Wenn Sie ein Buch über Israel lesen

Von Norbert Gstrein

Online seit: 5. Januar 2016

Wenn Sie nur ein Buch über Israel lesen – und Sie kennen vielleicht die Romane Eine Geschichte von Liebe und Finsternis von Amos Oz, Eine Frau flieht vor einer Nachricht von David Grossman oder Sari Nusseibehs Erinnerungen Es war einmal ein Land –, dann werden Sie in deutscher Sprache zurzeit kaum etwas Besseres finden als Mein gelobtes Land, das mit viel Herz und noch mehr Verstand geschriebene Geschichts- und Geschichtenbuch des israelischen Journalisten und Haaretz-Kolumnisten Ari Shavit.

Beginnend mit der Pilgerfahrt seines Urgroßvaters, der, aus England stammend, mit einer kleinen Gruppe früher Zionisten im Jahr 1897 – noch vor dem Zionistischen Weltkongress in Basel im selben Jahr – in das damalige Palästina kommt, umfasst das Buch bis in die unmittelbare Gegenwart über hundert Jahre zuerst zionistischer Geschichte und dann Geschichte des Staates Israel. Es ist kein „Land ohne Volk für ein Volk ohne Land“, als die europäische Reisegruppe das Ziel ihrer Sehnsucht erreicht, Palästina ist besiedelt, auch wenn sich zu der Zeit nicht von einem palästinensischen Volk oder einem palästinensischen Nationalbewusstsein sprechen lässt.

Auf dem Gebiet der osmanischen Provinz dieses Namens leben mehrere hunderttausend Araber, wahrscheinlich über eine halbe Million, bei wenigen Zehntausend Juden, und Ari Shavit staunt, wie sein Urgroßvater in seiner Hingerichtetheit auf eine Begegnung mit Gott so blind hatte sein können, kein Auge dafür zu haben und die Existenz von arabischen Städten wie Ramleh, Lydda oder Jaffa nicht wahrzunehmen, weil es sie in seiner Vorstellung ganz einfach nicht geben konnte. Einer der Mitreisenden ist klarsichtiger. Es ist der damals berühmte Schriftsteller Israel Zangwill, der Jahre später bei einer Rede in New York über diese Reise sprechen und mit der Feststellung, Palästina sei bevölkert, sein Publikum schockieren wird. Damit verstößt er gegen eine wesentliche zionistische Prämisse, und er wird aus der Bewegung vertrieben, aber er ist fortan einer der ersten, wenn nicht überhaupt der erste, der den Kern dessen, was die Welt noch heute als der israelisch-palästinensische Konflikt beschäftigt, unmissverständlich formuliert. Er sagt, wenn die „Söhne Israels“ das Land Israel in Besitz nehmen wollten, würden sie nicht umhinkommen, das wie ihre Vorväter mit dem Schwert zu tun.

Dieses Wissen und das Wissen um die Geschichte zweier seither tragisch ineinander verstrickter Völker steht auch im Zentrum von Ari Shavits Buch, das sich mit seiner Haltung eines melancholischen Pragmatismus so wohltuend von den Büchern der viel zu vielen Eiferer sowohl für die eine als auch für die andere Seite unterscheidet, die immer schon wissen, wo Recht und Unrecht liegen. Sie mögen berüchtigt dafür sein – Norman Finkelstein oder Max Blumenthal etwa hier, Alan Dershowitz federführend dort –, tragen mit ihren wütenden Attacken aber meistens wenig zu einem tieferen Verständnis bei, weil man bei der Lektüre ihrer Bücher immer den Eindruck hat, selbst da, wo sie recht haben mögen, sind die Fakten oft nur für den Beweis dessen arrangiert, was sie vorher schon wussten, und andere Fakten, die ihre feste Meinung erschüttern könnten, werden einfach ausgeblendet. Herauskommt ein Aufklärungsfuror, der keinen Blick für die eigene Blindheit hat, ein Bekenner- und Zelotentum, das manchmal eher psychologisch interessant ist als faktisch (weil man die Fakten dann ohnehin immer erst sortieren und gewichten muss), ein Sprechen mit rotem Schädel und Schaum vor dem Mund, ein einziges amerikanisches Gerichtssaaldrama, erstickend durch seinen auftrumpfenden Moralismus.

