Das Orakel von Opatija

Nor­bert Gst­reins Kolum­ne „Wri­ter at Lar­ge“

Meh­re­re Wochen lang bin ich im ver­gan­ge­nen Früh­jahr auf der Strand­pro­me­na­de von Opa­ti­ja an der Sta­tue von Mir­so­lav Krleža vor­bei­ge­kom­men. Er steht dort in Metall gegos­sen, sei­ne Hän­de in den Jacken­ta­schen, ein unför­mi­ger Koloss, vor dem Hotel Mile­nij und schaut auf das Meer und die vor­ge­la­ger­te Insel Cres hin­aus.

Der schüt­te­re Haar­kranz auf sei­nem Haupt könn­te eben­so­gut von den Über­res­ten des Lor­beers stam­men, den ihm ein ver­stän­di­ger Nach­ge­bo­re­ner auf­ge­setzt hat und der jetzt von Wind und Wet­ter abge­wa­schen wird. Außer den Ein­hei­mi­schen wis­sen wohl die wenigs­ten Tou­ris­ten in dem Ort etwas mit sei­nem Namen anzu­fan­gen, noch gar, dass sie einen der gro­ßen euro­päi­schen Schrift­stel­ler des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts vor sich haben.

Etwas an sei­ner Kör­per­hal­tung, dass er leicht vor­ge­beugt und stark zur Sei­te geneigt ist, ver­leiht ihm einen über­le­gen iro­ni­schen Anstrich, gera­de so, als wäre er nicht nur mit allem ein­ver­stan­den, was ihm wider­fährt, son­dern als wür­de das Trei­ben um ihn nur genau das Bild des Men­schen bestä­ti­gen, das er in sei­nen Roma­nen und Thea­ter­stü­cken ent­wor­fen hat.

Es muss­te wohl mit die­ser Aus­strah­lung zu tun haben, Iro­nie und Gelas­sen­heit, dass es nicht lan­ge dau­er­te, bis ich in ein Zwie­ge­spräch mit ihm ein­trat. Ich war der Fra­gen­de, und sei­ne Ant­wort war immer gleich, ein Kopf­schüt­teln und ein eben­so nach­sich­ti­ges wie ver­ständ­nis­lo­ses „Sie haben viel­leicht Pro­ble­me“.

Es begann damit, dass ich mich eines Tages in die Wen­dung „Meis­ter der klei­nen Form“ ver­hed­der­te. In jüngs­ter Zeit pas­sier­te mir immer wie­der, dass sich in mei­nem Kopf ein­zel­ne Wor­te oder klei­ne Sät­ze ver­hak­ten, die ich dann so lan­ge durch den Fleisch­wolf mei­ner Wie­der­ho­lun­gen trieb, bis ich bei der kleins­ten Andeu­tung nicht anders konn­te als zu lachen. Den gan­zen Herbst über war ich den Satz „If I die in a rea­ding, bury me at Woun­ded Knee“ nicht mehr los­ge­wor­den, den nie­mand außer mir wit­zig fand und den ich den­noch bei allen mög­li­chen und unmög­li­chen Gele­gen­hei­ten ins Spiel brach­te, und jetzt gelang es mir fast nicht, mich zurück­zu­hal­ten und nicht jeden Pas­san­ten zu fra­gen, ob er ein Meis­ter der klei­nen Form sei.

