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Martin Walser im Gespräch mit Susanne Rössler über sein neues Buch "Der Augenblick der Liebe", die Wirklichkeitszulieferungen zu Romanen und die Frage, wozu man noch Bücher druckt.
SUSANNE RÖSSLER Erfährt man in Der Augenblick der Liebe, wie Männer Frauen sehen? MARTIN WALSER Ich weiß nicht, was Sie daraus lernen werden. Ich kann nur über mich sprechen: Beim Schreiben habe ich etwas über Männer und Frauen gelernt. Der Stoff, oder Anlass, wenn Sie so wollen, für dieses Buch ist 20 Jahre alt. Wenn ich so ein Projekt in den Notizbüchern habe, pflege ich es mit gelegentlichen Notizen. Nach 20 Jahren habe ich angefangen, diese Wirklichkeitszulieferungen zum Roman werden zu lassen. Und während ich etwas erzähle, erfahre ich etwas, was ich vorher nicht gewusst habe. Das ist der Sinn des Erzählens. Ich kann also nicht sagen, ob Frauen darin etwas über Männer erfahren oder Männer etwas über Frauen, ich kann nur über mich sprechen: Ich habe durch dieses Buch etwas über Männer und Frauen erfahren, deswegen heißt es auch Der Augenblick der Liebe. RÖSSLER Ist Liebe etwas, das nur für einen Augenblick aufleuchtet? WALSER Das ist die Quintessenz meines Romans. Diesen Augenblick gibt es nicht im Plural, es gibt also keine Augenblicke der Liebe, aber es gibt ihn immer wieder. Solang der dauert, meint man, das sei es jetzt, aber dann geht es wieder weiter, bis ein anderer Augenblick kommt. RÖSSLER Den anderen Augenblick löst im Roman eine andere Frau aus, in die Gottlieb sich verliebt. Er scheint zwei Frauen zu lieben, seine Frau Anna, und diese Beate. Geht das überhaupt, zwei Menschen gleichzeitig zu lieben? WALSER Das mag ich nicht formelhaft beantworten. Wie es in diesem Fall verläuft, wie es sich anfühlt, wenn es einen so zerreißt, erzählt der Roman. Letztes Jahr habe ich in Meßmers Reisen eine formelhafte Antwort auf diese Frage gegeben, weil der Meßmer sich damit beschäftigt. Wenn ich vage nachplappere, was er dazu sagt, dann wäre das folgende Antwort: Jede Frau ist so besonders, dass sie zu lieben keine Beeinträchtigung der Liebe zu einer anderen Frau ist. Weil es eine ganz andere Liebe ist. Dennoch ist das sehr schmerzlich, für alle Beteiligten. RÖSSLER „Die Ehe ist zwar eine Hölle, aber für einen Teufel ist es angenehm, mit einem Engel verheiratet zu sein“, sagt Gottlieb im Buch. Ist das auch Ihre Erfahrung? WALSER Man kann Literatur weder in Wirklichkeit übersetzen noch umgekehrt. Ich weiß, das ist schwierig zu verstehen, denn natürlich hat jede Romanfigur und alles, was in Romanen passiert, einen Anlass in der Wirklichkeit. Aber kein Anlass bleibt als dieser Anlass erkennbar, wenn er Literatur geworden ist. Natürlich bin auch ich da drin, aber ich schreibe mich um und um, bis ich nicht mehr ich bin, sondern eine Romanfigur. Man müsste ja keine Bücher schreiben, wenn kein Unterschied zwischen der Wirklichkeit und Romanen wäre. Aber ich sage Ihnen etwas: Die Leser interessieren sich kein bisschen dafür, wer dieser Gottlieb in Wahrheit ist, ob das vielleicht gar der Walser selbst ist. Das ist denen vollkommen egal. RÖSSLER Was interessiert die Leser denn? WALSER Aus den wunderbaren Briefen, die sie mir schreiben, weiß ich, dass die Menschen durch meine Bücher mit sich eine Erfahrung gemacht haben. Davon erzählen sie mir. Jeder Leser liest „sein“ Buch, mein Buch ist nur eine Anregung. Ich habe Kisten von fabelhaften Leserbriefen, die ich sogar gern einmal veröffentlichen würde. Jeder Leser ist eine Art Schriftsteller, der schreibt „sein“ Buch lesend, das merke ich an diesen Briefen. Und das weiß ich ja auch