Kein Wunder, dass oft auch der Nazivergleich nicht weit ist, wenn diese Herrschaften losholzen, einmal für die eine, einmal für die andere Seite instrumentalisiert, je nachdem, ob es darum geht, Israel in Bausch und Bogen als faschistischen Unterdrückerstaat hinzustellen oder alle Kritiker Israels, unabhängig von ihren vielleicht stichhaltigen Argumenten, als Antisemiten.

Ari Shavit verfährt anders. Sein Ton ist ein Ton, gespeist aus Traurigkeit und Liebe und einem Optimismus bei allem Grund, pessimistisch zu sein, den ich am liebsten – wenn ich mehr davon wüsste – nahöstlich nennen würde und von demich mir vorstelle, dass man ohne ihn nicht auskommt, wenn man in Israel lebt. Es ist erstaunlich, wie erhellend bei ihm in manchen Situationen gerade die rhetorischen Fragen sind: „Was hätten wir anderes machen sollen?“ fragt er sich etwa am Ort des ehemaligen palästinensischen Dorfes Hulda, das im Unabhängigkeitskrieg ausgelöscht wurde und Platz machen musste für den Kibbuz Mishmar David, aber er fragt sich das auch für die andere Seite: „Was hätten sie anderes machen sollen?“ Das Dorf hatte vor Bekanntgabe des UN-Teilungsplanes für das damalige britische Mandatsgebiet Palästina im Jahr 1947 achtzehn Jahre lang in guter Nachbarschaft mit einer zionistischen Kommune gelebt, bevor es zu Feindseligkeiten gekommen war und Ben Gurion schließlich nach einem tödlichen Angriff auf einen jüdischen Versorgungskonvoi den entscheidenden Befehl zur Offensive gab.

Für Leute, die wissen, wie man zu einem dauerhaften Frieden im Nahen Osten gelangt, mag das Fazit der beiden Fragen – „Was hätten wir anderes machen sollen?“, „Was hätten sie anderes machen sollen?“ – ernüchternd sein, aber diese Leute sitzen meistens nicht in Israel, sondern häufig in Europa und nicht selten in Deutschland.

Amos Oz erzählt in seinen Tübinger Poetikvorlesungen, die unter dem Titel Wie man Fanatiker kuriert gedruckt vorliegen, er werde immer wieder von wohlmeinenden Menschen zu schönen Wochenenden und zum freundschaftlichen Kaffeetrinken mit palästinensischen Kollegen eingeladen, nach denen sich dann alles in Wohlgefallen auflösen sollte. „Das basiert auf einer in Europa weitverbreiteten sentimentalen Vorstellung, dass nämlich jeder Konflikt im Grunde nie mehr ist als ein Missverständnis“, sagt er. „Eine kleine Gruppentherapie, ein wenig psychologische Familienberatung, und jeder ist glücklich und zufrieden bis an sein Lebensende.“

Diese Leute muss er leider enttäuschen. Es gibt kein Missverständnis, sondern zwei „Interessensgruppen“, die sich bestens darin verstehen, dass sie dasselbe wollen, und beide mit guten Gründen, wie er meint: die Palästinenser das Land, das sie Palästina nennen, und die israelischen Juden genau das gleiche. Die Parteien, die sich da gegenüberstehen, sind in Amos Oz’ Worten „Opfer desselben Unterdrückers“: „Das Europa, das die arabische Welt kolonialisiert hat, sie ausgebeutet und gedemütigt hat, auf ihrer Kultur herumgetrampelt ist und sie als imperialistischen Spielplatz benutzt hat, ist dasselbe Europa, das die Juden diskriminiert hat, sie verfolgt und gejagt hat und schließlich einen Massenmord an ihnen begangen hat, einen beispiellosen verbrecherischen Genozid.“

Zwei Opfer also, beide im Recht, weder eindeutig identifizierbare Gute noch eindeutig identifizierbare Böse, wie es die Pilanthropen gern hätten. Für Amos Oz, der sein halbes Leben im Kibbuz Hulda verbracht hat, beginnen die wirklichen Schwierigkeiten im Selbstverständnis des Staates Israel erst mit dem Sechs-Tage-Krieg 1967 und mit der nachfolgenden Besatzung.

