Im Adirondack nach Kanada oder Jesus fährt fort

Nor­bert Gst­reins Kolum­ne „Wri­ter at Lar­ge“

Erst als ich im Zug nach Mont­re­al saß, hat­te ich das Gefühl, geret­tet zu sein, wenn auch nur für ein paar Augen­bli­cke. Ich hat­te eine schlim­me Nacht im Hotel Penn­syl­va­nia in New York hin­ter mir, direkt der Penn Sta­ti­on gegen­über, von wo es jetzt los­ging. Die Rezep­ti­on hat­te mir ein ande­res Zim­mer zuge­wie­sen, als ich mich über den patsch­nas­sen Tep­pich­bo­den beschwer­te, und so fand ich mich vor einer wie zu einem unter­ir­di­schen Ver­ließ füh­ren­den Tür mit der Num­mer 1313 wie­der, was wahr­schein­lich alles Fol­gen­de erklär­te. Denn eigent­lich durf­te es ein Zim­mer mit die­ser Num­mer gar nicht geben, und viel­leicht das gan­ze Stock­werk nicht, und ich war von der Hotel­lei­tung womög­lich nur für mei­ne Kla­gen bestraft und mit einem simp­len arith­me­ti­schen Trick ins Unglück geschickt wor­den. Wie als Beweis, dass in dem Zim­mer schon vie­le Jah­re nie­mand mehr geschla­fen hat­te, ergoss sich ein stin­ken­der Rost­schwall ins Wasch­be­cken, kaum dass ich das Was­ser auf­dreh­te. Die Träu­me, die mich dann ver­folg­ten, Alb­träu­me zu nen­nen, war eine gelin­de Unter­trei­bung.

Jeden­falls begeg­ne­ten mir dar­in zwei Mit­be­woh­ner des­sel­ben Stock­werks, die offen­bar die Zim­mer links und rechts von mir hat­ten, auf dem Gang mit dem Gruß „Frei­heit“, und ich grüß­te sie mit dem­sel­ben Wort zurück, ohne mir viel dabei zu den­ken, schließ­lich befan­den wir uns ja im Land der Frei­es­ten, der Tap­fers­ten und der Edels­ten. Dann erst sah ich, dass es der bald aus dem Schloss Bel­le­vue schei­den­de deut­sche Bun­des­prä­si­dent und die frisch gekür­te Trä­ge­rin des Frie­dens­prei­ses des Deut­schen Buch­han­dels waren, die mir Hand in Hand wie ein nach vie­len Jah­ren keusch gewor­de­nes Ehe­paar ent­ge­gen­ka­men, er von einer engels­glei­chen und des­halb sata­nisch anmu­ten­den Onkel­haf­tig­keit, sie ent­spre­chend tan­ten­haft, nur ein wenig sprö­der. Sie schie­nen etwas zu fei­ern, denn kaum hat­ten sie sich für eine Sekun­de los­ge­las­sen, fin­gen sie auch schon wie­der an, sich zu beglück­wün­schen und ein­an­der auf die Schul­tern zu klop­fen und sich gegen­sei­tig mit Kose­na­men anzu­spre­chen und Kuss­münd­chen zu machen und unauf­hör­lich „wir“ zu sagen und jetzt para­do­xer­wei­se trotz ihrer Rent­ner­haf­tig­keit auch über­haupt zu tur­teln wie Frisch­ver­lieb­te. Nie­mand wird mir das glau­ben, aber ich schwö­re, dabei glänz­ten sie, als wären sie aus rei­nem Gold, und ich ahn­te, dass es nicht mehr lan­ge bis Weih­nach­ten dau­ern konn­te. Sie woll­ten von mir wis­sen, ob ich auch zur Hei­lig­spre­chung nach Rom füh­re, und ich sag­te, nein, ich sei auf dem Sprung nach Kana­da, weil ich für Deutsch­land nicht gut genug sei und mir dar­um über­leg­te aus­zu­wan­dern, und erkun­dig­te mich, wer denn hei­lig­ge­spro­chen wer­den sol­le. Dar­auf ant­wor­te­ten sie, das wis­se man noch nicht, aber sie stün­den bei­de auf Vor­schlag eines gewis­sen F.-P. Tebartz-van Elst – sicher nur ein beson­ders gefin­kel­tes Pseud­onym für den Teu­fel – auf der vati­ka­ni­schen Short­list für eine Hei­lig­spre­chung zwei­ter Klas­se, nach­dem sie sich selbst schon selig­ge­spro­chen hät­ten, und zwar gemein­sam mit der weit­hin nur als Bischö­fin bekann­ten ehe­ma­li­gen Rats­vor­sit­zen­den der Evan­ge­li­schen Kir­che in Deutsch­land, die kurz in die Bar hin­un­ter­ge­gan­gen sei, einen Bründl­may­er trin­ken, und jeden Augen­blick wie­der auf­tau­chen müs­se. Ich frag­te, ob auch ein Öster­rei­cher(*) unter den Aus­er­wähl­ten sei, weil ich schon das schlimms­te Miss­ver­ständ­nis für mich fürch­te­te, und sie sag­ten, André Hel­ler, er schla­fe auf 1339, was sich mir sofort in 13 und 3 mal 13 über­setz­te, hal­te sich aber seit dem gest­ri­gen Abend mit sei­ner eri­tre­ischen Assis­ten­tin auf dem Dach auf und instal­lie­re(**) dort etwas gegen den Hass.

