Die amerikanischen Archive

Eil­be­richt vor den US-Prä­si­dent­schafts­wah­len. Von Nor­bert Gst­rein

Ich glau­be, ich muss mich vor­stel­len. Mein Name ist Paul Weber. Ich hat­te erst weni­ge Wochen für die Zei­tung gear­bei­tet, zustän­dig für Leser­brie­fe, deren Beant­wor­tung oder Nicht­be­ant­wor­tung, Auf­be­wah­rung oder Ver­nich­tung, als mich die­sen Som­mer eine Zuschrift aus dem Wei­ßen Haus erreich­te. Das war noch vor dem Skan­dal mit den kilo­me­ter­lan­gen unter­ir­di­schen Laby­rinth­gän­gen, Ver­suchs­an­la­gen mit einer Flä­che grö­ßer als Liech­ten­stein, baum­stamm­di­cken Abhör­ka­beln, Fluch­ten von Gefan­ge­nen­zel­len, Ske­lett­fun­den von ver­ges­se­nen Skla­ven und Archi­ven, in denen die Biblio­thek von Bor­ges Wirk­lich­keit gewor­den zu sein schien, und natür­lich war mei­ne ers­te Reak­ti­on, dass sich da ein beson­ders ori­gi­nel­ler Kol­le­ge einen Scherz erlaub­te und der Brief in Wirk­lich­keit nicht echt sein konn­te. Schon der Anlass war zu gering; tat­säch­lich ver­moch­te ich mir nicht vor­zu­stel­len, war­um sich jemand nach all den Jah­ren die Mühe machen soll­te, die Sache noch ein­mal auf­zu­wär­men, und ich leg­te den Brief zunächst bei­sei­te, weil ich mir nicht den Spott mei­nes Vor­ge­setz­ten ein­fan­gen woll­te, wenn ich ihn frag­te, wie damit zu ver­fah­ren sei, und er mich viel­leicht anse­hen wür­de, als wäre ich ent­we­der nicht bei Sin­nen oder ver­such­te ihn in eine mit einem ein­zi­gen Blick als Täu­schung und Rie­se­nen­te erkenn­ba­re Geschich­te mit hin­ein­zu­zie­hen.

Wer hät­te nach den ers­ten Mel­dun­gen auch geglaubt, dass sich direkt unter dem Regie­rungs­sitz des ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­den­ten ein ver­bor­ge­nes Gelän­de die­ses Aus­ma­ßes auf­tun wür­de, von dem angeb­lich weder er noch sei­ne Sicher­heits­diens­te etwas wuss­ten und von dem auch immer noch nicht voll­stän­dig geklärt ist, wer mit sei­ner Pla­nung und Ein­rich­tung begon­nen und wer sie in die­ser per­fi­den Per­fek­ti­on fort­ge­führt hat? Die Namen der übli­chen Ver­däch­ti­gen sind natür­lich genannt, begin­nend mit Abra­ham Lin­coln selbst, aber das erklärt nicht, wie der Bau unter die­ser strik­ten Geheim­hal­tung hat von­stat­ten gehen kön­nen. Schließ­lich hat­ten über Jah­re und Jahr­zehn­te, genau­ge­nom­men wahr­schein­lich unun­ter­bro­chen seit der Zeit der Grün­der­vä­ter, meh­re­re tau­send oder zehn­tau­send Arbei­ter im Dienst der Sache beschäf­tigt sein müs­sen, und selbst wenn man sie in Ver­trä­gen unter Andro­hung der Todes­stra­fe zu abso­lu­tem Still­schwei­gen ver­pflich­tet hät­te, müss­te doch irgend­wann einer die­ses Schwei­gen gebro­chen und die Welt über die Unge­heu­er­lich­keit der Vor­gän­ge infor­miert haben. Ande­rer­seits gab und gibt es natür­lich Mög­lich­kei­ten, die­je­ni­gen, die reden, für ver­rückt zu erklä­ren und in geschlos­se­nen Anstal­ten unter­zu­brin­gen oder mit ande­ren Metho­den aus dem Ver­kehr zu zie­hen, aber weil das so nahe­lie­gend ist und eher wie ein bil­li­ges Kli­schee aus einem Gangs­ter­film als wie die Wahr­heit wirkt, will ich nicht wei­ter spe­ku­lie­ren und über­las­se alle Arten von Ver­schwö­rungs­theo­rien mei­nen wer­ten Lesern.