Ari Shavit greift da weiter aus. Er schreibt über die von ihm so genannte Black Box im Zentrum des Zionismus, über die Unausweichlichkeit, hat man sich erst einmal für die Bewegung und deren Ideologie entschieden – und den Schmerz –, für den Hulda und viele andere palästinensische Orte stehen, die im Unabhängigkeitskrieg dem Erdboden gleichgemacht worden sind: Nach fast zweitausend Jahren einer ohnmächtigen jüdischen Existenz und nur drei Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und der millionenfachen Vernichtung in den deutschen Konzentrationslagern treten israelische Juden als Soldaten und Eroberer auf, und Ari Shavit lässt keinen Zweifel, dass Israel anders nicht zu haben war.

Er spricht deutlich aus, dass der Zionismus von Anfang an einerseits als nationale Befreiungsbewegung auftrat, andererseits als kolonialistisches Unternehmen, bei dem man in Kauf nahm, dass für das eigene Überleben ein anderes Volk um sein Land gebracht wurde – und nicht nur in Kauf nahm: Landnahme und Siedlung waren und sind elementare zionistische Werte.

Man kann bei ihm viel von Ethos und Pathos der Stärke lesen, von dem nicht nur die ersten zionistischen Siedler, sondern das ganze Land in den Jahren nach der Staatsgründung beseligt war: Zionismus als Wiedererlangung jüdischer Vitalität, wie er schreibt, die Geschichte Israels als die Geschichte dieser Vitalität. Der Blick war dabei so sehr auf die Zukunft und das eigene Überleben gerichtet, dass man sich nicht den Kopf zerbrechen wollte über die 700.000 Araber, die ihre Heimat verloren hatten, und sie schlichtweg vergaß, und so zahlte das Land in Ari Shavits Worten einen hohen moralischen Preis für den Fortschritt.

Auch die Überlebenden aus den deutschen Konzentrationslagern fanden in der aufstrebenden Gesellschaft nicht viel Gehör. Dass nach dem Krieg in Israel kaum jemand etwas von deren schrecklichen Erfahrungen und deren Albträumen hören wollte, kann man auch bei Amos Oz und David Grossman lesen, und Tony Judt spricht in seinen Erinnerungen Nachdenken über das 20. Jahrhundert über seine Erlebnisse im Kibbuz, wo er mit „neuen Israelis“ zusammenkam, die „voller Verachtung für die ‚Kinder des Holocaust‘ [waren], wie sie sie nannten, Diasporajuden, die die jungen, in Israel geborenen Juden nicht verstanden“.

Der starke, selbstbewusste Israeli war das genaue Gegenteil des antisemitischen Klischees vom schwächlichen Juden, und die Geschichte der Diaspora passte als Geschichte der Schwäche nicht in das Bild, das er von sich selbst schuf, mit Rollenmodellen wie dem des harte körperliche Arbeit verrichtenden Kibbuznik und später am besten dem eines Piloten der Streitkräfte.

Die vielleicht schrecklichste Formulierung für die empfundene Ohnmacht der Diaspora kann man in der Essaysammlung Über Juden von György Konrád lesen. Er spricht von der Loyalität und „arglosen psychischen Abhängigkeit“ der (europäischen) Juden ihren „Staatsmördern“ gegenüber und findet dafür die furchtbaren Worte: „Man hatte ihnen gesagt, und allmählich glaubten sie auch selbst daran, dass sie sich als gute Patrioten diszipliniert vernichten lassen müssten.“