Genau in die­sem Augen­blick öff­ne­te sich die Auf­zugs­tür und nie­mand anders als die Bischö­fin, die bereits vor Jah­ren nach einer Alko­hol­fahrt mit dem Auto eben­so selbst­los und vor­bild­lich wie wohl­ge­fäl­lig in den Augen des Herrn ihr Amt nie­der­ge­legt hat­te, trat aus der Kabi­ne und grüß­te mich mit „Frie­de“, und weil mir mein in lan­gen Klos­ter­schü­ler­jah­ren antrai­nier­tes Minis­tran­ten­lä­cheln, das ich den bei­den ande­ren gegen­über selbst­ver­ständ­lich auf­ge­setzt hat­te, nicht mehr recht gelin­gen woll­te, lächel­te ich sie spitz­bü­bisch an, grüß­te sie noch spitz­bü­bi­scher mit „Frau Bischö­fin“, was in der dop­pelt weib­li­chen Form viel­leicht über­trie­ben war, und spitz­bü­bel­te wei­ter „Hal­le­lu­jah“ und „Habe die Ehre“. Ich hät­te ihr gern erzählt, dass ich in mei­ner Kind­heit ein­mal der Stern von Beth­le­hem gewe­sen war, aber sie hat­te Offi­zi­el­le­res und Wich­ti­ge­res zu tun. Dabei hät­te es ihr sicher gefal­len, wenn ich den Spruch auf­ge­sagt hät­te, den ich als Stern­sin­ger – einen Stab mit einem gol­de­nen Fünf- oder Sechs­zack in der Hand und also schon im zar­tes­ten Alter selbst eine Art Nach­wuchs­bi­schof mit allen Insi­gni­en mei­ner zukünf­ti­gen Hei­lig­keit – in jedem Haus mei­nes Hei­mat­dor­fes her­un­ter­be­ten muss­te: „Ich bin der Stern, so licht und hell/ Ich hab’ geführt die Wei­sen schnell/ Nach Beth­le­hem zur Krip­pe hin/ Es liegt das Jesus­kind dar­in.“ Das waren Sen­ti­men­ta­li­tä­ten, gewiss, aber wie ich damals mit den hei­li­gen drei Köni­gen sin­gend in frem­den Wohn­zim­mern gestan­den war, stand ich jetzt mit den drei Hei­li­gen zwei­ter Klas­se in spe auf dem Gang des Hotels Penn­syl­va­nia in New York, das bei dem Hor­ror, der mich plötz­lich pack­te, genau­so gut Hotel Tran­syl­va­nia hät­te hei­ßen kön­nen, und konn­te mir nicht genug die Augen rei­ben, mich in den Arm knei­fen und mit dem Fuß auf dem Boden auf­stamp­fen. Die Bischö­fin woll­te unbe­dingt ein Sel­fie mit uns allen machen, aber ich ent­wisch­te gera­de noch, und wenn wenigs­tens das mit rech­ten Din­gen zugeht, bin ich hof­fent­lich nicht auf dem Bild.

