Marry, Fuck, Kill!

Nor­bert Gst­reins Kolum­ne „Wri­ter at Lar­ge“ – „Auch fiel mir im sel­ben Augen­blick wie­der ein, dass Peter Hand­ke die Gedich­te von Rado­van Kara­džić ein­mal mit denen von Alfred Kol­le­rit­sch ver­gli­chen hat­te und dabei ich weiß nicht mehr zu wel­chem Urteil gekom­men war …“

Ich hat­te das Spiel nicht gekannt. Der Vor­schlag kam von einer jun­gen Autorin, noch nicht drei­ßig­jäh­rig, und die älte­ren stimm­ten sofort ein. Es war in einem Schrift­stel­ler­haus am Hud­son, wir saßen in der Abend­essens­run­de um den gro­ßen Tisch, und augen­blick­lich schwoll der Lärm der Stim­men wie­der zu Kan­ti­nen­laut­stär­ke an. In den ver­gan­ge­nen Tagen war es da und dort schon zu ero­ti­schen Fehl­zün­dun­gen, Ver­bren­nun­gen und Ver­puf­fun­gen gekom­men, und weil der jun­ge Schwei­zer Autor, der vie­les davon auf ele­gan­te Wei­se zu neu­tra­li­sie­ren ver­moch­te, für ein paar Tage nach New York hin­un­ter­ge­fah­ren war, sah ich mich allein einer Grup­pe von acht Frau­en gegen­über. Wun­der­ba­re Frau­en alle­samt – make no mista­ke –, Schrift­stel­le­rin­nen, aber nach der wochen­lan­gen Kaser­nie­rung in einer wri­ters‘ colo­ny konn­ten sie von einem Augen­blick auf den ande­ren einen Lärm ent­wi­ckeln, der im Ver­gleich eine Fuß­bal­ler- oder Säu­fer­run­de von Män­nern, wie sie dem Kli­schee ent­sprach, eher blass aus­se­hen ließ.

Nun hat­te ich es mir seit eini­ger Zeit ange­wöhnt, Knei­pen oder Restau­rants nicht zu betre­ten, in denen ich Run­den von mehr als vier Frau­en in einem bestimm­ten, etwas fort­ge­schrit­te­nen Alter sah, die offen­sicht­lich ihre girls‘ night out hat­ten – nicht mein Wort – und auf Teu­fel komm raus Spaß haben oder womög­lich sogar die Sau raus las­sen woll­ten, wie man so sagt … aber das hier … das war doch … ein Schrift­stel­ler­haus, ein Ort der intel­lek­tu­el­len Begeg­nung, eine Oase des Geis­tes, eine Insti­tu­ti­on von aller­höchs­ter Respek­ta­bi­li­tät mit fast klös­ter­lich anmu­ten­den Regeln des Schwei­gens und der Stil­le.

Zum Spiel spä­ter … Denn wenn ich es könn­te, müss­te ich jetzt zur Ein­stim­mung den Witz erzäh­len, den ich ein paar Mona­te davor von einer außer Rand und Band gera­te­nen Frau­en­run­de in einer Knei­pe in Frei­sing zu hören bekom­men hat­te, als ich sie schließ­lich doch frag­te, war­um sie es denn gar so lus­tig hät­ten. Dar­in geht es um zwei Freun­din­nen, die bei­de ihren Mann ver­lo­ren haben und sich seit­her immer wie­der auf dem Fried­hof tref­fen. Dabei beob­ach­tet die eine, dass die ande­re immer rück­wärts vom Grab ihres Man­nes weg­geht, nach­dem sie dort Blu­men abge­legt, eine Ker­ze ange­zün­det oder nur die wel­ken Blät­ter aus der Ein­frie­dung gekehrt hat. Sie schaut ihr ein ums ande­re Mal zu, ohne etwas zu sagen, bis die Neu­gier schließ­lich doch so groß wird, dass sie es nicht mehr aus­hält und fragt.

