Doch! Doch! Doch!

Nor­bert Gst­reins Kolum­ne „Wri­ter at Lar­ge“. „Indem sie aus dem Buch auf ihren Knien abzu­le­sen vor­gibt, sagt sie: ‚Die ver­bor­ge­ne Deutsch­heit muß man ent­ber­gen. Und das tun wir, indem wir die Juden end­lich besei­ti­gen aus Deutsch­land.‘ Der Mode­ra­tor sagt: ‚Also die­ser Satz steht aber nicht in dem Band, über den wir jetzt reden.‘

Der Titel der Lich­ten­berg-Poe­tik­vor­le­sun­gen, die Mar­cel Bey­er im ver­gan­ge­nen Herbst in Göt­tin­gen gehal­ten hat und die jetzt gedruckt als schö­nes Büch­lein im Wall­stein Ver­lag vor­lie­gen, lau­tet XX. Das ist einer­seits die kür­zes­te Bezeich­nung für das zwan­zigs­te Jahr­hun­dert, wie er selbst schreibt, und das zwan­zigs­te Jahr­hun­dert mit sei­nen Schre­cken ist in sei­nen Aus­füh­run­gen in den Fami­li­en­ge­schich­ten von Geor­ges Perec und Céci­le Wajs­brot prä­sent. Ande­rer­seits erin­nern die bei­den X auch an das Aus­i­xen, das zu Zei­ten der Schreib­ma­schi­ne eine gän­gi­ge Form der Strei­chung war. Der Buch­sta­be X hat­te die Kraft der Über­schrei­bung und Aus­lö­schung, das wie­der­hol­te Drü­cken der Tas­te schaff­te eine Pein­lich­keit, eine Unlieb­sam­keit, einen Feh­ler, eine Dumm­heit oder was auch immer aus der Welt.

Es sind zwei Aben­de, an denen Mar­cel Bey­er in Göt­tin­gen über sei­ne Poe­tik spricht, und, ein­ge­teilt in jeweils zwan­zig klei­ne­re Abschnit­te, gip­felt der Text in der Druck­fas­sung bei­de Male im XX. Abschnitt – wobei sich der Gip­fel dann aller­dings da wie dort als Abgrund und als Boden­lo­sig­keit erweist. Denn dar­in wird jeweils ein Gespräch nach­ge­zeich­net, das eini­ge Zeit davor im Schwei­zer Fern­se­hen zu sehen war zwi­schen einem eben­so klug infor­mier­ten wie zurück­hal­ten­den Mode­ra­tor und einer dreist auf­tre­ten­den und aggres­siv ein vages Emp­fin­den reprä­sen­tie­ren­den Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rin. Sie bleibt in Mar­cel Bey­ers Poe­tik­vor­le­sun­gen ohne Namen, tritt dar­in nur abwech­selnd als die bekann­te, die aus Print, Funk und Fern­se­hen bekann­te oder die größ­te denk­ba­re deut­sche Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rin auf. Der Anlass dafür ist, dass sie in der Fern­seh­sen­dung ein fal­sches Zitat in die Welt gesetzt und gegen den nach­drück­li­chen Wider­spruch des Mode­ra­tors auf ihre Art – oder viel­mehr Unart – auf sei­ner Rich­tig­keit beharrt hat. Ich zitie­re:

Indem sie aus dem Buch auf ihren Knien abzu­le­sen vor­gibt, sagt sie: „Die ver­bor­ge­ne Deutsch­heit muß man ent­ber­gen. Und das tun wir, indem wir die Juden end­lich besei­ti­gen aus Deutsch­land.“
Der Mode­ra­tor sagt: „Also die­ser Satz steht aber nicht in dem Band, über den wir jetzt reden.“
Und sie: „Doch.“
Und er: „Nein.“
Und sie, mit­ten aus ihrem fol­gen­den Satz her­aus: „DOCH.“
Und er, ruhig: „Nein.“
Und sie, von phä­no­me­na­ler Unge­duld erfaßt: „DOCH.“
Und er, kaum mehr hör­bar: „Nein.“
Und sie, indem sie das Buch auf den Tisch wirft: „DOCH.“
Betre­te­nes Schwei­gen.
Es ist als hät­te sie auf ein Buch uri­niert.