Ich kann gar nicht beschrei­ben, wie erleich­tert ich war, als wenig spä­ter Ulla Ber­ké­wicz mit Peter Hand­ke und Rado­van Kara­džić aus einer Tür trat, abwech­selnd hebrä­isch und ser­bisch spre­chend, wenn auch mit star­kem hes­si­schen Akzent, der irre Ser­ben­füh­rer und sie Arm in Arm, bei­de mit der zor­nig wider­bors­ti­gen Haar­pracht von manich­äi­schen Wirr­köp­fen, die für ihre Wahr­heit die gan­ze Welt nie­der­bren­nen, Peter Hand­ke mit der Ver­söh­nungs­fri­sur des Mes­si­as und sei­ner sicher mehr als zwölf Apos­tel. Die Zim­mer­num­mer war 1332, also 2 mal 666, 2 mal die Zahl des Tie­res aus der Apo­ka­lyp­se, und ich sag­te vor­sich­tig „Scha­lom“ und „Zdra­vo“ und streck­te ihnen Dau­men, Zei­ge- und Mit­tel­fin­ger zum Gruß ent­ge­gen. Nach dem, was ich gera­de erlebt hat­te, konn­te ich nicht anders, als sie zu fra­gen, ob sie auch auf dem Weg zur Hei­lig­spre­chung nach Rom sei­en und womög­lich sogar auf der vati­ka­ni­schen Short­list stün­den, aber sie wuss­ten nicht, wovon ich sprach, und erwi­der­ten, ihre Rei­se füh­re sie nach Den Haag, wo einer von ihnen unter Ankla­ge ste­he, mit klei­nen Abste­chern nach Bel­grad, Sara­je­vo und Sre­bre­ni­ca. Kaum hat­te ich ver­si­chert, wie sehr ich mich freu­te, dass es auf die­sem Stock­werk auch noch ech­te Böse­wich­te gab, fiel mir ein, dass ich ver­ges­sen hat­te, mich bei den drei wirk­li­chen Short­list-Kan­di­da­ten zu erkun­di­gen, wie sie über­haupt zu der Ehre kämen, was sie plötz­lich mit dem Papst auf dem Hut hät­ten und ob sie zu allem Über­fluss auch noch katho­lisch sei­en, und der Wind, der von dem weit offe­nen Höl­len­tor kam, blies mir heiß und ver­häng­nis­voll wie der Sturm der Geschich­te ins Gesicht.

In die­se reli­giö­se Ver­zü­ckungs­ver­wir­rung war ich wohl auch des­we­gen gestürzt, weil ich auf mei­nen Wegen tags­über auf eine Gos­pel­trup­pe gesto­ßen war und ihre Schil­der, auf denen „Wel­co­me back, Jesus“ stand, nicht mehr aus dem Kopf bekam. Direkt vor dem Pla­za am Cen­tral Park und damit nur ein paar Schrit­te ent­fernt von dem Turm an der Fifth Ave­nue, wo der Leib­haf­ti­ge sein Haupt­quar­tier hat­te, konn­te das nur zehn Tage vor den ame­ri­ka­ni­schen Prä­si­dent­schafts­wah­len tat­säch­lich bedeu­ten, dass er gemeint war und dass die Welt auf ihren Unter­gang zusteu­er­te. Ande­rer­seits stand Hal­lo­ween vor der Tür, was wei­te­re Kan­di­da­ten für die Rol­le des Erlö­sers ins Spiel brach­te, und nach der unheim­li­chen Begeg­nung im drei­zehn­ten Stock mei­nes Hotels woll­te ich zudem nicht aus­schlie­ßen, dass die deut­sche Bot­schaft oder das Goe­the-Insti­tut den Auf­tritt der Grup­pe zu Ehren ihrer vor­treff­li­chen Lands­leu­te orga­ni­siert hat­te. Viel­leicht hat­ten die Ver­ant­wort­li­chen in Erfah­rung gebracht, dass das Trio auf sei­nem Weg zur Hei­lig­spre­chung in Rom auch durch New York kom­men wür­de, und sich zu die­ser fei­nen Ges­te ent­schlos­sen, wobei natür­lich gesagt wer­den muss, dass von den drei­en nur einer oder eine der wie­der­ge­kehr­te Jesus sein kann und sich die bei­den ande­ren mit Plät­zen zu sei­ner Rech­ten und zu sei­ner Lin­ken begnü­gen müs­sen.