– Ich sehe dir schon seit eini­ger Zeit zu. Du ent­fernst dich immer rück­wärts vom Grab dei­nes Man­nes. Es geht mich nichts an, aber kannst du mir sagen, war­um?
– Es ist wegen etwas, das er über mei­nen Arsch gesagt hat.
– Über dei­nen Arsch? Höre ich rich­tig? Was hat er denn gesagt?
– Er hat gesagt, du hast einen so gei­len Arsch, dass bei sei­nem Anblick sogar Tote wie­der zum Leben erwa­chen.
… und Prus­ten, Wie­hern, Lachen …
– Einen so gei­len Arsch.
… und haha­ha …
— dass sogar Tote …

„Ein gei­ler Arsch“, a ran­dy, hor­ny, leche­rous oder viel­leicht auch nur a hot, ter­ri­fic ass, laut Lan­gen­scheidts Prak­ti­schem Wör­ter­buch … Der Guar­di­an, lese ich gera­de, hat das Jahr 2014 zum Year of the Boo­ty gekürt, was zurück­über­setzt „Jahr des Arsches“ heißt, und der Guar­di­an war ein­mal und ist viel­leicht immer noch eine seriö­se Zei­tung … Das erin­nert mich an ein Inter­view mit Char­lot­te Roche, das man vor einer Wei­le schon im ZEIT-Maga­zin lesen konn­te, dem Organ, in dem sich die gebil­de­ten Stän­de unter ihrem Niveau unter­hal­ten dür­fen, aber selbst­ver­ständ­lich nur ein biss­chen – bevor wie­der Zucht und Ord­nung ein­keh­ren.

Dar­in macht die Inter­viewe­rin der Autorin, wahr­schein­lich ganz im Sin­ne eines neu­en Femi­nis­mus, das schö­ne Kom­pli­ment: „Du hast einen gei­len Arsch“, und wenn­gleich ich mich der Reak­ti­on von Char­lot­te Roche nicht mehr ent­sin­ne, kann ich mir vor­stel­len, wie eine ZEIT-Maga­zin-Lese­rin einem ZEIT-Maga­zin-Leser beim Sonn­tags­früh­stück in Ham­burg einen Blick zuwirft und wahl­wei­se „in gro­ßer Sor­ge“ oder „vol­ler Wut und Ver­ach­tung“ fragt: „Rolf, hast du das schon gele­sen?“, wor­an sich viel­leicht eine lan­ge Dis­kus­si­on schlös­se, ob man einen Leser­brief schrei­ben oder lie­ber gleich das Abon­ne­ment abbe­stel­len sol­le.

Ich ken­ne Char­lot­te Roche nicht per­sön­lich, und noch weni­ger weiß ich und will ich von ihrem A… wis­sen, aber ich stel­le mir seit­her zwang­haft vor, dass sie nach ihren Lesun­gen rück­wärts von der Büh­ne abgeht, dass sie ihren Inter­view­ern je nach­dem, ob sie sich ein Bild machen sol­len oder eben gera­de nicht, rück­wärts oder vor­wärts ent­ge­gen­tritt und dass sie für die Frank­fur­ter Buch­mes­se die raf­fi­nier­tes­ten Ver­hal­tens­stra­te­gien ent­wi­ckelt hat, viel­leicht sogar etwas rich­tig Grau­gans­haf­tes, wie es die Tier­fil­mer lie­ben, und das zu ent­schlüs­seln des Ideen­reich­tums und der Beob­ach­tungs­be­harr­lich­keit eines Kon­rad Lorenz bedürf­te.

Das Spiel, das die jun­ge Autorin vor­schlug, hieß „Mar­ry, Fuck, Kill!“, und es ging so, dass man aus einer Aus­wahl von drei Män­nern ent­schei­den muss­te, wel­chen von ihnen man hei­ra­ten, wel­chen ficken und wel­chen man umbrin­gen wür­de: mar­ry, fuck, kill! Die ers­te Grup­pe, die genannt wur­de, war fast erwart­bar lang­wei­lig in dem beab­sich­tig­ten risi­ko­lo­sen poli­ti­schen Bei­fang: Hit­ler, Bush und Putin. Kill Hit­ler war klar, und dann wur­de lan­ge dis­ku­tiert, ob mar­ry Putin and fuck Bush oder mar­ry Bush and fuck Putin. Eine wun­der­ba­re Gele­gen­heit, die selbst­ver­ständ­lich nicht vor­han­de­nen Vor­zü­ge der bei­den abzu­wä­gen und sich dabei immer auf der rich­ti­gen Sei­te zu wis­sen. Wenn einer von ihnen wenigs­tens Net­an­ya­hu gewe­sen wäre, hät­te man aus dem Spiel viel­leicht etwas schlie­ßen kön­nen, aber so ging es in eine selbst­ge­fäl­li­ge Lee­re.

