Die kommenden Jahre

Aus dem neu­en Roman von Nor­bert Gst­rein
Norbert Gstrein © Gustav Eckart

Am 19. Febru­ar erscheint der neue Roman von Nor­bert Gst­rein. Foto: Gus­tav Eck­art

In einem knap­pen hal­ben Jahr soll­te der neue ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­dent gewählt wer­den, und die Stim­mung, die auf der Tagung in New York herrsch­te, brach­te am bes­ten die Tat­sa­che zum Aus­druck, dass von ein­hei­mi­schen Teil­neh­mern immer wie­der der Satz zu hören war, wenn das Schlimms­te ein­trä­te, würden sie nach Kana­da aus­wan­dern. Ich hat­te ein Sab­ba­ti­cal und war überhaupt nur hin­ge­fah­ren, weil unter den Orga­ni­sa­to­ren auch mein Freund Tim Mar­ko­wich aus Mont­re­al war und er mich gedrängt hat­te, einen der Vor­trä­ge zu hal­ten, ver­bun­den mit der Ein­la­dung, danach noch für ein paar Tage zu ihm an den St.-Lorenz-Strom zu kom­men. Also hat­te ich mei­nen Dau­er­bren­ner über Tro­pen­glet­scher mit neu­en Daten auf­be­rei­tet und ein Exzerpt ein­ge­reicht. Ich hat­te nicht nur auf dem Mount Kenya und dem Kili­man­dscha­ro, son­dern auch in der Cor­dil­lera Blan­ca in Peru und, solan­ge es dort noch einen Glet­scher gege­ben hat­te, auf dem Chacal­ta­ya in Boli­vi­en im Eis gear­bei­tet und konn­te mei­ne eige­nen Mess­wer­te und Beob­ach­tun­gen aus vie­len Jah­ren her­an­zie­hen. Zwar hat­te ich mir vor­ge­nom­men, mich wenigs­tens ein paar Mona­te gar nicht mit dem The­ma zu beschäf­ti­gen, wozu auch gehör­te, mög­lichst kei­ne Kol­le­gen zu tref­fen, aber Tim eine Bit­te abzu­schla­gen fiel mir schwer. Obwohl das sonst nicht sei­ne Art war, hat­te er zum ers­ten Mal an mein Gewis­sen appel­liert und mit einem für sei­ne Nüchternheit erstaun­li­chen Pathos gesagt, wir dürften kei­ne Gele­gen­heit aus­las­sen, der Welt vor Augen zu führen, dass das ewi­ge Eis kei­nes­wegs ewig sei. Es gibt immer noch die Unver­bes­ser­li­chen und Ewig­gest­ri­gen, die alles leug­nen, aber seit jeder Poli­ti­ker mit auch nur einem Fun­ken Ver­stand kaum umhin­kommt, Kli­ma­wan­del und Erd­er­wär­mung in sei­ne Lita­nei­en ein­zu­bau­en, ist unse­re Exper­ti­se mäch­tig auf­ge­wer­tet, weil wir als Wäch­ter der gefro­re­nen Rie­sen ange­se­hen wer­den, die vom Aus­ster­ben bedroht sind. Die Auf­merk­sam­keit hat der Pro­fes­si­on nicht immer gut­ge­tan, und auch bei die­sem Tref­fen fehl­te es nicht an War­nern, die mit Zah­len jon­glier­ten, als ob die Welt noch in unse­rem Jahr­hun­dert unter­gin­ge, und ihren Befund mit Schre­ckens­bil­dern illus­trier­ten, gan­ze Län­der ver­schwun­den, hal­be Kon­ti­nen­te unter Was­ser, die Men­schen zusam­men­ge­drängt auf ein paar her­aus­ra­gen­den Gebirgszügen, Über­le­ben­de einer bibli­schen Kata­stro­phe. Wir wur­den immer nach Grenz­wer­ten gefragt, sound­so vie­le Grad wär­mer bedeu­te­ten sound­so vie­le Zen­ti­me­ter Anstieg der Ozea­ne, natürlich eine Ver­ein­fa­chung, aber sobald die Jour­na­lis­ten dazu­ka­men, mal­te sich aus schie­rer Angst­lust einer aus, was pas­sier­te, wenn das Eis an den Polen ganz abschmel­zen würde, und wel­che Gebäu­de etwa in Man­hat­tan dann überhaupt noch ab dem wie­viel­ten Stock­werk aus der gren­zen­los sich aus­brei­ten­den Wasserwüste rag­ten. Dabei war das mit den Zah­len so eine Sache, und Tim hat­te sich ein­mal in Schwie­rig­kei­ten gebracht, als er sag­te, dass man über die wirk­lich wich­ti­gen Para­me­ter, von denen alles abhän­ge, viel zu wenig spre­che. Er hat­te auf die Fra­ge eines Inter­view­ers, was er glo­bal für die zwei wich­tigs­ten Maß­nah­men im Umwelt­schutz hal­te, durch­aus ernst, wenn auch flap­sig geant­wor­tet, die Erd­be­völ­ke­rung dras­tisch zu ver­rin­gern und bei dem dann übrigbleibenden Hau­fen den durch­schnitt­li­chen Intel­li­genz­quo­ti­en­ten eben­so dras­tisch zu erhö­hen, und war dadurch ins Visier von Stu­den­ten sei­ner Uni­ver­si­tät gera­ten, die ihm Zynis­mus vor­war­fen, mit Trans­pa­ren­ten vor sei­nem Insti­tut auf­mar­schier­ten und eine öffent­li­che Ent­schul­di­gung ver­lang­ten.

