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Mittwoch, 16. Juni 2004

Bulgarien

 

Es ist ein kalter Februarmorgen, noch nicht ganz hell. Ich stehe am Küchenfenster und schaue hinaus. Ohne erkennbaren Zusammenhang taucht in meiner Erinnerung ein Bild auf, das Bild einer weißgetünchten Scheune auf einem bulgarischen Bauernhof. Ein kleines Portal vor der Scheune, zwei Apfelbäume, und die Sonne scheint. Ich muss einen Moment nachdenken, woher ich das kenne, bis mir einfällt: Ich bin nie in Bulgarien gewesen.

Ich überlege, ob es vielleicht ein Foto war oder eine Postkarte, die mir jemand geschickt hat. Aber das kann nicht sein. In meinem Kopf kann ich um das Gebäude herumgehen und es von allen Seiten besichtigen, ja, ich kann sogar das Bild nach rechts oben verlassen über einen Pfad, der in den Wald führt. Das heißt, ich muss schon mal dagewesen sein. Ich strenge mich an, durchsuche die Kategorien Scheune, Urlaub, Balkan, aber die Erinnerung bleibt aus. Ich setze Teewasser auf, lese zur Tarnung ein wenig in der Zeitung, es hilft alles nichts. Und dann fällt es mir plötzlich wieder ein.

Ich habe einmal einen Roman gelesen, in dem es um einen bulgarischen Revolutionär ging. Er hatte sich auf diesen Bauernhof geflüchtet und in der Scheune unterm Stroh versteckt. Was dann passierte, habe ich vergessen. Nur das Bild ist noch da.

Wahrscheinlich gab es den üblichen Gewissenskonflikt, als er von den Scheunenbesitzern entdeckt wurde, verstecken oder verraten, und eine kleine Liebesgeschichte war sicher auch dabei. Oder? Ein Revolutionär? Wozu gab es in Bulgarien eine Revolution? Ich weiß es nicht. Von einem bulgarischen Schriftsteller kann der Roman jedenfalls nicht gewesen sein. Ich kenne gar keinen bulgarischen Schriftsteller. Wahrscheinlich ein Russe des 19. Jahrhunderts, Turgenjew vielleicht oder Puschkin. Man kennt das ja, ein altes Väterchen, das aus seiner Militärzeit erzählt, wo es auf dem Gut Sowieso siebzehn Werst von Daundda entfernt dies und das erlebt hat, und ein schwarzäugiges Mädchen huscht durchs Bild. Ich bin beunruhigt, ich durchsuche meinen Bücherschrank, aber ich kann nichts finden. Es muss lange her sein, mindestens fünfzehn Jahre, dass ich das gelesen habe. Vermutlich aus der Stadtbücherei.

Dabei weiß ich noch, dass ich mich furchtbar gelangweilt und durch die endlosen Landschaftsbeschreibungen gequält habe, die diese Russenromane mittlerer Qualität so an sich haben. Als Kind habe ich so etwas immer einfach überlesen, alle Beschreibungen, weil ich dachte, es nützt einem schließlich gar nichts, wenn man weiß, ob eine schlecht zusammengehauene Handlung sich zwischen Kiefernoder Fichtenwäldern, mit Klee bewachsenen Wiesen oder sanften Hügelketten abspielt. Oder den Helden sich in einem noch so ausführlich epithetierten Wald aufhalten zu sehen, wo es diese und jene Baumart gibt, hier eine Felsschlucht und dort eine muntere Quelle. Denn man sieht sowieso immer den gleichen Wald vor sich, den man in seiner Vorstellung immer sieht, sobald man das Wort „Wald“ hört. Andererseits gibt es aus dem 19. Jahrhundert vieles, was man überhaupt nur aus atmosphärischen Gründen noch lesen kann. Deshalb habe ich dann später diese Beschreibungen immer ganz genau studiert, weil ich dachte, wenn das Buch schon nicht funktioniert, kann man es wenigstens als Zeitmaschine benutzen. Aber auch das klappt ja meistens nicht.