Gleich­zei­tig ertapp­te ich mich in aller Früh vor dem Spie­gel, wie ich mich vor­stell­te: „Guten Mor­gen, ich hei­ße Paul Weber. Ich bin ein Meis­ter der klei­nen Form.“ Ich sah nur ver­grämt und mie­sel­süch­tig aus. Viel­leicht müss­te ich mir einen Hut kau­fen und es danach noch ein­mal ver­su­chen, aber statt des­sen lief ich ver­zwei­felt hin­un­ter auf die Pro­me­na­de und frag­te die Sta­tue: „Haben Sie sich auch ein­mal über­legt, ein Meis­ter der klei­nen Form zu wer­den?“

Die Ame­ri­ka­ner sagen, in jedem miss­lun­ge­nen umfang­rei­chen Roman ste­cke eine groß­ar­ti­ge Erzäh­lung, was natür­lich eben­so falsch ist wie vie­les, das sich beim ers­ten Hören gut anlässt und oft schon bei der zwei­ten, aber spä­tes­tens bei der hun­derts­ten Wie­der­ho­lung so abge­dro­schen und ver­braucht oder eso­te­risch und kalen­der­haft oder viel­leicht auch nur blöd­sin­nig tau­to­lo­gisch klingt, wie es manch­mal von Anfang an war: Try again. Fail again. Fail bet­ter … Ins Gelin­gen ver­liebt und in die Mit­tel des Gelin­gens … Es gibt kein rich­ti­ges Leben im fal­schen. Es gibt kein fal­sches Leben im rich­ti­gen … Wovon man nicht spre­chen kann, dar­über muss man schwei­gen … Wer hat­te das gesagt und wer alles – ohne den Kon­text oder Hin­ter­grund zu ken­nen – nach­ge­plap­pert, und wer konn­te es noch hören, ohne sich mit einem ver­le­ge­nen Schmun­zeln dage­gen zu weh­ren?

Ich frag­te die Sta­tue, ob das stim­me mit dem Schei­tern und dem Gelin­gen, ob es wirk­lich ein Schei­tern gebe, das das wah­re Gelin­gen sei, und ob jedes Gelin­gen in Wirk­lich­keit nur zum aller­größ­ten Schei­tern füh­re wie noch die schöns­te Geschich­te, wenn man sie nur wei­ter und wei­ter erzäh­le, zum Tod. Konn­te es sein, dass sie sich noch mehr vor­neig­te? Konn­te es sein, dass sie mich ansah, als hät­te ich den Ver­stand ver­lo­ren?

Ich hat­te mei­nen Schreib­tisch im vier­ten Stock eines Hotels auf­ge­schla­gen und muss­te vor­sich­tig sein. Das Gelän­der des Bal­kons war so nied­rig, dass mich die Angst vor jedem Schei­tern wie vor jedem not­wen­di­ger­wei­se fal­schen Gelin­gen die absur­des­ten Fra­gen stel­len ließ. War es bes­ser, ins Par­terre zu zie­hen, weil man da wenigs­tens gefahr­los aus dem Fens­ter sprin­gen konn­te, oder war es nur lächer­lich, weil es dort weder die rich­ti­ge Fall­hö­he noch den Sog der Tie­fe gab, gegen den man sich weh­ren müss­te?

So war ich ja über­haupt erst auf mei­ne Obses­si­on mit dem Meis­ter der klei­nen Form gekom­men: Wenn es kein Gelin­gen im Gro­ßen gab – konn­te ich mich nicht wenigs­tens in einer sanft asym­pto­ti­schen Annä­he­rung im Unend­li­chen, kurz vor dem sprich­wört­li­chen Ver­stum­men, in einen viel­be­ju­bel­ten Meis­ter der klei­nen Form hin­ein­schei­tern? Dann war da natür­lich auch noch das Meer, in dem alle Fra­gen und alle Ant­wor­ten begra­ben lagen, kab­be­lig an einem Tag, voll­kom­men ruhig am nächs­ten, oder eine Dünung, aktiv und pas­siv, sich wie­gend und wogend. Alles, was man über einen Roman wis­sen muss­te, wäre an sei­ner Bewe­gung abzu­le­sen, man müss­te es nur rich­tig ent­schlüs­seln.