Norbert Gstrein – Die kommenden Jahre

Nor­bert Gst­rein: Die kom­men­den Jah­re

Ich hat­te Tim Anfang der neun­zi­ger Jah­re des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts bei dem gro­ßen For­schungs­pro­jekt auf dem Juneau-Eis­feld in Alas­ka ken­nen­ge­lernt. Wir waren zwei jun­ge Wis­sen­schaft­ler gewe­sen, bei­de bei unse­rem ers­ten inter­na­tio­na­len Feld­ein­satz, und die gemein­sam auf dem Eis ver­brach­ten Som­mer­wo­chen, Hit­ze und Käl­te schweiß­ten und fro­ren uns blei­bend zusam­men. Man muss nicht soweit gehen zu sagen, dass die­se Art Arbeit einen bestimm­ten Men­schen­schlag anzieht, aber in der Iso­la­ti­on der Wild­nis, in der Gleich­för­mig­keit der Tage ohne die Annehm­lich­kei­ten oder auch nur Ablen­kun­gen einer Stadt wird doch jeder zum Cha­rak­ter. Für Tim, der manch­mal Wochen allein in den Ber­gen ver­brach­te, aber unter Leu­ten dann nichts davon aus­strahl­te und sich bis zur Selbst­ver­leug­nung umgäng­lich gab, galt das dop­pelt. Hin­ter ihm auf Ski­ern auf den fer­nen Hori­zont zuzu­lau­fen, der bloß durch ein paar aus der schier end­lo­sen wei­ßen Flä­che ragen­de wei­ße Spit­zen mar­kiert war, ließ einen ahnen, dass es ihn über den letz­ten sicht­ba­ren Punkt hin­aus­zog und nur die Vor­ga­ben der Arbeit ihn dar­an hin­der­ten, wei­ter und wei­ter zu gehen. Nicht nur, dass er den Mount McKin­ley bestie­gen und ande­re alpi­nis­ti­sche Hoch­leis­tun­gen vor­zu­wei­sen hat­te, für die er genau­so­viel Respekt wie Unver­ständ­nis ern­te­te, er war bei unse­rer Expe­di­ti­on gewöhn­lich auch der ers­te am Mor­gen, der die Hütte ver­ließ, hat­te schon die Mess­in­stru­men­te überprüft, Feu­er gemacht und Tee­was­ser gekocht, wenn wir ande­ren auf­stan­den, und kehr­te am Abend als letz­ter zurück, brütete dann noch im schwin­den­den Licht über sei­nen am Tag gemach­ten Auf­zeich­nun­gen. Es war eine sei­ner Extra­va­gan­zen, dass er sich immer vor dem Schla­fen­ge­hen rasier­te, wäh­rend die meis­ten ihre Bär­te sprie­ßen lie­ßen, und danach zog er gern einen absurd wei­ßen Ano­rak mit einem rie­si­gen roten Ahorn­blatt auf der Brust und der Auf­schrift CANADA auf dem Rücken an, als woll­te er damit eine letz­te Zuge­hö­rig­keit demons­trie­ren.