Es geht um Mar­tin Heid­eg­gers Schwar­ze Hef­te, und ange­sichts des ver­meint­li­chen Zitats „Die ver­bor­ge­ne Deutsch­heit muß man ent­ber­gen. Und das tun wir, indem wir die Juden end­lich besei­ti­gen aus Deutsch­land“ stellt Mar­cel Bey­er die Fra­ge: „Wie lebt es sich in der Haut eines Men­schen, den wört­lich zu zitie­ren einer Kom­plett­de­mon­ta­ge gleich­kommt?“ Wenn das Zitat rich­tig wäre, wür­de sich die Fra­ge auf Mar­tin Heid­eg­ger bezie­hen, aber weil es das nun ein­mal nicht ist (ganz und gar unab­hän­gig davon, was für anti­se­mi­ti­sche Stel­len sich in den Schwar­zen Hef­ten fin­den), sind die­se unge­heu­er­li­chen Sät­ze plötz­lich Sät­ze der größ­ten denk­ba­ren deut­schen Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rin, und man muss die Fra­ge auf sie bezie­hen.

Mar­cel Bey­er beschreibt minu­zi­ös, wie „sich mit jedem ihrer Wor­te ein wei­te­rer Abgrund auf­tut … ‚Wie schlimm ist es bestellt, wie krank und wie kaputt um die deut­sche Lite­ra­tur­sze­ne‘ (…) und am Ende wird sie sich vom Stu­dio­pu­bli­kum beklat­schen las­sen, als hät­te man soeben einer Akro­ba­tin zuge­schaut, die das nie zuvor geglück­te Kunst­stück voll­bringt, bei ihrem Sturz in den Abgrund die gesam­te Welt mit­zu­rei­ßen (…) um am Ende wider Erwar­ten nicht als Gestürz­te, son­dern als Sie­ge­rin (Sie­ge­rin über ihre soge­nann­ten Mit­strei­ter, Sie­ge­rin über den Geschmack, Sie­ge­rin über die Lite­ra­tur) dazu­ste­hen und sich artig vor ihrem toben­den Publi­kum zu ver­nei­gen.“

Nicht aus­zu­den­ken, wenn sich der Mode­ra­tor getäuscht hät­te, und er soll hier sei­nen Namen haben: Ste­fan Zwei­fel. Nicht aus­zu­den­ken, wenn sich die unge­heu­er­li­chen Sät­ze „Die ver­bor­ge­ne Deutsch­heit muß man ent­ber­gen. Und das tun wir, indem wir die Juden end­lich besei­ti­gen aus Deutsch­land“ tat­säch­lich in den Schwar­zen Hef­ten gefun­den hät­ten, und er hät­te es mit der glei­chen Beharr­lich­keit bestrit­ten, wie er der auf­trump­fen­den Dreis­tig­keit der aus Print, Funk und Fern­se­hen bekann­ten Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rin ent­ge­gen­ge­tre­ten ist. Ihr herr­schaft­li­ches „Doch! Doch! Doch!“, ihre „bru­ta­len, an den Unter­ta­nen­geist appel­lie­ren­den Wor­te“, wie Mar­cel Bey­er schreibt, waren ganz dar­auf ange­legt, dass der Mode­ra­tor ein­kni­cken wür­de, und es ist nichts als bewun­derns­wert, dass er selbst noch im Ver­stum­men – zusam­men­ge­schrien von der Furie des Res­sen­ti­ments und der Recht­ha­be­rei – ihrem Zwang wider­stan­den hat.

Mar­cel Bey­er fasst immer wie­der nach, kommt immer wie­der auf die Sze­ne zu spre­chen, als könn­te er mit der immer genaue­ren Beschrei­bung des­sen, was gesche­hen ist, das Gesche­hen selbst aus­i­xen (wäh­rend man in Wirk­lich­keit der fern­seh­be­kann­ten Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rin dabei zusieht, wie sie sich aus­ixt). Als gäbe es eine direk­te Ver­bin­dung zwi­schen der Ungläu­big­keit des Erzäh­lers, der Unglaub­lich­keit des Gesche­he­nen und der Hoff­nung, dass es viel­leicht gar nicht gesche­hen war, weil es gar nicht gesche­hen sein konn­te. Als könn­te man die Welt durch schie­re Benen­nung der Unge­heu­er­lich­kei­ten gleich­zei­tig von ihnen frei­er­zäh­len.

