Doch! Doch! Doch!

Norbert Gstreins Kolumne „Writer at Large“.
„Indem sie aus dem Buch auf ihren Knien abzulesen vorgibt, sagt sie: ‘Die verborgene Deutschheit muß man entbergen. Und das tun wir, indem wir die Juden endlich beseitigen aus Deutschland.’ Der Moderator sagt: ‘Also dieser Satz steht aber nicht in dem Band, über den wir jetzt reden.’

Online seit: 3. März 2015

Der Titel der Lichtenberg-Poetikvorlesungen, die Marcel Beyer im vergangenen Herbst in Göttingen gehalten hat und die jetzt gedruckt als schönes Büchlein im Wallstein Verlag vorliegen, lautet XX. Das ist einerseits die kürzeste Bezeichnung für das zwanzigste Jahrhundert, wie er selbst schreibt, und das zwanzigste Jahrhundert mit seinen Schrecken ist in seinen Ausführungen in den Familiengeschichten von Georges Perec und Cécile Wajsbrot präsent. Andererseits erinnern die beiden X auch an das Ausixen, das zu Zeiten der Schreibmaschine eine gängige Form der Streichung war. Der Buchstabe X hatte die Kraft der Überschreibung und Auslöschung, das wiederholte Drücken der Taste schaffte eine Peinlichkeit, eine Unliebsamkeit, einen Fehler, eine Dummheit oder was auch immer aus der Welt.

Es sind zwei Abende, an denen Marcel Beyer in Göttingen über seine Poetik spricht, und, eingeteilt in jeweils zwanzig kleinere Abschnitte, gipfelt der Text in der Druckfassung beide Male im XX. Abschnitt – wobei sich der Gipfel dann allerdings da wie dort als Abgrund und als Bodenlosigkeit erweist. Denn darin wird jeweils ein Gespräch nachgezeichnet, das einige Zeit davor im Schweizer Fernsehen zu sehen war zwischen einem ebenso klug informierten wie zurückhaltenden Moderator und einer dreist auftretenden und aggressiv ein vages Empfinden repräsentierenden Literaturkritikerin. Sie bleibt in Marcel Beyers Poetikvorlesungen ohne Namen, tritt darin nur abwechselnd als die bekannte, die aus Print, Funk und Fernsehen bekannte oder die größte denkbare deutsche Literaturkritikerin auf. Der Anlass dafür ist, dass sie in der Fernsehsendung ein falsches Zitat in die Welt gesetzt und gegen den nachdrücklichen Widerspruch des Moderators auf ihre Art – oder vielmehr Unart – auf seiner Richtigkeit beharrt hat. Ich zitiere:

Indem sie aus dem Buch auf ihren Knien abzulesen vorgibt, sagt sie: „Die verborgene Deutschheit muß man entbergen. Und das tun wir, indem wir die Juden endlich beseitigen aus Deutschland.“
Der Moderator sagt: „Also dieser Satz steht aber nicht in dem Band, über den wir jetzt reden.“
Und sie: „Doch.“
Und er: „Nein.“
Und sie, mitten aus ihrem folgenden Satz heraus: „DOCH.“
Und er, ruhig: „Nein.“
Und sie, von phänomenaler Ungeduld erfaßt: „DOCH.“
Und er, kaum mehr hörbar: „Nein.“
Und sie, indem sie das Buch auf den Tisch wirft: „DOCH.“
Betretenes Schweigen.
Es ist als hätte sie auf ein Buch uriniert.

Es geht um Martin Heideggers Schwarze Hefte, und angesichts des vermeintlichen Zitats „Die verborgene Deutschheit muß man entbergen. Und das tun wir, indem wir die Juden endlich beseitigen aus Deutschland“ stellt Marcel Beyer die Frage: „Wie lebt es sich in der Haut eines Menschen, den wörtlich zu zitieren einer Komplettdemontage gleichkommt?“ Wenn das Zitat richtig wäre, würde sich die Frage auf Martin Heidegger beziehen, aber weil es das nun einmal nicht ist (ganz und gar unabhängig davon, was für antisemitische Stellen sich in den Schwarzen Heften finden), sind diese ungeheuerlichen Sätze plötzlich Sätze der größten denkbaren deutschen Literaturkritikerin, und man muss die Frage auf sie beziehen.

