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Dienstag, 14. Juni 2005

Guincho. A Roadstory

 

Ankunft, Bus und Taxi.
Es gab eine Zeit, da hat mich alles nicht interessiert, nur das Surfen. Genauer, Windsurfen. Ich hab mir Bretter schnitzen lassen von prominenten Shapern und bin zu Worldcups gefahren, außer Konkurrenz versteht sich. Und einmal bin ich mit einer Art Portugiesenlinienbus (jede Woche mittwochs neun Uhr ab Hauptbahnhof) nach Lissabon gefahren. Von dort aus mit dem Taxi nach Guincho. Die Taxen leuchten in Portugal, wenn sie besetzt sind, das fand ich verwirrend nach der langen Fahrt morgens um drei und eine Streife griff mich auf und hat es mir gutgelaunt erklärt und eins für mich angehalten. Guincho ist keine Stadt, sondern ein Strand, der westlichste Europas, glaube ich. Es war beinahe vier, als wir ankamen, dunkel und gleichzeitig sandhell, wie es am Meer immer ist, bevor die Sonne aufgeht. Der Atlantik rollte, kein Wind. Der Taxifahrer hat mich erst nach wiederholtem everythingisokay aussteigen lassen bei den Wohnmobilen hinter der Bretterbude an der man morgens einen unfasslich starken und süßen und in winzigen Plastikbechern verpackten Kaffee bekam. Große, sehr gepflegt aussehende Ratten gingen zwischen den Müllcontainern hin und her. Ich lehnte meinen Rucksack an einen Reifen und kletterte zwischen den Riggs und Brettern durch runter zum Wasser. Der Leuchtturm schickte sein Licht mit synkopischen Schwüngen ins Nichts. Ein Streuner trabte am ablaufenden Wasser entlang und in der dunklen Pfotenspur konnte ich die Wellenbewegung des Atlantiks nachlesen. Ich war angekommen im Paradies.

Strand, Begrüßung.
Jemand hatte mich beim Atlantikbegrüßen beobachtet. Ich spürte nicht den Blick im Rücken, sondern bemerkte die Anwesenheit des anderen an dem Gefühl, das meine Beine hochkrabbelte: Klamme Nylons, die sich selbst anzogen. Ich drehte mich um und der dunkle Schattenraum aus Segeln, Brettern, Wohnmobilen entließ eine Gestalt, die geradewegs und sehr zügig über den hellen Sand auf mich zusteuerte. Er hatte eine derartige Fahne, Rotwein, wie ein Fehdehandschuh schlug sie mir ins Gesicht. Alles an ihm war schwarz, die langen Haare, Augen, Bart, Klamotten. Ich dachte, das kann unmöglich ein Surfer sein, das ist der falsche Style. Er war groß, er war schnell. Eine Hand packte in die Knopfleiste meiner Jeansjacke und kippte mich nach hinten, die andere hatte mir mit zwei, drei kräftigen Rucken die Hosen runtergerissen. Ich schrie, er ließ mich sofort los. Dann ging er weg. Nicht dorthin, von wo er gekommen war, sondern am Wasser entlang. Dorthin, von wo der Hund gekommen war. Als ich mich wieder anzog, ging es mir nicht schlecht, oder ich habe es nicht bemerkt, ich war müde. Also rüttelte ich an dem Mobil, mit dessen Bewohner ich verabredet war. Und legte mich hin und schlief ein, sofort.

7 bis 8 Beaufort, 3 bis 5 Meter.
Am Morgen donnerten wunderschöne Sets gegen den Strand und die Wellenreiter hockten auf der Brandung wie Fliegen auf rohem Fleisch. Wenigstens solange, bis die Windsurfer umgeriggt hatten, denn nach der Flaute der letzten Tage blies ein konstanter, auflandiger Wind. Mein Wohnmobilwirt, ein Ravensburger, packte den Windmesser aus: 7–8. Zuviel für mich, aber er lieh mir sein Sturmsegel, einen lächerlich schmalen Fetzen, und ein Brett mit Minusauftrieb. Mir war klar, dass ich absaufen würde, aber darauf kam es jetzt nicht an. Dann sah ich den Weintrinker mit Brett und Segel den Strand runter sprinten. Er war es, sicher. Und ich packte mein Zeug und rannte hinterher. Die Salzschaumhölle war noch aggressiver als ich befürchtete hatte. Ich schluckte drei Liter Wasser in drei Sekunden und rupfte verzweifelt am Gabelbaum, um das jetzt tonnenschwere Segel so in den Wind zu stellen, dass es mich durch die Brandungszone zog. Zwischen zwei Brechern sah ich die Kollision: Ein Surfer-Boy von vielleicht zwölf Jahren machte einen Abgang, die Leach (das ist die Gummileine, mit der sich die Wellenreiter an ihre Boards fesseln, um sie beim Sturz nicht im Meer zu verlieren) spannte sich wie eine Bogensehne und katapultierte sein kleines Brett in den Kopf des Weintrinkers. Die langen schwarzen Haare umschlangen wie lebendes Seegras das grobe Gesicht, das in den grünweißen Schaum des Atlantiks blutete, als hätte jemand einen Stöpsel gezogen. Ich riss den Mastfuß aus seinem Brett (das Segel war sowieso frack), er klammerte sich daran. Wir schafften es tatsächlich zum Strand, so weit draußen waren wir ja nicht gewesen, sogar bis zum Bus. In all dem Blut konnte ich das Ausmaß der Wunde nicht wirklich erkennen, aber ich glaube, die Spitze des Bretts war an der Nase vorbei über das Jochbein in die Augenhöhle gerutscht. Ich ging zur Bude und kaufte ihm Eis. Er wickelte die Päckchen in ein T-Shirt und drückte sich das Bündel mit beiden Fäusten ins Gesicht.

