Im schottischen Hochmoor

Nor­bert Gst­reins Kolum­ne „Wri­ter at lar­ge“.
„Unmög­lich, dass aus­ge­rech­net die­se Blät­ter von­ein­an­der abschrie­ben. Das wür­de mei­nen Glau­ben an das Gute, Wah­re, Schö­ne all­zu sehr erschüt­tern.“

Erklä­ren kann ich es mir nur so: Mona­te bevor gleich meh­re­re Kri­ti­ker die Haupt­fi­gu­ren mei­nes jüngs­ten Romans im schot­ti­schen Hoch­moor sich­te­ten, obwohl ich sie mei­nes Wis­sens nie dort­hin geschickt hat­te, war ich selbst mit einem Foto­gra­fen, der Bil­der von mir machen soll­te, ins Eppen­dor­fer Moor in Ham­burg gegan­gen. Dass das womög­lich ein Feh­ler war, konn­te ich damals unmög­lich wis­sen. Seit­dem muss mir und allem mit mir Zusam­men­hän­gen­den jeden­falls etwas Moo­ri­ges anhaf­ten. Der Foto­graf hat­te alte Gum­mi­stie­fel im Kof­fer­raum sei­nes Autos und ver­such­te mich zu über­re­den, sie anzu­zie­hen. Fotos am Schreib­tisch gibt es von mir schon, Fotos unter, neben und auf Bäu­men, Fotos in Dich­ter­po­se, Fotos mit einem irren Aus­druck, auf denen ich aus­se­he, als wäre ich gera­de nach zehn Jah­ren Haft aus einer Straf­an­stalt ent­las­sen wor­den und mein erschreck­ter Blick fie­le auf zwei Ord­nungs­hü­ter, die mich wegen neu­er Ver­bre­chen gleich wie­der fest­neh­men wür­den, aber noch kei­ne Fotos mit Gum­mi­stie­feln, in denen ich nach einem hun­dert­jäh­ri­gen Moor­schlaf als wie­der­auf­er­stan­de­ne Moor­lei­che neu ins Leben tre­ten könn­te: „In the beau­ty of the lilies, / Christ was born across the sea, / With a glo­ry in his bosom, / That trans­fi­gu­res you and me“ wie es in der Batt­le Hymn of the Repu­blic heißt, und danach mit vol­lem Pomp „Glo­ry, glo­ry, hal­le­lu­jah, / Glo­ry glo­ry, hal­le­lu­jah …“ Instink­tiv glaub­te ich, mich weh­ren zu müs­sen. Ich war bereit, alles für den Foto­gra­fen zu tun, auf Zuruf jede Ver­ren­kung mei­ner Glie­der zu insze­nie­ren und, wenn es sein muss­te, viel­leicht sogar zu lächeln, solan­ge ich nur um die Gum­mi­stie­fel her­um­kam. Man kann in Ham­burg bei leich­tem Nie­seln Leu­te mit die­sen Tre­tern auf der Stra­ße antref­fen, als wür­den sie mit­ten in der Stadt zu einer Watt­wan­de­rung auf­bre­chen, und in man­chen Sai­so­nen sind sie das Schicks­te, was man über­haupt tra­gen kann, Gum­mi­stie­fel kom­bi­niert am bes­ten mit einer Hel­mut-Schmidt-Müt­ze oder einem Kopf­tuch wie in den fünf­zi­ger Jah­ren, aber mich erin­ner­ten die Galo­schen des Foto­gra­fen an die gel­ben Gum­mi­stie­fel mei­ner Kind­heit, und anzie­hen oder nicht anzie­hen war schon damals eine Fra­ge auf Leben oder Tod gewe­sen.

Unmög­lich, dass aus­ge­rech­net die­se Blät­ter von­ein­an­der abschrie­ben. Das wür­de mei­nen Glau­ben an das Gute, Wah­re, Schö­ne all­zu sehr erschüt­tern.

