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„… Meine Erklärungen erklären nichts …“ Saul Steinberg
Es gibt zwei wunderschöne Sätze von Martin Mosebach, und die lauten so: „Ein Mongolenschamane sagte mir, daß ein Stein, der aus dem Boden gegraben werde, sich darüber jahrelang nicht beruhigen könne. Ich halte das für wahrscheinlich.“
Ich auch. Ich weiß nicht, was Sie jetzt denken, aber Martin Mosebach spricht mir aus dem Herzen. Wenn es einen Grund dafür gibt, wozu und zu welchem Ende der Mensch, zumindest ich, dichte, dann den, der Unruhe des Steins das Gehör zu verschaffen, das sie verdient. Ich bin kein sentimentaler Mensch, trage wenig Sehnsucht in mir und leide, in begünstigten Umständen lebend, nur wenig an der Welt. Woher also, werden Sie fragen, dieser buddhistische Schwulst, diese pathozentrische Überanstrengung, diese – das werden Sie wohl denken – Romantik?
Beseitigen wir als erstes die Missverständnisse. Alle Romantik ist mir fremd, ja geradezu abstoßend. Sie suchte, mit Novalis gesagt, überall das Unbedingte und fand, seufzend, nur Dinge. Das passiert schnell, wenn man im Stadtpark spazieren geht (Chamisso, der war in der Welt, einmal ausgenommen). Ich dagegen suche überall nur Dinge und finde in ihnen das Unbedingte. Ich will nichts Großes, jedenfalls noch nicht an diesem Punkt. Die großen Fragen des Daseins, Ziel, Sinn, Hoffnung, Glaube, Tod, die Menschen im Allgemeinen oder im Besonderen interessieren mich nicht, oder doch zumindest von Jahr zu Jahr weniger. Der mystische Funke ist daher nur über Umwege zu gewinnen, über Kleinigkeiten, aus unruhigen Steinen, halberzählter Geschichte, durchwachsenen Symbolen. Hatte die Romantik allen Ernstes geglaubt, die Natur hätte ausgerechnet im Menschen ihre Augen aufgeschlagen, um sich ihrer selbst bewusst zu werden, so sollten wir, die wir die philosophischen, technischen, literarischen und ökologischen Folgen dieser Anmaßung kennen, heute wieder etwas bescheidener sein. Große Bücher zielen heute aufs Kleine.
Wenn ich eine Poetik hätte, dann würde ich wohl sagen: Über die großen Dinge muss man immer ganz leicht hinweggehen. Bleiben also die Steine. Mein Buch Die Kosmonauten ist weit gehend den symbolisch zugehauenen Steinen gewidmet, einer vergangenen und doch nie ganz gestorbenen Atmosphäre im Geruch der U-Bahnschächte am Alexanderplatz, den flatternden Seelen in den wehenden Fahnen, der in jeden Naturstein gemeißelten zeitlos sozialistischen Antwort darauf, warum die Tiere im Ostberliner Tierpark so tun, als ob sie leiden. Ich bin sicher, dass der Palast der Republik weint, wenn sein ausgehöhltes entphysiologisiertes Skelett ihn noch weinen lässt; bei Bauwerken kenne ich mich da nicht so genau aus, aber das macht sie nur umso interessanter. Ebenso die Stalinallee, die ihren später angeheirateten Namen „Karl- Marx-Allee“ nie mochte, Stalin hatte ihr zur Geburt verholfen, Karl Marx nie; sie ist eine spröde alte Dame, noch immer schön, die viel zu erzählen hätte, aber mit mir nicht spricht. Das Schiff im Noor spielt auf einer kleinen dänischen Insel, die wunderschön ist, aber auch ein bisschen nach Nichts aussieht, man könnte hier wunderbar aufhören zu denken, und denkt doch weiter, denkt sich was aus und auf einmal sind es das Meer und die Wiesen, die das Bedeutsame stiften, vielfältig gespiegelt in Metonymien und Metaphern. Die Kornfelder tragen Wellen, das Meer steht starr unter dem Wind.