Dem hält der 1933 im ungarischen Debrecen Geborene die Auflehnung des Kindes entgegen, das er genau in den falschen zwölf Jahren war: „Wer sich gefügig und entblößt an den Rand der Grube stellte und darauf wartete, erschossen zu werden, hatte von mir als Kind nicht mit meiner Hochachtung zu rechnen. Nur mit meinem Mitleid. Jene großen Jungen dagegen aus der Familie und dem Bekanntenkreis, die vom jüdischen Arbeitsdienst zu den Partisanen übergelaufen und von dort weiter nach Palästina gegangen waren, in den damals entstehenden Staat Israel, durften sich meiner Bewunderung, die ich ihnen auch seither nicht entzogen habe, gewiss sein.“

Man kann darin Anklänge an die Lebensgeschichte von Aharon Appelfeld heraushören, die dieser in vielen seiner Bücher erzählt hat und die Ari Shavit auch nacherzählt. Geboren 1932 in der Nähe von Czernowitz und also nur ein Jahr älter als György Konrád, ist er noch nicht einmal zehn Jahre alt, als er mitanhören muss, wie die Deutschen seine Mutter umbringen, und er seinen Vater aus den Augen verliert. Fortan allein auf der Welt, überlebt er den Krieg in den ukrainischen Wäldern. Dessen Ende sieht er als Küchenjunge in der Roten Armee. Er ist vierzehn, als er in Haifa ankommt, und zwei Jahre später im Unabhängigkeitskrieg, mit sechzehn, verteidigt er als Mitglied einer paramilitärischen Einheit mit einem Maschinengewehr in der Hand die zionistische Farm, in der er lebte, gegen die Angriffe der Araber.

Die Rechtfertigung steht da noch außer Zweifel, und dieses Bild vor Augen, ist es eine heikle Angelegenheit, sich zu fragen, spätestens ab wann in der israelischen Geschichte sich die Frage „Was hätten wir anderes machen sollen?“ selbst für eingefleischte Zionisten nicht mehr von allein beantwortet. War es 1967 mit dem Beginn der Besatzung? War es endgültig 1982 mit dem Einmarsch in den Libanon?

Es ist immer noch erhellend, in Jacobo Timermans im selben Jahr auf Englisch und ein Jahr später auf Deutsch erschienenen Tagebuch Israels längster Krieg nachzulesen, mit welch anderen Augen sich die israelische Gesellschaft oder wenigstens ihr liberaler Teil noch während dieses militärischen Abenteuers und gleich danach im Spiegel betrachtete. „Wenn wir aufhören, uns etwas vorzumachen, dann fangen wir an, uns zu schämen“, schreibt er in der vierten Kriegswoche, nachdem er bereits nach vier Tagen von einem spürbaren Schuldbewusstsein gesprochen hat. „Eine befremdliche und unwirkliche Vorstellung für einen Juden, dass er es nun ist, der Opfer schafft.“ Hatten sich die Kriege davor – 1948, 1967, 1973 – vielleicht noch als unvermeidliche Kriege vertreten lassen, die einem von der Gegenseite aufgezwungen worden waren, war dieser Krieg, selbst vom Zaun gebrochen, von einer anderen Kategorie. In dem Essay „Brief aus Arad“ von Amos Oz, der in dem Bändchen Bericht zur Lage des Staates Israel abgedruckt ist, findet sich dafür der auf Menachem Begin zurückgehende Begriff „optional“, und in anderen Aufsätzen des Autors, zusammengefassst in dem Band Die Hügel des Libanon, lässt sich nachlesen, welcher Verlust von Unschuld sich dahinter verbirgt.

Als David Grossman fünf Jahre nach dem ersten Libanonkrieg, im Jahr 1987, zum zwanzigjährigen Jubiläum des Beginns der Besatzung die besetzten Gebiete bereiste, las sich sein Bericht, den er darüber für eine israelische Zeitschrift schrieb und der später als Buch unter dem Titel Der gelbe Wind publiziert wurde, wie die Offenbarung einer kommenden Apokalypse. Er zeichnet darin das Bild einer unterdrückten und geknechteten Gesellschaft, die kurz vor dem Aufstand war, der dann tatsächlich im Jahr darauf mit der ersten Intifada ausbrechen sollte. Es lässt sich im nachhinein fast nicht glauben, mit welcher Überraschung das israelische Publikum zu der Zeit auf die Erkenntnis reagierte, welcher Hass ihm da entgegenschlug.