Auf­ge­wach­sen in einem klei­nen Dorf in der Nähe von Cal­ga­ry, hat­te er kaum mei­nen Namen gehört, als er mich nach mei­nem Bru­der frag­te, der erst weni­ge Jah­re vor unse­rem Ken­nen­ler­nen bei den Olym­pi­schen Spie­len dort auf dem Weg zur siche­ren Gold­me­dail­le im Sla­lom kei­ne fünf Sekun­den vor dem Ziel einen Feh­ler began­gen hat­te, der ihn den Sieg kos­ten soll­te. Als Jugend­li­cher war Tim selbst Ski­ren­nen gefah­ren und in den Pro­vin­zen Alber­ta und Bri­tish Colum­bia einer der bes­ten Abfah­rer gewe­sen. Man hat­te ihm ange­sichts sei­nes Mutes und der Rück­sichts­lo­sig­keit, mit der er sich die Hän­ge hin­un­ter­stürz­te, früh pro­phe­zeit, er wer­de sich ent­we­der das Genick bre­chen oder Kar­rie­re auf den Welt­cup-Pis­ten in Euro­pa machen, was dann ganz anders kam. Er fuhr eine sech­zehn­jäh­ri­ge Schü­le­rin über den Hau­fen, wie er es selbst for­mu­lier­te, und es war ein­zig und allein sei­ne Schuld. Ohne sich zu ver­ge­wis­sern, ob jemand dahin­ter­stand, war Tim in vol­ler Schuss­fahrt über eine unüber­sicht­li­che Stel­le gesetzt und hat­te das Mäd­chen im Sprung mit der mes­ser­scharf gefeil­ten Kan­te sei­nes Skis am Hals erwischt. Als er sich noch im Abschwin­gen umwand­te und mit zusam­men­ge­knif­fe­nen Augen den Hang hin­auf­blick­te, war im Schnee schon ein Fleck hell­ro­ten Bluts zu sehen gewe­sen, der sich mit sei­nem eige­nen Puls­schlag aus­zu­brei­ten schien.

Ich war einer der weni­gen, denen er die Unglücks­ge­schich­te selbst anver­traut hat­te, wäh­rend die ande­ren sie nur vom Hören­sa­gen kann­ten. Wir waren mit­ten auf dem Eis­feld von einem Schlecht­wet­ter­ein­bruch über­rascht wor­den, und weil die nächs­te Hüt­te zu weit ent­fernt lag und wir Angst hat­ten, uns im ein­set­zen­den Nebel zu ver­ir­ren, ent­schie­den wir uns, den Sturm im Biwak aus­zu­sit­zen. Die nächs­ten paar Stun­den ver­brach­ten wir, schnell ein­ge­schneit von einem fei­nen August­schnee, unter dem im Wind flap­pen­den Nylon auf aller­engs­tem Raum im Gespräch.

Viel­leicht mach­te uns end­gül­tig zu Freun­den, dass Tim mir an die­sem lan­gen Nach­mit­tag, an dem immer neue Böen an unse­rem klei­nen Zelt ris­sen, wäh­rend rund­um noch die letz­ten Mar­kie­run­gen in einem gleich­för­mi­gen Weiß auf­gin­gen, sei­ne Kind­heit erzähl­te, als wäre sie mei­ne. Den ers­ten Schnee jedes Jahr, die ers­te Schlit­ten­fahrt, das ers­te Mal auf Ski­ern hat­te ich in den Alpen in Tirol nicht anders erlebt als er in den kana­di­schen Rocky Moun­ta­ins. Das war dann unaus­ge­spro­chen immer unser Anknüp­fungs­punkt, wenn wir uns lan­ge nicht gese­hen hat­ten, und selbst an einem Ort wie New York blie­ben wir zwei Jun­gen, die man zum Spie­len hin­aus in die Käl­te geschickt hat­te und die dort sich selbst über­las­sen waren und zuse­hen muss­ten, wie sie zurecht­ka­men.