Alle diese vermeintlich toten Dinge haben eine Seele. Bei Menschen bin ich mir hingegen nicht so sicher. Um zu prüfen, ob auch sie klingen können und mehr sind als nur schlaue Antworten auf nicht gestellte Fragen, setze ich sie in die Räume meiner Wahl, die symbolischen, die Wort-Räume, die phantasmagorischen, die Metaphern und Allegorien – ich liebe Allegorien, ihre Seele ist auch unter Linguisten unbestritten. Die Menschen bewegen sich dann durch diese Kulissen, und es treibt sie mehr schlecht als recht vorwärts. Eigentlich sind alle meine Helden immer auf der Suche nach etwas, nichts Wichtiges vielleicht, aber etwas, das immerhin verhindert, dass sie nichts tun.
Das auffälligste Bindeglied zwischen den Menschen und den Kulissen sind Ordnungen, Reihen und Folgen. Ich liebe Systeme aller Art. Systeme haben oft eine zickige Seele, sind kapriziöse Geliebte und laufen leicht aus dem Ruder, aber wahrscheinlich sind sie trotz allem die beste Möglichkeit, mit den Dingen in Kontakt zu kommen. Meditation lehne ich ab, schon wegen des darin enthaltenen Tiefsinns: man versumpft leicht. Ein Buddhist hat mir erklärt, auch der Sinn der Meditation bestehe darin, sich am Ende leicht zu fühlen. Ich bevorzuge deutlich den umgekehrten Weg. Ich fange gerne leicht und beschwingt an und verweile auf halbem Weg im Ungefähren. Letzte Dinge langweilen mich. Ich will nicht wissen, woher wir kommen, oder wohin wir gehen. Mich interessiert nur eines: Was machen wir in der Zwischenzeit? Ich bin also ein sehr oberflächlicher Mensch, jedenfalls dann, wenn diese Oberfläche viel hergibt. Und das tut sie eben besonders in Ordnungen und Systemen. Naturphilosophen zum Beispiel meinen gerne, das Linnésche System habe der Natur den Geist ausgetrieben, dadurch, dass es sie inventarisiert hat. Ich bin da ganz auf Linnés Seite, was macht schon Spaß an der Natur, ohne System, man sieht ja gar nichts. Auch Menschen zu beschreiben, heißt sie zu systematisieren, ihnen zureichende Namen zu geben wie Adam den Tieren im Paradies, sie in Beziehungen zueinander zu stellen, sie zu ordnen und einzuordnen. Ein Schriftsteller ist immer ein Naturforscher, ein Buchhalter, ein Archivar. Mit anderen Worten: Ich liebe nicht das Leben, sondern all die schönen Dinge, die man darüber schreiben kann.
Ein sehr netter Kritiker hat über die Kosmonauten geschrieben, ich könnte sehr gut Menschen. Besser könnte ich nur noch Tiere. Das mit den Tieren stimmt, da beißt die Maus keinen Faden ab. Ich liebe Tiere. Sie stehen zwischen den einfach beseelten Bauten und den kompliziert unbeseelten Menschen – der Gedanke, dass die Seelenkapazität mit steigender Ausdifferenzierung des Gehirnapparates zunimmt, ist der wohl folgenschwerste Fehler der barocken Stufenfolge der Natur, der Scala Naturae, in Wirklichkeit ist es gerade umgekehrt – also die Tiere stehen irgendwo dazwischen und irren ihr Leben lang hin und her. Menschen dagegen irren vorwärts und bilden sich eine Menge darauf ein. Da Tiere der Seele der Dinge teilhaftiger sind als Menschen, wissen sie immer, was sie tun müssen. Die Menschen dagegen stehen vor den Tieren und suchen dort etwas, das ihnen selbst fehlt und das sie nicht finden, so dass ihnen nichts anderes übrig bleibt, als Süßigkeiten über die Absperrungen zu werfen. Die Teilhaftigkeit an der Seele der Dinge nennt man Instinkt. Ein klein wenig Instinkt haben auch die Menschen, es ist ihre Sehnsucht nach der Stein-Zeit. Die Tiere haben sehr viel Instinkt. (Kosmonauten übrigens auch, sie stehen zwischen den Tieren und den Maschinen. Außen sind sie aus Plastik, aber innen sind sie weich und schmackhaft.) Instinkt ist eine Ahnung, eine sehr bestimmte Ahnung. Die Steine brauchen keinen Instinkt, sie ahnen nicht die Richtung, sondern sind immer schon am Ziel, also ganz sie selbst. Menschen können nicht ganz sie selbst sein, ansonsten wären sie keine Menschen.
