In Syrien

Nor­bert Gst­reins Kolum­ne „Wri­ter at Lar­ge“.

Oft den­ke ich die­ser Tage an Maram und ihren Vater und was wohl aus ihnen gewor­den ist im jetzt schon über vier Jah­re wäh­ren­den und immer unüber­schau­ba­rer und grau­sa­mer wer­den­den syri­schen Krieg, in dem es für die Bevöl­ke­rung kei­ne ande­re Wahl gibt als Flucht oder leben – und ster­ben – unter ver­schie­de­nen Arten des Ter­rors. Wir hat­ten uns ein Sam­mel­ta­xi von Amman nach Damas­kus geteilt, eine Zufalls­be­kannt­schaft für die gar nicht so lan­ge Fahrt von knapp zwei­hun­dert Kilo­me­tern.

Bei der Ankunft brach­te uns der Fah­rer nicht ins Stadt­zen­trum, und wir muss­ten von der offi­zi­el­len Hal­te­stel­le in den Außen­be­zir­ken mit einem ande­ren Wagen wei­ter. Sie lie­ßen es sich nicht neh­men, mich bis zu mei­nem Hotel zu brin­gen, und stie­gen bei­de aus, um sich zu ver­ab­schie­den. Ich habe immer noch in Erin­ne­rung, wie sie dann dastan­den, Vater und Toch­ter, sie viel­leicht fünf­zehn, ein mage­res Mäd­chen mit Kopf­tuch und einem Man­tel­kleid mit der Auf­schrift STAR in gol­de­nen und sil­ber­nen Glit­zer­buch­sta­ben, er um die vier­zig, ein Inge­nieur, der für eine Bau­fir­ma arbei­te­te und mit sei­nem Schnurr­bart und den fil­ter­lo­sen Ziga­ret­ten, die er rauch­te, einem Schwarz­weiß­fo­to vor hun­dert Jah­ren hät­te ent­stie­gen sein kön­nen.

Ich hat­te ihnen auf der Fahrt von den Win­tern in Tirol erzählt und vom Schnee, der in mei­nem Hei­mat­dorf bis in den Mai hin­ein lag, und umge­kehrt schnell gelernt, wel­che Fra­gen ich stel­len konn­te und wel­che –  nach der Lage des Lan­des – ich bes­ser gar nicht erst aus­sprach, weil sie unbe­ant­wor­tet blei­ben wür­den. Wir gin­gen im Bewusst­sein aus­ein­an­der, dass wir uns nicht wie­der­se­hen wür­den. Sie hat­ten mir Dat­teln, Fei­gen und Limo­na­de ange­bo­ten und bestan­den dar­auf, dass ich für das letz­te Teil­stück der Stre­cke nicht zahl­te. Der Vater woll­te nichts davon hören, und wir insze­nier­ten einen veri­ta­blen Streit um die paar syri­schen Pfund, bis er mein­te, ich kön­ne mich ja revan­chie­ren, wenn sie nach Deutsch­land kämen. Wir ver­ga­ßen, unse­re Adres­sen aus­zu­tau­schen, oder viel­mehr, wir tausch­ten sie nicht aus, weil wir wuss­ten, wie unwahr­schein­lich das wäre. Für sie war Deutsch­land zu der Zeit nicht ein Ort, wohin jemals zu gelan­gen sie sich vor­stel­len konn­ten, und ich wür­de nach die­sem ers­ten Mal sicher auch so bald nicht wie­der nach Syri­en rei­sen.