Wir hat­ten uns am Abend vor Beginn der Tagung in der Nähe des Hotels auf ein paar Bier ver­ab­re­det, waren da aber kaum zum Spre­chen gekom­men. In dem Diner lief ein Fern­se­her, und es dau­er­te nicht lan­ge, bis es um die Wah­len ging und der sich um Kopf und Kra­gen reden­de Kan­di­dat auf dem Bild­schirm erschien, das flei­schi­ge, wie gera­de erst nach einem Box­kampf wie­der ver­heil­te Gesicht mit den in alle Rich­tun­gen über­ein­an­der­ge­kämm­ten, blon­dier­ten Haa­ren, die Bewe­gun­gen sei­ner rech­ten Hand, auf­ge­stell­ter Dau­men, zurück­ge­nom­me­ner Zei­ge­fin­ger, dann Dau­men und Mit­tel­fin­ger bei erho­be­nem Zei­ge­fin­ger anein­an­der­ge­legt und am Ende alle Fin­ger gestreckt in einer nur ver­meint­lich beschwich­ti­gen­den Ges­te. Der Ton war lei­se gedreht, und Tim mach­te sich einen Spaß dar­aus, dem Unhör­ba­ren mit sei­ner Stim­me Gehör zu ver­schaf­fen und aus dem Steg­reif eine Rede zu impro­vi­sie­ren. Er sag­te, die Mär von der Erd­er­wär­mung sei nur etwas für Schwäch­lin­ge, in Wirk­lich­keit ste­he der Welt eine neue Eis­zeit bevor, und eher, als dass New York im Schmelz­was­ser unter­ge­he, könn­ten die nächs­ten Gene­ra­tio­nen beob­ach­ten, wie sich die Glet­scher in Grön­land und Alas­ka wie­der über ganz Kana­da aus­brei­ten und sich das Eis am Ende das Hud­son-Tal her­un­ter­schie­ben wür­de auf die Außen­be­zir­ke der Metro­po­le und auf Man­hat­tan zu. Dabei merk­te er nicht, dass er immer lau­ter wur­de und die Leu­te an den Nach­bar­ti­schen auf­horch­ten, bis ein Kell­ner her­an­trat und dem Flüs­tern nahe, aber unmiss­ver­ständ­lich auf ihn ein­sprach.

»Die ande­ren Gäs­te füh­len sich gestört, Sir«, sag­te er mit einer aus­ge­stell­ten Vor­nehm­heit, die nicht zum ganz und gar schlich­ten Ambi­en­te des Lokals pas­sen woll­te. »Ich muss Sie auf­for­dern, lei­se zu sein.«

Tim ent­schul­dig­te sich, wobei er das »Sir« auf­griff und allein damit einen spöt­ti­schen Ton anschlug, den er dann nicht mehr los­wur­de. Er füg­te viel­leicht ein biss­chen zu über­mü­tig hin­zu, er emp­fin­de es als Ehre, über­haupt hier sein zu dür­fen, schließ­lich sei es, mit allem Respekt, ein gro­ßes Land. Dabei mach­te er ein betrüb­tes Gesicht, und wäh­rend er sich schon wie­der mir zuwand­te, weil er dach­te, dass alles gesagt sei, woll­te der Kell­ner wis­sen, wie er das mei­ne.

»Wie soll ich es denn mei­nen?« sag­te Tim. »Das Land der Frei­en.«

Der Kell­ner sah sich jetzt nach einem Kol­le­gen um.

»Sir?« sag­te er. »Was wol­len Sie damit sagen?«

»Nichts wei­ter«, sag­te Tim, ver­moch­te aber ein Lachen nicht mehr zu unter­drü­cken und kehr­te sei­nen kana­di­schen Akzent so deut­lich her­vor, wie er nur konn­te. »Es ist ein wun­der­ba­res Land.«

»Ich ver­ste­he Sie nicht, Sir.«

»Das Land der Tap­fers­ten, die Hei­mat der Edels­ten. Haben Sie noch nie davon gehört? Ame­ri­ka, die Schö­ne, Got­tes eige­nes Land.«

Der Kell­ner frag­te, ob er die Rech­nung brin­gen sol­le, und wir stan­den bereits drau­ßen auf der Stra­ße, als Tim sich immer noch über sei­ne Empö­rung mokier­te. Er ver­sperr­te den schma­len Geh­steig, aber die Pas­san­ten, die sei­nem Ges­ti­ku­lie­ren aus­wi­chen und um ihn her­um­ge­hen muss­ten, beach­te­ten ihn nicht ein­mal, und als am Tag dar­auf zuerst ein Kol­le­ge aus Min­nea­po­lis und dann einer aus Seat­tle fast gleich­lau­tend zu ihm sag­ten, sie wür­den nach Kana­da aus­wan­dern, wenn das Schlimms­te ein­trä­te, sah er sie mit einem eben­so mit­lei­di­gen wie her­ab­las­sen­den Nicken an. Für ihn war Aus­wan­dern etwas ande­res als ihre am Ende wahr­schein­lich fol­gen­lo­sen Träu­me­rei­en. Denn sein Vater war bald nach dem Krieg Anfang der fünf­zi­ger Jah­re aus Jugo­sla­wi­en weni­ger aus­ge­wan­dert als geflo­hen und bei sei­nen Ver­su­chen sie­ben Mal an der Gren­ze erwischt und sie­ben Mal ins Gefäng­nis gewor­fen wor­den, bevor er es beim ach­ten Mal schließ­lich nach Ita­li­en und dann wei­ter nach Kana­da geschafft hat­te, wo er eine regel­rech­te Auf­stei­ger­kar­rie­re zuwe­ge brach­te, vom Berg­ar­bei­ter und Last­wa­gen­fah­rer zum Besit­zer meh­re­rer Auto­häu­ser.