Dar­über, wie es über­haupt zur Ent­de­ckung die­ser Unter­welt gekom­men ist, wird noch gemut­maßt. Gesche­hen soll es im Rah­men der umfas­sen­den Bestands­auf­nah­me sein, die der regie­ren­de Prä­si­dent ein hal­bes Jahr vor Ende sei­ner Amts­zeit in Auf­trag gege­ben hat, aber es wür­de mich nicht wun­dern, wenn wir es dem Zufall bezie­hungs­wei­se der Fall- oder Tape­ten­tür einer Komö­die zu ver­dan­ken hät­ten, dem Glück oder Unglück einer Ali­ce-im-Wun­der­land-Ali­ce, die ein­schläft, auf­wacht und sich in die­sem Schat­ten­reich wie­der­fin­det. Jeden­falls scheint das Sys­tem, das dabei zuta­ge gekom­men ist, nach einem ein­heit­li­chen Sche­ma zu funk­tio­nie­ren. Die Unter­su­chun­gen dau­ern an, doch aus den bis­he­ri­gen Erkennt­nis­sen wird unzwei­fel­haft klar, dass vie­le der Schur­ke­rei­en und Ver­bre­chen, die Ame­ri­ka sich an der Ober­flä­che erlaubt, nur zur Tar­nung der noch viel gra­vie­ren­de­ren unter­ir­di­schen Aus­wüch­se da sind: ein Guan­ta­na­mo mit nicht Hun­der­ten, son­dern Tau­sen­den und Aber­tau­sen­den von Häft­lings- und Fol­ter­zel­len; Skla­ven­fried­hö­fe mit Skla­ven­bein­häu­sern nebst gera­de erst wie­der neu ein­ge­rich­te­ten Skla­ven­la­gern von gigan­ti­scher Grö­ße; Spiel­kon­so­len für Droh­nen­pi­lo­ten, die bin­nen weni­ger Augen­bli­cke jeden Men­schen an jedem belie­bi­gen Ort auf der Welt ins Visier neh­men und mit einem Knopf­druck eli­mi­nie­ren kön­nen; Abhör­zen­tra­len, wo in einer Dau­er­schal­tung die Stim­men aller Regie­rungs­chefs der Erde zusam­men­lau­fen, nur um den Beweis zu erbrin­gen, dass es kei­ne Rol­le spielt, was sie sagen – und als Stolz und Höhe­punkt des Gan­zen in einem immer tie­fer getrie­be­nen und zur Zeit drei­hun­dert­zwan­zig Kilo­me­ter unter der Erd­ober­flä­che enden­den Stol­len ein eigens ein­ge­rich­te­tes, perl­mutt­wei­ßes Atoll für gehei­me Atom­bom­ben­tests. Die Medi­en haben sich in ihrer übli­chen Sen­sa­ti­ons­lust nach der ers­ten Auf­klä­rung vor allem auf die unter­halt­sa­me­ren Aspek­te die­ses schreck­li­chen Gefü­ges gestürzt, wenn man das so sagen kann. Da gibt es einen Zoo mit toten Tie­ren, die nach Poten­ta­ten auf der gan­zen Welt benannt sind, die Ame­ri­ka an die Macht gebracht oder an der Macht gehal­ten hat, unge­lieb­te und aus schie­rer Höf­lich­keit doch nach Hau­se mit­ge­brach­te Dik­ta­to­ren­ge­schen­ke: das Faul­tier Somo­za – immer­hin war es Somo­za gewe­sen, über den Frank­lin D. Roo­se­velt tra­di­ti­ons­bil­dend gesagt hat­te: „Viel­leicht ist er ein Huren­sohn, aber er ist unser Huren­sohn“ –, den Nasen­bär Tru­ji­l­lo, den Pudu Pino­chet, das Was­ser­schwein Norie­ga, das Gür­tel­tier Stroess­ner, um nur eini­ge weni­ge aus der latein­ame­ri­ka­ni­schen Abtei­lung zu nen­nen, oder den beson­ders exo­ti­schen Schlitz­rüss­ler Duva­lier aus Hai­ti, alle aus­ge­stopft und hin­ter Git­ter­stä­ben, als wären sie nach ihrem Tod erst gefähr­lich. Da gibt es ein Rie­sen­ar­se­nal von Pan­zern, Hub­schrau­bern und Kampf­jets, benannt nach India­ner­häupt­lin­gen und Gene­rä­len aus unzäh­li­gen Krie­gen. Da gibt es ein Wachs­fi­gu­ren­ka­bi­nett mit ehe­ma­li­gen Schön­heits­kö­ni­gin­nen, die bei Berüh­rung ihren Namen sagen und wel­che Miss sie ein­mal waren, bevor sie wie­der in ihrem Lächeln erstar­ren: „Hi, my name is Amy. I was Miss Wyo­ming 1966.“ Da gibt es Walks of Fame für Film­schau­spie­ler, Sport­ler und Wis­sen­schaft­ler, die viel berühm­ter hät­ten sein müs­sen als ihre welt­be­rühm­ten Kol­le­gen, jedoch zur Auf­recht­erhal­tung die­ser Par­al­lel­welt auf Ruhm und Aner­ken­nung ver­zich­tet haben. Man könn­te ihre Namen auf­zäh­len, aber was auch immer sie geleis­tet haben, am pro­mi­nen­tes­ten gewor­den ist nach der Auf­de­ckung die hun­dert­jäh­ri­ge Hure, die allein in einer gan­zen Flucht von Sepa­rees ihre Diens­te nach wie vor anbie­tet und nur dar­auf war­tet, dass John F. Ken­ne­dy wie­der ein­mal zu Besuch kommt. Man kann sie fra­gen, wie er – na ja – als Lieb­ha­ber war, und erhält eine ähn­li­che Ant­wort, wie sie Pofes­sor Kepesh in Phil­ip Roths Roman Pro­fes­sor der Begier­de von einer alten Pra­ger Pro­sti­tu­ier­ten erhal­ten hat, als er sich bei ihr nach Kaf­kas Vor­lie­ben erkun­dig­te, der angeb­lich zu ihr gegan­gen war. Bis auf den Wort­laut gleich sagen bei­de Damen vor­nehm, ihre berühm­ten Frei­er sei­en wie alle ande­ren gewe­sen, nett und sau­ber, der eine, Franz, ein jüdi­scher, der ande­re, John oder viel­mehr Jack, ein katho­li­scher Bub.