Es war im Jahr vor Beginn des Krie­ges dort. Ich war von Ham­burg nach Amman geflo­gen, mit einem Zwi­schen­stopp in Buda­pest, und um 3 Uhr am Mor­gen ange­kom­men. Der Bus, der mich zu der Hal­te­stel­le für die Sam­mel­ta­xis nach Damas­kus brin­gen soll­te, wür­de erst um 6 Uhr oder 6 Uhr 3o fah­ren, und die drei Stun­den bis dahin ver­brach­te ich in der Ankunfts­hal­le des Flug­ha­fens. Eine Wei­le herrsch­te noch ein reges Kom­men und Gehen, gan­ze Fami­li­en, die ein­tra­fen, gan­ze Fami­li­en, von denen sie abge­holt wur­den, und dann saß ich allein mit ein paar ver­lo­re­nen Gestal­ten vor dem Ein­gang zu den Toi­let­ten. Dort ging es auch zu den Gebets­räu­men für die Rei­sen­den, und bis ich schließ­lich auf mei­nem Ses­sel ein­nick­te, unter­hielt ich mich damit, mir von jedem Vor­bei­ge­hen­den aus­zu­ma­len, ob er auf dem Weg war, die Not­durft zu ver­rich­ten oder sei­ne Gebe­te.

Der Bus­fah­rer fuhr dann wie ein Ver­rück­ter in die auf­ge­hen­de Son­ne hin­ein. Bei offe­nen Fens­tern flat­ter­te der Fahrt­wind in den Ohren, und wenn er berg­ab auf einen ton­nen­schwe­ren Sat­tel­zug zuschoss und erst im letz­ten Augen­blick brems­te, schien das Gefährt kurz davor, in alle Tei­le zu zer­sprin­gen. Mei­ne Mit­rei­sen­den waren fast aus­schließ­lich jun­ge Män­ner, die das nicht im gerings­ten berühr­te, wäh­rend ich schon nass­ge­schwitzt war, als wir an der Hal­te­stel­le für die Sam­mel­ta­xis anka­men. Ich war froh, mich mit Vater und Toch­ter arran­gie­ren zu kön­nen und mich nicht in einen der ande­ren Wagen quet­schen zu müs­sen, in denen fünf, manch­mal sechs Män­ner um jeden Qua­drat­zen­ti­me­ter kämpf­ten. Ich zahl­te für zwei Plät­ze, sie zahl­ten für drei, und schon waren wir auf dem Weg. Wir hat­ten die Auto­bahn noch nicht erreicht, als Maram mich frag­te, was ich allein in Syri­en wol­le, und ich brauch­te nur ihre Augen zu sehen, um zu wis­sen, dass ich ihr dar­auf kei­ne befrie­di­gen­de Ant­wort geben konn­te.

Ich erzähl­te etwas von der Wüs­te, aber die Wüs­te gab es auch anders­wo, und nie­mand muss­te dafür die­sen Paria-Staat mit sei­nem fins­te­ren Regime und sei­nen zwie­lich­ti­gen poli­ti­schen Alli­an­zen berei­sen. Als ich ver­stumm­te, fing ich wie­der ihren Blick auf, der zwi­schen Neu­gier und Unglau­ben schwank­te. Wenn es nicht gar so unwahr­schein­lich gewe­sen wäre, hät­te ich für sie viel­leicht ein Geheim­po­li­zist sein kön­nen, so unsin­nig hör­ten sich mei­ne Erklä­run­gen an.

An der Gren­ze ange­kom­men, küm­mer­te sich der Fah­rer um die Papie­re, und ich stand hin­ter ihm in der Schlan­ge und staun­te über die ver­schie­de­nen Kate­go­rien für die Ein­rei­se. Es gab einen Schal­ter für „For­eign Arri­vals“, einen für „Diplo­mat“, je einen für „Syri­an“, für „Jor­da­ni­an“, für „Arab“ sowie für „Women“ und für „Busi­ness­men“ – und den gan­zen Wirr­warr selbst­ver­ständ­lich auch auf Ara­bisch, wor­in er kaum mehr Sinn erge­ben konn­te.