Ein­ge­bracht hat­te mir die­se anhal­ten­de Ver­un­si­che­rung eine ehren­vol­le Anfra­ge der Öster­rei­chi­schen Natio­nal­bi­blio­thek schon ein paar Mona­te davor. Die woll­ten in ihrem neu gegrün­de­ten Lite­ra­tur­mu­se­um einen Satz aus mei­nem ers­ten Buch „auf einem per­ma­nen­ten Gra­fik­trä­ger in der Rubrik Dorf inte­grie­ren“, wie es in der Ein­la­dung hieß. Von der For­mu­lie­rung bekam ich Fie­ber­bla­sen und eit­ri­ge Haut­aus­schlä­ge, und ich erhol­te mich erst lang­sam wie­der von dem Unglück, das mich seit­her gepackt hat­te, eine Art Ewigkeits‑, also Todes­angst.

Ich schrieb zurück, was man in sol­chen Fäl­len zurück­schreibt: „Ich möch­te lie­ber nicht“, aber die Inten­ti­on des Gan­zen haf­te­te mir doch an. Für eine Wei­le mach­te ich den Herr­schaf­ten in Wien ja gern den Dorf­trot­tel, wenn sie unbe­dingt woll­ten, aber per­ma­nent, wie sie es ver­lang­ten, und inte­griert war viel­leicht ein biss­chen viel. Zum ers­ten Mal hat­te ich eine Ahnung bekom­men, was es bedeu­te­te, bei leben­di­gem Leib begra­ben zu wer­den, und dann auch noch in einem Mas­sen­grab und von Leu­ten, die sich zwar als pro­fes­sio­nel­le Toten­grä­ber aus­ga­ben, aber von der Toten­grä­be­rei nicht viel ver­stan­den.

Ich hat­te lan­ge nicht mehr an Franz Inner­ho­fer gedacht, aber jetzt fie­len mir ein ums ande­re Mal die drei Begeg­nun­gen wie­der ein, die ich mit ihm Ende der acht­zi­ger Jah­re des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts in Graz gehabt hat­te. Er war da längst zum „Fall Inner­ho­fer“ gewor­den, jemand, über den man eher mit­lei­dig als aner­ken­nend oder gar bewun­dernd sprach.

Er hat­te Mit­te der sieb­zi­ger Jah­re sei­ne ers­ten auto­bio­gra­fi­schen Bücher ver­öf­fent­licht –  Dorf­li­te­ra­tur oder Lite­ra­tur von einem, der in einem Dorf auf­ge­wach­sen war? –, Selbst­er­fin­dun­gen eines Ent­mün­dig­ten, Ver­su­che eines Nie­mand aus der Pro­vinz, sich eine Per­so­na zu schaf­fen, die ihn zu einem Jemand machen könn­te, und war nach ein paar Jah­ren in der lite­ra­ri­schen Son­ne, nach ein paar Jah­ren mit den schöns­ten Folk­lo­ri­sie­run­gen als wil­der Ein­ge­bo­re­ner, den er mit sei­ner „Bau­ern­sta­tur“ und sei­nem mäch­ti­gen Bart auf das Präch­tigs­te abgab, und nach einer Rei­he von schlech­te­ren Büchern auf dem Weg, wie­der ein Nie­mand zu wer­den – dies­mal in der lite­ra­ri­schen Pro­vinz.

Aus einem, der Geschich­ten erzähl­te, war da schon einer gewor­den, über den Geschich­ten erzählt wur­den. Die Spra­che, die ihn im Dorf noch hat­te ret­ten kön­nen, war jetzt sei­ne größ­te Fal­le. Was blieb da am Ende auch noch viel, wenn die Bücher anstel­le der in der Kind­heit aus­ge­lösch­ten Per­son getre­ten waren und dann auch noch die Bücher aus­blie­ben? Also ein betrun­ken Ran­da­lie­ren­der bei einer Lesung im Forum Stadt­park: So hat­te ich ihn zum ers­ten Mal gese­hen.