Dazu kam, dass mir spä­ter auf dem Times Squa­re eine Leucht­re­kla­me der Fir­ma Ford auf­ge­fal­len war, die mich dar­an erin­ner­te, dass ich den Auto­bau­ern selbst ein­mal eine Wer­be­i­dee anbie­ten woll­te, die mich lan­ge nicht los­ließ. Abge­bil­det auf der Lich­ter­wand war kein Wagen, son­dern eine löwen­mäh­ni­ge Frau, die gro­ße Ähn­lich­keit mit einer leicht eso­te­risch ange­hauch­ten, jun­gen öster­rei­chi­schen Schrift­stel­le­rin hat­te, und in dem Schrift­zug „Go fur­ther“ erkann­te ich erst auf den zwei­ten Blick das Wort­spiel: Ford, för­der, am för­des­ten. Das muss­te mir auf mei­nem Weg nach Kana­da nie­mand sagen, war ich doch damals selbst drauf und dran gewe­sen, nach Detroit zu fah­ren, in der Kon­zern­zen­tra­le vor­stel­lig zu wer­den und so lan­ge auf die Dame oder den Herrn am Emp­fang ein­zu­re­den, bis sie mich ent­we­der in eine Sicher­heits­zel­le sperr­ten oder ein Zustän­di­ger mir wenigs­tens ein paar Minu­ten Gehör schenk­te und ich ihm erklä­ren konn­te, wor­um es in dem Video, das ich dre­hen woll­te, ging.

Dar­in kommt ein lang­haa­ri­ger, bär­ti­ger Hip­pie in einem Fami­li­en-Van, am bes­ten natür­lich in einem Gala­xy, eine kur­vi­ge Berg­stra­ße her­auf­ge­fah­ren. Man sieht ihn zuerst nicht – hört nur das Quiet­schen der Rei­fen und den auf­heu­len­den Motor –, dann sein Gesicht in der Tota­len, eine rich­ti­ge Bun­des­prä­si­den­ten- … fast hät­te ich gesagt, Visa­ge, aber nein, ein Ant­litz mit einem seli­gen Lächeln, als wäre er bekifft, und dann erst die Kin­der, zwei auf dem Bei­fah­rer­sitz, fünf hin­ten, alle ihm auf eine Wei­se ähn­lich wie nur die Dorf­kin­der in einer Bau­ern­ko­mö­die dem Pfar­rer oder mei­net­we­gen auch Pas­tor. Er rast wie ein Ver­rück­ter die Ser­pen­ti­nen hin­auf, mehr Rei­fen­quiet­schen, mehr Motor­ge­heul, dra­ma­ti­scher Nebel, und als der Wagen schließ­lich aus dem Grau her­vor­tritt, ist es, als wür­de ein star­ten­der Jet durch die Wol­ken­de­cke bre­chen, das Blau eines wun­der­ba­ren Tages auf Erden, und er fliegt direkt in den Him­mel, direkt in das Para­dies. Dann auf­strah­len­de Ster­ne, dann Engels­chö­re, dann erst der Schrift­zug, auf dem mei­ne gan­ze Idee beruht, in Gold­let­tern, aber trotz­dem mög­lichst zurück­ge­nom­men, mög­lichst unauf­dring­lich, ohne den Leu­ten die Dop­pel­deu­tig­keit auf die Nase zu drü­cken: „Jesus fährt Ford.“

