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Montag, 07. Juli 2008

Liquidierte Identität

 

Ödön von Horváth: Ein alter Österreicher im neuen Berlin. Anmerkungen zu seiner Biografie und zur Aktualität seiner Texte. Von Klaus Kastberger

Der Ast, der Ödön von Horváth vor ziemlich exakt siebzig Jahren, am 1. Juni 1938, auf den Pariser Champs-Elysées erschlug (in Wahrheit war es ein halber Baum), schämt sich immer noch. In Josef Haders Kabarettprogramm Privat verfällt er auf die Idee, sich als Ausgleich dafür, dass er den Tod eines guten österreichischen Dramatikers verschuldet hat, auf einen schlechten zu stürzen. Als Antwort auf die Frage, wer das denn sein könnte, kommt: Gabriel Barylli. Das ist gemein, aber eines Autors wie Horváth würdig.

Wer war Ödön von Horváth? Diese Frage zieht sich durch die Auseinandersetzung mit seinem Werk und seiner Biografie und hat in den vielen Jahrzehnten, in denen man sich jetzt in der Literaturwissenschaft, auf dem Theater und in der Schule damit beschäftigt, teilweise widersprüchliche Antworten hervorgebracht: Für die einen ist Horváth, dessen große Volksstücke nach ihren Erfolgen in der Weimarer Republik erst eigentlich mit der 1968er-Bewegung neu entdeckt wurden, ein sozialkritischer Autor. Er brachte die großen sozialen Fragen seiner Zeit so auf die Bühne, dass man sie bis heute als zeitgemäß empfindet.

Ein alter Freundeskreis des Autors in Österreich bemühte sich nach 1945 um eine andere Sicht. Man las Horváth (und auch diese Lesart ist in Inszenierungen bis heute aktuell) metaphysisch. Nicht umsonst war das späte Stück Der jüngste Tag – ein Drama, in dem anhand eines Eisenbahnunglückes die Schuldfrage nicht nur eines einzelnen, sondern eines ganzen Dorfes verhandelt wird – das erste, das man nach der Befreiung vom Nationalsozialismus noch im Jahre 1945 in Österreich (am Theater in der Josefstadt) zur Aufführung brachte. Die Geschichten aus dem Wiener Wald hingegen, drei Jahre später am Wiener Burgtheater, wurden zu einem der ersten handfesten Theaterskandale der Zweiten Republik.

 


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