Maram und ihr Vater nutz­ten die War­te­zeit, um in einem Duty-Free-Laden Ein­käu­fe zu machen, und dann schlepp­te auch der Fah­rer zwei rie­si­ge Plas­tik­ta­schen mit Ziga­ret­ten her­bei. Er locker­te mit ein paar schnel­len Grif­fen den Rück­sitz sei­nes Wagens und ver­stau­te ein gutes Dut­zend Stan­gen dar­un­ter. Dann befes­tig­te er fünf wei­te­re mit Kle­be­band an sei­nem Kör­per und zog bei sicher schon drei­ßig Grad im Schat­ten sein Blou­son aus Wild­le­der-Imi­tat dar­über, schloss den Reiß­ver­schluss bis zum Hals und sah damit aus wie das Miche­li­ne-Männ­chen aus der Wer­bung. Je eine Stan­ge drück­te er Vater und Toch­ter sowie mir in die Hand, und so fuh­ren wir im Schritt­tem­po auf den Grenz­pos­ten zu.

Mir schoss durch den Kopf, dass ich viel­leicht gera­de dabei war, eine gro­ße Dumm­heit zu bege­hen, schließ­lich wuss­te ich nicht, was ich da in Emp­fang genom­men hat­te, aber dann traf mich wie­der Marams Blick, die ihr Mit­bring­sel nach­läs­sig neben sich lie­gen hat­te, und ich bil­de­te mir ein, dass sie spöt­tisch lächel­te, als könn­te sie mei­ne Gedan­ken lesen und woll­te sich lus­tig über mei­ne Angst machen. Ein Uni­for­mier­ter for­der­te uns auf aus­zu­stei­gen, ein ande­rer ging zwei­mal gebückt um das Auto her­um, bei­de mit ver­spie­gel­ten Son­nen­bril­len, aber sie inter­es­sier­ten sich nicht wei­ter für den Fah­rer, der unter sei­nem Blou­son einen Spreng­stoff­gür­tel hät­te tra­gen kön­nen, und woll­ten nur einen Blick in mein Gepäck wer­fen: Unter­wä­sche für zwei Wochen, ein paar Hem­den, die bei­den Bücher, die sie her­aus­fisch­ten.

Ich hat­te Die sie­ben Säu­len der Weis­heit von T. E. Law­rence sowie eine Bio­gra­fie über Jean Lou­is Bur­ck­hardt dabei, den Schwei­zer Ent­de­cker, der Anfang des neun­zehn­ten Jahr­hun­derts in eng­li­schen Diens­ten von Damas­kus bezie­hungs­wei­se Alep­po aus unter der Iden­ti­tät eines ara­bi­schen Geschäfts­man­nes bis Mek­ka und Medi­na vor­ge­sto­ßen war. Auf dem Weg dort­hin soll­te er der ers­te Euro­pä­er sein, der ins jor­da­ni­sche Petra kam, nach­dem es sechs Jahr­hun­der­te lang für die west­li­che Welt ver­lo­ren gewe­sen war, und allein den Nil hin­auf­rei­send gelang­te er bis weit nach Nubi­en und ent­deck­te die Kolos­sal­sta­tu­en von Abu Sim­bel. Er woll­te sich spä­ter in Kai­ro einer Kara­wa­ne von der Hadsch zurück­keh­ren­der Pil­ger anschlie­ßen und mit ihr auf der maghre­bi­ni­schen Rou­te quer durch die Saha­ra Tim­buk­tu errei­chen, ver­starb aber in sei­nen frü­hen Drei­ßi­gern 1817 in Kai­ro an der Ruhr, acht Jah­re nach­dem er zu sei­ner gro­ßen Rei­se auf­ge­bro­chen war und ohne sei­ne Hei­mat jemals wie­der­ge­se­hen zu haben.

