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Mittwoch, 16. Juni 2004

Werkstatt auf vier Beinen

 

Eine Wölfin mit dicken Zitzen …

Auf meinem Schreibtisch sitzt ein Blechtier, wandert eine Zirkustruppe, wackelt eine rote Holzschildkröte mit dem Kopf, und ein alter Aufziehvogel pickt die Würmer aus dem Holz.
Ich schaue nicht aus dem Fenster, sondern gegen eine Wand, an der hängen ein schönes Gesicht aus Stein und der kleine Stromboli; anders als sein Vater ist er kein Vulkan und wird Strombolicchio genannt. Er ragt kurz vor dem Horizont aus dem Meer.
Wenn ich anderswo schreiben muss, suche ich eine neue weiße Wand, und die Karawane zieht hinter mir her: Zirkustruppe mit Blechtier, Schildkröte und Aufziehvogel.

*

Ich schreibe auf einem Notebook, einem Maschinchen mit Touchscreen, das Berührungen mag: Beim Korrigieren stoße ich mit einem Kunststoffstäbchen auf falsche und falschgeschriebene, auf ungenaue und unschöne Wörter, auf Lücken im Text. Es ist eine sinnliche und eine entschiedene Handlung: ein kleiner, gezielter Stoß mit dem Stäbchen, ein gerichteter Sturzflug in den Text, wie ihn ein Raubvogel ausführt, nachdem er aus der Höhe seine Beute erspäht hat.

*

Häufig beginnt alles wie ein Spiel. Ein Bild taucht auf, eine Erinnerung, eine Wölfin mit dicken Zitzen schreitet langsam in meinen Text hinein, und ich frage mich, wo ihre Kinder sind. Ich schleiche der Wölfin hinterher, ich umkreise sie aus der Ferne, bis ich näher herangehen muss, weil ich sonst nichts erfahre.

*

Ich schreibe Bilder, ich verfolge den Film vor meinem inneren Auge, ich mache viele Worte um ein einziges Bild, und wenn es zuviele sind, streiche ich wieder welche weg. Ich will nicht, dass man alles erfährt. Die Zirkustruppe in meinem Kopf, all die schon bekannten aber auch die mir noch unbekannten Figuren, vom Direktor über den Artisten, die Köchin und deren Eltern, den Elefanten und die Wölfin, alle, bis hin zum Löwen im hintersten Käfig und den Motten im Mehl, haben ihre Rollen, doch sie wechseln sie gerne. Wer die Hauptrolle bekommt, klärt sich manchmal erst beim Schreiben.

*

Manchmal geht es auch so: Man stellt die Schuhe vor die Tür, hängt den Kopf an die Wand, dreht sich nicht mehr um und schreibt Großvater aufs Papier. Man denkt sich Blumen unters Bett und Aprikosen in die Marmelade, man fliegt ein wenig herum hinter den Augen und vermutet Verschwörungen zwischen den Zeilen. Dann steht Großmutter im Weiß.
Das ist schwieriger als erwartet und nur möglich, wenn die Kontrollstation im Kopf gerade schläft oder die Erlaubnis zum Ausruhen hat. Auch Schmuggelware gelangt nur ungesehen über die Grenze.

*

Beim Schreiben geht das Licht an. All die Gestalten und der Wald schauen aus dem Halbdunkel, einer winkt, einer schreit, einer ist komischer als der andere und jemand hat Schmerzen; ein Herr traut sich nicht mehr aus dem Haus, sein ganzes Leben bewegt sich hinter dem Bullauge der Waschmaschine, eine Dame will nicht mehr nach Hause, sondern auf Stelzen um die Welt. Es kann auch sein, dass ein Wind aufkommt, und der Wald und seine Tiere Geräusche machen.

*

Wenn es dem Text gelungen ist, mich für sich zu gewinnen und genügend auf dem Papier steht, gehe ich einen Schritt zurück, manchmal sogar drei oder vier. Zuweilen verschwinde ich ein paar Tage oder verstecke mich wenigstens hinter der nächsten Ecke. Solange führt der Text sein Eigenleben und ich das meine. Wenn wir uns wieder begegnen, beginnt eine Auseinandersetzung. Manchmal streiten wir uns. Es kann sein, dass der Text mich zwingt etwas wegzulassen, woran ich hänge. Manchmal nur eine Wendung, einen Satz, häufig aber auch ganze Szenen. Ich sortiere aus, ich stopfe den Second-Hand-Laden auf meinem Maschinchen voll mit gebrauchten Wendungen und Sätzen und Szenen und hoffe, dass ich sie dort irgendwann wieder herausholen, sie günstig kaufen kann, und alles zum richtigen Zeitpunkt.

*

Meist verschwinde ich mehrfach und komme mehrfach wieder zurück; ich lasse die Zirkustruppe und die Wörter für eine Nacht im Dunkeln alleine, aber am Morgen erscheine ich wieder und lese und lese, und wenn sich endlich zufriedene Überraschung einstellt über das, was auf dem Papier steht, pfeife ich laut durch die Finger, dann kommen ein paar neugierige und kundige Freunde um die Ecke und freuen sich und lesen auch.
Ich freue mich, wenn sie nach dem Lesen etwas zu sagen haben.

*

Immer entdecke ich beim Schreiben etwas neu: Die Welt, den Stoff oder die Erinnerung. Es ist durchaus möglich, dass am Ende nicht mehr viel übrig ist von dem, was einmal war.
Aber was einmal war, war der Anfang. Dazwischen lag die Arbeit.

*

… war langsam in meinen Text hineingeschritten, und ich hatte mich gefragt, wo ihre Kinder sind.

Sandra Hoffmann Vorgeschlagen von Heinrich Detering geboren 1967 in Laupheim, lebt in Tübingen. Nach der Ausbildung als Jugend- und Heimerzieherin Studium der Literaturwissenschaft, Mediävistik und Italianistik in Tübingen. Arbeit am Lehrstuhl für Komparatistik sowie für die Tübinger-Poetikdozentur. Seit Herbst 2002 freie Autorin.

Veröffentlichungen (Auswahl)
schwimmen gegen blond. eine erzählung in 52 tagen. C.H. Beck 2002.
Ich treibe Tierliebe – Zehn Gedichte. In: Ich bin nicht innerlich. Annäherungen an Gottfried Benn. Hrsg. Von Jan Bürger. Klett-Cotta 2003.
Als ich Pippi Langstrumpf zum ersten Mal in meinem Leben in echt sah. In: Sprung ins kalte Wasser. Hrsg. von Uwe Michael Gutzschahn. Hanser 2004.


Auszeichnungen
Stipendium der Stiftung Künstlerdorf Schöppingen 2002/2003.
Arbeitsförderstipendium durch den Bund deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg 2003/2004.

 


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