In die­ser Auf­re­gung dau­er­te es eine Wei­le, bis ich den Brief aus dem Wei­ßen Haus wie­der in die Hand nahm, aber vor dem apo­ka­lyp­ti­schen Hin­ter­grund las ich ihn mit ande­ren Augen und zwei­fel­te nicht län­ger, dass er echt sein muss­te. Der Schrei­ber stell­te sich als Peter Caven­dish vor, und nach­dem er sei­ne Funk­ti­on erklärt hat­te, am ehes­ten beschreib­bar als die eines Hilfs­she­riffs in der Auf­ar­bei­tungs­kom­mis­si­on des Skan­dals, kam er zum Punkt, dass er bei einer Inven­tur der gehei­men natio­na­len Archi­ve in der Abtei­lung „Unge­le­se­ne Brie­fe“ auf ein Bün­del gesto­ßen war, das dem Amts­vor­gän­ger des Prä­si­den­ten vor nun­mehr fast fünf­zehn Jah­ren von unse­rer Zei­tung, offen­bar sogar von Hel­mut Schmidt per­sön­lich, mit einem freund­li­chen, wenn auch besorg­ten Begleit­schrei­ben zuge­schickt wor­den sei. Es han­del­te sich um die Ori­gi­na­le der offe­nen Brie­fe von deut­schen Schrift­stel­lern, stol­ze acht an der Zahl, die wir damals tat­säch­lich im Gefol­ge des 11. Sep­tem­bers publi­ziert hat­ten, klu­ge Brie­fe, enga­gier­te Brie­fe, Brie­fe von unse­ren wachs­ten Geis­tern, die nicht län­ger schwei­gen woll­ten ange­sichts des Höl­len­tem­pos, in dem sich die Welt auf ihren Unter­gang zube­weg­te, und Peter Caven­dish frag­te sich jetzt, was er damit anstel­len sol­le. Sein Chef – gemeint war der Prä­si­dent – habe selbst meh­re­re Bücher geschrie­ben und des­halb kol­le­gia­len Respekt vor Schrei­bern, und wenn er ihn auch nicht mit sol­chen Klei­nig­kei­ten behel­li­gen kön­ne, sei es gewiss in sei­nem Sin­ne, die Sache mit der größ­ten Fein­heit zu behan­deln. Das Pro­blem sei nur, dass kein Mensch in Ame­ri­ka die Schrift­stel­ler ken­ne, obwohl sie zu Hau­se womög­lich berühm­te Leu­te sei­en, und es ihm des­halb nur gera­de noch gelin­ge, die Brie­fe vor dem Reiß­wolf zu bewah­ren. Die Abtei­lung „Unge­le­se­ne Brie­fe“ ent­hal­te unge­zähl­te Exem­pla­re, wahr­schein­lich Bil­li­ar­den, die meis­ten von Ver­rück­ten, aber allein von den bekann­te­ren deut­schen Schrift­stel­lern immer­hin auch meh­re­re Dut­zend, und mit bekannt mei­ne er natür­lich nur bekannt für die Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­ler, die ihm zuar­bei­te­ten. So gebe es etwa zwölf unge­le­se­ne Brie­fe von Gün­ter Grass, acht­zehn von Her­mann Kant, sechs von Chris­ta Wolf, einen von Peter Rühm­korf, zwei von Hans Magnus Enzens­ber­ger, einen von Lothar Bai­er, einen von Her­mann Peter Piwitt, vier von Juli Zeh, drei davon ein­ge­schrie­ben und direkt in Washing­ton auf­ge­ge­ben, sowie zwei von Ili­ja Tro­ja­now, und es sei weder mög­lich, sie wei­ter auf­zu­be­wah­ren, noch auch nur, sie alle zu digi­ta­li­sie­ren, wozu man sie ja erst ein­mal öff­nen und auf Anthrax und ande­re Gift­stof­fe unter­su­chen und, Allah bewah­re, viel­leicht sogar lesen müss­te.

