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Mittwoch, 16. Juni 2004

Legebericht eines Eis, vom Huhn selbst verfasst

 

Oskar, dem Eierfreund, gewidmet

Sonntag. Der Morgen dämmert bald. Es wird kein gewöhnlicher Morgen sein, sondern der Morgen meines nächsten Eis. Sehe in den Sehschlitzen der Batterie einen schwach dunkelroten Lichtstreif über unserem Wald aufsteigen. Wenn ich sage: unser Wald, so meine ich natürlich: der Wald unseres Eigentümers, des Bauern. Wenn ich sage: unser, so meine ich natürlich: Wir Hühner.

Die anderen schlafen, so scheint es, noch. Hier und da vernehme ich jedoch bereits schwache Gurgelgeräusche. Auch ein paar andere haben heute ihren nächsten großen Tag. Spüre sich etwas in meiner Kloake regen. Bald kommt es! Noch ist es nur ein leichtes Ziehen im Unterleib, doch weiß ich von meinen anderen Eierlegungen bereits, dass der große Moment nicht mehr weit ist. Bemerke, dass ich mich wie die anderen auch noch im Halbschlaf befinde. Als ich die Augen etwas weiter öffne, sehe ich halbrechts von mir auf einer Stange den Hahn, der seinen Kopf noch ins Gefieder gesteckt hält. Es ist ein schöner Hahn, sehr bunt, doch muss ich mich erst an ihn gewöhnen. Der Bauer hat ihn vor zwei Wochen auf dem Geflügelmarkt günstig erstanden, wie er zu seinem Freund sagte, mit dem er manchmal morgens hier bei uns eine Runde dreht. Es ist ein guter Bauer. Der alte Hahn ist tot.

Alle Hühner sind käuflich, übrigens, ebenso wie ihre Eier. Der Eierhandel ist so geregelt, hörte ich den Bauern einmal sagen, dass immer Eier produziert werden können, auch wenn sie keine Abnehmer finden. Mittelfristig gesehen gleicht die Lebenszeit eines Legehuhns die konjunkturellen Schwankungen des Eiermarktes aus, der noch dazu staatlich gestützt wird, was immer das heißen mag, der Bauer hat das seinem Freund so gesagt. Spüre jetzt ein stärkeres Ziehen im Bereich meines Kloakenschließmuskels.

Der Bauer ist groß, der Bauer soll leben! Er beschützt uns, seinem wachsamen Auge entgeht keine Gefahr. Seine starken Hände halten uns, wenn wir punziert werden. Er gibt uns Futter, lässt uns an warmen Tagen über den Hof spazieren. Manchmal streichelt er uns, wenn wir ihm ein Ei gelegt haben.

Letzte Woche waren Leute in schwarzen Anzügen da. Der Bauer redete mit ihnen über Europa und die Eierregelungen. Dann scherzten sie über Hühner, die goldene Eier legen. Überhaupt scheinen Menschen eine Menge Einsichten über die Metapher Huhn erlangt zu haben. Einer der Anzugträger meinte, dass auch ein blindes Huhn manchmal ein Korn findet. Wir essen zwar schon lange keine Körner mehr, aber ich kann versichern, dass blinde Hühner keine Körner finden können, denn ich kann dies im Selbstexperiment mit geschlossenen Augen nachprüfen.

Die Kloake eines Huhns wiederum scheint bei vielen Menschen dem Vernehmen nach ein Tabuthema zu sein. Sie wollen sich die Kloake nicht vorstellen, diese wunderbare Apparatur. Selbst die Anzugträger, die sich trefflich über das von ihnen so genannte „Henne- Ei-Problem“ unterhalten haben – was von beiden denn vorher da war –, denken offenbar niemals nur einen Moment über das viel aufschlussreichere Phänomen der Kloake nach. Ich will’s ihnen nachsehen; sie kaufen die Eier.

Es wird heller. Bemerke, dass heute sehr viele andere auch leiden. Vielstimmiges ziehendes Gurren schwelt in der Batterie. Das wird ein Eierfest für den Bauern! Mein rechter Flügel zittert. Langsam hebe ich mein Hinterteil. Der Hahn kräht, wie immer, dreimal. Der alte Hahn war unberechenbarer, kreativer. Er krähte an manchen Morgen nur einmal, manchmal gar nicht, manchmal den ganzen Tag lang. Hoffentlich stimmt die Nachfrage.

Alle, alle waren wir einmal Eier, Staub. Als Küken hat uns der Bauer umsorgt. Es zieht in meinem Unterleib. Kann mich nicht an mein erstes gelegtes Ei erinnern, aber es muss ein gutes Ei gewesen sein. Es wird mich gerettet haben vor der Schlachtung. Seit die Anzugträger hier waren, sind wir in der Batterie von rechts nach links nach Legeleistung aufgereiht. Ich befinde mich unter den am weitesten links aufgestellten Hühnern – fast zu wenig Produktion. Ist das der Grund, warum ich mich heute auf dieses Ei so freue? Die ganz rechts drüben wirken entspannter, soweit ich das während der zwei Stunden Ausgang an den warmen Tagen im Hof beurteilen kann. Wir hier links drüben wirken angespannt, nehmen kaum Nahrung auf.

Jetzt starkes Ziehen. Es kommt. Schmerzen. Undeutlich höre ich auch andere Hühner ziehende Schreie von sich geben. Die ersten Sonnenstrahlen brennen über unserem Wald. Da ist es! Ich werfe einen Blick auf mein Produkt. Es hat eine rötliche Schale. Es ist kurz vor Ostern – vielleicht wird es vergoldet werden; die Chancen stehen allerdings schlecht bei so vielen Eierlegungen heute. Möge wenigstens dieser Legebericht mein Ei unsterblich machen!

Thomas Raab Vorgeschlagen von Daniela Strigl
geboren 1968 in Graz, lebt in Wien. Studium der Naturwissenschaften in Graz, Wien und Berkeley. Nach mehreren Forschungsstipendien als selbstständiger Kognitionswissenschafter diverse Arbeiten in der Kunstbranche. Heute Schriftsteller, freier Wissenschafter und Übersetzer. Zahlreiche Veröffentlichungen in Literatur-, Wissenschafts- und Kunstzeitschriften, Vorträge, Beiträge in Künstlerkatalogen.

Veröffentlichungen (Auswahl)
Verhalten. Roman. Tropen 2002.


Auszeichnungen
Romstipendium des österreichischen Bundeskanzleramts 1999.
Literaturförderungspreis der Stadt Graz 2002.
Arbeitsstipendium des österreichischen Bundeskanzleramts 2003.

 


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