Ich hat­te mir lan­ge ein­ge­re­det, damit viel Geld ver­die­nen zu kön­nen, und auch jetzt noch, wäh­rend der Zug sich lang­sam in Bewe­gung setz­te, über­leg­te ich, ob ich nicht beim ers­ten Halt aus­stei­gen und dann einen Weg fin­den soll­te, so schnell wie mög­lich nach Detroit zu kom­men. Die Idee, für einen Tag nach Kana­da zu fah­ren und gleich wie­der zurück, schien mir auf ein­mal nicht mehr ganz so ori­gi­nell. Auf die Fra­ge, was mich dort hin­zie­he, hat­te ich nur mit den Schul­tern gezuckt, und plötz­lich dach­te ich von einem Augen­blick auf den nächs­ten voll Schreck, viel­leicht war das alles nur Teil eines ande­ren Trau­mes, und ich war in Wirk­lich­keit gar nicht mehr am Leben. Denn ich war schon ein­mal in Kana­da gewe­sen, schon ein­mal in Mont­re­al, und weil das nun nicht mehr auf­hö­ren woll­te mit den Engels­chö­ren, der Selig­keit und dem Bun­des­prä­si­den­ten­lä­cheln, und weil ich auf der Fahrt an einem See vor­bei­kom­men soll­te, dem die Mis­sio­na­re wegen der Rein­heit sei­nes Tauf­was­sers den Namen Lac du Saint Sacre­ment gege­ben hat­ten, und weil ich mein Hotel an der Kreu­zung zwei­er Stra­ßen gebucht hat­te, die nach Hei­li­gen benannt waren, Ste. Cathe­ri­ne und St. Lau­rent, und weil das bei einem schnel­len Blick auf den Plan für fast alle Stra­ßen in der Innen­stadt galt, wur­de ich den Gedan­ken nicht mehr los, ich müs­se damals gestor­ben sein und sei jetzt selbst­re­dend im Him­mel, der sich, was wun­der, als von den vor­bild­lichs­ten Deut­schen bewohn­te Höl­le her­aus­stell­te.

Damals war ich gemein­sam mit einem Schrift­stel­ler­kol­le­gen und einem Kri­ti­ker auf der Buch­mes­se in Mont­re­al gewe­sen, und wir hat­ten zusam­men mit einem lie­bes­kran­ken Ger­ma­nis­ten bis tief in die Nacht Wod­ka getrun­ken und dann am frü­hen Mor­gen in einem der obers­ten Stock­wer­ke unse­res viel­stö­cki­gen Hotels einen Feu­er­alarm über­hört. „Wir“ hieß der Schrift­stel­ler­kol­le­ge und ich, St. Micha­el und St. Nor­bert, denn der Kri­ti­ker, St. Hubert der Gute, hat­te sich selbst­ver­ständ­lich in Sicher­heit gebracht und stand mit den ande­ren aus ihren Bet­ten gescheuch­ten Gäs­ten im Foy­er oder auf der Stra­ße, wäh­rend wir den Schlaf der Gerech­ten schlie­fen, den Schlaf der Kin­der, und weder durch die Sire­ne noch durch das Klop­fen an unse­ren Türen wach zu krie­gen waren. Ich weiß nicht, ob der lie­bes­kran­ke Ger­ma­nist Hand­ke-Spe­zia­list war, der Fri­sur nach zu schlie­ßen, eher nein, er hat­te nichts von einem Jün­ger wie die vie­len, die dem Meis­ter eben­so gläu­big ins Schat­ten­reich der Pil­ze fol­gen wie ins hells­te Licht der Anders­welt, aber er hat­te sich aus­ge­rech­net und wie nur je einer in eine aus­ge­wan­der­te ser­bi­sche Tur­bo­folk­sän­ge­rin ver­liebt, die in ihrem Über­le­bens­wil­len und ihrer Über­le­bens­fä­hig­keit ein paar Num­mern zu groß für ihn war und ihn zuerst aus­ge­nom­men und dann regel­recht aus­ge­wrun­gen und weg­ge­wor­fen hat­te wie einen Wasch­lap­pen. Dar­über hat­te er den Ver­stand ver­lo­ren, und in dem Bal­kan Grill irgend­wo am St.-Lorenz-Strom, in den er uns führ­te, klag­te er uns sein Lie­bes­leid. Die ser­bi­sche Tur­bo­folk­sän­ge­rin soll­te spä­ter dort auf­tau­chen oder nicht auf­tau­chen, sie soll­te sin­gen oder nicht sin­gen, und weil der jugo­sla­wi­sche Bür­ger­krieg noch nicht lan­ge vor­bei war, tran­ken wir ihr zu Ehren und zu Ehren von Peter Hand­ke ein Glas nach dem ande­ren. Der lie­bes­kran­ke Ger­ma­nist sag­te, einer von uns müs­se sei­ne Geschich­te auf­schrei­ben, aber wir rie­ten ihm, es selbst zu tun, „Ein lie­bes­kran­ker Ger­ma­nist“ sei ein phan­tas­ti­scher Buch­ti­tel, oder noch bes­ser viel­leicht „Der lie­bes­kran­ke Ger­ma­nist, die ser­bi­sche Tur­bo­folk­sän­ge­rin …“ und dazu dann noch im sel­ben Rhyth­mus – dadam, dad­a­dam, dadam – unbe­dingt etwas Drit­tes, etwas Geheim­nis­vol­les, etwas, das den Beginn einer lan­gen Serie ankün­di­gen könn­te, viel­leicht „Der lie­bes­kran­ke Ger­ma­nist, die ser­bi­sche Tur­bo­folk­sän­ge­rin und das Aleph“.