Flaute.
Nach ungefähr zehn Tagen hörte das Auge langsam auf zu eitern. Die Schwellung verlor ihre Schwärze und die Leute sahen seltener weg. Jetzt, wo der Augapfel unter dem hängenden Lid wieder auftauchte, bemerkte ich den milchigen Schleier über der Iris, irgendein Sekret trübte die Linse. Ich war mir sicher, er war blind. Wir sprachen nicht darüber. Er nahm mir die Ray-Ban aus dem Gesicht und deshalb gehörte sie von da an ihm.

Parkplatz, Menschen.
Das Lager war voller Verlierer, voller nicht am Wasser geborener Menschen, die mehr oder weniger an ihrer Sehnsucht kaputt gingen. Der dünne Schweizer zum Beispiel, der einen riesigen Exkäsetransporter zur rollenden Wohnhöhle ausgebaut hatte, mit Küche und 2 mal 2 Meter Matratzen und vielen kleinen Kläppchen für sein Dope. Er musste kiffen gegen die Schmerzen: Beim Sturz auf ein Riff vor, ich glaube, Waimea Beach, hatte er sich die Beine zerrissen und die anschließende Infektion quälte seinen Körper noch immer. Viele Surfer holen sich im tropischen Wasser die Staffs (Staphylokokken) und bleiben dann dabei. Ein gedrungener Südtiroler, Ex- Speedweltmeister, wurde von den Manöverexperten als Geradeausfahrer verachtet. Er stopfte sich ununterbrochen mit Bananen voll, um im Brei den Verlust seiner Freundin zu verdauen. Sie war beim Paragliding abgestürzt. Nur hatte nicht der Ozean sie aufgefangen, sondern der Asphalt, Speedy hatte sie mit seinem Jeep hochgezogen, kein Punkt für Jackass. Der Ravensburger, in dessen Bus ich schlief, war einfach so eine Flasche. Das beste Equipment, das beste Mobil (Mercedes), der kleinste Schwanz. Der Blonde aus dem Allgäu hatte zwar einen ordentlichen Schwanz, aber kein Hirn. Sein Schweigen war einfach nur Nichtsprechenkönnen. Das war mir alles relativ egal, ich war zum Surfen hier. Sonst nichts. Es ist so romantisch wie dumm, sich in einen Surfer zu verlieben. Ist es windstill, schweigt der Süchtige auch, aus Wut. Und wartet. Und wenn es soweit ist, spielen sie draußen ihr wildes Spiel und der Wind führt und das Wasser gewinnt und sie schwemmen und wehen alle Kraft aus den Knochen. Der Einäugige war nicht so. Er fickte jede Nacht die zarte Brasilianerin, die eines Nachmittags angeschlappt kam, sich geduldig den Sand aus den Zehenzwischenräumen strich und anfing, die Kochplatten in seinem Bus sauberzumachen.

Aufbruch.
Der Parkplatz leerte sich, das Lager löste sich auf, der Zirkus zog weiter. Der Schweizer war irgendwann in der Nacht abgehauen. Der Ravensburger wollte auch nach Hause, der Hohlkopf wollte mit. Der Einäugige fing an, nach dem Mädchen zu treten, weil er Platz in seinem Bus machen wollte. Ich sagte, dass ich ein Zelt hätte und außerdem, dass ich mit ihm zurückfahren würde. Da ließ er sie in Ruhe, das Mercedesmobil holperte vom Parkplatz und ich fing an, die Stangen zusammenzustecken. Mitten auf der Brücke, der langen, majestätischen Ponte de 25 Abril über den Tejo, hat der Einäugige die Brasilianerin dann endgültig aus dem Bus geworfen. Sie schrie, sie heulte, sie musste sich übergeben. Ich habe ihr mein letztes einigermaßen sauberes Handtuch gegeben und bin wieder eingestiegen.

