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Sie standen im kalten Licht der Kunsthalle und lachten. Sie waren beinahe die Letzten. Was, schon eins? Die Ausstellung war eröffnet. Die Lesung gut gelaufen. Die Künstler blickten zufrieden. Man hatte die Presse auf seiner Seite. Man hatte einiges verkauft. Man stieß zusammen an. Auch Anna. Anna hatte die Lesung mit vorbereitet, die Bücher verkauft, den Sekt bereitgestellt und getrunken. Wegen der Stimme. Anna mochte keine Autoren, sie waren so wichtig, keine Maler, so eigene Maler, Anna mochte keine Lesungen, sie las auf dem Sofa, und Sekt schon gar nicht, wegen der Kopfschmerzen. Danach. Aber Anna mochte die Stimme. Und wenn die Stimme sie rief, sie anrief und fragte, kannst du kommen, kannst du helfen, es wird sicher schön, es wird ein besonderes Fest, du musst kommen, du musst dabei sein, du wirst gebraucht, hier und heute, dann sprang Anna auf, dann verließ sie das Sofa, das Zimmer, den Garten. Etwas in ihr folgte der Stimme und lief voraus, und Anna hatte das Gefühl, dies Etwas zog sie, und sie selbst würde sich von dem Etwas ziehen lassen, denn eigentlich war sie nicht der Mensch, der sprang, sobald jemand rief. Etwas lief der Stimme zu, rasend schnell, wie die Flüsse bei Hochwasser, und sie folgte schwerfällig, ließ sich ziehen, widerständig. Sie wusste, die Stimme gehörte jemandem. Oder zu jemandem. Die Stimme gehörte zu David. Also war es David, der sie angerufen hatte, und sie rannte zu David, obwohl David glücklich, in festen Händen, ein verantwortungsvoller, treu sorgender, all das war, rannte sie zu David und stellte sich vor ihn hin, manchmal mitten in den Weg, verwundert. Auch David blickte, wenn sie kam, wenn sie atemlos angerannt kam, verwundert. Er sah wie wütend sie war. Er wusste inzwischen wie wenig ihr an Ausstellungseröffnungen und Lesungen und Sektempfängen gelegen war. Er sah, dass sie trotzdem gekommen war, dass sie immer wieder trotzdem kam, dass sie auf ihn, einen David zugelaufen kam, sich ihm, David, in den Weg stellte, ihn ansah, erwartungsvoll, aber ohne Hoffnung. Er sah sie verwundert an, aber nicht deshalb. Er sah sie lange an. Das musste er tun. Er blickte sogar entsetzt, manchmal, wenn sie wütend, wenn sie aufreizend in ihrer Wut, vor ihm stand. Er wunderte sich. Aber nie wunderte er sich über sie, über ihr Kommen, ihr abwegiges Erscheinen. Was ihn wunderte war, dass seine Stimme sie gerufen hatte. Schon wieder. Er bot ihr noch Sekt an. Das musste er tun. Sie waren beinahe die Letzten. Die meisten waren gegangen. Einige standen am Ausgang, rangen um den Abschied und gähnten ungeniert. Niemand außer ihnen wollte noch trinken. Überall standen angefangene Flaschen. Morgen wird er ungenießbar sein, sagte er. Man soll nichts umkommen lassen, sagte sie und nahm ein Glas. Irgendeines. Und er nickte. Er wollte auch nichts umkommen lassen. Das kalte Licht befleckte ihr Gesicht. Warte, sagte er und hob die Flasche, um das Glas in ihren Händen nachzufüllen. Es war nichts dabei. Ein Glas nachfüllen. Nicht mehr. Aber die Stimme hatte mehr daraus gemacht. Er schämte sich für die Stimme, die zu leise sprach, gehaucht, anzüglich, die sich um ihre Schultern legte. Warm. Ein warmer Schal. Er gab sich einen Ruck, in dem Augenblick als sie zum Ausgang blickte, jemandem nachblickte, der sie vielleicht hätte mitnehmen können, der die gleiche Richtung, die gleiche Strecke oder ein Stück, der in die Finsternis kippte. Fort war. Er sprach lauter, andere hätten gemeint nüchtern, von der nächsten Lesung, sie würde doch kommen, er würde sie anrufen, er hoffe, es wäre in Ordnung. Der Autor sei wirklich etwas besonderes, ein wichtiger, ein schwieriger, aber guter, ein Freund, dem er helfen wolle, dem er helfen könne, als Galerist, also mit den Lesungen in seiner Galerie, und sie müsse kommen. Du musst kommen, sagte seine Stimme mit Nachdruck. Und plötzlich innehaltend, kommst du? Er schwieg dazu. Er war damit beschäftigt ein Glas aufzufüllen. Er musste vorsichtig sein. Aufpassen.