Marcel Beyer beschreibt minuziös, wie „sich mit jedem ihrer Worte ein weiterer Abgrund auftut … ‚Wie schlimm ist es bestellt, wie krank und wie kaputt um die deutsche Literaturszene‘ (…) und am Ende wird sie sich vom Studiopublikum beklatschen lassen, als hätte man soeben einer Akrobatin zugeschaut, die das nie zuvor geglückte Kunststück vollbringt, bei ihrem Sturz in den Abgrund die gesamte Welt mitzureißen (…) um am Ende wider Erwarten nicht als Gestürzte, sondern als Siegerin (Siegerin über ihre sogenannten Mitstreiter, Siegerin über den Geschmack, Siegerin über die Literatur) dazustehen und sich artig vor ihrem tobenden Publikum zu verneigen.“

Nicht auszudenken, wenn sich der Moderator getäuscht hätte, und er soll hier seinen Namen haben: Stefan Zweifel. Nicht auszudenken, wenn sich die ungeheuerlichen Sätze „Die verborgene Deutschheit muß man entbergen. Und das tun wir, indem wir die Juden endlich beseitigen aus Deutschland“ tatsächlich in den Schwarzen Heften gefunden hätten, und er hätte es mit der gleichen Beharrlichkeit bestritten, wie er der auftrumpfenden Dreistigkeit der aus Print, Funk und Fernsehen bekannten Literaturkritikerin entgegengetreten ist. Ihr herrschaftliches „Doch! Doch! Doch!“, ihre „brutalen, an den Untertanengeist appellierenden Worte“, wie Marcel Beyer schreibt, waren ganz darauf angelegt, dass der Moderator einknicken würde, und es ist nichts als bewundernswert, dass er selbst noch im Verstummen – zusammengeschrien von der Furie des Ressentiments und der Rechthaberei – ihrem Zwang widerstanden hat.

Marcel Beyer fasst immer wieder nach, kommt immer wieder auf die Szene zu sprechen, als könnte er mit der immer genaueren Beschreibung dessen, was geschehen ist, das Geschehen selbst ausixen (während man in Wirklichkeit der fernsehbekannten Literaturkritikerin dabei zusieht, wie sie sich ausixt). Als gäbe es eine direkte Verbindung zwischen der Ungläubigkeit des Erzählers, der Unglaublichkeit des Geschehenen und der Hoffnung, dass es vielleicht gar nicht geschehen war, weil es gar nicht geschehen sein konnte. Als könnte man die Welt durch schiere Benennung der Ungeheuerlichkeiten gleichzeitig von ihnen freierzählen.

Bei der Frage, woher die bekannte Literaturkritikerin ihre Sätze haben könnte, wenn sie schon nicht von Martin Heidegger stammen, kommt Marcel Beyer auf Louis-Ferdinand Céline und seine antisemitische Hetzschrift Die Judenverschwörung in Frankreich zu sprechen. Darin findet sich der Satz „Wir entledigen uns der Juden, oder wir verrecken durch die Juden“, den er neben ihr „Und das tun wir, indem wir die Juden endlich beseitigen aus Deutschland“ stellt. Die Verbindung ist, zugegeben, sehr spekulativ, und ich nehme an, es ließe sich genug anderes „Schrifttum“ finden, das als besserer Beleg dessen dienen könnte, was ihr da möglicherweise im Kopf herumgeschwirrt ist. Dass sie, ohne es zu wissen, Céline zitiert, halte ich für eine zu starke These, aber die Kenntnis, dass Die Judenverschwörung in Frankreich 1937 auf Deutsch erschienen und 1945 auf den Index gesetzt worden ist und seitdem weder noch einmal veröffentlicht wurde noch Spuren im Netz hinterlassen hat, ist doch von Interesse. Denn woher auch immer die Sätze kommen – und da hat Marcel Beyer wieder recht: „Das mag ein Geheimnis der Literaturkritikerin bleiben“ –, sie stammen aus demselben Sumpf.

