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Hal Fosters Comic-Epos Prinz Eisenherz.
Ich war sieben Jahre alt und nichts – kein Distanz schaffendes Wissen, kein ästhetischer Maßstab, kein guter geschichtskundiger Onkel vermittelte mich behutsam in das, was mir da als Weihnachtsgeschenk auf dem Schoß lag: Hal Fosters Ritter-Epos Prinz Eisenherz. Es wäre eine verharmlosende Untertreibung zu sagen, dieses Buch hatte leichtes Spiel mit mir. Wir beide, das lugte ich festlich hellsichtig bereits dem Umschlagbild ab, wir, Prinz Eisenherz und ich, wir hatten ein großes Spiel miteinander vor!
Die wenigen Erinnerungen, die mir von der Erstlektüre an den Weihnachtstagen des Jahres 1960 geblieben sind, haben noch heute euphorischen und zugleich gewaltsamen, also ekstatischen Charakter. Alles, was ich, das grandiose Muttersöhnchen, mir an Abenteuern bereits vorstellen konnte, fand sich in diesem Erzählen erfüllt, ja monumental gesteigert. Dazu drang auf jedem Blatt in Bild und Text so viel Neues, so viel unbekannter Welt- Raum auf mich, den Naiv-Frühreifen, ein, dass sich Seite für Seite eine großartige Angstlust genießen ließ. Niemand klärte mich darüber auf, dass Prinz Eisenherz, seine ritterlichen Freunde, seine edlen Gegner und seine erzbösen Feinde im 5. Jahrhundert nach Christus unterwegs sind. Und dass sich der römische Kaiser Valentinian, sein Feldherr Aetius und der Hunnenkönig Attila auch in der seriösen Historie finden lassen, blieb mir ebenso gründlich unbekannt. Fünf endlose Lektürejahre bemerkte ich nicht, wie Hal Forster Elemente einer viel späteren Ritterwelt, höfische Szenerien und Rituale des 13. Jahrhunderts, in diese Spätantike transplantiert. Mythische Gestalten wie König Artus und sein Zauberer Merlin, ja sogar drachenartige Sumpfungeheuer fügen sich in große epische Bögen, die von der angelsächsischen Eroberung Großbritanniens, vom Zusammenbruch des römischen Reiches, von der Entdeckung Nordamerikas durch die Wikinger oder von der Christianisierung Nordeuropas berichten.
Dieser Erzählraum war mir, dem aufgeweckten Kind, vielleicht ähnlich wie dem USamerikanischen Autodidakten und Eklektizisten Hal Foster, eine All-Zeit, die die unterschiedlichsten Stoffe zu einer einheitlichen Kunstwelt amalgamierte. So tauchte ich ein in eine Vergangenheit, die nicht von gegenwärtiger Historie, also auch nicht von kritisch bescheidwisserischer Rückschau kontrolliert wurde, sondern wie ein gefräßiger Moloch jede um Abstand bemühte Gegenwart durch die Wucht ihrer Bilder überwältigte und für den Zeitraum der Lektüre verschlang. Erst Jahrzehnte später sollte mir dämmern, wieviel moderne Angst, wieviel Rassismus, Technikvergötzung und Führersehnsucht in diesem Ritter-Epos mitschwingen. Meine Phantasie von diesen Bildgeschichten überwältigen zu lassen, blieb für viele Lektüren eine homogen gewaltsame und grandiose Erfahrung. Der Schauder der Gefahr, verschmolzen mit dem Schwindel gesteigerter Größe! Ist diese schlichte Mixtur nicht der unentbehrliche Brennstoff, just jenes magische Kerosin, das jeder männliche Heroismus, der des Knaben wie der des Mannes, für die Höhenflüge seiner Kampf- , Sieges- und Untergangsphantasien braucht?
Der gebürtige Kanadier Hal Foster war nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein prosaischer Held des US-amerikanischen Alltags, bevor er im Jahre 1937 begann die Comic-Seite Prince Valiant in amerikanischen Sonntagszeitungen zu veröffentlichen. Der 45-jährige Familienvater hatte damals, in den ersten Jahren der Roosevelt-Ära, wie die meisten Amerikaner harte Zeiten hinter sich. Meist hatte er sich als Plakatmaler und Reklamezeichner durchgeschlagen. Eine erste eigenständige Arbeit im Comic-Bereich, die Adaption von Edgar Rice Burroughs Tarzan hatte für eine gewisse Bekanntheit gesorgt, aber nicht zu einer dauerhaften künstlerischen Existenz geführt. Die Chance, eine selbständige Serie um einen eigenen Helden zu konzipieren, gab ihm erst der Comic-begeisterte Zeitungsmagnat William Randolph Hearst. Und Foster nahm mit der Ritter-Serie Prince Valiant eine Lebensaufgabe an, die ihn bis ins hohe Alter in ihren Bann schlagen sollte. Erst 1970 trat er die Zeichenarbeit ganz an einen jüngeren Mitarbeiter ab.
Was mir 1960 vor Augen kam, waren nicht die ursprünglichen großformatigen Zeitungsseiten, sondern die deutsche Ausgabe einer Version, die 1955 der amerikanische Romancier und Drehbuchautor Max Trell auf der Basis der Bildgeschichten erstellt hatte. Hier waren die einzelnen Zeichnungen oft ihrer Umrandung beraubt und unterschiedlich vergrößert worden. Hal Fosters sparsame Textzeilen hatte Trell durch eine umfangreiche Prosa-Erzählung ersetzt. Für den Badischen Verlag in Freiburg fertigte Dr. Paul Eitel- Deppe einen elegant historisierenden und raffiniert altertümelnden deutschen Text.
Viel mehr habe ich bis heute nicht über den Entstehungshintergrund meiner heißgeliebten Kindheitslektüre, über die Bibel meiner Grundschuljahre herausbekommen. Und der moderne Taglöhner Hal Foster, der sich Bild für Bild, Zeile für Zeile durch den Zweiten Weltkrieg und die Nachkriegsjahrzehnte strichelte, sowie die subalternen Textarbeiter Trell und Eitel-Deppe, die ihr Schreibvermögen in den Dienst einer den amerikanischen Markt überschreitenden Zweitverwertung stellten, sie bilden für mich seitdem ein exemplarisches Trio. Als kleine Hausgötter des Trivialen beschützen sie mein eigenes Schreiben. Zu dritt wachen sie darüber, dass ich den Leser – hochgebildet oder unbedarft! – wie eine kostbare Beute, als das Wild, das es stets neu zu überwältigen gilt, nicht aus den Augen verliere.
Georg Klein, geboren 1953 in Augsburg, lebt als freier Schriftsteller in Ostfriesland. Soeben erschien bei Rowohlt sein Roman Die Sonne scheint uns. |