Einer der bei­den Uni­for­mier­ten ver­schwand mit den Büchern und kam erst nach mehr als einer Vier­tel­stun­de wie­der. Er sag­te nichts zu dem Buch über Jean Lou­is Bur­ck­hardt, das den Titel Desert Tra­vel­ler trug, aber er deu­te­te aner­ken­nend auf Die sie­ben Säu­len der Weis­heit und mein­te in sei­nem rudi­men­tä­ren Eng­lisch „Law­rence of Ara­bia“, und wir wur­den wei­ter­ge­winkt. Das Auto muss­te noch ein­mal über einer wan­nen­ar­ti­gen Ver­tie­fung im Boden anhal­ten, wo Unter­bo­den und Rei­fen besprüht wur­den, angeb­lich mit einem Des­in­fek­ti­ons­mit­tel gegen Schwei­ne­pest, und schon roll­ten wir in das Land, das damals nach einem Ver­dikt von Geor­ge Bush zur Ach­se des Bösen gehör­te und ein Schur­ken­staat war, aber noch lan­ge nicht die Höl­le auf Erden, als die es sich seit­her erwie­sen hat­te.

Assad war zu der Zeit genau zehn Jah­re an der Macht, und die Hoff­nun­gen auf eine Öff­nung Rich­tung Wes­ten, die anfangs mit sei­nem Namen ver­bun­den gewe­sen waren, hat­ten sich zer­schla­gen. Der Vor­wurf Ame­ri­kas lau­te­te, dass sich ira­ki­sche Auf­stän­di­sche mehr oder weni­ger frei auf syri­schem Ter­ri­to­ri­um bewe­gen konn­ten und dass Isla­mis­ten aus aller Welt, die sich den Kämp­fern anschlie­ßen woll­ten, bei der Ein­rei­se auf dem Flug­ha­fen von Damas­kus nicht ent­spre­chend kon­trol­liert wür­den. Dazu kam die Unter­stüt­zung der isra­el­feind­li­chen His­bol­lah. Ich hat­te gera­de erst in Amann in einem her­um­lie­gen­den Exem­plar der Jor­dan Times einen Arti­kel gele­sen, in dem es um eine Lie­fe­rung von Scud-Rake­ten mit grö­ße­rer Reich­wei­te und grö­ße­ren Spreng­köp­fen an die Ter­ror­grup­pe ging. Dar­in wur­de auch an einen Besuch des ira­ni­schen Prä­si­den­ten bei sei­nem Gesin­nungs­ge­nos­sen in Damas­kus frü­her im Jahr erin­nert, bei dem die bei­den Herr­scher ihre unver­brüch­li­che Zusam­men­ar­beit gegen alle „Mani­pu­la­tio­nen durch den Wes­ten“ bekräf­tigt hat­ten.

Es gab kei­nen Grund zu zwei­feln, dass der auf Fotos schüch­tern wir­ken­de Mann – mit immer­hin einer Aus­bil­dung zum Augen­arzt und sogar ein paar Stu­di­en­jah­ren in Lon­don in sei­ner Bio­gra­fie – ein Dik­ta­tor reins­ten Was­sers war, und ich durf­te mich nicht wun­dern, von mei­nen Mit­rei­sen­den kei­ne Aus­kunft über ihn zu bekom­men. Auf der Auto­bahn dau­er­te es immer nur ein paar Kilo­me­ter, bis man wie­der mit sei­nem Bild kon­fron­tiert wur­de, an einer Haus­wand, einer Brü­cken­über­füh­rung oder einer eigens ange­brach­ten Schau­ta­fel, immer das glei­che Gesicht mit dem schwa­chen Kinn und den kalt intel­li­gen­ten Augen, manch­mal Sei­te an Sei­te mit sei­nem Vater, als soll­te der, här­ter und männ­li­cher aus­se­hend, zehn Jah­re nach sei­nem Tod immer noch den Macht­an­spruch des ver­meint­li­chen Weich­lings beglau­bi­gen. Die Bil­der muss­ten einem das Gefühl geben, unter andau­ern­der Beob­ach­tung zu ste­hen, und wenn Maram neu­gie­rig auf mei­ne Reak­ti­on war, schien es ihrem Vater pein­lich zu sein wie einem Kind die Anwe­sen­heit über­für­sorg­li­cher Eltern mit gest­ri­gen Vor­stel­lun­gen von Moral und Gehor­sam.