Dass ich gut Menschen könnte, wie Stephan Maus meint, ist eine sehr liebenswerte Übertreibung, die mich freut. Unberechtigte Komplimente schmeicheln mir weitaus mehr als berechtigte. Das war schon als Kind so. Ich wollte nicht süß sein, sondern stark. Was die Menschen in meinen Büchern anbetrifft, so habe ich in Wahrheit ein sehr begrenztes Repertoire und überlege, es in Zukunft noch weiter zu reduzieren. Wäre ich nicht Schriftsteller sondern Zeichner, ich ersetzte am liebsten alles Menschliche durch Stempel, so wie der späte Saul Steinberg. Alle Malerei gilt der Kulisse, Menschen interessieren mich oft als Mittel zum Zweck, damit sie auf einer Bühne herumstehen, bestenfalls als Träger von Ideen. Steine haben keine Ideen, sie haben ja ihre Seele; für Ideen sind sie zu selbstbezüglich. Ideen sind Vektoren des Geistes, der sich nach einer Seele sehnt. Der vollkommenste Zustand der Ideen ist die Poesie. Menschen haben keine Poesie, sie müssen sie machen; Tiere sind poetisch, Landschaften sowieso.
Schon Beckett hat die Menschen auf ähnliche Weise reduziert, freilich auf etwas stumpf Existenzielles. Alles Existenzielle schreckt mich ab, es führt zu nichts und macht schlechte Laune. Mich interessiert das Gegenteil: Menschen zu reduzieren auf etwas schillernd Nebensächliches. Am schönsten wäre es, jeden Menschen im Roman nur noch als Träger einer einzigen Idee zu beschreiben, einer Idee allerdings, die, auf diese Weise verkörpert, vorher noch nie da war (ansonsten wären es Karikaturen, und das ist ekelig). Robert Musil hat das mit den Figuren im Mann ohne Eigenschaften versucht und auch sehr schön gemacht, leider reden sie ein bisschen zu viel. Die Menschen in meinen Büchern sollen ihre Idee nicht erzählen, sondern nur verkörpern.
Kein Zweifel, auch ich liebe Dialoge; an der richtigen Stelle eingesetzt, fungieren sie innerhalb des Buches oft selbst als Allegorien. Genauer: Die Figuren meiner Bücher reduzieren sich über das, was sie sagen, auf das, was sie sind. Jeder andere Einsatz von Dialogen geht mir leicht auf die Nerven, er inauguriert eine Seele, wo keine ist. Die Summe des Gequassels manifestiert die Leere. Sollten Menschen jemals doch eine Seele gehabt haben, so ist jedes Alltagsgespräch, jede „Tagesschau“, jeder Börsenbericht und jede Bedienungsanleitung meines Computers die Manifestation ihres Mangels heute.
Aus diesem Grund schreibe ich nicht allzu viele Dialoge. Und ich dynamisiere die Handlung nicht, oder doch nur recht wenig über Rede. Das macht meine Bücher langsam. Ich selbst denke gerne: Es macht sie episch. Ich liebe das Epische, täte ich das nicht, schriebe ich Dramen oder Gedichte. Dabei mag ich Lyrik durchaus, zum Beispiel Ernst Jandl – echte Transzendenz. Seine Gedichte versetzen die Welt in einen Zustand, als ob die Menschen, die sie bewohnten, Seelen hätten. Wie schön!
Aber eben nicht meine Sache. Sowohl das Schiff im Noor wie die Kosmonauten sind sehr episch. Jede menschliche Regung steht im Zusammenhang mit der zeithistorischen Kulisse und jede zeithistorische Kulisse orchestriert eine menschliche Regung. Das macht viel Mühe beim Schreiben und manchmal auch etwas Mühe beim Lesen, aber es lohnt sich. Wenn alles zu Ende ist, lebt es weiter fort. Once upon a time in den idyllischen 80er-Jahren auf einer kleinen dänischen Insel, oder in der euphorisch-melancholischen Nachwendezeit 91/92 in Berlin. Zeitgemälde beides, ein Insel-Roman und ein Großstadtroman – aber im Paradox. Die Insel ist von den wenigen Zeichen und Menschen, die sich dort finden, erfüllt – der Held verlässt am Ende eine ganze Welt. Die von Symbolen wie von Menschen bevölkerte Großstadt hingegen ist leer, zurück bleibt eine Kulisse. („Das Brandenburger Tor stand herum und sah aus“).