von mir selbst als Leser. Wenn man als Kind Karl May liest, dann fantasiert man sich da hinein. Aber die Leute interessieren sich nicht dafür, wer ist dieser Gottlieb wirklich, wer ist Anna, sondern nur, was sie von sich selbst in den Romanfiguren wiederentdecken. RÖSSLER Viele Kritiker werden Der Augenblick der Liebe als Fortsetzung von Martina Zöllners Roman Bleibtreu lesen, der letztes Jahr erschienen ist. WALSER Also, das ist doch absurd! Mein Roman hat nichts damit zu tun. Wie kommen Sie auf diese wahnsinnige Idee? RÖSSLER Bleibtreu wurde damals von einigen Rezensenten als Schlüsselroman bezeichnet, der von der angeblichen Affäre zwischen Ihnen und Martina Zöllner handle. WALSER Das hatte Bild-Zeitung-Niveau. Diese grauenhafte Sucht, hinter allem etwas zu suchen, anstatt sich einfach mit dem zu befassen, was in einem Roman steht. Darauf lasse ich mich nicht ein. Wer Frau Zöllners Roman gelesen hat – den ich übrigens für sehr gelungen halte – und meinen liest, wird niemals auf so abstruse Gedanken kommen. Oh Gott oh Gott, das ist alles furchtbar. Frau Zöllners Buch geht mich nichts an, ich hatte meinen Stoff ja schon vor 20 Jahren gefunden und ich hätte ihn nie verloren gehen lassen. RÖSSLER Erinnern Sie sich noch an den Anlass für dieses Buch? WALSER Ja natürlich. Aber deshalb hab ich ja das Buch geschrieben, dass ich es Ihnen so konkret nicht mehr sagen muss. Ich könnte alle stofflichen Zulieferungen der Welt zum Roman benennen, aber die sind nicht mehr wichtig. Dass etwas gewesen ist, dass etwas passiert ist, das macht es noch nicht erzählenswert. Es muss mit einem selber noch etwas passiert sein. Ich hätte dieses Buch vor 20 Jahren nicht schreiben können, als es diesen bestimmten Anlass gab. Das hat einen verwundet und alles mögliche mit einem gemacht, aber es wäre die pure Reportage geworden, und das interessiert mich nicht. Aber 20 Jahre später kann man halt schreiben. „Phantasie ist Erfahrung“, wie es auch der Meßmer in Meßmers Reisen sagt, schon im ersten Satz. RÖSSLER Es scheint dennoch vielen ein Bedürfnis zu sein, die Wirklichkeitszulieferungen in Romanen zu entschlüsseln. WALSER Ja leider, dagegen kann man wohl nichts unternehmen. Aber ich will Ihnen noch ein Beispiel geben: Ich habe ein Buch geschrieben, das heißt Brandung und spielt in Kalifornien. Ein bestimmtes Haus in Berkeley hat mir sehr gefallen, das habe ich im Roman benutzt. Dann kam Axel Corti, der berühmte österreichische Regisseur, und wollte das verfilmen. Er fragte mich, wo dieses wunderbare Haus genau steht, denn er möchte es anschauen. Und jetzt stellen Sie sich das vor: Ich wusste nicht mehr, wo dieses Haus steht! Die Wirklichkeit wird in Grund und Boden erzählt, sie verschwindet. Es gibt das Haus zwar noch, aber ich finde nicht mehr hin. So funktioniert Literatur. Ich könnte nicht schreiben ohne das wirkliche Haus, aber das Haus im Roman würde in der Wirklichkeit niemand wiedererkennen. Das ist ja in der Malerei nicht anders. Wenn Sie ein Selbstporträt von Max Beckmann anschauen – so hat der ja nie ausgesehen. Die Energie, die Geistigkeit in seinem Gesicht, die existentielle Zudringlichkeit, die der Kerl auf seinem Selbstporträt hat, das wäre zum Fürchten, wenn er wirklich so ausgesehen hätte. So malt man sich, aber so sieht man nicht aus. Beim Schreiben ist das genauso. RÖSSLER Warum schreibt man denn überhaupt noch Bücher, wenn die meisten Menschen ohnehin lieber fernsehen als lesen? WALSER Ich schreibe ja für mich! Ich brauche das Schreiben. Ich muss auf meine Erfahrungen so reagieren, dass ich sie aushalte. Ich muss etwas so schön sagen, wie es nicht ist. |