Ich ver­stand sei­ne Sor­gen. Trotz der poten­zi­el­len Gefahr, die sie dar­stell­ten, woll­te nie­mand, dass die Brie­fe ver­nich­tet wur­den, aber konn­te man sie den Autoren zustel­len, wie er als eine Mög­lich­keit zu beden­ken gab, ohne ihnen die Wahr­heit zu sagen, dass sie zwar offen in unse­rer Zei­tung publi­ziert, aber gleich­zei­tig vom eigent­li­chen Adres­sa­ten unge­le­sen fünf­zehn Jah­re in einem bom­ben­si­che­ren Bun­ker unter dem Wei­ßen Haus ver­wahrt gewe­sen waren? Natür­lich wür­de sich nie­mand, der dar­über nach­dach­te, etwas ande­res vor­stel­len, aber sich etwas nur vor­zu­stel­len oder dar­auf hin­ge­wie­sen zu wer­den waren zwei ver­schie­de­ne Din­ge. Peter Caven­dish schrieb, wenn ich die Freund­lich­keit hät­te, ihm die Adres­sen zukom­men zu las­sen, wür­de er sich die Mühe machen, jedem ein­zel­nen Autor zu ant­wor­ten und sich im Namen des Prä­si­den­ten der Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka für die Blind­heit sei­nes Vor­gän­gers zu ent­schul­di­gen. Ich konn­te kei­nen Zynis­mus dahin­ter ent­de­cken, obwohl ich mich natür­lich frag­te, wie er mit den Bil­li­ar­den ande­rer unge­le­se­ner Brie­fe ver­fah­ren woll­te, wie vie­le Mit­ar­bei­ter er hat­te und wie lan­ge die wohl brau­chen wür­den, wenn sie vor­hät­ten, auch nur einen Bruch­teil von ihnen in die­ser Wei­se zu bear­bei­ten.

Mein Pro­blem soll­te es nicht sein, aber gera­de als ich mich dran­mach­te, die Adres­sen zusam­men­zu­su­chen, wand­te sich Peter Caven­dish mit einem neu­en Vor­schlag an mich. Er schrieb, einer sei­ner Mit­ar­bei­ter habe jetzt doch für einen Augen­blick die Auf­merk­sam­keit des Prä­si­den­ten gehabt, und der habe gesagt, man kön­ne das Bün­del ja nach Texas wei­ter­schi­cken, an sei­nen Vor­gän­ger, viel­leicht habe er jetzt als Pri­vat­mann mehr Zeit, die Brie­fe zu lesen, oder kön­ne sie in sei­ner eige­nen Biblio­thek ver­wah­ren, in der es sicher auch eine Abtei­lung „Unge­le­se­ne Brie­fe“ gebe. Offen­bar hat­te der Prä­si­dent eine jun­gen­haf­te Freu­de bei der Vor­stel­lung, sei­nen Vor­gän­ger beim Golf­spie­len oder Nichts­tun auf­zu­stö­bern, ihn mit uner­le­dig­ten Auf­ga­ben aus sei­ner Amts­zeit zu kon­front­rie­ren und ihm das Gefühl zu geben, es sei von his­to­ri­scher Bedeu­tung, dass er mög­lichst schnell reagier­te. Er mal­te sich aus, wie der Arme spät­nachts bei trü­bem Licht an einem klei­nen Sekre­tär über die­sen Brie­fen saß und nicht schlau aus dem wur­de, was ihm die deut­schen Schrift­stel­ler zu sagen ver­such­ten, wie er mit lee­rem Gesicht in das Schwarz vor dem Fens­ter stier­te und wie er sie dann mit einer schwe­ren Füll­fe­der beant­wor­te­te, eine Zun­ge im Mund­win­kel und man­che Wor­te mit den Lip­pen for­mend wie der Schü­ler, der auch er ein­mal gewe­sen war.

