir mein Schreiben ganz gut als von ihr porträtiert vorstellen, mit der stillen Voraussetzung, dass Maria Lassnig mein Schreiben längst erkannt hat, also rational begriffen und dann verinnerlicht. Das würde dann ebenfalls kein Porträt werden, das auf Schönheit angelegt ist, denn Schönheit entsteht (soll ich sagen auch oder meist, oder soll ich es so lassen), wenn etwas verinnerlicht ist, ehe man es rational begreift. Deshalb die Gebrochenheit unserer künstlerischen Bemühungen, damit sich das Auge zwischendurch immer wieder schärft.
Worauf es vielleicht ankäme, nach meinem Gefühl: Dass meine Gedankengänge nicht – wie Peter Altenberg es von sich sagte – immer einfacher werden, sondern komplizierter, und dass ich mich dennoch zunehmend um eine dem Stoff angemessene Ökonomie der Mittel bemühe, um ein Gleichgewicht oder ein bewusstes Kontrapunktieren von Sprache, Form und Inhalt – nicht leicht für jemanden, der auf eine manchmal abträgliche Art verspielt ist wie ich, mit einer Vorliebe fürs Verfilzen. Dass meine Stoffe momentan den Hang zeigen, banaler zu werden, weil es nichts Banales gibt, das geht mir nach und nach auf, es ist wie mit Rom, wohin alle Wege und so weiter, in diesem Zusammenhang ist auch zu sehen, dass ich mein Spektrum an Perspektiven zunehmend ausweite. Dann: Dass ich über Beharrlichkeit verfüge und am Schreibtisch warte, ob sich nicht ein wie auch immer gearteter Konsens zwischen meiner Absicht und dem im Entstehen begriffenen Text einstellen will, mit dem Effekt, dass die Übereinstimmung zwischen mir und meiner Umgebung sich oft indirekt proportional verhält. Dass ich vornehmlich aus der Fantasie schreibe und nicht aus Verbitterung oder Wut (wie du, letzteres), sondern aus Trotz gegen so vieles, auch gegen die subjektiv empfundenen eigenen Unzulänglichkeiten. Dass ich versuche zu verstehen – und doch nicht verstehe. Dass ich zunehmend weniger an Menschen glaube, die an sich glauben, und dass ich deshalb Helden bevorzuge, die in Mechanismen hineingezogen werden, denen sie nicht gewachsen sind.
Alors! .
Arno Geiger Vorgeschlagen von Norbert Miller geboren 1968 in Bregenz, lebt in Wien und Wolfurt. Studium der Germanistik und einer Fächerkombination aus Vergleichender Literaturwissenschaft, Alter Geschichte und Zeitgeschichte. Von 1986–2002 arbeitete Arno Geiger im Sommer als Videotechniker bei den Bregenzer Festspielen. Zahlreiche Veröffentlichungen in Anthologien und Literaturzeitschriften (Literatur und Kritik, du).
Veröffentlichungen (Auswahl) Alles auf Band. Deuticke 2001. (gemeinsam mit Heiner Link) Kleine Schule des Karussellfahrens. |