Bei der Fra­ge, woher die bekann­te Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rin ihre Sät­ze haben könn­te, wenn sie schon nicht von Mar­tin Heid­eg­ger stam­men, kommt Mar­cel Bey­er auf Lou­is-Fer­di­nand Céli­ne und sei­ne anti­se­mi­ti­sche Hetz­schrift Die Juden­ver­schwö­rung in Frank­reich zu spre­chen. Dar­in fin­det sich der Satz „Wir ent­le­di­gen uns der Juden, oder wir ver­re­cken durch die Juden“, den er neben ihr „Und das tun wir, indem wir die Juden end­lich besei­ti­gen aus Deutsch­land“ stellt. Die Ver­bin­dung ist, zuge­ge­ben, sehr spe­ku­la­tiv, und ich neh­me an, es lie­ße sich genug ande­res „Schrift­tum“ fin­den, das als bes­se­rer Beleg des­sen die­nen könn­te, was ihr da mög­li­cher­wei­se im Kopf her­um­ge­schwirrt ist. Dass sie, ohne es zu wis­sen, Céli­ne zitiert, hal­te ich für eine zu star­ke The­se, aber die Kennt­nis, dass Die Juden­ver­schwö­rung in Frank­reich 1937 auf Deutsch erschie­nen und 1945 auf den Index gesetzt wor­den ist und seit­dem weder noch ein­mal ver­öf­fent­licht wur­de noch Spu­ren im Netz hin­ter­las­sen hat, ist doch von Inter­es­se. Denn woher auch immer die Sät­ze kom­men – und da hat Mar­cel Bey­er wie­der recht: „Das mag ein Geheim­nis der Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rin blei­ben“ –, sie stam­men aus dem­sel­ben Sumpf.

Es gibt eine Sze­ne in dem Büch­lein, in der Mar­cel Bey­er beschreibt, wie er die­ser fern­seh­be­kann­ten Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rin ein­mal im wirk­li­chen Leben begeg­net. Er kennt sie nicht und hofft zunächst noch, es mit einem Dou­ble zu tun zu haben, aber so gnä­dig ist die Wirk­lich­keit nicht, und nach­dem er sie schon im War­te­be­reich am Flug­steig erkannt hat, kommt er auf einem Flug von Dres­den nach Frank­furt in der Rei­he hin­ter ihr zu sit­zen. Das bringt sei­ne Über­le­gun­gen in Gang, und es ist erhel­lend zu lesen, wie er in aller­nächs­ter Nähe zu ihr über eine Ästhe­tik der Distanz nach­denkt.

Sie schreibt selbst Kat­zen­bü­cher und Bücher, die die Lie­be schon im Titel tra­gen, und er fragt sich, wie sie reagie­ren wür­de „ange­sichts einer Lite­ra­tur zum Bei­spiel, die nicht zu Her­zen geht, ganz ent­schie­den nicht zu Her­zen geht, also nicht von der Absicht lebt, den Leser zu ergrei­fen, zu über­wäl­ti­gen, son­dern die mit jedem Satz deut­lich macht, daß man es mit einem unab­schließ­ba­ren Pro­zeß des Aus­ta­rie­rens von Abstand zu tun hat, dem Abstand zwi­schen dem Erzäh­ler und der Welt, dem Abstand zwi­schen Text und Leser (…)“ Gleich­zei­tig hat er da schon „immer wie­der die Sze­ne aus einem klei­nen, auf den Betrach­ter sti­ckig wir­ken­den Stu­dio des schwei­ze­ri­schen Fern­se­hens vor Augen, in der ein unge­heu­res schwar­zes Buch auf das Glas­tisch­chen in der Mit­te der Dis­kus­si­ons­run­de klatscht, wäh­rend die nicht nur bekann­tes­te, son­dern dar­über hin­aus auch belieb­tes­te deut­sche Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rin (…) in die Kame­ra schaut und mit grol­len­der Stim­me ‚Doch. Doch. Doch. Doch‘ ruft, stör­risch und her­risch und der gesam­ten rest­li­chen Welt den Mund ver­bie­tend (…)“