Mar­ry, fuck, kill – nicht aus­zu­den­ken, wenn die Kan­di­da­ten Joa­chim Gauck, Heinz Fischer* und Gün­ter Grass hie­ßen: Ein­fa­cher wür­de es dann sicher auch nicht. Kill Gauck? Kill Fischer? Kill Grass? Ich über­leg­te, eine Lan­ze für Bush zu bre­chen und die Bil­der zu erwäh­nen, die er mal­te, seit er nicht mehr im Wei­ßen Haus resi­dier­te. Nach all­ge­mei­nem Urteil waren sie dilet­tan­tisch, aber es gab min­des­tens eines, dem man ein beträcht­li­ches Maß an Iro­nie nicht abspre­chen konn­te: Ein ehe­ma­li­ger Prä­si­dent, der sei­ne aus dem Was­ser ste­hen­den Zehen und Tei­le der Ober­schen­kel in der halb­vol­len Bade­wan­ne mal­te und das Bild dann Selbst­por­trait nann­te, nahm immer­hin eine beden­kens­wer­te Per­spek­ti­ve ein.

Jemand ande­rem mit einem nied­ri­ge­ren Böse­wichts­ko­ef­fi­zi­en­ten, als Geor­ge W. Bush ihn hat­te, wäre das unab­hän­gig von der Qua­li­tät der Aus­füh­rung ohne Zwei­fel als Refle­xi­on über Macht und Ohn­macht oder etwas der­glei­chen aus­ge­legt wor­den, aber ich wuss­te, eine sol­che Dis­kus­si­on ließ sich in der Hit­ze des Gefechts nicht füh­ren, und schwieg. Auch fiel mir im sel­ben Augen­blick wie­der ein, dass Peter Hand­ke die Gedich­te von Rado­van Kara­džić ein­mal mit denen von Alfred Kol­le­rit­sch ver­gli­chen hat­te und dabei ich weiß nicht mehr zu wel­chem Urteil gekom­men war: dass sie auch nicht schlech­ter sei­en … oder viel­leicht sogar bes­ser … oder dass es einer­lei sei und sich die Fra­ge so nicht stel­le: Kol­le­rit­sch, Kara­džić, alles eins, was ihre Poe­sie anging, nur dass der eine halt ein Kriegs­ver­bre­cher war.

Die Dis­kus­si­on hat­te sich inzwi­schen ohne­hin wei­ter­be­wegt, und die Kan­di­da­ten waren nicht mehr Hit­ler, Bush und Putin, son­dern die drei Ver­lags­leu­te, die am Wochen­en­de zu Besuch gewe­sen waren. Da wur­de es schon schwie­ri­ger. Wen umbrin­gen? Den mit der Glat­ze? Wen ficken? Den Bär­ti­gen? Wen hei­ra­ten? Den Unbe­darf­ten? Ich dach­te an mein rapi­de sich lich­ten­des Haar, ich dach­te, dass ich mich seit vie­len Tagen nicht rasiert hat­te, ich dach­te … o Gott, und dann auch noch unbe­darft … wenn das die Kri­te­ri­en waren und am Ende eine Wahl getrof­fen wer­den muss­te, kam ich für alles in Fra­ge: mar­ry, fuck, kill, und fest­zu­le­gen wäre nur noch die Rei­hen­fol­ge.

Mein Zim­mer hat­te ich über einer Autorin, die abends immer bekannt­gab, wie vie­le Sei­ten sie geschrie­ben habe. Weni­ger als zwölf waren es kaum je, an bes­se­ren oder schlech­te­ren Tagen konn­ten es acht­zehn sein, ein­mal waren es zwan­zig, und was mich zu ande­ren Zei­ten wahr­schein­lich ner­vös gemacht hät­te, ent­hob mich jetzt jeder Ver­pflich­tung. Durch die dün­nen Wän­de hör­ten wir uns nachts gegen­sei­tig schnar­chen, und was auch immer das für sie bedeu­te­te, ich bezog eine immense Beru­hi­gung aus ihrer Anwe­sen­heit und fühl­te mich sicher, wenn vor den Fens­tern die Kojo­ten heul­ten.