Dabei ist für David Grossman die Besatzung „nicht der Hauptgrund für die Feindschaft der arabischen Staaten gegenüber Israel“. „Diese Feindschaft existierte auch vor dem Krieg von 1967, in dem die Gebiete besetzt wurden, die heute das Zentrum des Streites bilden“, sagt er in einem Vortrag im Jahr 2004, nachlesbar in dem Band Die Kraft zur Korrektur. „Und auch wenn die Besatzung aufgehoben wird, wird diese Feindschaft meiner Meinung nach noch lange bestehen.“ Doch auch er scheut sich dann, explizit noch einen Schritt weiter zurück in der Geschichte des Staates Israel zu gehen, um dort die Erklärung zu suchen, wie Ari Shavit es tut, der gleichzeitig eine der beklemmendsten Geschichten von den vielen beklemmenden Geschichten der israelischen Besatzung erzählt, die man auch anderswo lesen kann.

In einem der eindrücklichsten Kapitel seines Buches schreibt er nämlich von den zwölf Tagen, die er im Jahr 1991 im Rahmen einer Reserve-Einberufung für die Streitkräfte in einem Gefangenenlager am Strand von Gaza Wachdienst getan hat. Als „Anti-Besatzungs-Peacenik“ hätte ihm kaum eine schrecklichere Zuteilung passieren können, und er überlegt zum ersten Mal, den Befehl zu verweigern und ins Gefängnis zu gehen, entscheidet sich dann aber für die Erfahrung, um darüber schreiben zu können.

Es war eines von mehreren Lagern, die mit Beginn der ersten Intifada in Eile errichtet worden waren, und er hält fest, die meisten der dort über tausend gefangen gehaltenen Palästinenser waren keine Terroristen, sondern Demonstranten, Steinewerfer, viele von ihnen im Teenager-Alter. Er schildert, wie buchstäblich jede Nacht einer der dort internierten Jungen unter der Befragung zusammenbricht und er seine Freunde verrät und wie dann nach Mitternacht die Jeeps der Paratrooper in das abgedunkelte und unter Ausgangssperre stehende Gaza ausschwärmen und mit ihrer Fracht von ängstlichen Fünfzehn- und Sechzehnjährigen zurückkehren, die angeblich die Sicherheit des Staates Israel gefährden. Später dringen aus den Verhörzellen ihre Schreie an sein Ohr.

Über die Jahre sind es im ganzen Land Tausende und Abertausende, die so drangsaliert werden, viele von ihnen gefoltert, und Ari Shavit kommt zu dem Urteil, es gebe – zumal in Gaza – keine Ausrede und keine Entschuldigung dafür, das sei der nackte Kern der Besatzung, ein Volk, das ein anderes zu brechen versucht, „ein Phänomen ohne Parallele im Westen, systematische Brutalität, die keine Demokratie aushalten kann“. Die Frage, die er sich jetzt stellt, ist nicht mehr: „Was hätten wir anderes machen sollen?“, sondern: „Wie konnte es nur so weit mit uns kommen?“

Das Buch endet dennoch, und wie könnte es anders sein, mit einem klaren Bekenntnis zum Staat Israel. Der Traum von einem Wien im Nahen Osten, den die ersten Zionisten geträumt haben, mag sich in Tel Aviv zwar nicht erfüllen, aber Israel ist in Ari Shavits Worten trotzdem der für das Zusammenleben von säkularen Juden einzige unhinterfragbare Ort auf der Welt. Bei einem seiner Sommerbesuche im England seines Urgroßvaters geht ihm durch den Kopf, warum dessen verrückt erscheinende zionistische Reise am Ende des 19. Jahrhunderts dennoch ihren Sinn für die Gegenwart gehabt haben mag. Ich zitiere aus der englischen Ausgabe: „With no Holocaust and no pogroms and no overt anti-Semitism, these Islands“ – gemeint ist England – „kill us softly. Enlightened Europe also kills us softly, as does democratic America. Benign Western civilization destroys non-Orthodox Judaism.“ Assimmilation also als Gefahr und nicht als Chance?