Tim war seit dem letz­ten Mal grau­er gewor­den, sein Gesicht mar­kan­ter, die gro­ße Nase vor­sprin­gend wie je, die Augen­höh­len und Schlä­fen tief in den Schä­del gesun­ken. Mit sei­nem dun­kel­blau­en Anzug schien er noch weni­ger der Vor­stel­lung zu ent­spre­chen, die man sich von ihm mach­te, wenn man von sei­nen Expe­di­tio­nen hör­te oder gar den Eska­pa­den sei­ner Jugend, die mit dem Ski-Unglück ende­ten. Dafür bekam man eine Ahnung davon, was die Jour­na­lis­tin gemeint haben könn­te, die in einem Por­trät über ihn geschrie­ben hat­te, er wir­ke wie ein Kla­vier­vir­tuo­se, der sich in das fal­sche Metier ver­irrt habe. Er hielt sei­nen Vor­trag über das Phä­no­men der »Galop­pie­ren­den Glet­scher«, die selbst in Zei­ten des all­ge­mei­nen Rück­gangs durch peri­odi­sche Vor­stö­ße von manch­mal meh­re­ren Metern am Tag auf­fal­len, und zuletzt wirk­te er müde. Die drei Tage in Gesell­schaft hat­ten ihm so zuge­setzt, dass er sich beim Abschieds­es­sen ent­schul­dig­te, er habe Kopf­schmer­zen, und als wir uns spä­ter am sel­ben Abend noch in einer Bar tra­fen, war er in düs­te­rer Stim­mung. Bei mei­nem Ein­tre­ten saß er auf­recht in sei­nem Leder­ses­sel, blick­te in der Spie­gel­wand gegen­über durch das eige­ne Bild hin­durch und sag­te, er hät­te es nicht ertra­gen, sich von noch einem anhö­ren zu müs­sen, wenn das Schlimms­te ein­trä­te, wür­de er nach Kana­da gehen. Er selbst hat­te nach einem hal­ben Arbeits­le­ben in Mont­re­al gera­de einen Ruf nach St. John’s in Neu­fund­land erhal­ten und soll­te dort im kom­men­den Jahr sei­nen neu­en Lehr­stuhl ein­neh­men, und als er mich frag­te, was mit mir sei, und ich ihn zuerst nicht ver­stand, sah er mich über sein Glas hin­weg an und erkun­dig­te sich, ob ich nicht mit­kom­men wol­le und war­um ich mir eigent­lich nicht über­leg­te aus­zu­wan­dern.

Tat­säch­lich hat­ten wir in den Jah­ren, die wir uns kann­ten, immer wie­der ein­mal über die­se Mög­lich­keit gespro­chen, am Anfang mit eini­gem Nach­druck, spä­ter als eine Art Run­ning Gag zwi­schen uns, Kana­da als Flucht­punkt, aber jetzt konn­te es kaum ernst gemeint sein. Offen­bar hat­te der Alko­hol Tims Urteils­ver­mö­gen so weit beein­träch­tigt, dass er nicht wuss­te, was er sag­te. Mit einem Lachen allein ließ er sich den­noch nicht abspei­sen, und ich erin­ner­te ihn dar­an, wie alt ich war und dass ich in Ham­burg ein Leben hat­te, eine Frau und ein Kind, um von den büro­kra­ti­schen Hin­der­nis­sen gar nicht zu reden, die sich sicher auf­tun wür­den.