Es gibt eine Szene in dem Büchlein, in der Marcel Beyer beschreibt, wie er dieser fernsehbekannten Literaturkritikerin einmal im wirklichen Leben begegnet. Er kennt sie nicht und hofft zunächst noch, es mit einem Double zu tun zu haben, aber so gnädig ist die Wirklichkeit nicht, und nachdem er sie schon im Wartebereich am Flugsteig erkannt hat, kommt er auf einem Flug von Dresden nach Frankfurt in der Reihe hinter ihr zu sitzen. Das bringt seine Überlegungen in Gang, und es ist erhellend zu lesen, wie er in allernächster Nähe zu ihr über eine Ästhetik der Distanz nachdenkt.

Sie schreibt selbst Katzenbücher und Bücher, die die Liebe schon im Titel tragen, und er fragt sich, wie sie reagieren würde „angesichts einer Literatur zum Beispiel, die nicht zu Herzen geht, ganz entschieden nicht zu Herzen geht, also nicht von der Absicht lebt, den Leser zu ergreifen, zu überwältigen, sondern die mit jedem Satz deutlich macht, daß man es mit einem unabschließbaren Prozeß des Austarierens von Abstand zu tun hat, dem Abstand zwischen dem Erzähler und der Welt, dem Abstand zwischen Text und Leser (…)“ Gleichzeitig hat er da schon „immer wieder die Szene aus einem kleinen, auf den Betrachter stickig wirkenden Studio des schweizerischen Fernsehens vor Augen, in der ein ungeheures schwarzes Buch auf das Glastischchen in der Mitte der Diskussionsrunde klatscht, während die nicht nur bekannteste, sondern darüber hinaus auch beliebteste deutsche Literaturkritikerin (…) in die Kamera schaut und mit grollender Stimme ‚Doch. Doch. Doch. Doch‘ ruft, störrisch und herrisch und der gesamten restlichen Welt den Mund verbietend (…)“

Schon vorher an diesem Tag, an dem er am Dresdener Flughafen im Wartebereich am Flugsteig die aus Print, Funk und Fernsehen bekannte Literaturkritikerin sehen sollte, fällt ihm in der Abfertigungshalle im Wechseldisplay vor der Gepäckkontrolle ein Portrait der Schauspielerin Veronika Ferres auf. Sie wirbt dort für einen Fernsehfilm, der allerdings schon eine Woche davor mit äußerst mäßigen Einschaltzahlen gelaufen ist. Darin spielt sie die deutsche Bundeskanzlerin, und angesichts dessen, wen oder was sie sonst schon alles gespielt hat, wer alles sie schon gewesen ist im Film und wer alles im Leben, überlegt er sich, ob sie nicht in einer öffentlich-rechtlichen Produktion mit dem Titel Entbergen/Vernichten eine Heideggerforscherin spielen könnte, die „zu ihrem Entsetzen in Martin Heideggers geheimen Handschriften auf Sätze stößt, die allen bisherigen Heideggerforschern entgangen sind“, wenn sie nicht überhaupt einer „Heideggerfälschung“ oder „Heidegg- erverschwörung“ auf der Spur ist.

Die Sätze sind natürlich genau die Sätze, die in Wirklichkeit erst die beliebte, wenn nicht beliebteste und bekannte, wenn nicht bekannteste deutsche Literaturkritikerin mit ihrem Auftritt im Schweizer Fernsehen in die Welt gebracht hat: „Die verborgene Deutschheit muß man entbergen. Und das tun wir, indem wir die Juden endlich beseitigen aus Deutschland.“ Ich zitiere noch einmal ausführlich:

Die Kritikerin: „Ich gebe nur zu bedenken, daß – wir sind ein, ein Literaturclub, und …“
Der Moderator: „Also dieser Satz steht aber nicht in dem …“
Sie: „Ja ja …“
Er: „… Band, über den wir jetzt reden.“
Sie: „Wir sind ein – DOCH.“
Er: „Nein.“
Sie: Wir sind ein – DOCH – wir sind ein …“
Er: „Nein.“
Sie: „DOCH.“
Er: „Nein.“
Sie: „… wir sind“ (sie wirft das Buch auf den Tisch) – „DOCH.“

