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Dienstag, 19. September 2006

Spieglein, Spieglein an der Wand

 

I. Spieglein, Spieglein an der Wand…

Androgyne Models mit blassen Gesichtern und verkoksten Nasen treten mit ihren Storchenbeinen auf den Laufstegen der angesagtesten Modedesigner: Lacroix, Versace, Lagerfeld, Hilfiger, Chanel und Co. auf. Unschuldige Lolitas mit ihren knabenhaften Silhouetten in Extra – Small - Size und einem melancholischen ein bisschen abwesenden Gesichtsausdruck spiegeln eine Art Sehnsucht nach unendloser Leichtigkeit, absoluter Grenzerfahrung, körperlicher Selbstdisziplin wider:

„Denn im Idealfall erhebt sich das Modell über den realen Körper, löscht die Pobacken oder die Hüfte aus, überwindet jede gewöhnliche Schwere, um eine abstrakte, ätherische, androgyne Virtualität zu erreichen zu versuchen (Hubert 2004). Es befindet sich jenseits der menschlichen Kontingenzen, es ist das Andere, das Göttliche“. (Jean – Claude Kaufmann 2006)

Die Angst vor der eigenen Weiblichkeit und vor dem Erwachsenwerden, die gesellschaftlich-berufliche Akzeptanz eines dürren Frauenkörpers, insbesondere in der Mode- und Filmbranche, der Perfektionszwang, aber auch schmerzhafte Kindheitstraumata sind für die meisten „Anorexia Nervosa“ - Patientinnen potentielle Auslöser der Magersucht. Die Massenmedien, die Lifestylemagazine sowie die Modeindustrie, die ihre neuesten Kreationen durch bedenklich unterernährte Laufstegmannequins bei internationalen Modeschauen vorführen lassen, forcieren das Bild einer übertrieben abgemagerten Frau. Heutzutage müssen die zukünftigen Models strenge äußerliche Kriterien erfüllen, um überhaupt von einer Modelagentur die Chance zu erhalten, in die Fußstapfen der derzeitigen Topmodels treten zu können. Ohne eine schmale Hüfte von maximal 90 cm und eine Mindestgröße von 172 cm mit einer sehr sportlichen, langbeinigen Figur und einem makellosen - das gewisse Etwas ausstrahlende - Gesicht kann sich die junge Frau von heute ihre Modelkarriere bereits abschminken. Sie werden in Castings aussortiert oder durch Modescouts entdeckt, wenn sie’s dann doch mal geschafft haben sollten, werden sie zigmal gemessen, gewogen, stundenlang frisiert und geschminkt, um fünf Minuten lang auf dem Catwalk zu defilieren. Der Schlankheitswahn betrifft momentan nicht nur fast alle Models sondern auch die Reichen und Schönen aus dem Showbiz:

„Sie leben im Überfluss, aber sie hungern sich zu Tode. Immer weniger Stars stehen selbstbewusst zu ihren weiblichen Rundungen (…). –Wie es die Magermodels auf den Laufstegen demonstrieren. Viele von ihnen stehen am Rand der Magersucht oder mittendrin. Zugeben will das freilich keine.“ (Österreich TV und People, 17.09 Sonntag)

Die klassische Anorektikerin verleugnet das eigene ausgemergelte Spiegelbild, indem sie sich immer viel zu dick, sogar fett empfindet. Obwohl sie im Endstadium fast nur noch aus Haut und Knochen besteht, an Haarausfall, Osteoporose, Blutarmut und andere verheerenden Mangelerscheinungen mit fatalen gesundheitlichen Folgen leidet, hält sie stur tagein tagaus an ihrer drakonisch - kalorienarmen Diät fest. Das ganze Leben dreht sich bei den prominenten Schauspielerinnen und Topmodels nur um das verhasste Essen: das Kalorienzählen, Abführmittelschlucken, Fett verbrennen, Fasten und Hungern… bis zum Tode. Es wird gemunkelt, dass feminine Stillikonen wie die die extrem mageren Hollywood-Schauspielerin Calista Flockhart und Keira Knightley, die modebewusste superschlanke Posh Spice, die skandalumwitterte Kate Moss, an einer akuten Essstörung leiden oder bereits dem Kokain verfallen waren. Wissenschaftliche Forschungen zeigen, dass jede zehnte Magersuchtpatientin an Auswirkungen der schweren psychischen Krankheit – ganz egal, ob ein Jet-Set-Girl von Weltruhm oder ein naives und introvertiertes Mauerblümchen aus der Nachbarschaft betroffen ist, stirbt.



II. von Genie und Wahnsinn

Janis Joplin soff Whisky wie Leitungswasser und nahm regelmäßig harte Drogen, Marilyn Monroe war von Schlaftabletten und Schmerzmitteln abhängig, Georg Trakl setzte seinem Leben mit einer Überdosis Kokain ein Ende, die Rocklegende Jimi Hendrix erstickte nach einer Alkoholvergiftung am eigenen Erbrochenen, Ludwig van Beethoven starb an Leberzirrhose vom Alkohol ausgelöst und Romy Schneider erlag an einem Herzversagen.

Der heroin- und alkoholsüchtige Bassist der britischen Punkgruppe „Sex Pistols“ Sid Vicious, der aus einer total zerrüttenden sozial schwachen Familie erstach am 11. Oktober 1978 im legendären Chelsea Hotel seine Freundin Nancy Spungen, eine ehemalige Prostituierte. Der Punkrockmusiker starb 21- jährig an einer Überdosis Heroin:

„Sid war der Sohn einer allein erziehenden Heroinabhängigen. Schon als Jugendlicher hatte er einen Sinn für Gewalt, Anarchie, Chaos und Rebellion. Er tötete und verstümmelte Katzen. Er wurde einmal verhaftet, nachdem er auf einem Rockkonzert angeblich ein Glas in die Menge geworfen hatte, wodurch ein Mädchen ein Auge verlor. Sid wurde jedoch freigesprochen.“ (Borwin Bandelow 2006)

An Depressionen und manisch – depressiven Angstzuständen litten die größten Schriftsteller, u. a. Charles Dickens, Ernest Hemingway „Depressionen und Alkohol begleiteten ihn die meiste Zeit seines Lebens, das er nach langer Krankheit selbst beendete.“ (Wikipedia) und Emile Zola sowie der Maler Rembrandt oder der Absinthsüchtige und an Epilepsie leidende Vincent van Gogh. Die Alkoholkrankheit und die tiefen Depressionen führten den französischen Künstler Henri de Toulouse – Lautrec zum Delirium tremens. Heroinspritzen, Schmerztabletten, chronische Magenbeschwerden und mehrere Suizidversuche prägten das kurze aber dafür extrem intensive Leben der Musiklegende Kurt Cobain.

Genie und Wahnsinn? Jemand, der anders tickt, psychische Störungen aufweist, wie: „Niedergeschlagenheit, seelische Verstimmung, traurige Stimmung“ (Duden), übersensibel reagiert und durch heftige Panikattacken – Schweißausbrüche, Wutanfälle, Herzklopfen, Zittern am ganzen Körper, Rotwerden, etc. in quasi jeder banalen Stresssituation gequält wird, entpuppt sich als kreativer Künstler wie der selbstverliebte Narziss Robbie Williams, der egoistische Exzentriker Klaus Kinski oder der infantile Sonderling Michael Jackson, der einfach nicht erwachsen werden will?

 


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