Epik gestaltet Lebens-Räume, sorgfältig originalgetreue Modellierung einer Welt, die rechte Hand spielt die Handlung, die linke bindet die Motive und Metaphern. Ich habe in den Kosmonauten hunderte, wahrscheinlich Tausende von Metaphern gedrechselt. Ich habe die Geschichte von den Metaphern vorwärts treiben lassen und die Metaphern von der Geschichte. Ich habe die Geschichte mythisch überhöht, paradigmatisch stilisiert. Ich habe ihr etwas Archetypisches gegeben, weil Menschen mich, wie gesagt, nur im Kontext interessieren und Kontexte nur wegen der darin verschütteten Menschen. Ich habe einen Eastern geschrieben, analog zum Western. Ich habe Ostberlin in der Zeit nach dem Anschluss der DDR als Schauplatz gewählt, den wilden Osten, den ich gut kannte. Ich habe nacherzählt, wie die Kinder des Westens den Osten entdecken, die Trapper, Goldsucher und Glücksritter. Ich habe davon erzählt wie die Urbevölkerung in Berlin Mitte und anderswo zurückweichen musste – die Indianer. Ich habe geendet, als die Leute kamen, die das Feuerross bauten, die S-Bahnhöfe sanierten, die Infrastruktur schafften für das Kapital. Ich habe das Große im Kleinen gespiegelt und das Kleine im Großen. Am Ende bleiben die heimlichen Helden, die Räume, übrig. Die Helden verlassen die Kulisse, weil sie darin nicht mehr gebraucht werden, ob nun Jørgensen im Schiff oder Rosalie in den Kosmonauten. Nur Georg bleibt zurück, aber in einem Zustand, von dem man weiß: Georg wird in diesem Raum keine Rolle mehr spielen.
Zur Zeit schreibe ich Erzählungen, um den poetischen Funken aus einer Spar- und Bauvereinssiedlung zu schlagen, die sich über die vielen kleinen Geschehnisse meiner Jugend noch immer nicht beruhigt. Erzählungen, in denen selbstgeschnitzte Stempel in der angegraut pastellfarbenen Kleinstadtkulisse meiner Kindheit herumstehen. „Mond über Remscheid“ – Allegorien in denen alles ins Bild kommt, was mir so oft in den amerikanisierten Erzählungen meiner ebenso westlichen Altersgenossen fehlt. Geschichten also, in denen ausnahmsweise mal keiner Krebs hat, an den Tod denkt, stirbt, sich gespreizt langweilt oder gerade ein Zigarette raucht. Aber darüber reden wir ein anderes Mal.
Richard David Precht Vorgeschlagen von Daniela Strigl geboren 1964 in Solingen, lebt in Köln. Studium der Germanistik, Philosophie und Kunstgeschichte. 1992 bis 1995 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Köln. 1994 Promotion über Robert Musil. Seit 1995 journalistisch-essayistische Tätigkeit für Die ZEIT, FAZ, Frankfurter Rundschau, Geo, Deutschlandfunk, WDR und andere. 2002 bis 2004 Kolumnist bei der Zeitschrift Literaturen.
Veröffentlichungen (Auswahl) Die gleitende Logik der Seele. Metzler 1996. Noahs Erbe. Rotbuch 1997. Das Schiff im Noor. Roman. Luchterhand/Limes 1999 (gemeinsam mit Georg Jonathan Precht) Die Kosmonauten. Roman. Kiepenheuer und Witsch 2003.
Auszeichnungen Arthur F. Burns Fellow bei der Chicago Tribune 1997. Heinz-Kühn-Stipendium 1999. Stipendium des Europäischen Journalisten Kolleg Berlin 2000/2001. |