Das zwei­te Mal war in der klei­nen ita­lie­ni­schen Buch­hand­lung gewe­sen, die er dann betrieb und wo er hin­ter sei­nen eige­nen Büchern saß, als müss­te er eine Stra­fe absit­zen, weil er sich in eine Gesell­schaft vor­ge­wagt hat­te, in die er nicht gehör­te. Das drit­te Mal hat­te ich mich mit ihm in einem Gast­haus ver­ab­re­det und den gan­zen Abend sei­ne rie­si­gen Hän­de vor ihm auf dem Tisch betrach­tet und tap­fer ver­sucht, mit sei­nem Trin­ken mit­zu­hal­ten. Ich ahn­te nur dun­kel, dass ihm jemand eine Abso­lu­ti­on ertei­len müss­te, ich konn­te das nicht sein, und die Argu­men­te, die ich heu­te habe, habe ich damals nicht gehabt.

Sonst hät­te ich ihm gern die Anek­do­te über Joseph Hel­ler erzählt und des­sen angeb­li­che Ant­wort, wenn er gefragt wur­de, wann er denn end­lich wie­der einen Roman von der her­aus­ra­gen­den Grö­ße von Catch-22, sei­nem ers­ten Buch, schrei­be. Er ver­ste­he nicht, war­um das aus­ge­rech­net von ihm erwar­tet wer­de, wenn es auch sonst nie­mand schaf­fe, soll Joseph Hel­ler dar­auf immer gesagt haben. Franz Inner­ho­fer hat sei­nen ers­ten Roman Schö­ne Tage 1974 ver­öf­fent­licht, 2002 hat er sich in Graz das Leben genom­men.

Auch auf die Essay­samm­lung Kör­per des Königs von Pierre Michon bin ich erst viel zu spät gesto­ßen. In Frank­reich schon 2002 publi­ziert, ist sie auf Deutsch gera­de erst erschie­nen. Dar­in gibt es ein bezwin­gen­des Por­trait von Faul­k­ner als eines „miss­ra­te­nen Säu­fers und Mytho­ma­nen“ aus der Pro­vinz, der instink­tiv wuss­te, dass er in den lite­ra­ri­schen Salons und Saloons, so eine Wen­dung von Dani­lo Kiš, nicht vor­ge­se­hen war und sich nur Zutritt ver­schaf­fen konn­te, wenn er sei­ne gro­ßen Roma­ne als Ramm­bock ver­wen­de­te und mit ihnen die Türen ein­rann­te.

Der sturz­be­trun­ken und schwei­gend bei lite­ra­risch-gesell­schaft­li­chen Anläs­sen her­um­ste­hen­de Faul­k­ner: eine hun­dert­fach wie­der­hol­te Mytho­lo­gi­sie­rung mit mehr als nur einem wah­ren Kern, aber Pierre Michon fügt ein viel wich­ti­ge­res Bild hin­zu, indem er asso­zia­tiv das iko­ni­sche Foto beschreibt, das James R. Cofield in sei­nem Ate­lier in Mis­sis­sip­pi von Faul­k­ner im Jahr 1931 gemacht hat.

Er nennt den noch jun­gen Autor in sei­nem Tweed­ja­cket, die Arme ver­schränkt und eine Ziga­ret­te in der Hand, einen Ele­fan­ten, der hin­weg über all die Ele­fan­ten vor ihm  – Shake­speare, Mel­ville, Joy­ce – einen Ele­fan­ten sieht: Wil­liam Faul­k­ner 1931, der Wil­liam Faul­k­ner sieht, nach­dem er Schall und Wahn geschrie­ben hat. „Sein Meis­ter ist ihm erschie­nen, mas­siv und pathe­tisch wie ein Besäuf­nis“, schreibt Pierre Michon. „Er hat eine Pro­sa in Bull­do­zer­form erfun­den, in der Gott sich unab­läs­sig wie­der­holt.“

Die Sta­tue konn­te auch dar­über nur lachen. Sie hat­te in den drei­ßi­ger Jah­ren des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts selbst drei bahn­bre­chen­de Roma­ne geschrie­ben, Die Rück­kehr des Filip Lati­o­no­vicz, Ohne mich und Ban­kett in Blit­wien, und – so wie sie jetzt auf der Pro­me­na­de von Opa­ti­ja stand – auch für Ele­fan­ten nur mehr einen müde iro­ni­schen Blick übrig, nach­dem sie jah­re­lang gegen die her­un­ter­ge­kom­me­ne Zagre­ber Gesell­schaft der Mon­ar­chie und damit gegen Wien gewet­tert hat­te.