Spanien, Frankreich, passiert.
Ich habe nur wenig Erinnerungen an unsere Fahrt durch Spanien. Schilder, Richtungen, Ortsdurchquerungen, Schweigen. Kaum Pausen. Camargue, keine Pferde. Croisette? Palmen, vorbei. Die Tankanzeige war kaputt, man musste auf die Kilometer achten. Ich konnte mich aber nicht konzentrieren seitdem und er konnte die kleinen Zahlen nicht mehr lesen und deshalb blieben wir dann doch in einem Tunneleingang liegen, weit vorne, da, wo man sich noch nicht an die Dunkelheit gewöhnt hat. Einauge stieg aus und ging die Autobahn entlang in die Richtung, aus der wir gekommen waren. Ich dachte an meinen Vater und einen der tausend Tipps, die er mir zu allen Lebenslagen auf den Weg gibt. Also stieg ich auch aus, verließ den Tunnel und hockte mich hinter der Leitplanke in die Böschung. Es gab nichts in diesem Bus, an dem ich hing. Aber Einauge kam wieder und saß wie ein Barbarenherrscher auf dem absurden Fahrzeug eines Straßenarbeiters oder sonstwie für die Strecke verantwortlichen erbosten kleinen Pied-Noirs. Die Lastwagen tobten auf der linken Spur an uns vorbei und als der verdreckte Franzosenaraber, fluchend über unseren Leichtsinn, Benzin in den Bus kippte, griff Einauge mir in den Nacken und drückte den Daumennagel in die Vertiefung hinter der mein Kopf am Hals befestigt ist. Ich werde also über die Grenze nach Italien fahren. Ich sehe netter aus als er.

Gardasee, nachts.
Wir parkten wieder neben dem Schweizer Käsemobil, das unverschämt viel Platz wegnahm, bekamen ihn selbst aber nicht zu Gesicht. Seine Freundin sagte, er sei sick. Macht nichts. Wir spielen Backgammon. Wo sind wir? Ok, dann um Lire. Dann mussten wir noch das Piece aufrauchen, weil wir am nächsten Tag die Grenze zu Österreich passieren sollten, Einauge wollte nichts riskieren. Wenn ich sterbe, werde ich das Bild einer rosaroten Oleanderblüte vor Augen haben; es gibt kaum ein Ding, das ich in meinem Leben gründlicher betrachtet habe.

Österreich, Kärnten oder so und Wien.
In irgendeinem Dorf machten wir Station bei seiner Mutter. Für ungefähr zwanzig deprimierende Minuten. Ich sagte, ein Unfall, es ginge schon wieder. Ich konnte ihre Sprache nicht verstehen. Dann waren wir in seiner Wohnung in Wien. Einauge duschte und rasierte sich, das erste Mal seit fast zwei Monaten und sah fast aus wie ein Mensch. Im verzweigten Zimmerlabyrinth wohnten noch andere, sie interessierten mich nicht. Wir haben drei Tage lang getrunken. Und Einauge hat so getan, als sei ich seine Freundin.

Deutschland, zu Hause.
Ich lieh mir den Wagen meiner Mutter und führte Einauge zurück zur Autobahnauffahrt. Er musste zur Nordsee, an irgendeinem zweitklassigen Wettkampf teilnehmen, Geld verdienen. An der letzten Ampel stieg er aus und steckte mir einen Adresszettel durchs Fenster. Ich habe ihm nicht geschrieben, ich habe ihn nie wiedergesehen, wozu auch. Ich hatte ein Paradies verloren, er ein Auge. Wir waren quitt.

NATALIE BALKOW
Vorgeschlagen von Klaus Nüchtern

geboren 1968 in Köln, lebt in Mönchengladbach und Berlin. Studium der Sinologie, Anglistik, Germanistik und Theaterwissenschaften. Einziges Interesse während dieser Zeit: Windsurfen. Dramaturgie- und Regieassistentin am Theater. Arbeit als freie Regisseurin. Texterin in einer Werbeagentur. Heute freie Texterin. Zahlreiche Veröffentlichungen in Internetforen.

Veröffentlichungen: Prosafetzen.In: Der Dreischneuß,Ausgabe 13/2002. Colorado.In: /kladde.auf/die.reihe,Band 6/2003.

 


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    Freitag, 25. November 2011 

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