Ich weiß nicht mehr, wie wir zurück ins Hotel gekom­men sind, und ich weiß auch nicht, ob ich das Hotel jemals wie­der ver­las­sen habe und ob sich das Zim­mer 1313 im Hotel Penn­syl­va­nia in New York nicht in Wirk­lich­keit in jenem Hotel in Mont­re­al befin­det, in dem ich mit mei­nem Schrift­stel­ler­kol­le­gen den Feu­er­alarm ver­schla­fen habe. Ich weiß nicht, war­um ich nach Kana­da fah­re, viel­leicht nur, weil der Zug die­sen Namen trägt, den ich lie­be. Er ist nach einem India­ner­stamm aus mei­nen Kin­der­bü­chern benannt, heißt Adi­rondack und fährt jetzt schon den Hud­son hin­auf, und ich bin voll uner­klär­li­cher Freu­de, mein Herz … – ich kann es nur auf Eng­lisch sagen: my heart going boom, boom, boom –, bin beseelt wie ein Wol­ken­stür­mer und hal­te mich an dem biss­chen Wirk­lich­keit fest, das drau­ßen vor­bei­zieht, Was­ser und Wäl­der: Yon­kers 8:45, Cro­ton-Har­mon 9:05, Pough­keep­sie 9:45, Rhi­ne­cliff 10:00, Hud­son City 10:20, Alba­ny-Rens­se­laer 10:45, Schenec­ta­dy 11:30, Sara­to­ga Springs 12:00, Fort Edward – Glens Falls nicht auf die Uhr geschaut, Whi­te­hall 12:50, Ticon­de­ro­ga 13:30, Port Hen­ry ver­schla­fen, West­port 14:05, Platt­s­burgh 15:20 … Dann irgend­wann die Gren­ze … Dann wei­ter …

New York – Mont­re­al – New York,
All Hal­lows’ Eve, All Saints’ Day 2016

 

P. S. Und auf der Rück­fahrt dann – ein Anflug, viel­leicht auch nur eine Ein­bil­dung von Stock­holm-Syn­drom – mein scham­lo­ses Fra­ter­ni­sie­ren mit den ame­ri­ka­ni­schen Grenz­be­am­ten, die mich in den Spei­se­wa­gen gesetzt hat­ten und nicht auf­hö­ren woll­ten, sich zu viert durch mei­nen Rei­se­pass zu blät­tern, wäh­rend der Zug im Nie­mands­land stand und ich schon über­leg­te, was ich machen soll­te, wenn sie mich nicht wei­ter­fah­ren las­sen wür­den:
– Sie waren in Syri­en?
– Ja, aber vor dem Krieg.
– War­um?
– Um mich dort umzu­schau­en.
– In Isre­al?
– Das Glei­che.
– Und jetzt fah­ren Sie für nur eine Nacht von New York nach Mont­re­al, um sich dort umzu­schau­en, und dann gleich wie­der zurück?
– Ist das ver­bo­ten?
– Für eine ein­zi­ge Nacht?
– Ich habe gehört, ame­ri­ka­ni­sche Künst­ler und Intel­lek­tu­el­le wür­den nach Kana­da aus­wan­dern, falls Trump gewählt wird, und ich woll­te sehen, wie die Fahrt ist. Schön, muss ich sagen. Außer­dem lie­be ich es, ver­däch­tig zu wir­ken und euch beim Trüf­fel­su­chen zuzu­se­hen.
– Kei­ner von denen wird aus­wan­dern.
– Weil Trump nicht gewählt wird.
– Da wäre ich mir nicht so sicher.
– Er wird nicht gewählt.
– In zehn Tagen wis­sen wir mehr, und viel­leicht ver­su­chen Sie dann noch ein­mal, mit dem Zug nach Kana­da zu fah­ren, und wir spre­chen uns wie­der.

