volltext.net

Mittwoch, 16. Juni 2004

Genie Royal

 

Schlechtgelaunt saß ich sinnend im Garten hinter der Villa des Deutschen Literaturinstituts Leipzig, als etwas in den Büschen raschelte und plötzlich hervortrat, nicht weniger grün als das Gebüsch selbst. Er sei Kulturbeauftragter, stellte er sich vor, vom Mars. Ob ich sagen könne, was ein „Junger Autor“ sei? – „Dem kann geholfen werden“, dachte ich, klemmte die Faust unter das Kinn und richtete den Blick in die Ferne. „Junge Autoren“, antwortete ich schließlich, „sind wie Critters: Klein und hinterhältig, und niemand weiß, wie sie aussehen. Es sei denn, sie treten im Fernsehen auf.“ Aber an irgendetwas müsse man sie doch erkennen? Vielleicht am Alter? „Nun ja“, entgegnete ich. „Alter ist eine relative Größe. Vor Kurzem noch galt ein Schriftsteller ab 40 als Junger Autor. Dann verfasste Benjamin Lebert sein erstes Buch – nach dieser Rechnung vor der eigenen Zeugung. Junger Autor kann man von minus fünf bis plus 55 Jahren sein.“ Aber es stimme doch, beharrte der Marsbewohner, dass Junge Autoren gelegentlich etwas niederschreiben? „Ach Schreiben“, seufzte ich und schüttelte den Kopf, „ist ebenfalls eine relative Größe. Meist heißt es, schreiben könnten Junge Autoren am allerwenigsten.“

Der Marsianer schaute verdutzt. Er hatte die terrestrische Debatte eingehend studiert und recherchierte für ein Feature über Fetische primitiver Kulturen. Schnell fasste er seine Resultate für mich zusammen: Entstanden ist die Junge Autorenschaft, weil Schriftsteller nicht wie Popstars zehn Jahre lang Gitarrenunterricht nehmen und sich die Augenbraue piercen müssen, trotzdem berühmt werden und morgens lange im Bett bleiben dürfen. Ihre Kampftaktik besteht darin, arglosen Lesern zu suggerieren, sie wollten ihre Bücher lesen und nicht die von Goethe, Mann oder Grass. So vergiften sie die abendländische Kultur, töten den Regenwald und reißen nach und nach die ganze Welt in den Abgrund. Ob das zuträfe?

„Hundertprozentig“, bestätigte ich. „Dennoch bemerkt es der Ungeübte nicht immer, wenn er einen von denen vor sich hat. Nehmen Sie im Ernstfall zuerst eine Geschlechtsbestimmung vor, denn die Weibchen sind noch gefährlicher als die Männchen. Sie heißen Fräulein Wunder oder Shooting Starlet und haben mehr Seiten als ihre eigenen Bücher. Und jetzt: Viel Glück und schönen Tag noch.“ Halt! Mir könne er es ja sagen: Gern finge er sich einen zu Forschungszwecken. Ob ich nicht wisse, in welchem Kaffeehaus man am ehesten welche träfe?

„Kaffeehaus?“ spottete ich. „Die guten Zeiten sind vorbei. Heute gibt es ein ganzes Trainingslager für Junge Autoren. Am Deutschen Literaturinstitut sammeln sich mindestens 100 von ihnen. Dort produzieren sie zum Getrommel ihrer Meister einen Erfolgsroman nach dem anderen und heben nur die Köpfe, wenn gelegentlich ein Journalist vorbeikommt, um zu fragen, ob man Schreiben überhaupt lernen kann. Und das …“, an dieser Stelle hob ich Stimme und Faust, „ist doch wohl eine berechtigte Frage. Schließlich verlangt Schöpfertätigkeit Genie. Gott hat auch kein Seminar in Welterschaffung absolviert.“ „Hätte er tun sollen“, meinte der Marsmensch und zückte einen Notizblock. „Und, kann man es lernen?“

„Die Jungen Autoren“, sagte ich, „geben darauf abwechselnd drei Antworten. Erstens: Ja, in der Grundschule, mit Griffel auf Schiefer. Zweitens: Nein, ich konnte das schon vor meiner Zeugung und habe mit minus fünf Jahren besser geschrieben als Grass mit 55. Drittens: Das Handwerk ist vermittelbar, aber Talent schadet auch nicht.“ Er selbst habe lange über eine Gegenfrage nachgedacht, wendete der Marsmensch ein. Warum störte sich nie jemand daran, dass Beethoven mit 24 noch Klavierunterricht nahm, dass Michelangelo ausgedehnte Lehrund Studienjahre hinter sich brachte und Picasso an der Kunstakademie in Barcelona studierte? Wieso hat keiner etwas gegen creative painting, creative sculpturing oder creative piano playing?