Und sie schien abwesend. Sie starrte auf seinen Hals, als säße dort eine Spinne. Etwas in ihr unterjochte seinen Nacken. Etwas zog schmerzhaft. Nicht der Kopf. Sie blinzelte gegen das kalte Licht, sein beflecktes Gesicht, den unterjochten. Sie seufzte. Sektschaum lief über den Rand des Glases. Er hatte nicht aufgepasst. Ihre Finger überlief Schaum. Das war zu viel, sagte er. Und sie lachte und rief, was soll’s, wir leben in einer Überflussgesellschaft. Und er fand, für eine verheiratete Frau lacht sie eigentlich zu laut. David hätte jetzt gern etwas zu dieser Sache gesagt, ganz nüchtern, etwas wie, das viele Spielzeug, was die Kinder so bekommen oder haben wollen und nicht bekommen oder die Süßigkeiten, die Mütter, die achtsamen, seine Frau, die geliebte, oder das Glück alles haben zu können, doch nicht alles haben zu müssen, zum Glück zum Glück stößt uns die Maßlosigkeit eines Lachens ab und zurück in den Hafen, zum Glück fängt sich ein David, hätte er etwas gesagt. Hätte er die Stimme erhoben. Aber die Stimme versagte ihm oder muss man sagen versagte sich ihm. Er schwieg. Er wartete noch auf ihre Antwort. Er hatte ihr doch eine Frage gestellt. Und es war die Frage, die sie bisher immer mit ja beantwortet hatte. Also, keine schwierige Frage.
Das kalte Licht befleckte ihre Gesichter, unterjochte ihre Nacken. Man trank. Man schob ein paar Stühle zusammen. Man lehnte die Klappstühle an die Wand. Man ließ sich nicht aus den Augen. Lehnte sich kurz an die Wand. Das musste man tun. Niemand war mehr in der Lage die Stühle auf den Dachboden zu tragen. Auf dem Dachboden hockte die Nacht. Man lehnte an der Wand. Kalkweiß. Man schwieg und hörte den Regen prasseln. Eine Tür fiel ins Schloss. Man wusste, die Nacht lagerte nun draußen, lauerte vor der Tür, spreizte die Beine. Niemand war mehr in der Lage den anderen anzusehen. Anna sah plötzlich die Bilder, Kunst, abstrakte Kunst, wie schön. Sie wollte Prospekte. Zu spät. David sah auf seine Armbanduhr. Dem Glücklichen schlägt keine Stunde. Ich werde dich fahren, sagte die Stimme. Man konnte endlich gehen. Warum zögerte man? Man sah die Nacht, den Regen. Jeder nahm etwas. Etwas schob sie hinaus in die Nacht.
Man lief durch den Regen. Die verregnete Nacht. Wie unangenehm. Prasselndes, gekühltes, perliges Nass. Aufgeregt trommelnd. Man bekam eine Gänsehaut. Man sah die Hände des anderen glänzen. Ihre Gesichter, die befleckten, erwachten unter den Schauern ausgegossener Finsternis. Seltsam. Sie blieben nicht stehen. Sie waren im Strom. Sie zerflossen in hinfließender Nacht. Im Gleichschritt. Schamlos. Die aus Lustschleusen geschleuderte Feuchtigkeit. Man muss nicht alles glauben. Angetauft. Geküsst. Erweckt. Man suchte immerhin. Die polierte Haut. Nein, ein Auto. Ein schützendes Dach. Die erhitzten Arme und Beine zitterten unter kühlen Regenschauern. Dennoch. Man gab sich nicht die Blöße. Sie suchte seine Augen, nur um zu sehen, was er sah. Sie sah, seine Augen sahen sein Auto. Endlich. Braves Auto. Treues Silberschiffchen. Man bestieg einen Ford. Anna war wieder munter. Geistesgegenwärtig. Ein Fluch. Was sie sagte, über Autos, verschluckte der Regen. David war zurück. Er wollte mitreden. Wegen der Bilder, der Kinder, der Reisen, wollte er sagen, doch. Er hörte, der Wagen sei sehr bequem. Auf Reisen, fragte sie. Auch.
(Auszug aus: ReiseLust, Storia-Verlag) |