Dafür brauch­te Peter Caven­dish mei­ne Zustim­mung nicht, aber ich gab sie ihm natür­lich und war ehr­lich gesagt froh, die Ange­le­gen­heit vom Tisch zu haben. Ich infor­mier­te mei­nen Vor­ge­setz­ten, der auch glück­lich schien, dass die Ame­ri­ka­ner alles wie­der selbst in die Hand nah­men und dass er des­halb nicht womög­lich irgend­wo inter­ve­nie­ren oder sonst etwas tun muss­te oder gar den Autoren mit­tei­len, wo die Ori­gi­na­le ihrer Brie­fe gelan­det sei­en. Er war Öster­rei­cher wie ich und kul­ti­vier­te im Gegen­satz zu mir sein Öster­rei­cher­tum. Damit hat­te er es geschafft, hier in Ham­burg nach sei­ner eige­nen Aus­le­gung des Träg­heits­ge­set­zes zu schal­ten und zu wal­ten, und kam mit sei­nem soge­nann­ten Schmäh erstaun­li­cher­wei­se nicht nur durch, son­dern galt als Type, hat­te einen Namen in der Sze­ne und wur­de ange­him­melt, wenn er irgend­wo auf­tauch­te und miss­lau­nig daher­raunz­te, wie sehr der Jour­na­lis­mus auf den Hund gekom­men sei, seit er selbst vor drei­ßig Jah­ren mit dem Idea­lis­mus und dem Kön­nen eines Wie­ner Sän­ger­kna­ben bei der Zei­tung ange­fan­gen habe. Also wursch­tel­ten wir vor uns hin, wie er es lieb­te, und es ver­gin­gen meh­re­re Wochen, bis ich wie­der von Peter Caven­dish hör­te. Ich hat­te nicht mehr damit gerech­net und war nicht nur vom Inhalt sei­nes Schrei­bens über­rascht. Sei­ne Leu­te hat­ten es sich noch ein­mal anders über­legt und woll­ten nun offen­bar bis zu den Wah­len war­ten und dann erst ent­schei­den, was mit den Brie­fen gesche­hen sol­le. Der Vor­schlag kam jetzt nicht mehr aus dem Umkreis des Prä­si­den­ten selbst, son­dern von Ver­tre­tern der Par­tei, die mit einem deut­li­chen Sieg ihrer Kan­di­da­tin rech­ne­ten, aber für den unwahr­schein­li­chen Fall, dass sie doch ver­lor, eine Idee hat­ten.

Für die­sen Fall soll­te ich jetzt schon in der Chef­re­dak­ti­on vor­füh­len, ob man die Brie­fe nicht noch ein­mal publi­zie­ren wol­le, in genau dem­sel­ben Wort­laut, den zwar nie­mand im Wei­ßen Haus kann­te, der aber schon pas­sen wür­de, nur dies­mal nicht an den Vor­gän­ger des Prä­si­den­ten gerich­tet, son­dern an sei­nen Nach­fol­ger, den sie nicht etwa „der Tol­le“, son­dern „die Tol­le“ nann­ten. Ich schrieb zurück, ich kön­ne mir nicht vor­stel­len, dass die Autoren damit ein­ver­stan­den wären, weil sie eine sol­che Akti­on als Spott und Hohn emp­fin­den müss­ten, selbst wenn sie bei der Zei­tung durch­zu­set­zen sein soll­te, aber Peter Caven­dish ant­wor­te­te, im Gegen­teil, eine der­ar­ti­ge Beharr­lich­keit zeu­ge nur von Grö­ße, fünf­zehn Jah­re und noch immer nicht gewillt, sich auch nur einen Deut von der Macht beu­gen zu las­sen. Mein Vor­ge­setz­ter sag­te, die Ame­ri­ka­ner wür­den auf eine Wei­se spin­nen, an der wir Euro­pä­er uns nicht mes­sen dürf­ten, aber er kön­ne da gar nichts ent­schei­den und müs­se wohl den Amts­weg gehen und Gio­van­ni fra­gen, was sei­ne ein wenig oder auch mehr als nur ein wenig schlam­pi­ge öster­rei­chi­sche Art war, von Herrn di Loren­zo zu spre­chen, mit dem er kein Duz­ver­hält­nis hat­te, unse­rem Chef­re­dak­teur, der auf Rei­sen ist und sich nach sei­ner Rück­kehr der Sache wohl anneh­men wird.