Den gan­zen Nach­mit­tag und den hal­ben fol­gen­den Tag ver­brach­te ich in der Oma­ya­den-Moschee. Dort sah ich lan­ge einem Imam zu, vor dem die Leu­te Schlan­ge stan­den, um ihm die Hand zu küs­sen, bevor er Platz nahm und zu pre­di­gen begann. In einem locke­ren Kreis um ihn schar­ten sich jun­ge Män­ner in Koran­schü­ler­auf­ma­chung, das hei­li­ge Buch vor sich im Schoß. Um sie war eine Absper­rung aus Sei­len gezo­gen, die zuerst von einer Frau, dann von noch einer und dann von einem gan­zen Schwarm, fünf oder sechs Frau­en in schwar­zen Bur­kas, durch­bro­chen wur­de. Sie war­fen sich dem Imam zu Füßen und lagen dann da, unde­fi­nier­ba­re Klei­der­hau­fen, unter denen ich kei­nen Men­schen ver­mu­tet hät­te, wäre ich nicht Zeu­ge die­ses Vor­sto­ßes gewe­sen, und die spä­ter im Hof der Moschee eine gro­tes­ke Ent­spre­chung fan­den, als ein Vogel direkt vor mir auf das Pflas­ter klatsch­te und in ein paar win­zi­gen Bewe­gun­gen sein Leben aus­zuck­te. Wäh­rend Ord­ner erschie­nen und die Frau­en in ihren Bereich zurück­tru­gen, tauch­ten schon die nächs­ten auf und dran­gen in wil­der Unter­wer­fung und Hin­ga­be über die Sei­le vor, man­che von ihnen schril­le Lau­te aus­sto­ßend.

Ich war indes­sen auf eine ande­re Frau auf­merk­sam gewor­den, die, an eine Säu­le gelehnt, in der Nähe des Schreins Johan­nes des Täu­fers saß. Auch sie trug eine Bur­ka, und der Stoff vor ihren Augen war so dicht gewebt, dass sie in dem Däm­mer­licht, das von drau­ßen her­ein­fiel, kaum etwas sehen konn­te. Den­noch hat­te sie den Koran in der Hand und las dar­in oder gab es wenigs­tens vor, womög­lich kann­te sie den Text aus­wen­dig. Ich ließ sie nicht aus dem Blick und schau­te zu, wie sie nach einer schein­bar genau bemes­se­nen Zeit die Sei­ten umblät­ter­te, wäh­rend neben ihr ein fünf- oder sechs­jäh­ri­ges Mäd­chen stand, das mit bei­den Hän­den sei­ne Augen zuhielt und nur manch­mal zwi­schen den Fin­gern her­vor­blin­zel­te.

Davor schon war ich in dem Säu­len­gang vor dem Schrein Hus­s­eins auf eine Grup­pe von viel­leicht zwan­zig schwarz­ge­klei­de­ten und ganz und gar ver­hüll­ten Frau­en gesto­ßen, die sich wie in Trance in rhyth­mi­schen Bewe­gun­gen immer hef­ti­ger gegen die Brust schlu­gen und sich dann schluch­zend und wei­nend auf das Grab­mal stürz­ten. Dabei blieb alle Zeit, Han­dys her­vor­zu­zie­hen und Fotos von der eige­nen Ver­zweif­lung und der Ver­zweif­lung der ande­ren über das tra­gi­sche Schick­sal des ange­be­te­ten Soh­nes von Ali und Enkels von Moham­med zu machen. Es han­del­te sich um eine Pil­ger­grup­pe aus dem Iran, wie an dem Fähn­chen des Rei­se­lei­ters zu erken­nen war, und ich sah die Frau­en weni­ge Stun­den spä­ter tele­fo­nie­rend, foto­gra­fie­rend und lachend vor dem berühm­ten, in jedem Rei­se­füh­rer erwähn­ten Eis­la­den im Suk wie­der. Sie hat­ten rie­si­ge Waf­feln gekauft und hoben ihre Gesichts­vor­hän­ge mit einer Hand an, um sich die Lecke­rei mit der ande­ren in den Mund zu schie­ben, ohne dass das zu grö­ße­ren Kala­mi­tä­ten führ­te.

