volltext.net

Montag, 24. Juli 2006

Dichten ohne Denken

 

Intertextuelle Interpretation von Manfred H. Freude

Wird das Gedicht gedacht oder gemacht, anhand von Celan Meridian Rede und der Todesfuge

 
…..Das Gedicht Todesfuge liest sich nicht, als sei es aus dem Denken des Dichters, als Erdachtes entstanden. Vielmehr ähnelt es einer Aneinanderreihung von Topoi die vor der Entstehung gesammelt wurden. Dies könnte auch die Hinweise von Czernowitzern erklären, die erste Entwürfe bereits 1944 gesehen haben wollen. Dies kommt auch den Plagiatvorwürfen näher. Am Rande bemerkt bin ich der Auffassung, dass Celan die Goll-Vorwürfe dahin gehend erregten, dass er sagen wollte: Das gerade nicht, von allen anderen ja. Hier und da etwas, ein Wort, eine Zeile entnommen aber nicht; gerade nicht von Goll.

 
Übereinstimmungen finden wir im Gedicht "Er" von Immanuel Weißglas

Im Gedicht "An einem Wintermorgen" von Mörike: "oh, pflaumenweiche Zeit der dunklen Frühe"; dto. von Rose Ausländer, Alfred Margul-Sperber, Moses Rosenkranz – Czernowitzer Metapherngeflecht –
 

Entstehung der Todesfuge:
1944 Entwurf; Herbst 1944 erste Entwürfe in Czernowitz (I. Weißglas, Chalfen S. 19); Frühjahr 1945 in Bukarest definierte Gestalt ( Mai 1945) 1947 veröffentlicht als "Todestango" 1952 veröffentlicht in "Mohn und Gedächtnis": das wären 8 Jahre vom Entwurf bis zur endgültigen Veröffentlichung.


Denken, kann und soll man einem Dichter weder abstreiten noch absprechen.

Ein Dichter steckt seine Sammlung Topoi in einen Luftballon, bringt ihn zum Platzen und ehe sie den Boden erreichen, entsteht das Gedicht.


Das Wort Plagiat ist in Bezug auf den Dichter reiner bullshit.


In der Todesfuge begegnet uns ein hervorragendes Beispiel, wie ein Dichter durch „ Nachdenken“ zu einem Gedicht kommt. Es ist eines der ersten Gedichte Celans. Wenn nicht das erste, das für ihn einen Paradigmenwechsel in seiner Dichtungstheorie bringt. Es ist nur zu bezeichnend, dass er sich späterhin rigoros von diesem Gedicht distanziert. Das hat, wie immer bei Celan, verschiedene Gründe. Seine Angst, seine Verletzlichkeit distanzieren ihn von den Angriffen, erzeugen Gegenangriffe, vergleichbar derer eines im Käfig gefangenen Raubtieres. Seine dichterische Fähigkeit steigt über dieses Können hinaus. Er entdeckt und entwirft neue Welten. Dieses Gedicht aber sieht er abgeschlossen. ( Von nun mehr im Übrigen alle Veröffentlichungen als abgeschlossen.) Das Gedicht bleibt, wie er erklärt, ein Grabmal. Er stellt es in den Friedhof der toten Gedichte. Er wünscht es in Ruhe zu lassen.



Wir fahren nach Paris und besuchen das Grab Heines. Wir sehen nicht den Friedhof, wir sehen nicht die Gräber. Wir erkennen nicht die Toten wie wir nicht die Gedichte erkennen! Wir zählen die Gräber ab. Den Weg, dann rechts hinter dem Baum liegt Heine. Wir suchen die Todesfuge im Gedichtband. Suchen unter D; falsch. Es heißt Todesfuge nicht die Todesfuge. Wir sehen das Grab, wir entfernen das Laub, wir richten die Blumen. Wir sehen Heine nicht, wir erkennen nicht Celan. Wir Warten dort. Aber wir haben vergessen zu beten. Wir vergessen das Gedicht laut zu lesen, zu wiederholen wie ein Gebet. Immer wieder machen wir uns an Worte ran, wie an einen Stein der auf dem Grab lag (Erinnerung) und spüren diesem nach, in welchem Haus er steckte, aus welchem Berg er stammt, von welchem Stern er kam.

Sie lachen? Lachen sie über die großen Namen auch großer Dichter und Kritiker die Celan auslachten beim Lesen der Todesfuge vor der Gruppe 47.



Der Dichter Celan war dies alles eingedenk.

 


<< zurück

    Dienstag, 19. September 2006 

    I. Spieglein, Spieglein an der Wand…

    Dienstag, 19. September 2006 

    Frau Klara Klarissima mag’s durch die Blume. So ein bisschen indirekt hat sie’s gern. Denn Kritik...

    Dienstag, 05. September 2006 

    Im 21. Jahrhundert wird die ganze Welt zunehmend zu vernetztem Global Village. Dank der enormen...

    Montag, 04. September 2006 

    ... außerdem muss ich mich glücklich schätzen es könnte doch wirklich um einiges schlimmer sein da...

    Montag, 28. August 2006 

    die Sonne fällt mit Salz auf meine Lippen- ich klau' Dir einen Kussder Himmelsrand ist viel zu...

    Montag, 28. August 2006 

    ich weiss ich werde schön sein in meinem Herbst (den riech’ ich schon, in stillen Stunden) meine...

    Donnerstag, 24. August 2006 

    Petronas, der König von Infologenien, herrscht in diesen Zeiten. Seine Gattin ist bereits in jungen...

    Donnerstag, 24. August 2006 

    Interfriend, wie man das auf Englisch, in der weltweit im Internet benutzten Sprache sagen würde....

    Dienstag, 22. August 2006 

    Sie standen im kalten Licht der Kunsthalle und lachten. Sie waren beinahe die Letzten. Was, schon...

    Montag, 24. Juli 2006 

    Intertextuelle Interpretation von Manfred H. Freude