In ihren Büchern gab es noch die Lie­be, gab es noch den Rich­ti­gen, der nur zu fin­den und dann mit allen Mit­teln und allen Tricks zu erobern wäre. Es gab Frau­en „mit zor­ni­gem schwar­zen Haar“, die ihre Auf­trit­te hat­ten und for­der­ten, for­der­ten, for­der­ten – also doch nicht Jane Aus­ten, son­dern eher Dal­las, oder wenn schon Jane Aus­ten, dann ent­schie­den in einer Tur­bo­ver­si­on für das neue Jahr­tau­send. Um mein eige­nes Ver­sa­gen zu kaschie­ren, erzähl­te ich von Uwe John­son, sei­nen eng­li­schen Jah­ren, und dass er manch­mal über Tage kei­nen Satz zustan­de gebracht habe, und wenn das nicht half, beru­hig­te ich mich damit, dass das Land rund­um ehe­ma­li­ges India­ner­land war und ich bes­ser in den Wäl­dern her­um­strei­fen wür­de, als in mei­nem Zim­mer zu sit­zen und auf die Ein­ge­bung zu war­ten.

Mor­gens fuhr ich mit dem Fahr­rad in das nahe­ge­le­ge­ne Städt­chen Chat­ham zum Arbei­ten und saß in Wirk­lich­keit stun­den­lang untä­tig vor einem Café am Cen­tral Squa­re in der Son­ne und schau­te den Zügen zu, die sich mit einem Heu­len ankün­dig­ten und mit­ten durch das Zen­trum kamen auf ihrem Weg nord­wärts nach Alba­ny und wei­ter nach Kana­da und süd­wärts nach New York. Wenn ich spä­ter zurück­kehr­te und nicht unglück­lich ver­kün­de­te, ich hät­te gar nichts geschrie­ben, kam es vor, dass ich besorgt gefragt wur­de, ob ich an einem writer’s block lit­te, aber das war es nicht, im Gegen­teil. Mir fehl­ten nicht die Wor­te, ich erstick­te fast an ihrem Über­maß, weil in den Lüf­ten und Wip­feln ein Indi­an Sum­mer tob­te und jeder Tag sich anließ, als wäre er der letz­te, schöns­te, bes­te mei­nes Lebens, und ich auch gern etwas über die Lie­be und die ein­zig Rich­ti­ge geschrie­ben hät­te, selbst wenn sie noch so fern sein moch­te. Es wur­de dann aber nur ein Gedicht in eng­li­scher Spra­che, eine Art Gedicht zumin­dest – Gedicht nicht wie Goe­the, Gedicht nicht wie Grün­bein, Gedicht wie G… – mit dem Titel „What Lite­ra­tu­re is good for“, das im Kern sei­ner Aus­sa­ge, so viel Selbst­in­ter­pre­ta­ti­on erlau­be ich mir, wohl eine unbe­hol­fe­ne Ant­wort auf das Mar­ry-Fuck-Kill-Spiel ist:

I kil­led a bug with Gravity’s Rain­bow
My wife told me
You don’t need
Gravity’s Rain­bow to kill bugs
So I kil­led
the next bug with
a small volu­me
by a cer­tain T.S. Eli­ot
The Was­te Land and other poems
Cen­ten­ary edi­ti­on
just eigh­ty-eight pages
I kil­led a bug
with The Sound and the Fury
ano­ther was­te
too many pages
I kil­led ano­ther bug
with Absa­lom, Absa­lom
a was­te again
I kil­led bugs with
Heart of Dark­ness
The Stran­ger
and Mrs Dal­lo­way
which see­med appro­pria­te
and when I tried
to kill a rab­bit with
A Fare­well to Arms
my wife told me
You need Com­ple­te Works
to kill rab­bits
So I kil­led a rab­bit with
The Com­ple­te Works of Words­worth
ano­ther rab­bit with
The Com­ple­te Works of Chau­cer
and still other rab­bits with
The Com­ple­te Works of
Emer­son, Whit­man and Tho­reau
and when my wife told me
The­re were no rab­bits left in
our gar­den
I kil­led my wife with
The Com­ple­te Works of Shake­speare
They took me to pri­son
I star­ted to read
I star­ted to wri­te
This is my first poem