Die Bern­hard­schen Tira­den im Bern­hard­schen Duk­tus fin­den sich bei ihr lan­ge vor Tho­mas Bern­hard, ein Welt- und Men­schen­ver­nich­tungs­fu­ror, der einem Angst machen kann, eine baro­cke Moral­in­sze­nie­rung, die in dem Koloss auf der Pro­me­na­de von Opa­ti­ja der Gelas­sen­heit eines auf das Meer hin­aus­bli­cken­den alten Man­nes gewi­chen war.

Es gibt zwei Sät­ze in Pierre Michons Kör­per des Königs, die zusam­men­ge­nom­men ein schmerz­haf­tes Licht auf das Glück und Elend eines Schrei­ben­den wer­fen. Der ers­te ist: „Der Ernst, mit dem wir die Lite­ra­tur betrach­ten, ist herz­er­grei­fend.“

Der zwei­te, viel­leicht nicht der schö­ne­re, aber auch nicht der schreck­li­che­re, lau­tet: „Die Welt kann auf Pro­sa ver­zich­ten.“ Er schreibt ihn, nach­dem er aus dem Tage­buch von Flau­bert zitiert und das dann zum Anlass genom­men hat, über die schlich­te Schön­heit der Welt zu reflek­tie­ren. Das Zitat stammt vom 16. Juli 1852, und in der Nacht davor hat Flau­bert den ers­ten Teil von Madame Bova­ry zu Ende geschrie­ben: „Am Frei­tag­mor­gen bei Tages­an­bruch ging ich durch den Gar­ten. Es hat­te gereg­net, die Vögel began­nen zu sin­gen, und gro­ße, schie­fer­far­be­ne Wol­ken eil­ten am Him­mel vor­über. Ich habe dort eini­ge Augen­bli­cke lang ein Gefühl von Kraft und gro­ßer inne­rer Ruhe genos­sen.“

Es war schon gegen Ende mei­nes Auf­ent­halts, als mich ein älte­rer Herr vor der Sta­tue ansprach und, nach­dem er vom Kroa­ti­schen ins Eng­li­sche gewech­selt war, über­gangs­los sag­te, er habe als Kind den ech­ten Krleža ein­mal gese­hen. Ich dreh­te mich inter­es­siert zu ihm um, und er erzähl­te mir die Geschich­te. Es war in Zagreb gewe­sen, Anfang der sech­zi­ger Jah­re des ver­gan­ge­nen Jahr­hun­derts. Er war mit sei­ner Mut­ter spa­zie­ren gegan­gen, und sie hat­ten beob­ach­tet, wie vor dem Lexi­ko­gra­phi­schen Insti­tut am Stross­may­er-Platz eine von einem offi­zi­el­len Chauf­feur gefah­re­ne ame­ri­ka­ni­sche Limou­si­ne gehal­ten hat­te. Sei­ne Mut­ter hat­te ihn instink­tiv unter einen Tor­bo­gen gezo­gen, wie sie es immer tat, wenn sie zufäl­lig irgend­wo auf einen Ver­tre­ter des Regimes stie­ßen, und mit ihm zuge­schaut, wie ein schwe­rer, alter Mann aus dem Fond gestie­gen war.