Vor der Moschee kam ich ins Gespräch mit einem jun­gen Paläs­ti­nen­ser. Er zeig­te mir das Mina­rett, von dem Jesus beim Jüngs­ten Gericht das Ende der Welt ver­kün­den soll­te, und erklär­te sei­ne angeb­li­che Begeis­te­rung für Öster­reich mit Mozart, Schwar­zen­eg­ger und Wald­heim, für den er unge­fragt die Begrün­dung anführ­te, „weil er die Juden nicht moch­te“. Wäh­rend­des­sen ver­such­te er, mich in ein Tep­pich­ge­schäft zu lot­sen, und ich wur­de ihn erst los, als ich ihm hoch und hei­lig ver­sprach, am nächs­ten Tag mit mei­ner Kre­dit­kar­te wie­der­zu­kom­men.

Die Vor­stel­lung, mir ande­re Sehens­wür­dig­kei­ten anschau­en zu müs­sen, erfüll­te mich mit der elen­den Lee­re eines toten Sonn­tag­nach­mit­tags, und nach­dem ich wenigs­tens noch den Bahn­hof der längst auf­ge­las­se­nen Hed­schas­bahn für die Pil­ger nach Mek­ka und Medi­na auf­ge­sucht hat­te, lief ich ziel­los in den Außen­be­zir­ken von Damas­kus umher. Je wei­ter ich aus dem Stadt­zen­trum hin­aus­kam, umso mar­tia­li­scher erschie­nen mir die Bil­der von Assad, und an den Wän­den eines Vier­tels prang­te sein Kopf mehr­fach neben dem von Hassan Nas­ral­lah, dem Füh­rer der His­bol­lah. Dort wur­de ich von einer wie aus dem Nichts auf­tau­chen­den Motor­ka­val­ka­de an eine Haus­mau­er gedrängt, Poli­zei­fahr­zeu­ge mit Blau­licht und eine schwar­ze, rus­si­sche Limou­si­ne, die in hohem Tem­po durch die abge­sperr­te Gas­se schos­sen, aber es war beim bes­ten Wil­len nicht her­aus­zu­fin­den – Pas­san­ten gab es plötz­lich kei­ne mehr, und ich frag­te drei Poli­zis­ten –, wel­cher Wür­den­trä­ger sich hin­ter den abge­dun­kel­ten Schei­ben befand.

Am Tag dar­auf saß ich im Bus nach Pal­my­ra hin­ter vier kaf­tan­tra­gen­den jun­gen Män­nern mit mäch­ti­gen Pro­phe­ten­bär­ten, die sich in einem Eng­lisch mit eli­tär bri­ti­schem Akzent unter­hiel­ten. Ich ver­such­te, ihr Gespräch zu belau­schen, aber sie wur­den auf mich auf­merk­sam und flüs­ter­ten nur mehr. Dem Taxi­fah­rer, der mich zur Hal­te­stel­le gebracht hat­te, hat­te ich erzählt, ich wol­le bis Deir ez-Zor fah­ren, um dort den Euphrat zu sehen, aber ich hat­te mir von ihm abra­ten las­sen, ein Allein­rei­sen­der wür­de in der Gegend zu sehr auf­fal­len, und ver­sank jetzt wie­der in einer mich sanft ein­lul­len­den Anony­mi­tät, nach­dem ich gera­de noch beim Ticket­kauf alle Bli­cke auf mich gezo­gen hat­te.