Direkt an das Schrift­stel­ler­haus grenz­te ein rie­si­ger Skulp­tu­ren­gar­ten, in dem ich mich bei Son­nen­un­ter­gang immer erging, und ein paar Tage lang über­leg­te ich, ob ich nicht ein­fach in das ande­re Fach wech­seln sol­le. Rie­si­ge Wür­fel, Qua­der, Pyra­mi­den, Kegel, Zylin­der und Kugeln in die Land­schaft zu stel­len – alles Phal­lus­sym­bo­le, ver­steht sich –, erschien mir auf ein­mal das Befrie­di­gends­te über­haupt, und hier am Ran­de der Wild­nis, wo man nicht sagen konn­te, ob sie aus­ge­stellt waren oder nur im Nir­gend­wo ent­sorgt wie die aus­ge­dien­ten Flug­zeu­ge auf den Flug­zeug­fried­hö­fen in der Moja­ve-Wüs­te, war der Grö­ße prin­zi­pi­ell kei­ne Gren­ze gesetzt.

Ich müss­te nur einen Geld­ge­ber fin­den und könn­te über Nacht der mit dem größ­ten Kegel wer­den, und da war noch nicht gesagt, dass ich ihn natür­lich auf die Spit­ze stel­len und mit der kaum erkenn­ba­ren Geschwin­dig­keit von einer Umdre­hung pro Tag um die eige­ne Ach­se rotie­ren las­sen wür­de. Dazu kam das Mate­ri­al, das sich zwi­schen Stahl­be­ton und Gra­nit so wäh­len lie­ße, dass der Anspruch auf Ewig­keit nicht so ver­stie­gen wäre wie bei der Arbeit auf Papier, und zwei oder drei Näch­te lang träum­te ich davon, ein paar tau­send Ton­nen ros­ti­ger Eisen­bahn­schie­nen in die Land­schaft zu kip­pen und sie mit dem Titel Untit­led or A Tri­bu­te to Dami­en Hirst zu ver­se­hen. Antrans­por­tie­ren las­sen wür­de ich sie mit einer unüber­schau­ba­ren Flot­te von Heli­ko­ptern, die daher­knat­ter­ten wie in Apo­ca­lyp­se Now und alle fal­schen Fra­gen in ihrem Lärm erstick­ten.

Ich war am Ran­de eines Ner­ven­zu­sam­men­bruchs, und erst in Ham­burg zurück unter­warf ich mich wie­der dem mir auf­er­leg­ten Sozia­li­sie­rungs­pro­gramm. Mei­ne Liebs­te hat­te mir vor eini­ger Zeit schon gedroht, mich zu ver­las­sen, wenn ich es nicht schaff­te, ein Jahr lang jeden zwei­ten Sonn­tag in einer Bäcke­rei in der Bis­marck­stra­ße Bröt­chen kau­fen zu gehen, ohne dann zu Hau­se einen mis­an­thro­pi­schen Anfall zu bekom­men und zu dro­hen, wenn ich noch ein­mal dort­hin müs­se, wür­de ich Amok lau­fen.

Ich hat­te schon zwan­zig Sonn­ta­ge erfolg­reich absol­viert und woll­te nicht so kurz vor dem Ziel alles ver­mas­seln, als ich zwei Tage nach mei­ner Rück­kehr aus Ame­ri­ka, eine osten­ta­ti­ve Schild­kap­pe auf dem Kopf, in der lan­gen Rei­he der Bröt­chen­käu­fer stand. „Zwei Rosi­nen“, sag­te der ers­te, „zwei Lau­gen und sechs Welt­meis­ter“, und ich lächel­te. „Acht Welt­meis­ter“, sag­te die zwei­te, und ich sag­te: „Guten Mor­gen.“ „Zwölf Welt­meis­ter, zwei Voll­korn, zwei nor­ma­le“, sag­te der drit­te, „ein Sah­ne­tört­chen und zwei Welt­meis­ter“, die vier­te … und ich sag­te: „Kei­ne Angst, ich bin ganz ruhig.“

