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Mittwoch, 16. Juni 2004

Warten

 

Ich habe vor meinem 31. Lebensjahr nie geschrieben, keine Gedichte als Jugendliche, keine Stücke, Romane, kurze Texte. Ich habe es als Studentin in Leipzig ein einziges Mal versucht und war nach einer halben Seite völlig erschöpft. So geht Schreiben nicht, dachte ich, und gab den Wunsch, die Idee, ganz auf. Einige Jahre später hatte ich einen Freund, einen Journalisten, mit dem ich viel spazieren ging, reiste, dauernd redete, erzählte. Du musst schreiben, sagte er. Ich dachte an meine halbe Seite und seinen Beruf, den er jahrelang an der Universität gelernt hatte. Schriftsteller kann man nicht lernen, dachte ich, das kann man durch Herkunft, durch zweifelsfreies Wollen. Man schreibt, und der Text ist sofort fertig. Ich kam nach Köln, brach mir nach zwei Monaten einen Mittelfußknochen und saß monatelang am Schreibtisch, am Küchentisch, am Esstisch, las, sah aus dem Fenster und schrieb Briefe. Schreib, bedrängte mich der Freund wieder. Ich muss Geld verdienen, sagte ich, keine Zeit. Ich suchte mir eine Arbeitsstelle und verlor sie nach einem Jahr wieder. Ich war in einem Land mit tausendmal mehr Germanisten, Kulturwissenschaftlern, Philosophen als in der DDR und war offenbar überflüssig. Meine Arbeitskraft brauchte niemand. Ich war auf eine Art frei von einer Verpflichtung der Gesellschaft gegenüber. Ich überlegte keine Sekunde, was ich nun tun könnte. Ich kaufte mir einen Computer und schrieb. Jeden Tag, wie ein Arbeiter, von neun bis vier.

In den folgenden Jahren lernte ich schreiben. Immer wieder dachte ich, das kann ich nicht, man kann nicht schreiben lernen.

Ich lernte, einer Figur zu folgen. Sie loszuschicken in einen Tag, in eine Gegend, eine Familie. Ich begleitete sie während einer Straßenbahnfahrt, auf einem Schulweg, bei einem Discoabend. Die Figuren lösten sich von meinen Vorstellungen. Sie gingen eigene Wege, und meine Aufgabe war es, sie nicht aus den Augen zu verlieren. Ich durfte sie nicht bedrängen, aber auch nicht verlassen, ich war verantwortlich für sie, aber sie lehnten jede Verpflichtung mir gegenüber ab. Das musste ich lernen. Loslassen, einer Idee, einem Konzept, einer Stimme vertrauen und dann arbeiten. Ich lernte, Disziplin und Konzentration über Wochen, Monate zu halten. Ich lernte, Teilhaberin an einem anderen Leben, eine stille vorsichtige Herrscherin zu sein, die über einen schmalen Grat geht und die nur das Vertrauen rettet. Vertrauen in die Figuren und in die eigene Stimme. Und so begegnet man sich beim Schreiben selbst. Ich muss mich fragen, wer ich bin. Warum ich etwas tue, weshalb mich etwas bewegt, aufregt, demütigt, verletzt, umbringen will. Welche Kräfte sind das, welche Kraft habe ich? Diese Fragen muss ich klären, nicht beim Schreiben, sondern vorher, in der Zwischenzeit. Ich darf mich nicht belügen, sonst gelingt der Text nicht, die Situation besteht dann nur aus Fetzen, die Figur dreht sich von mir fort, ich zwinge sie zu sprechen, aber sie stottert, wird aggressiv. Ich musste lernen, zu warten. Ich stelle ein paar Fragen, ich stelle Personen in ein Bild und warte. Dann geht es plötzlich los, nach ein paar Monaten geht es endlich los, und ich muss mich nur noch konzentrieren und schreiben. Wenn es mir gelingt, in einem einzigen Satz alles Wichtige für die Figur zu sagen, bin ich glücklich. Das Glück hält bis zum Ende des Textes. Ist er fertig, weiß ich kaum, was ich tun soll. Ich fühle mich überflüssig, ich habe nichts zu tun, kann nur lesen oder reden, mich unterhalten, zuhören. Ist die Unterhaltung schön, intensiv oder interessant, tausche ich Geschichten mit jemandem aus, ist die Pause zu den nächsten Schreibtagen nicht so lang, nicht so langweilig. Ich könnte dann sagen, eigentlich möchte ich mich nur unterhalten, stundenlang spazieren gehen und Begebenheiten erzählen, Komisches, Seltenes, Furchtbares. Aber dabei gelingen einem nicht diese schönen dichten Sätze, man erreicht niemals diese Konzentration, gerät nie in diesen Sog, der zwar zehrt, aber auch Kraft gibt. Eigene Kraft, von der man vorher nichts ahnte. Darauf muss ich warten.

Roswitha Haring Vorgeschlagen von Martin Ebel
geboren 1960 in Leipzig, lebt in Köln. Kleidungsfacharbeiterlehre und Abitur in Görlitz. Studium der Kulturwissenschaft in Leipzig. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften (u.a. entwürfe, Manuskripte).

Veröffentlichungen (Auswahl)
Tanz in den Mai. In: Der wilde Osten. Herausgegeben von Roland Koch. S. Fischer 2002.
Ein Bett aus Schnee. Novelle. Ammann 2003.


Auszeichnungen aspekte-Literaturpreis des ZDF für das beste deutschsprachige Debüt 2003.
Förderstipendium des Landes Nordrhein-Westfalen 2004.
Stipendium der Stiftung Künstlerdorf Schöppingen 2004.

 


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