Es gibt zwei in jüngster Zeit erschienene, äußerst lesenswerte Bücher, die das säkulare Judentum von zwei verschiedenen Seiten in den Blick nehmen und auf die internen Gefahren hinweisen, die ihm drohen. Das eine, aus amerikanischer Sicht, ist The Crisis of Zionism von Peter Beinart, das auf deutsch den sehr deutsch anmutenden Titel Die amerikanischen Juden und Israel: Was läuft falsch trägt. Es handelt von der immer größer werdenden Kluft in der Wahrnehmung von Judentum und Zionismus zwischen amerikanischen Juden der jüngeren und jüngsten Generation und ihren Vätern und Großvätern.

Folgt man Peter Beinart, stehen die älteren Generationen, für die es immer gerade 1939 oder 1967 ist, einer Generation gegenüber, die in der „ewigen Opfererzählung“ nicht ihre ganze Identität finden will, weil sie das, was sie in ihrem eigenen Leben sieht und was sie im Konflikt im Nahen Osten wahrnehmen kann, nicht als Ausdruck jüdischer Schwäche, sondern jüdischer Stärke empfindet und gerade darin eine der großen Herausforderungen erkennt.

Das andere Buch, aus israelischer Sicht, stammt von Gershom Gorenberg und heißt auf englisch The Unmaking of Israel, auf deutsch wieder weniger schön – schon allein wegen des hiesigen Pendants, das einem sofort in den Sinn kommt – Israel schafft sich ab. In ihm geht es um die Gefahr, dass die Orthodoxen in Israel immer stärker an Einfluss gewinnen und immer mehr wichtige Positionen einnehmen, nicht zuletzt in der Armee. Tony Judt hat Israel mit einigem Recht eine Ethnokratie genannt, und man muss das Land nicht gleich auf dem Weg zu einer Theokratie sehen, aber die demografischen Zahlen, die zitiert werden, sprechen eine beängstigende Sprache.

Doch einen letzten Blick auf die Lage soll noch einmal Ari Shavit werfen. Er ist schockiert angesichts der offensichtlichen Verwundbarkeit und Schwäche des Landes im zweiten Libanonkrieg im Jahr 2006. Über einen Monat leben mehr als eine Million Israelis unter dem Raketenbeschuss der Hisbollah, und in seinen Worten ist Israel zum ersten Mal in seiner Geschichte nicht imstande, einen Feind zu besiegen. Während er in einem Club in Tel Aviv den Tanzenden zuschaut, kommt ihm der Gedanke, wie erschreckend wenig die ausgelassenen Nachtschwärmer mit den Gleichaltrigen verbindet, die im Norden in Galiläa die Sicherheit des Landes verteidigen. Er schreibt, immer in der israelischen Geschichte sei man füreinander eingestanden, und das hieß, während die einen feierten, hätten die anderen achtgegeben, dass nichts passierte, aber diesen Vertrag sieht er jetzt in Frage gestellt.

Die beiden Realitäten, die das Land ausmachen, klaffen für ihn weit auseinander, und er lässt sich zu düsteren Worten hinreißen, von denen man nur hoffen kann, dass sie falsch sind oder sich wenigstens in einer nicht fernen Zukunft als falsch erweisen. „In the Middle East, a nation whose youngsters are not willing to kill and get killed for it is a nation on borrowed time“, schreibt er. „There is no hope here for a life-loving society that doesn‘t know how to deal with the imminence of death.“

Norbert Gstrein, geboren 1961, lebt als freier Schriftsteller in Hamburg. Zuletzt veröffentlichte er im Hanser Verlag die Romane Die ganze Wahrheit (2010) und Eine Ahnung vom Anfang (2013). Am 1. Februar 2016 erscheint sein neuer Roman In der freien Welt, in dem es unter anderem um Israel und Palästina geht.

Dieser Beitrag ist der aktuellen Ausgabe von VOLLTEXT entnommen.