Da wirft sich zum Beispiel die junge Magd auf dem Hof vor der Gutsherrin auf die Knie mit einer Selbstverständlichkeit, dass der Schriftsteller es nicht für nötig hält, ein weiteres Wort zu verlieren. Doch wie geht das vor sich? Wie fällt man vor einer Gutsherrin auf die Knie? Offenbar war das im vorigen Jahrhundert nichts Außergewöhnliches. Knechte vor Herren, Unterlegene vor Siegern, Liebende vor Angebeteten – im Roman des 19. Jahrhunderts wird pausenlos irgendwo in die Knie gegangen, fast noch öfter als in Ohnmacht gefallen. Ich persönlich habe so etwas aber noch nicht erlebt. Außer im Theater oder im Fernsehen, was die Sache nicht glaubhafter macht. Wie also geht eine junge Magd vor der Gutsherrin in die Knie? Lässt sie sich tatsächlich aus dem Stand fallen? Oder macht sie die Bewegung langsam, so wie man es für sich allein wohl tun würde? Geht sie erst in die Hocke, senkt dann die Knie und richtet den Oberkörper gerade? Oder stützt sie sich mit den Händen dabei ab? Wäre das nicht albern, eine Unterwerfungsgeste wie eine Turnübung? Und wo schaut sie hin, während sie kniet? In den Schoß der Gutsherrin, der sich jetzt auf der Höhe ihres Gesichts befindet? Wie weit entfernt steht die Herrin, der sie mitteilt, dass sich ein verletzter Revolutionär schon seit mehreren Tagen in der Scheune aufhält? Die Gutsherrin wendet sich ab. Was aber tut die Magd? Ist sie schon wieder auf den Beinen? Das wäre wohl voreilig. Für wenigstens den Bruchteil einer Sekunde kniet sie allein auf dem Hof, der Stelle gegenüber, auf der kurz zuvor noch ihre Gutsherrin gestanden hat. Empfindet sie jetzt wenigstens die Merkwürdigkeit, vor einem Nichts zu knien? Ist es möglich, sich ohne Verlegenheit aus dieser Lage zu erheben? Springt sie genauso dramatisch auf, wie sie niedergefallen war? Nimmt sie jetzt ihre Hände zu Hilfe? Und wie sehen ihre Knie danach aus? Was, wenn sie sich auf einen spitzen Stein gekniet hätte? Was, wenn sie Gonarthrose gehabt hätte? Ist das alles nicht viel wichtiger als diese dämliche Revolution? Der Romanautor schweigt.

Nicht genug damit. Rückblende: Der angeschlagene Revolutionär kommt auf dem lehmigen Pfad aus dem Wald gekrochen und verschanzt sich in der Scheune. Der Hof, der wahrscheinlich schon bessere Zeiten gesehen hat, besteht weiterhin aus einigen Ställen für das Vieh und dem etwas entfernt gelegenen Gutshaus, in dem zwei Fenster erleuchtet sind. Am nächsten Morgen treibt der Hunger den Helden aus der Scheune und er schleicht sich nach rechts auf das Gutshaus zu … nach rechts … wieso nach rechts? In meiner Vorstellung steht das Gutshaus links von der weißgetünchten Scheune.

Soll ich das jetzt ignorieren? Als nächstes wird der Held mit Sicherheit vom Gutshaus zur Scheune zurückschleichen, und dann geht es im Roman wieder nach links. Muss ich mir also eine neue Vorstellung machen. Aber das Gutshaus von links von der Scheune nach rechts zu befördern, ist anstrengender, als wenn man es in der Wirklichkeit in seine Einzelteile zerlegen und an anderer Stelle wiederaufbauen wollte. Auch die Ställe und der Waldweg müssten auf die andere Seite gebracht werden, um Platz zu machen für das Gutshaus, eine Punktspiegelung ist erforderlich, und die neu zusammengestümperte Geographie erreicht niemals mehr die strahlende Realitätsmacht der ersten Einbildung.

Und das ist nun das Seltsamste: Obwohl ich mich an diesen Roman überhaupt nicht erinnern kann, den ich nur aus Pflichtgefühl zu Ende gelesen habe (ich habe früher jedes Buch zu Ende gelesen), obwohl ich nicht weiß, wofür es im 19. Jahrhundert eine bulgarische Revolution gab, obwohl der Gewissenskonflikt überflüssig und die Liebesgeschichte nichtssagend waren, obwohl ich das alles längst vergessen und mich niemals wieder daran erinnert habe – steht an diesem Februarmorgen, fünfzehn Jahre danach, während ich aus dem Fenster schaue und das Teewasser kocht, eine weißgetünchte Scheune in mir herum. Mächtig und strahlend wie eine Kindheitserinnerung, im diffusen Licht des bulgarischen Himmels, mit einem kleinen Portal davor und zwei Apfelbäumchen.

Wolfgang Herrndorf Vorgeschlagen von Klaus Nüchtern geboren 1965 in Hamburg. Studium der Malerei. Lebt und arbeitet in Berlin.

Veröffentlichungen (Auswahl)
In Plüschgewittern. Roman. Haffmans bei Zweitausendeins 2002.

 


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