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Mittwoch, 16. Juni 2004

Ohne Worte

 

Onkel Josef war geizig. Aber wir Kinder mochten ihn. Natürlich hätten wir gern ein bisschen mehr zum Geburtstag bekommen oder mal ein kleines Geschenk zwischendurch. Doch daran war bei Onkel Josef nicht zu denken. Er war nun mal geizig. Wann er anfing, auch mit seinen Worten zu geizen, ist schwer zu sagen. Wortkarg war er schon immer gewesen. Anstatt zu grüßen, hatte er oft nur genickt. Bestenfalls etwas Unverständliches vor sich hingebrummt. Wir dachten uns auch nichts dabei, als er keine richtigen Antworten mehr gab. Es hieß einfach, Onkel Josef sagt kein Wort zuviel. Damit war die Sache erledigt.

Auffällig wurde es eigentlich erst, als er anfing, Buch zu führen über die Wörter, die er täglich verbrauchte. Onkel Josef hat Angst, dass ihm die Wörter ausgehen, sagten wir im Scherz. Doch war uns ganz und gar nicht zum Lachen zumute, wenn wir ihn stundenlang über seinen Tabellen sitzen sahen. Freuen konnte er sich nur noch, wenn es ihm gelungen war, den wöchentlichen Verbrauch um ein paar Wörter zu senken.

Wir setzten natürlich alles daran, ihn zum Sprechen zu bringen. Doch er passte auf wie ein Luchs, dass ihm kein unbedachtes Wort entschlüpfte. So machten wir uns einen Spaß daraus, besonders verschwenderisch mit unseren Worten umzugehen und alles doppelt und dreifach zu sagen. Doch bald ging uns auf, dass sich die Worte abnutzten. Je öfter man sie gebrauchte, desto weniger bedeuteten sie. Wenn man ein einziges Wort fünfzigmal hintereinander vor sich hinsagte, wurde es ganz leer, und es blieb nur ein Klang zurück. Onkel Josef dagegen kam mit immer weniger Worten aus, und die wurden immer wertvoller. Wir Kinder saßen stundenlang schweigend bei ihm, in der stillen Hoffnung, dass unsere Worte auch so viel wert würden wie seine. Doch sie bekamen einfach nicht das erhoffte Gewicht.

Es musste daran liegen, dass unser Umgang mit den Worten insgesamt zu leichtfertig war. Wir machten es also wie Onkel Josef und hielten den Mund. Auch in der Schule. Aber die Lehrer bestanden auf Antworten. Sie konnten es nicht ertragen, dass wir unsere Worte für uns behielten. Dabei waren sie selbst äußerst unbedacht in ihrer Wortwahl. Wenn sie sagten, sie hätten noch ein Wörtchen mit uns zu reden, wussten wir, dass ein Wortschwall auf uns niedergehen würde. Wir galten als mundfaul. Das war uns nur recht, denn damit hatten die Leute eine Erklärung und wir unsere Ruhe. Untereinander verständigten wir uns schriftlich. Nicht dass wir lange Briefe schrieben. Dazu waren uns die Worte zu teuer geworden. Auch beim Schreiben suchten wir das treffende Wort. Was zum Glück im Sinne der Lehrer war, so dass wir unsere Noten halten konnten. Irgendwann ging uns ein Licht auf. Onkel Josef hatte sich aufs Schreiben verlegt! Die Wörter, die er im Laufe eines Tages benutzte, ergaben einen Satz. Jede Woche hatte ihren Absatz, der Monat sein Kapitel und die Jahre schrieben Geschichten im Buch des Lebens, an dem Onkel Josef arbeitete.

Wir setzten alles daran, sein Geheimnis zu entschlüsseln. Dazu mussten wir seinen Wortverbrauch lückenlos protokollieren, was nur in den Schulferien möglich war. Abends saßen wir über seinen Gesammelten Worten und suchten nach einem Sinn. Hieß der Satz des Tages: „Wenn Ägypten ein Ei mit Rahmen gehört, muss ich das schneller, Zinnober?“ Oder: „Das Zinnober gehört Ägypten schneller, wenn ich ein Ei mitrahmen muss?“ Oder etwa: „Wenn ich ein Ei schneller mit Zinnober rahmen muss, gehört das Ägypten?“ Kam ausnahmsweise mal ein halbwegs verständlicher Satz heraus, wie: „Das und das geht trotzdem nicht für mich zu“, waren wir fast ein wenig enttäuscht. Um den Zusammenhang der einzelnen Sätze kümmerten wir uns vorerst nicht. Das wollten wir uns aufsparen für die Zeit nach den Ferien, wo es unmöglich war, Onkel Josefs Wortverbrauch vollständig zu überwachen.

Seltsam, dass uns nie Zweifel kamen. Im Gegenteil. Je wunderlicher das Projekt wurde, das wir Onkel Josef unterstellten, desto höher stieg unsere Achtung vor seiner Leistung. Später fragten wir uns manchmal, was sein wahres Motiv gewesen sein mochte: Sportlicher Ehrgeiz, mit immer weniger Worten auszukommen? Die Suche nach den letzten Worten? Oder war er doch nur ein Geizhals, der sich die Worte vom Munde absparte? Als es mit ihm zu Ende ging, keiner hatte damit gerechnet, von Krankheit keine Spur, da verlor er kein einziges Wort.

Rolf Schönlau (Vorgeschlagen von Heinrich Detering) geboren 1950 in Paderborn, lebt in Schlangen. Nach einem pharmazeutischen Praktikum Studium der Literaturwissenschaften und Psychologie. Literarischer Übersetzer aus dem Englischen (Eugene O’Neill, Donald Barthelme, Stephen Dixon, Studs Terkel u. a.) und Dozent im Bereich Deutsch als Fremdsprache. Freiberuflicher Autor. Schreibt für den Hörfunk. Organisiert die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für das Weserrenaissance-Museum Schloss Brake in Lemgo. Zahlreiche Erzählungen in Literaturzeitschriften und Anthologien.

Veröffentlichungen (Auswahl)
Ohne Worte. In: Leselust WDR 3 Mosaik. Hrsg. von Eva Weissweiler und Ulla Lessmann. Dittrich 1999.
Vom Niemandsland zum Sperrgebiet. In: Red Land – Blue Land. Hrsg. von Claudio Hils. Hatje Cantz 2000.
Wladimir und Waldemar. In: Und die Fische zupfen an meinen Zehen. Hrsg. von Rainer Engelmann. Sauerländer 2002.
Von nichts kommt nichts. In: Criminalis. Capricorn 2004.


Auszeichnungen Literaturpreis der Stadt Georgsmarienhütte 2000.

 


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