Darauf folgt ein Zitat aus Alice im Wunderland: „Die Königin wurde puterrot vor Zorn, und nachdem sie Alice eine Weile wild wie eine Bestie angestarrt hatte, schrie sie: ‚Kopf ab mit ihr! Ab sag ich –‘“ Zum Glück geht es weiter: „‚Papperlapapp!‘ sagte Alice laut und entschieden. Und die Königin verstummte.“ „Papperlapapp!“ sagt auch laut und entschieden Marcel Beyer in seinen Lichtenberg-Poetikvorlesungen, aber es steht nicht zu fürchten, dass die bekannteste und beliebteste deutsche Literaturkritikerin und Erfolgsautorin von Katzenbüchern und Büchern, die die Liebe schon im Titel tragen, deshalb verstummen wird. Sie wird sich doch nicht den Mund verbieten lassen. Wird sie nicht. Sie doch nicht, die das Herz auf dem rechten Fleck trägt und ich weiß nicht was auf der Zunge und ich weiß nicht was im Herzen. Es wäre ein herber Verlust für die deutsche Literatur und die deutsche Literaturkritik.

Ich schreibe das alles als Befangener und schreibe es doch. Es tut nicht wirklich etwas zur Sache, aber der Vollständigkeit halber sei auch von der Sendung ein paar Monate davor die Rede, die mich befangen gemacht hat. Ich hatte sie mir angesehen, weil darin auch über ein Buch von mir gesprochen werden sollte. Dasselbe Schweizer Fernsehen. Derselbe Moderator. Dieselbe Literaturkritikerin, bekannt, beliebt etc. Das Unglück begann damit, dass der Moderator sich nicht für einen Roman erwärmen konnte, den sie zur Diskussion gestellt hatte, und schon da reagierte sie, als ginge es nicht um Meinung und Gegenmeinung, sondern als handelte es sich um Majestätsbeleidigung, und gab ihm drohend zu verstehen, wie sie später mit dem Buch, das er vorgeschlagen hatte, verfahren würde: „Warten Sie nur, ich werde mich an Ihrem Buch rächen.“

Dieses Buch war zufällig oder auch nicht zufällig mein Buch, und naturgemäß hat sie sich dann an ihm gerächt, was man im nachhinein wahrscheinlich als großes Glück betrachten muss. Denn es war da schon zu erkennen, wie wenig sie den Moderator und sein Argumentieren ausstehen konnte, und sie hätte – Kopf ab! – viel Schlimmeres tun können. Sein Auto zerkratzen, zum Beispiel, oder seinen Hund vergiften (obwohl Hundevergiften für eine Katzenliebhaberin natürlich keine gute Idee ist, wenn sie weiterhin ein Fernsehliebling bleiben will, und das will sie wahrscheinlich mit allen Mitteln) … oder mit einem Wort gesprochen, das nicht meines ist, sondern ihres, fernseherprobt und -geprüft wie so viele ihrer Worte, hätte sie sich sonst irgendwie gebärden können wie eine wild gewordene Hausfrau.

Befangen bin ich aber auch, weil meine Bücher im selben Verlag erscheinen wie die Katzenbücher und die Bücher, die die Liebe schon im Titel tragen, der Erfolgsautorin und nicht nur beliebtesten und bekanntesten, sondern darüber hinaus mit ihrem und nicht etwa Heideggers Satz „Die verborgene Deutschheit muß man entbergen“ auch noch deutschesten aller deutschen Literaturkritikerinnen. Befangen und beklommen. Was, wenn meine Bücher durch ihre Katzenbücher und ihre Bücher, die die Liebe schon im Titel tragen, querfinanziert wären, wie man so sagt … Was, wenn meine ganze Existenz als Schreibender und also mein Leben nicht nur an einem seidenen Faden, sondern am Erfolg dieser Katzen-Erfolgs- oder Erfolgs-Katzenbücher der aus Print, Funk und Fernsehen bekannten Erfolgsschriftstellerin hinge!

„Aber ich berichte nicht“, heißt es an einer Stelle von Marcel Beyers Poetikvorlesungen. „Ich spreche, indem ich mich der Technik der Ausschnittvergrößerung bediene und Sequenzen in Zeitlupe ablaufen lasse, um es auf eine Silbe zu bringen, von Scham.“ Und an einer anderen Stelle: „Ich bin jemand, der sich herausgefordert sieht, wenn Situationen zwischen hoher Bedeutungsaufladung und völliger Bedeutungslosigkeit zu changieren scheinen.“
Eine im Fernsehen vor Wut über eine Richtigstellung ein schwarzes Buch auf ein Glastischchen knallende ältere Frau: Hohe Bedeutungsaufladung im einen Augenblick und völlige Bedeutungslosigkeit im nächsten, ebenso abstoßend wie lächerlich. Scham und Beschämung, wenn schon nicht auf ihrer Seite, dann auf der Seite des Zuschauers.