(*) Die Neue Zür­cher Zei­tung brach­te am fol­gen­den Tag die Mel­dung, dass aus der Schweiz eine gan­ze Bus­la­dung von Kan­di­da­ten nomi­niert war. Von einer vati­ka­ni­schen Short­list konn­te da im eigent­li­chen Sinn nicht mehr die Rede sein. Sie stan­den alle drauf, Leh­rer und Volks­päd­ago­gen, Schrift­stel­ler und Poli­ti­ker, als wäre das ein und das­sel­be, sogar zwei Fuß­ball­spie­ler und eine ehe­ma­li­ge Schön­heits­kö­ni­gin, und das renom­mier­te Blatt, das für sei­ne Zurück­hal­tung bekannt war, ließ sich dazu hin­rei­ßen, von Scha­fen im Schafs­pelz zu spre­chen, deren Blö­ken sicher nie­man­den vor der Schlacht­bank bewah­re, was bei den Lesern empör­te Reak­tio­nen aus­lös­te.

(**) Der Her­aus­ge­ber besteht auf der Anmer­kung, dass die For­mu­lie­rung nicht ganz rich­tig oder jeden­falls nicht exakt sei. Was da instal­lie­ren genannt wer­de, sei in Wirk­lich­keit ein Pflan­zen und Auf­fors­ten gewe­sen, wie man der New York Times vom 5. Novem­ber 2016 ent­neh­men kön­ne, und André Hel­ler habe nicht selbst gepflanzt, son­dern sei­ne aus einem alten Königs­ge­schlecht stam­men­de eri­tre­ische Assis­ten­tin(***) pflan­zen las­sen und ihr dabei ver­son­nen zuge­se­hen, was auf dem bei­gefüg­ten Foto unglück­li­cher­wei­se den Ein­druck eines Auf­se­hers auf einer Plan­ta­ge im ame­ri­ka­ni­schen Süden erwe­cke. Das habe der Wür­di­gung kei­nen Abbruch getan, man habe es bei dem Tau­send­sas­sa und Zau­sel mit „a hell of an artist“ zu tun, in wört­li­cher Über­set­zung also mit einer Höl­le von Künst­ler. Nur Men­schen­rechts­grup­pen auf der gan­zen Welt hät­ten ihn dafür mit dem halt­lo­sen Vor­wurf kon­fron­tiert, wenn schon nicht selbst Skla­ven­ar­beit zu begüns­ti­gen, so doch die fal­schen Sym­bo­le zu set­zen und einen fahr­läs­si­gen Umgang mit der Erin­ne­rung dar­an zu pfle­gen.

(***) Die Zei­tung hob auf unge­wohnt zwei­deu­ti­ge Wei­se her­vor, dass die eri­tre­ische Assis­ten­tin mit ihren 1 Meter 82 den Zam­pa­no um einen hal­ben Kopf über­ragt habe und je nach­dem, von wel­cher Sei­te man die Ange­le­gen­heit betrach­ten wol­le, jun­gen­haft oder mäd­chen­haft schlank gewe­sen sei.

 

* * *

Nor­bert Gst­rein, gebo­ren 1961, lebt als frei­er Schrift­stel­ler in Ham­burg. Zuletzt ver­öf­fent­lich­te er im Han­ser Ver­lag die Roma­ne Die gan­ze Wahr­heit (2010), Eine Ahnung vom Anfang (2013) sowie In der frei­en Welt (2016).

Quel­le: VOLLTEXT 4/2016

Online seit: 29. Jän­ner 2017

Online seit: 29. Jän­ner 2017

Zuletzt geän­dert: 29. Jan. 2017