Drau­ßen, kaum außer­halb der Stadt­gren­zen von Damas­kus, flog ein fran­zö­si­scher Mili­tär­fried­hof vor­bei, wenig spä­ter ein wild rau­chen­des Fabriks­kon­glo­me­rat, ein­zel­ne Gebäu­de in jedem Zustand zwi­schen Fer­tig­stel­lung und Ver­fall, und in der Wüs­te waren es dann immer wie­der klei­ne Grup­pen von Leu­ten, die auf kein Ziel hin unter­wegs zu sein schie­nen, Zel­te, gan­ze Zelt­la­ger, in der Fer­ne ein­mal der Tau­send­füß­ler einer qual­men­den, fins­ter-schwar­zen Eisen­bahn und auf der Stra­ße ent­ge­gen­kom­mend Last­wa­gen und Bus­se. Es war frü­her Nach­mit­tag, als wir die Oasen­stadt erreich­ten, und auch wenn ich natür­lich dar­über gele­sen und Bil­der gese­hen hat­te, nichts konn­te mich vor­be­rei­ten auf die Erha­ben­heit einer kilo­me­ter­lang in die Wüs­te hin­aus­füh­ren­den römi­schen Säu­len­al­lee.

Ich war vom Hotel direkt zum Rui­nen­ge­län­de gegan­gen und lief jetzt in der zuneh­men­den Emp­fin­dung, nie etwas Schö­ne­res gese­hen zu haben, zwi­schen Baal-Tem­pel, Baal-Scha­min-Tem­pel und dem Camp des Dio­kle­ti­an hin und her. Dort sah ich auch die vier jun­gen Män­ner aus dem Bus wie­der, die ver­stumm­ten, als ich mich näher­te, und osten­ta­tiv hin­ter mir her sahen, kaum dass ich an ihnen vor­bei war.

Die Son­ne stand noch hoch, als ich die drei oder vier Kilo­me­ter zur ara­bi­schen Zita­del­le hin­auf­stieg, die auf einer Erhe­bung über der Stadt thron­te. Schon davor waren immer wie­der Sou­ve­nir­ver­käu­fer auf ihren Mopeds auf mich zuge­steu­ert, und jetzt folg­te mir im Zick­zack einer aus dem Zelt­la­ger, an dem mein Weg vor­bei­ge­führt hat­te. Das Knat­tern des Motors war in alle Him­mels­rich­tun­gen zu hören, und er wink­te mir, ein­hän­dig fah­rend, im Näher­kom­men unauf­hör­lich zu. Ich kauf­te ihm eine „garan­tiert ech­te, garan­tiert anti­ke“ Mün­ze mit dem Bild­nis von Zen­o­bia ab, der Köni­gin der Wüs­te, und er fuhr wie­der zurück, wäh­rend ich die letz­ten Meter in Angriff nahm und nicht wuss­te, woher plötz­lich all die Geräu­sche kamen, Stim­men in der Luft, das Knir­schen von Auto­rei­fen im Geröll, Vogel­ge­schrei.

Ich setz­te mich hin und ließ mei­nen Blick weit nach Süden und Osten schwei­fen, wo irgend­wo in der Lee­re die ira­ki­sche Gren­ze ver­lief. Unter mir waren deut­lich die Rän­der der Oase mit den Pal­men­plan­ta­gen und das Rui­nen­ge­län­de zu sehen, alles in allem ein klei­ner Fleck nur, in dem irgend­wo auch die berüch­tig­ten unter­ir­di­schen Fol­ter­ge­fäng­nis­se des Regimes lie­gen muss­ten.

* * *

Nor­bert Gst­rein, gebo­ren 1961, lebt als frei­er Schrift­stel­ler in Ham­burg. Zuletzt ver­öf­fent­lich­te er im Han­ser Ver­lag die Roma­ne Die gan­ze Wahr­heit (2010) und Eine Ahnung vom Anfang (2013).

Die­ser Bei­trag erschien zuerst in VOLLTEXT 3/2015.

Online seit: 8. Novem­ber 2015

Zuletzt geän­dert: 8. Nov. 2015