»Wie stellst du dir das vor, Tim?« sag­te ich. »Ich kom­me nach Hau­se zurück und sage zu Nata­scha, wir holen Fan­ny aus der Schu­le, packen alles zusam­men und gehen nach Kana­da?«

Es war auf­fäl­lig, dass er sich bis dahin nicht nach ihr erkun­digt hat­te. Seit er uns vor ein paar Jah­ren in Ham­burg besu­chen gekom­men war, gebär­de­te er sich viel­leicht ein biss­chen all­zu­laut als Nata­schas stil­ler Ver­eh­rer. Zu ihren Geburts­ta­gen schick­te er ein Kärt­chen und kam unwei­ger­lich dar­auf zurück, was für schö­ne Tage er mit uns in unse­rem Som­mer­haus am See ver­bracht habe. Dabei waren er und ich die meis­te Zeit nur im Gar­ten geses­sen, und Nata­scha hat­te hin­ter offe­nen Fens­tern geschrie­ben, unser Gespräch als anhal­ten­des Begleit­ge­räusch. Er moch­te, dass sie Schrift­stel­le­rin war, gab sich ihr gegen­über unge­ho­bel­ter und unbe­le­se­ner, als er in Wirk­lich­keit sein konn­te, und nahm mich unge­fragt auf in die­sen Club der etwas Tum­ben, für die es eine Ehre war, über­haupt in Nata­schas Nähe sein zu dür­fen. So iro­nisch er das tat, im Grun­de mein­te er es ernst und mach­te uns bei­de damit zu ver­que­ren Zot­tel­bä­ren, die nach ihren Allein­gän­gen im Eis nie mehr ganz in die Zivi­li­sa­ti­on zurück­ge­kehrt waren. Wenn er am Abend von Nata­scha wis­sen woll­te, was sie zustan­de gebracht habe, sag­te sie glück­lich: »Nichts Brauch­ba­res«, und ich stand dane­ben, öff­ne­te eine Fla­sche Wein und wünsch­te mir, an sei­ner Stel­le zu sein. Teil sei­ner Kom­pli­men­te war immer auch, dass er dage­gen pro­tes­tier­te, dass sie eine Zwil­lings­schwes­ter hat­te, ja, er bestand dar­auf, das sei unmög­lich, jeden­falls in die­ser Welt, eine Kopie von ihr käme einem Got­tes­be­weis gleich. Er hat­te Kat­ja nie gese­hen, aber ihre Exis­tenz so lan­ge geleug­net, dass er sich schul­dig fühl­te, als er von ihrem Tod erfuhr, und Nata­scha einen untröst­li­chen Brief schrieb. Dar­an dach­te ich jetzt, was für ein Träu­mer er war und was für ein Rea­list in sei­nen Träu­men, wäh­rend er mich regel­recht bear­bei­te­te.

»Es hat eine Zeit gege­ben, in der allein die Erwäh­nung von St. John’s gereicht hät­te, dass du nicht mehr zu hal­ten gewe­sen wärest«, sag­te er, als ich schon hoff­te, dass er end­lich auf­hö­ren wür­de. »Vor den Orten, nach denen du dich gesehnt hast, waren es immer die Namen der Orte, Richard. Bei mir ist es Dal­ma­ti­en gewe­sen. Ich habe lan­ge gedacht, ich könn­te dort ein Leben haben, nicht weil mein Vater von da stammt, son­dern wegen des Klangs.«

»Aber ich bin nicht mehr jung.«

»Davon rede ich ja.«

»Mir fehlt die Zeit für sol­che Träu­me.«

»Willst du wirk­lich in Ham­burg alt wer­den?«

»Als ob ich in Kana­da davon ver­schont wäre.«

»Willst du unter Deut­schen ster­ben, Richard?«

Er sah mich jetzt mit einem zwei­feln­den Blick an.

»Allein schon das Wort. Du musst nur ein­mal laut Deutsch­land sagen und weißt Bescheid. Kann man danach Sehn­sucht haben?«

Eine ähn­li­che Dis­kus­si­on, nicht weni­ger irr­lich­ternd, hat­ten wir schon ein­mal gehabt, als ich von Inns­bruck nach Ham­burg gegan­gen war. Bloß hat­te er mich damals gefragt, ob ich wirk­lich unter Deut­schen leben wol­le, und da war es noch ein Auto­ma­tis­mus gewe­sen, die Deut­schen als die­je­ni­gen, gegen die man eben­so selbst­ver­ständ­lich war, wie man unge­straft gegen sie sein konn­te, die Deut­schen als die wie nach einem alt­tes­ta­men­ta­ri­schen Fluch für immer Aus­ge­sto­ße­nen, die nur alles falsch machen konn­ten, selbst wenn sie sich noch so sehr bemüh­ten, alles rich­tig zu machen. Ich hat­te ihm schon ein paar­mal gesagt, dass es mit den Öster­rei­chern kaum ein­fa­cher sei, aber das ver­such­te ich jetzt gar nicht, weil er ohne­hin kein Ohr dafür gehabt hät­te.