Die Tol­le habe ich mir inzwi­schen auf You­tube ange­se­hen, und ich mag mir nicht aus­ma­len und male mir doch in einem fort aus, kann nicht damit auf­hö­ren, mir wie­der und wie­der durch den Kopf gehen zu las­sen, was sie machen wür­de, wenn das Schlimms­te zum Schlim­men käme, sie die Wah­len gewän­ne, die Autoren ein­ver­stan­den wären und wir das tat­säch­lich zum Anlass neh­men wür­den, ihre Brie­fe noch ein­mal abzu­dru­cken. Nicht, dass ich die Tol­le zum Analpha­be­ten erklä­ren will, das wäre zu ein­fach – denn wie heu­te fast jeder mit ein biss­chen Pro­mi­nenz hat sie auch ein Buch geschrie­ben oder sogar meh­re­re, wenn­gleich unter Zuhil­fe­nah­me eines Ghost­wri­ters –, aber eine Abtei­lung „Unge­le­se­ne Brie­fe“ wür­de sie wohl kaum ein­rich­ten, sofern sie über­haupt Archi­ve hät­te und nicht viel­leicht statt­des­sen ein paar rie­si­ge Ver­bren­nungs­öfen. Eher wür­de sie uns schon die Navy schi­cken oder zumin­dest damit dro­hen, und dann wäre end­lich ein­mal etwas los in der Stadt, die an den meis­ten Tagen vor sich hin schlum­mert, wie es nur mehr in Deutsch­land mög­lich ist, weil nur in Deutsch­land die Geschich­te zu Ende gegan­gen zu sein scheint und sie sonst über­all auf der Welt wei­ter­geht. Wir könn­ten uns vor­stel­len, wie ein Flug­zeug­trä­ger der Nimitz-Klas­se vor Cux­ha­ven erschie­ne, sagen wir die USS Geor­ge Washing­ton oder die USS Ronald Rea­gan, wie ein Flot­ten­ver­band die Elbe her­auf­füh­re und zwi­schen den Ver­gnü­gungs­schif­fen am Kreuz­fahrt­ter­mi­nal ein Kano­nen­boot vor Anker gin­ge, bei der Hafen­be­hör­de um Geneh­mi­gung ansuch­te und nach Erfül­len aller Vor­schrif­ten und Ent­rich­ten der Steu­ern für eine mel­de­pflich­ti­ge Beschie­ßung im Mor­gen­grau­en über die Dächer der benach­bar­ten Häu­ser hin­weg das Zei­tungs­ge­bäu­de am Speers­ort unter Beschuss näh­me. Dort sit­ze ich jetzt und schrei­be das mit dem Gru­seln des­sen, der genau weiß, dass es nicht ein­tre­ten kann und der gleich hin­auf­ge­hen wird zu der Neu­en aus dem Feuil­le­ton, die von den Nord­frie­si­schen Inseln kommt, erst seit einer Woche Teil der Redak­ti­on ist und um punkt sieb­zehn Uhr mit ihm hin­aus in die Stadt gehen will, mit ihm heißt mit mir, auf einen Milch­kaf­fee, wie sie gesagt hat, als wäre es das Gewag­tes­te, was sie sich den­ken kann, und viel­leicht auch auf mehr.

* * *

Nor­bert Gst­rein, gebo­ren 1961, lebt als frei­er Schrift­stel­ler in Ham­burg. Zuletzt ver­öf­fent­lich­te er im Han­ser Ver­lag die Roma­ne Die gan­ze Wahr­heit (2010), Eine Ahnung vom Anfang (2013) sowie In der frei­en Welt (2016).

Quel­le: Voll­text 3/2016

Online seit: 5. Novem­ber 2016

Online seit: 5. Novem­ber 2016

Zuletzt geän­dert: 6. Nov. 2016