Ich weiß nicht, wo der Bäcker ein­sitzt, der den Deut­schen mit ihrem „Som­mer­mär­chen“ die­ses anhal­ten­de Grau­en der Welt­meis­ter-Bröt­chen beschert hat, aber ich hof­fe, dass sei­ne Stra­fe fürch­ter­lich ist. Denn am letz­ten Sonn­tag des Jah­res soll ich soweit sein, in Beglei­tung mei­nes The­ra­peu­ten die Bäcke­rei zu betre­ten und selbst zu bestel­len. Ich wür­de eine unge­ra­de Anzahl neh­men, weil immer alle eine gera­de Anzahl nah­men, aber wenn ich glaub­te, damit ent­kom­men zu kön­nen, mach­te ich mir etwas vor, es müss­ten „Welt­meis­ter“ sein. Man wür­de mich vor­her auf Waf­fen durch­su­chen und die Bäcke­rei vor­sorg­lich räu­men, und dann wür­de ich daste­hen und „sie­ben Welt­meis­ter“ sagen und ent­we­der augen­blick­lich im Boden ver­sin­ken oder end­lich ein Mensch unter Men­schen sein.

Ich wür­de hin­aus­ge­hen und schnur­stracks eine Kreu­zung bei Rot über­que­ren, in der Hoff­nung, dass es ein guter Tag war. Denn an guten Tagen brauch­te ich nur drei oder vier Ver­su­che – sta­tis­tisch waren es viel mehr –, und ein Mensch in einer grau­en Jacke wür­de zu mir sagen: „Wir sind hier nicht in Ber­lin.“ Ich wür­de mich bedan­ken und mich wie­der ein­mal glück­lich schät­zen, dass ich nicht dort leben muss­te, wo offen­bar Zustän­de wie in Sodom und Gomor­ra herrsch­ten, und mich schon auf mei­nen Lieb­lings­am­pel­men­schen freu­en, wenn ich das nächs­te Mal früh am Mor­gen aus Ham­burg hin­aus­füh­re.

Er war vor­zugs­wei­se an neb­li­gen Novem­ber­ta­gen unter­wegs, um vier oder halb fünf, wenn alle noch schlie­fen, ein Jog­ger, der am Kai­ser-Fried­rich-Ufer stand und war­te­te, dass die Ampel für die Fuß­gän­ger auf Grün umschal­te­te, wobei er von einem Bein auf das ande­re trip­pel­te, um sei­nen Kör­per warm­zu­hal­ten. Man konn­te an der Stel­le weit die Man­stein­stra­ße hin­auf- und die Bogen­stra­ße hin­un­ter­se­hen, aber obwohl sich auf Hun­der­te von Metern kein Auto näher­te, rühr­te er sich nicht von der Stel­le, solan­ge Rot für ihn war. Er trug eine Ski­müt­ze und Hand­schu­he, und jedes­mal wenn ich ihn sah, dach­te ich, das nächs­te Mal wür­de ich aus­stei­gen, ihn umar­men wie Nietz­sche das Pferd in Turin und zuse­hen, dass ich dabei nicht wein­te.

Ich war sicher, dass er Jür­gen hieß, und in mei­nen kühns­ten Träu­men schlug ich ihm vor, mit mir aus­zu­wan­dern und irgend­wo im Süden eine Kom­mu­ne zu grün­den. Dar­in sag­te ich zu ihm: „Das hat alles kei­nen Sinn hier, Jür­gen, lass es uns woan­ders ver­su­chen“, und er sah mich mit einem trau­ri­gen Blick an und nick­te. Dann muss­te ich nur noch mein Auto ganz an den Kanal vor­fah­ren, ihm einen sanf­ten Tritt ver­set­zen und zuse­hen, wie es die Böschung hin­un­ter­roll­te und im Was­ser ver­sank, und ich war frei für die Zukunft.

* Amtie­ren­der öster­rei­chi­scher Bun­des­prä­si­dent

* * *

Nor­bert Gst­rein, gebo­ren 1961, lebt als frei­er Schrift­stel­ler in Ham­burg. Zuletzt ver­öf­fent­lich­te er im Han­ser Ver­lag die Roma­ne Die gan­ze Wahr­heit (2010) und Eine Ahnung vom Anfang (2013).

Erst­pu­bli­ka­ti­on: VOLLTEXT 4/2014, 4. Dezem­ber 2014
Online seit: 3. März 2015
Zuletzt aktua­li­siert: 25. Janu­ar 2016

Online seit: 3. März 2015

Zuletzt geän­dert: 27. Jan. 2016