»Weißt du noch, was du mir auf dem Juneau-Eis­feld über dein Auf­wach­sen in Tirol erzählt hast, Richard?«

»Aber Tim«, sag­te ich. »Was hat das damit zu tun?«

»Du hast gesagt, dass dich der Umgang mit den Gäs­ten im Hotel dei­ner Eltern alles gelehrt hat, was du über das Leben wis­sen musst. Erin­nerst du dich? Zu acht­zig oder neun­zig Pro­zent deut­sche Tou­ris­ten, und sie haben sich in dem win­zi­gen Dorf in den Ber­gen auf­ge­führt wie die Kolo­ni­al­her­ren und dich wie einen Halb­wil­den behan­delt.«

»Habe ich das wirk­lich gesagt?«

»Und ob«, sag­te er. »Arm­se­li­ge Klein­krä­mer, die gedacht haben, sie könn­ten mit ihrem lächer­li­chen Geld alles und jeden kau­fen und dabei auch noch sich selbst übers Ohr hau­en und an Leben teil­ha­ben, von denen sie nicht die gerings­te Ahnung hat­ten.«

Es moch­te ja sein, dass ich mich damals zu sol­chen Sprü­chen hat­te hin­rei­ßen las­sen, aber von ihm jetzt dar­auf fest­ge­legt zu wer­den war etwas ande­res, und ich wehr­te mich.

»Ich wür­de heu­te nicht mehr so reden.«

»Wie denn?« woll­te er lachend wis­sen, als hät­te ich mir nur einen Scherz erlaubt. »Glaubst du im Ernst, es ist etwas anders gewor­den?«

Ich kam gar nicht soweit zu sagen, dass immer­hin Jah­re ver­gan­gen sei­en, weil er kei­ne Ant­wort erwar­te­te und sofort unge­dul­dig nach­fass­te.

»Du willst die Herr­schaf­ten doch nicht etwa ver­tei­di­gen?«

Er hat­te über halb Deutsch­land ver­streut Onkel. Einer leb­te in Ber­lin, einer in Stutt­gart, einer in Mün­chen, und unaus­ge­spro­chen warf er ihnen vor, dass sie alle zu kurz gesprun­gen und nicht weit genug weg­ge­gan­gen sei­en, als auch sie sich aus Jugo­sla­wi­en davon­ge­macht hat­ten. Allein sein Vater, der Ältes­te, hat­te es über den Atlan­tik geschafft, weil es zu sei­ner Zeit für ihn kei­ne lega­le Aus­rei­se­mög­lich­keit gege­ben hat­te und er wirk­lich geflo­hen war, aus­ge­wan­dert nach Kana­da, in das Land sei­ner Träu­me, und nicht bloß spä­ter als Gast­ar­bei­ter über die Gren­ze gegan­gen, Som­mer für Som­mer hin- und her­ge­pen­delt und dann irgend­wann halb­her­zig in ewig unge­lieb­ten Umstän­den bei den Deut­schen geblie­ben wie all die ande­ren. Er hat­te einen Schnitt mit der Ver­gan­gen­heit gemacht, und in sei­nem Namen hielt Tim jetzt Gericht.

»Soll ich dir den Unter­schied erklä­ren?« sag­te er. »Mein Vater ist in Kana­da ein frei­er Mann, wäh­rend mei­ne Onkel in Deutsch­land nach fünf­zig Jah­ren immer noch glau­ben, sie müss­ten dank­bar sein, dass sie für die fei­nen Her­ren die Drecks­ar­beit ver­rich­ten dür­fen.«