Sie hat­te ihn sofort erkannt. Sie lieb­te sei­ne Bücher, aber er war ihr als per­sön­li­cher Freund von Tito auch unheim­lich. Er hat­te ihn erst unlängst auf der Prä­si­den­ten­jacht zu einem Staats­be­such nach Ägyp­ten beglei­tet, und das schien ihr allem, was sie von ihm gele­sen hat­te, zu wider­spre­chen. Der älte­re Herr hüs­tel­te, als wäre es ihm unan­ge­nehm, die Sta­tue damit zu kon­fron­tie­ren, und ent­fern­te sich wie­der, nach­dem er noch gesagt hat­te, der ech­te Krleža sei hier in Opa­ti­ja jah­re­lang Stamm­gast im Hotel Amba­sa­dor gewe­sen.

Ich blieb vor der Sta­tue ste­hen. Ihr Gesicht hat­te sich nicht ver­än­dert. Ich ver­such­te sie mir in einer wei­ßen Mar­schall­uni­form vor­zu­stel­len, weiß und ope­ret­ten­haft neben dem ope­ret­ten­haft wei­ßen Mar­schall Tito, win­kend an der Reling sei­ner Jacht, aber es gelang mir nicht. Ich wuss­te, dass ihr auch vor­ge­wor­fen wur­de, dass sie im Zwei­ten Welt­krieg nicht zu den Par­ti­sa­nen in die Wäl­der gegan­gen war, son­dern in Zagreb aus­ge­harrt hat­te.

Sie war mit ande­ren Kom­mu­nis­ten ver­haf­tet, bald aber wie­der frei­ge­las­sen wor­den und hat­te sich spä­ter damit ver­tei­digt, dass man sie in den Wäl­dern als Trotz­kist und Abweich­ler von der Par­tei­li­nie umge­bracht hät­te. Die genau­en Hin­ter­grün­de und Ver­stri­ckun­gen kann­te ich nicht, aber ich wuss­te, dass Dani­lo Kiš, der in die­sen Din­gen einen unbe­stech­li­chen Blick hat­te, einer ihrer gro­ßen Bewun­de­rer war.

Das Bild des aus einer ame­ri­ka­ni­schen Limou­si­ne stei­gen­den titois­tisch-jugo­sla­wi­schen Groß­schrift­stel­lers und trotz­dem gro­ßen kroa­ti­schen Schrift­stel­lers Miros­lav Krleža, des­sen Roman Ohne mich ich alle paar Jah­re wie­der las, ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Das hat­te auch damit zu tun, dass die deut­schen Feuil­le­tons in die­ser Sai­son so gro­ße Freu­de dar­an hat­ten, die Autorin Rachel Kush­ner vor ihrem Ford Gala­xie aus den 60er- oder 70er-Jah­ren abzu­bil­den, auf einem offen­sicht­lich von ihrem ame­ri­ka­ni­schen Ver­lag zur Ver­fü­gung gestell­ten Foto.

Ich gebe zu, ich habe auch eine Schwä­che für sol­che Bil­der, aber als Hin­ter­wäld­ler aus der „Rubrik Dorf“ bin ich natür­lich sowie­so jemand, der alle Pirel­li-Kalen­der seit 1964 besitzt und denkt, Frau plus Motor ist der Wahn­sinn, und Wahn­sinn müss­te da im ost­ös­ter­rei­chi­schen, wahr­schein­lich eher stei­ri­schen als wie­ne­ri­schen Dia­lekt aus­ge­spro­chen wer­den, viel­leicht sogar mit einem ame­ri­ka­ni­schen Akzent à la Schwar­zen­eg­ger.

