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Donnerstag, 24. August 2006

Interfreundschaft

 

Interfriend, wie man das auf Englisch, in der weltweit im Internet benutzten Sprache sagen würde. Jeder kann ein bisschen Englisch, und so werden Freundschaften in aller Welt geschlossen.

Je mehr sich die Welt vor uns ausweitet, desto mehr nähern wir uns einander. Im ersten Moment klingt es paradox, es ist aber tatsächlich so. Was auch immer die Kritiker sagen, das Internet hat gute Chancen, Verbindungen zwischen weit voneinander entfernt lebenden Völkern herzustellen. Es können noch so viele Menschen auf dem Globus Chinesisch sprechen, und man kann sich – seit Jahrzehnten – noch so sehr bemühen, sich in Esperanto zu verständigen, es ist dennoch sehr wahrscheinlich, daß das Englische die Sprache war, ist und sein wird, die die Kontinente miteinander verbindet. Mehr schlecht als recht, ein wenig unbeholfen vielleicht noch, aber in fast jedem Land kennt man bereits das "Cyber-Englisch". Jeder kann das im Chatroom ausprobieren. Auch ich bin dort, wo man Musik runterladen kann. Das Chatten habe ich früher als Zeitverschwendung angesehen. Ich dachte, da kehren nur solche Leute ein, die mit ihrer Freizeit rein gar nichts anfangen können. Bis eines Tages, als ich am Computer saß und arbeitete, in einem kleinen Fenster auf meinem Bildschirm "hi" aufblinkte. Was ist denn das? – fragte ich mich. Hmmm. Was passiert schon, wenn ich zurückgrüße? So schrieb ich in das Kästchen: "hi" – und seitdem spreche ich tagtäglich mit der ganzen Welt. Mal mit Indonesien, mal mit Süd-Amerika, mal mit Grönland, mal mit Chile, mal mit Korea, mit Japan, ich kann sie alle gar nicht aufzählen. Es sind keine langen Dialoge, hier ist es noch zu früh, dort bereits zu spät, aber man kann spüren, daß die Leute überall genauso freundlich sind, überall dasselbe wollen. Einfach ein paar Worte wechseln, mit jemandem Freundschaft schließen, mit dem es sonst eigentlich unmöglich wäre.

Die Gespräche gleichen denen einer persönlichen Begegnung. Sie haben einen Anfang, eine Mitte und ein Ende, und wenn die andere Seite sympathisch ist, tauscht man die e-mail-Adressen aus. Ich zum Beispiel hüte stolz den Brief und das Foto jenes Rechtsanwaltes aus Brasilien, die er mir per e-mail geschickt hat. Ein kreolenhafter Typ, mit einem kleinen Lächeln, gut dick, aber umso goldiger, und er ist süß, wie er seine kleine Frau umarmt. Er erzählte mir mit seinem Grundschul-Englisch (und ich kann nicht einmal soviel) von seinem Land, von seiner Arbeit, von seinem Alltag. Er hat sein Leben mit mir geteilt. Ich habe wunderschöne Bilder über die Fischerbastei, über die Margaretheninsel herausgesucht und habe ihm auch Fotos von meiner Familie, von den Kindern geschickt. Wir haben einander geschrieben: "Vielleicht treffen wir uns einmal" – wir wissen, das wir es nie tun werden, aber das ist auch unwichtig. Vielleicht werden wir einander nach zwei weiteren Briefen nicht einmal mehr schreiben, aber in uns beiden lebt die Gewißheit, einen guten Freund gefunden zu haben: Ich einen in Brasilien, und er einen in Ungarn.

aus dem Ungarischen von Gizella und Sandra Hemmer

* Zoltán Zemlényi ist 35 Jahre alt und Autor mehrerer Bücher. Er zählt zu Ungarns neuer Literaturgarde. Sein mit vielen Preisen ausgezeichneter Bestseller mit dem Titel "Hopparesimi!", den er im Alter von 15 Jahren schrieb und der ihm die Aufnahme in den PEN-Club einbrachte, erschien in deutscher Übersetzung beim Hemmer Verlag, Frankenthal (ISBN 3-9806979-0-8) und wurde nominiert für den Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse: "Leipziger Buchpreis zur europäischen Verständigung – Literaturübersetzung ins Deutsche".

 


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