Ich hat­te ihm nicht erzählt, dass wir unser Som­mer­haus knapp eine Stun­de außer­halb von Ham­burg erst drei Mona­te zuvor an eine Fami­lie aus Damas­kus ver­mie­tet hat­ten, aber alles, was er von einem bestimm­ten Punkt an sag­te, bezog ich dar­auf. Die Nach­richt war durch die Medi­en gegan­gen, allein schon wegen Nata­scha, die als Schrift­stel­le­rin natür­lich Auf­merk­sam­keit auf sich zog, als wir uns dazu ent­schlos­sen. Man konn­te nicht allein Mel­dun­gen im Inter­net und einen Bericht, den es im Fern­se­hen gege­ben hat­te, auf You­Tube fin­den, son­dern auch Hin­wei­se in aus­län­di­schen Zei­tun­gen, und Tim brauch­te vor der Tagung nur ihren Namen gegoo­gelt zu haben, um dar­auf gesto­ßen zu sein. Was er davon hal­ten muss­te, war mir klar, als er sich kopf­schüt­telnd über die Leu­te aus­ließ, die im ver­gan­ge­nen Herbst auf den Bahn­stei­gen gestan­den waren und die in gan­zen Zug­la­dun­gen ankom­men­den Flücht­lin­ge mit Applaus begrüßt hat­ten. Ich frag­te ihn nicht, aber je mehr ich mir vor­stell­te, dass er von unse­ren Mie­tern wuss­te, um so unheim­li­cher wur­de mir sein Vor­schlag, Nata­scha und ich könn­ten nach Kana­da gehen. Über vie­le Din­ge hat­te ich mich nie mit ihm unter­hal­ten, doch wenn stimm­te, was ich ver­mu­te­te, und wenn ich ihn ernst nahm, steck­te hin­ter sei­nem Insis­tie­ren womög­lich, dass er dach­te, uns vor uns selbst ret­ten zu müs­sen, und mir fiel nichts ande­res ein, als ihm ein ums ande­re Mal trot­zig zu beteu­ern, es ste­he alles gut für uns in Ham­burg und ich wüss­te nicht, war­um wir von dort weg­soll­ten, was wie eine Beschwö­rung klang, an die ich selbst nicht recht glaub­te.

Ich war froh, dass wir das Gespräch nicht wei­ter­füh­ren muss­ten, als ande­re Tagungs­teil­neh­mer zu uns stie­ßen, und nutz­te die Gele­gen­heit, mich zu ver­ab­schie­den. Zurück im Hotel, konn­te ich lan­ge nicht schla­fen, und weil es zu früh war, zu Hau­se anzu­ru­fen, und Nata­scha und Fan­ny noch nicht wach sein wür­den, spiel­te ich an mei­nem Com­pu­ter her­um und hat­te kaum die neu­es­ten Nach­rich­ten gele­sen, als ich mich dabei ertapp­te, wie ich nach St. John’s such­te. Angeb­lich war es die ältes­te Stadt Nord­ame­ri­kas, und die Bil­der von bun­ten, nor­disch wir­ken­den Häu­sern an einem Fjord und den bei­den domi­nie­ren­den Tür­men der Basi­li­ka auf einem Hügel leuch­te­ten in die Dun­kel­heit mei­nes Zim­mers. Ich fand die mitt­le­ren Janu­ar- und Juli-Tem­pe­ra­tu­ren her­aus und über­prüf­te, wie lan­ge man von Mont­re­al mit Auto und Fäh­re dort­hin brauch­te und wie lan­ge mit dem Flug­zeug. Es war die Stel­le Neu­fund­lands, die am wei­tes­ten in den Nord­at­lan­tik hin­ein­rag­te, und obwohl die geo­gra­phi­sche Brei­te bis auf ein paar Hun­dert­s­tel­grad mit der von Inns­bruck über­ein­stimm­te und man von Ham­burg aus schnel­ler hin­kam als nach New York, muss­ten im Früh­ling Eis­ber­ge von den kal­ben­den Glet­schern in Grön­land vor­bei­zie­hen, bis sie wei­ter im Süden zer­bra­chen und schmol­zen und sich, lan­ge bevor sie wirk­lich war­me Gefil­de erreich­ten, im Meer­was­ser auf­lös­ten.

Copy­right © 2018 Carl Han­ser Ver­lag, Mün­chen

Der Roman erscheint am 19. Febru­ar.

 

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Nor­bert Gst­rein, gebo­ren 1961, lebt als frei­er Schrift­stel­ler in Ham­burg. Zuletzt ver­öf­fent­lich­te er im Han­ser Ver­lag die Roma­ne Die gan­ze Wahr­heit (2010), Eine Ahnung vom Anfang (2013) sowie In der frei­en Welt (2016).

Nor­bert Gst­rein: Die kom­men­den Jah­re. Roman. Han­ser, Mün­chen 2018. Sei­ten, € 22 (D) / € 22,70 (A).

Online seit: 26. Janu­ar 2018

Zuletzt geän­dert: 26. Jan. 2018