Dazu kam, dass ich in einem ande­ren Leben meh­re­re Som­mer lang als Ver­mes­sungs­ge­hil­fe und also, um den dort gän­gi­gen Aus­druck zu ver­wen­den, als soge­nann­ter Glet­scher­knecht auf den Glet­schern in der Nähe mei­nes Hei­mat­dor­fes gear­bei­tet hat­te. Wir ver­ma­ßen die Bewe­gung der Glet­scher und konn­ten von Jahr zu Jahr mit frei­em Auge und von Wei­tem schon ihren kon­ti­nu­ier­li­chen Rück­gang erken­nen. Die Mess­da­ten lie­fer­ten dann nur den Beweis, dass da etwas Unge­heu­er­li­ches im Gan­ge war, das damals noch nicht oder erst zöger­lich mit Begrif­fen wie Kli­ma­wan­del und Erd­er­wär­mung zusam­men­ge­bracht wur­de. Wir sag­ten nicht Glet­scher, wir sag­ten Fer­ner zu ihnen, und fast schien es, als könn­te man einer vor­sint­flut­li­chen Tier­art bei ihrem lang­sa­men Aus­ster­ben zuschau­en. Mei­ne Auf­ga­be war es, von Son­nen­auf­gang bis Son­nen­un­ter­gang mit einem Reflek­tor­stab von einem Ver­mes­sungs­punkt zum ande­ren zu mar­schie­ren, ihn dort in Stel­lung zu brin­gen, dass der Punkt anvi­siert wer­den konn­te, und mich dann auf den Weg zum nächs­ten zu machen. Dafür stieg ich einen Berg­hang hin­auf und den ande­ren hin­un­ter, dafür turn­te ich auf Morä­nen­ke­geln her­um und eil­te über Schnee und Eis, und wenn es zu glatt wur­de, zog ich mei­ne Turn­schu­he aus und tapp­te auf blo­ßen Strümp­fen über die gla­si­ge Glet­scher­ober­flä­che. Die Wol­le fraß und schmolz sich in der Krus­te fest, dass ich buch­stäb­lich über Was­ser ging wie nur je einer und in die­sem Stil jede Stei­gung hät­te bewäl­ti­gen kön­nen. Kei­ne Berg­schu­he zu tra­gen war eine Dumm­heit, aber wie vie­le Dumm­hei­ten die­ser Zeit Ehren­sa­che. Die Tou­ris­ten, die auf dem Weg zu den Gip­feln, bepackt mit ihren Ruck­sä­cken, Steig­ei­sen und Eis­pi­ckeln, am Seil daher­ka­men, waren meis­tens Deut­sche, aber wir nann­ten sie Rus­sen, und wenn einer von uns mit sei­nem Fern­glas eine Grup­pe ent­deck­te und sag­te: „Da unten kom­men sechs Rus­sen“, war das immer ein Anlass zu Freu­de und Belus­ti­gung. Aus­ge­rüs­tet, wie sie waren, hät­ten sie unter­wegs zum Mount Ever­est sein kön­nen oder zu einer mona­te­lan­gen Nord­pol- oder Süd­pol­ex­pe­di­ti­on und fan­den sich den­noch oft genug in Situa­tio­nen wie­der, in denen ihnen ihre gan­ze Aus­rüs­tung nicht half und in die sie sich ohne ihre Aus­rüs­tung wahr­schein­lich gar nicht erst gewagt hät­ten. Ich hat­te einen Berg­füh­rer-und-Ski­leh­rer-Vater und meh­re­re Berg­füh­rer-und-Ski­leh­rer-Onkel, die alle nicht nur ein­mal bei wid­ri­gen Bedin­gun­gen und unter Gefahr für das eige­ne Leben in die Ber­ge hat­ten müs­sen, um einen Rus­sen, der sich ver­lau­fen hat­te, in ein Gewit­ter oder in eine Lawi­ne gera­ten war, zu ret­ten oder, wenn er nicht mehr zu ret­ten war, sei­ne Lei­che zu ber­gen. Auch hat­te mein Onkel Vin­zenz, schon nicht mehr der Jüngs­te, eine Grup­pe Rus­sen am Seil und war mit ihnen unter­wegs ins Hin­te­re Eis – ein topo­gra­fi­scher Name, der in mir Schau­er von Wär­me und Käl­te aus­löst: das Hin­te­re Eis und in sei­ner Nähe die Vor­de­re, die Mitt­le­re und die Hin­te­re Hin­ter­eis­spit­ze –, als er selbst einen Sekun­den­herz­tod