Schon vor­her an die­sem Tag, an dem er am Dres­de­ner Flug­ha­fen im War­te­be­reich am Flug­steig die aus Print, Funk und Fern­se­hen bekann­te Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rin sehen soll­te, fällt ihm in der Abfer­ti­gungs­hal­le im Wech­sel­dis­play vor der Gepäck­kon­trol­le ein Por­trait der Schau­spie­le­rin Vero­ni­ka Fer­res auf. Sie wirbt dort für einen Fern­seh­film, der aller­dings schon eine Woche davor mit äußerst mäßi­gen Ein­schalt­zah­len gelau­fen ist. Dar­in spielt sie die deut­sche Bun­des­kanz­le­rin, und ange­sichts des­sen, wen oder was sie sonst schon alles gespielt hat, wer alles sie schon gewe­sen ist im Film und wer alles im Leben, über­legt er sich, ob sie nicht in einer öffent­lich-recht­li­chen Pro­duk­ti­on mit dem Titel Entbergen/Vernichten eine Heid­eg­ger­for­sche­rin spie­len könn­te, die „zu ihrem Ent­set­zen in Mar­tin Heid­eg­gers gehei­men Hand­schrif­ten auf Sät­ze stößt, die allen bis­he­ri­gen Heid­eg­ger­for­schern ent­gan­gen sind“, wenn sie nicht über­haupt einer „Heid­eg­ger­fäl­schung“ oder „Heid­egg- erver­schwö­rung“ auf der Spur ist.

Die Sät­ze sind natür­lich genau die Sät­ze, die in Wirk­lich­keit erst die belieb­te, wenn nicht belieb­tes­te und bekann­te, wenn nicht bekann­tes­te deut­sche Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rin mit ihrem Auf­tritt im Schwei­zer Fern­se­hen in die Welt gebracht hat: „Die ver­bor­ge­ne Deutsch­heit muß man ent­ber­gen. Und das tun wir, indem wir die Juden end­lich besei­ti­gen aus Deutsch­land.“ Ich zitie­re noch ein­mal aus­führ­lich:

Die Kri­ti­ke­rin: „Ich gebe nur zu beden­ken, daß – wir sind ein, ein Lite­ra­tur­club, und …“
Der Mode­ra­tor: „Also die­ser Satz steht aber nicht in dem …“
Sie: „Ja ja …“
Er: „… Band, über den wir jetzt reden.“
Sie: „Wir sind ein – DOCH.“
Er: „Nein.“
Sie: Wir sind ein – DOCH – wir sind ein …“
Er: „Nein.“
Sie: „DOCH.“
Er: „Nein.“
Sie: „… wir sind“ (sie wirft das Buch auf den Tisch) – „DOCH.“

Dar­auf folgt ein Zitat aus Ali­ce im Wun­der­land: „Die Köni­gin wur­de puter­rot vor Zorn, und nach­dem sie Ali­ce eine Wei­le wild wie eine Bes­tie ange­starrt hat­te, schrie sie: ‚Kopf ab mit ihr! Ab sag ich –‘“ Zum Glück geht es wei­ter: „‚Pap­per­la­papp!‘ sag­te Ali­ce laut und ent­schie­den. Und die Köni­gin ver­stumm­te.“ „Pap­per­la­papp!“ sagt auch laut und ent­schie­den Mar­cel Bey­er in sei­nen Lich­ten­berg-Poe­tik­vor­le­sun­gen, aber es steht nicht zu fürch­ten, dass die bekann­tes­te und belieb­tes­te deut­sche Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rin und Erfolgs­au­torin von Kat­zen­bü­chern und Büchern, die die Lie­be schon im Titel tra­gen, des­halb ver­stum­men wird. Sie wird sich doch nicht den Mund ver­bie­ten las­sen. Wird sie nicht. Sie doch nicht, die das Herz auf dem rech­ten Fleck trägt und ich weiß nicht was auf der Zun­ge und ich weiß nicht was im Her­zen. Es wäre ein her­ber Ver­lust für die deut­sche Lite­ra­tur und die deut­sche Lite­ra­tur­kri­tik.

Ich schrei­be das alles als Befan­ge­ner und schrei­be es doch. Es tut