Als Gewährsmann für seine Poetik zitiert Marcel Beyer auch Claude Simon mit dessen ästhetischem Beharren darauf, dass Beschreibung niemals nur bloßes Dekor ist, und beim Lesen von XX ist mir die ganze Zeit durch den Kopf gegangen, die aus Print, Funk und Fernsehen bekannte Literaturkritikerin könnte tatsächlich dem Simonschen Figurenensemble entsprungen sein (in das sie sich zuvor natürlich nur hineingedrängt hätte). Sie könnte eine Uneingeladene in seiner Erzählung Die Einladung aus dem Jahr 1987 sein, könnte sich zu den Eingeladenen qua Selbstbehauptung einfach dazugestellt haben. In diesem hochkonzentrierten Text von nicht einmal hundert Seiten lässt sich exemplarisch sehen, wie man den „Irrsinn der Welt“ durch minuziös genaues Erzählen in allernächste Nähe zoomen und ihn sich gleichzeitig vom Leib halten kann. Es ist vielleicht der Schluss- und einer der Höhepunkte im literarischen Genre „Besuch der Sowjetunion“, und gerade die Genauigkeit der Darstellung spiegelt die Absurdität der Ereignisse: regionale Folklore, das Pflanzen von Bäumen bzw. das Nur-so-tun-als-ob, Völkerverständigung, ermüdende Reden.

Claude Simon ist in einer Gruppe von fünfzehn Männern, „deren Namen man in ihren Ländern kannte“ in die Sowjetunion eingeladen worden, unter ihnen „der zweite Mann der schönsten Frau der Welt“ sowie „ein Schauspieler (…), der in einem Film die Rolle des Nero gespielt hatte“, und als Uneingeladene und sich einfach Dazudrängende hätte die fernsehbekannte Literaturkritikerin in dieser Runde sicher eine gute Figur abgegeben.

Einer ihrer Gastgeber war der „Tolstoi Zentralasiens“, der eine Rede vom Blatt ablas, in der er Lebensweisheiten aus den Bergen, die Romane Dostojewskis und die Wunder Venedigs mit dem Weltfrieden zusammenbrachte, und wenn sie schon keine andere Rolle gehabt hätte, hätte sie wenigstens von Zeit zu Zeit ein Wodkaglas gegen eine Wand schleudern und mit einem wilden „Doch! Doch! Doch!“ darauf beharren können, dass es nur um Kuscheln und Nähe und nicht um Sinn und Verstand ging. Sie wäre auch da die Königin gewesen – wie auch nicht? – und hätte nur auf den Höhepunkt der Reise gewartet, einen Empfang durch den Generalsekretär, von dem es heißt: „(…) Er war gerade erst von einer Begegnung mit einem anderen Staatschef zurückgekommen, der ebenfalls mit einem einzigen Wort die halbe Erde vernichten konnte, auch ein Schauspieler, ein Mann, der seine Stellung nicht aufgrund besonderer Fähigkeiten oder Kenntnisse erlangt hatte, sondern indem er mit einem Cowboyhut auf dem Kopf, die Zähne zu einem breiten Lächeln entblößt, unermüdlich auf seinem Pferd durch drittklassige Filme galoppiert war …“

Bei Claude Simon findet sich die wunderbare Formulierung „hageldichtes Beifallklatschen“, die ich mir borge. Hageldichtes Beifallklatschen also! Und ja, soweit ich mich erinnern kann, gab es für die Eingeladenen auch Ehrenbürgerschaften und Orden.

Das ist alles äußerst beunruhigend und beruhigend zugleich. Beunruhigend, weil die Wirklichkeit manchmal beängstigende Volten schlägt. Beruhigend, weil sie sich auch dann noch beschreiben lässt. 

Norbert Gstrein, geboren 1961, lebt als freier Schriftsteller in Hamburg. Zuletzt veröffentlichte er im Hanser Verlag die Romane Die ganze Wahrheit (2010) und Eine Ahnung vom Anfang (2013).

Dieser Artikel erschien zuerst in VOLLTEXT 1/2015.