End­gül­tig erfüllt wur­de die­se Män­ner­fan­ta­sie – und nicht nur erfüllt, son­dern gleich­zei­tig auf aller­liebs­te und aller­harm­lo­ses­te Wei­se auf­ge­deckt als Klein­jun­gen­wunsch –, als ein deut­scher Redak­teu­er Rachel Kush­ner in Los Ange­les besu­chen und sich als deut­scher Lite­ra­tur­fach­mann von ihr in eben­die­sem Ford Gala­xie durch das deut­sche Fern­se­hen kut­schie­ren las­sen durf­te – ent­täu­schend lang­sam, um die Wahr­heit zu sagen; quiet­schen­de Rei­fen auf dem Mull­hol­land Dri­ve hät­te ich mir da schon erwar­tet. Ein Wahn­sinn, muss auch er sich den­noch gedacht haben, dass er so etwas erle­ben durf­te. Das tut der Grö­ße des Romans Flam­men­wer­fer, um den es eigent­lich hät­te gehen sol­len, kei­nen Abbruch und fügt den Bil­dern, die es von Schrift­stel­le­rin­nen gibt, nur ein schö­nes Exem­plar hin­zu.

Ich fuhr indes­sen mit mei­nem alten Ško­da, des­sen Kilo­me­ter­stand all­mäh­lich auf die 250.000 zuging, in das eine Vier­tel­stun­de ent­fern­te Rije­ka. Erst die­ser Tage war ich auf das Zitat von E.L. Doc­to­row gesto­ßen, nach dem das Auto eines Man­nes zu ken­nen bedeu­te, ihn zu ken­nen, was für mich hieß, dass es schlimm ange­fan­gen hat­te und nur schlimm enden konn­te. Kein Tri­umph Herald wie Tho­mas Bern­hard, in einem schnel­len Ent­schluss von ein paar Tau­send Schil­ling Preis­geld gekauft, und auch nicht das Ver­gnü­gen, ihn irgend­wo hier in der Nähe auf einer istri­schen Berg- oder Küs­ten­stra­ße zu Schrott gefah­ren zu haben.

Im Hafen­be­cken lag seit ein paar Tagen schon eine Luxus­jacht, die auf die Sai­son vor­be­rei­tet wur­de und mir mit ihrem Namen Fol­low Me V ganz neue Vor­stel­lun­gen von Schei­tern und Gelin­gen ein­gab. Für die vier Vor­gän­ger die­ses Prunk­stücks der 50-Meter-Klas­se mal­te ich mir zwei Mög­lich­kei­ten aus. Ent­we­der sie waren alle von der glei­chen Pracht und Herr­lich­keit gewe­sen, und ihr Besit­zer hat­te sie nach­ein­an­der gegen einen Fel­sen gesteu­ert oder sonst irgend­wie ver­senkt, womög­lich im Suff, und sich gleich wie­der mit einem Neu­kauf belohnt. Oder er hat­te sich brav empor­ge­ar­bei­tet, von der Nuss­scha­le, zur Bade­wan­ne, zum Traum des klei­nen Man­nes, zu sei­nem schwim­men­den Glück und dann zu die­ser Fata Mor­ga­na von Ele­ganz, Kraft und Schön­heit, wie es viel­leicht in der Wer­bung dafür hieß.

Ich über­leg­te eine Wei­le, wel­che Vari­an­te wahr­schein­li­cher wäre, aber dann ließ ich es sein. Das Schei­tern war am Ende das glei­che. Es hat­te meh­re­re tau­send PS und lag glän­zend in der Son­ne vor mir im Was­ser, wo es von mus­kel­be­pack­ten Män­nern mit nack­ten Ober­kör­pern zurecht­ge­schlif­fen, geputzt und lackiert wur­de.

* * *

Nor­bert Gst­rein, gebo­ren 1961, lebt als frei­er Schrift­stel­ler in Ham­burg. Zuletzt ver­öf­fent­lich­te er im Han­ser Ver­lag die Roma­ne Die gan­ze Wahr­heit (2010) und Eine Ahnung vom Anfang (2013).

Die­ser Arti­kel erschien zuerst in der Print­aus­ga­be (Voll­text 2/2015).

Online seit: 23. Juni 2015

Zuletzt geän­dert: 26. Okt. 2015