Ich nahm die Faust herunter und Dozentenpose ein: „Weil writing im Gegensatz zu den anderen genannten Disziplinen nicht notwendig creative ist! Das Arbeitsmaterial des Schriftstellers, die Sprache, steht jedem zur Verfügung. Sprechen, und damit in den meisten Fällen auch Denken und Schreiben, gehören zum grundlegenden ergo sum des Menschen. Was man vom Umgang mit Tonklumpen, Farbpulver oder Saiteninstrumenten nicht behaupten kann. Worin will ein Junger Autor sich üben? Etwas Unwägbares unterscheidet die Fähigkeiten eines Schriftstellers von denen seiner Artgenossen! Hebt ihn aus dem Kreis der Postkarten- und Einkaufszettelverfasser heraus! Wie Gelée Royale die Königin aus der Masse der Arbeitsbienen!“

Interessant, fand der Kulturbeauftragte aus dem All, eifrig kritzelnd, Genie Royal, schöne Überschrift, und das Ganze eine interessante, primitive Sicht der Dinge. Auf dem Mars, erklärte er, seien Umgangssprache und literarisches Sprechen zwei essentiell verschiedene Gegenstände. Literarischer Ausdruck habe mit der Niederschrift eines Einkaufszettels so viel zu tun wie das beliebige Anschlagen von Klaviertasten mit der Interpretation einer Beethovensonate. Ein Schriftsteller müsse Eigenschaften und Möglichkeiten der Sprache entdecken und studieren wie ein Bildhauer jene des Steins. Beim Bäcker werde er trotzdem nicht in Hexametern nach Brötchen verlangen. Vielmehr gleiche der Schriftsteller bei Verwendung der Umgangssprache einem Komponisten, der den ganzen Tag lang Alle Meine Entchen pfeift. Alle Meine Entchen werden nicht weiterhelfen, wenn er sich an die künstlerische Arbeit begibt.

„Und können Sie sich vorstellen“, fragte ich gereizt, „diese geheimnisvolle marsianische Literatursprache an einem Institut zu lehren, einem Teil der Universität, wohlbemerkt, auf dessen Korridoren es nach Kreidestaub und Gleichschaltung riecht? In Meisterklassen, wo der Lehrer mit dröhnender Stimme Regelkodizes und Benotungssysteme exerziert und zum Schluss ein Diplom verleiht, ein, ha!, Schriftstellerdiplom?“

So ein Haus wie dieses, sagte der Marsmensch und zeigte auf die Villa hinter uns, wäre vielleicht am ehesten der rechte Ort. Ich schaute das Gebäude an, als sähe ich es zum ersten Mal, und zuckte die Achseln.

 


<< zurück

    Nachrichten von Büchern und Menschen

    Montag, 14. Januar 2008  –  dradio.de

    Hans Magnus Enzensberger: "Hammerstein oder der Eigensinn. Eine deutsche Geschichte"

    Montag, 14. Januar 2008  –  Frankfurter Rundschau

    Das gedruckte Wort allein reicht schon lange nicht mehr aus, um Bücher zu verkaufen.

    Montag, 14. Januar 2008  –  taz

    Rumänische Kirche gegen "Satanische Verse"

    Montag, 14. Januar 2008  –  FAZ

    Im Gespräch: Wladimir Sorokin

     

    Montag, 14. Januar 2008  –  Die Welt

    Ein hochdramatisches Familienschicksal ist der Plot des Buches "Hammerstein oder der Eigensinn".

    Montag, 14. Januar 2008  –  Die Welt

    Seine Geschichte erinnert an Will Smith, der in "I am a legend" allein durch New York streift ...

    Montag, 14. Januar 2008  –  Die Presse

    Intensiv: Friedrich Hahn über die postmoderne Liebe.

    Montag, 14. Januar 2008  –  Die Presse

    Aus einem Prosaband von Andrea Winkler

     

    Montag, 14. Januar 2008  –  Die Presse

    Drago Jancars „Katharina, der Pfau und der Jesuit“.

    Montag, 14. Januar 2008  –  Die Presse

    Alfredo Bauer, Ruth Klüger, Felix Pollak, Stella Rotenberg und mehr als 270 weitere Exilanten sind...

    Montag, 14. Januar 2008  –  derStandard.at

    Hans Magnus Enzensberger gedenkt des Reichswehr-Generals Kurt von Hammerstein-Equord.

    Montag, 14. Januar 2008  –  derStandard.at

    Ulrich Peltzer erkundet den Zusammenhang von Politik, Liebe, Medientheorie und Überwachungskameras

    Montag, 14. Januar 2008  –  derStandard.at

    Spanischer Dichter starb im Alter von 82 Jahren

    Montag, 14. Januar 2008  –  NZZ

    Dass der Kanon oft das Ende der Debatten ist, lässt sich an vielen Versuchen zeigen, die Literatur...

    Montag, 14. Januar 2008  –  NZZ

    Hans Magnus Enzensbergers Recherche über General Hammerstein und seinen Kreis

    Montag, 14. Januar 2008  –  NZZ

    Michael Donhausers neue Prosagedichte

    Freitag, 11. Januar 2008  –  Berliner Zeitung

    Hans Magnus Enzensbergers Buch über den eigensinnigen General Kurt von Hammerstein

    Freitag, 11. Januar 2008  –  dradio.de

    Peter Handke: "Die morawische Nacht"

    Freitag, 11. Januar 2008  –  Frankfurter Rundschau

    Das grüne Archiv als Nachlass: Michael Hamburger war nicht nur Dichter, sondern auch Apfelzüchter.

    Freitag, 11. Januar 2008  –  Frankfurter Rundschau

    Enzensberger über Hammerstein