Fragebogen: Brigitte Schwens-Harrant

Zum Geschäft der Lite­ra­tur­kri­tik heu­te.
Man­che aber lesen Ber­ge von Büchern und kön­nen dann viel­leicht trotz­dem nicht „kom­pe­tent“ urtei­len.
Brigitte Schwens-Harrant @ Styria Media Group / Marija Kanizaj

Bri­git­te Schwens-Har­rant: „Lite­ra­tur­kri­tik soll­te eine Art span­nen­de Erzäh­lung sein.“
Foto: Sty­ria / Mari­ja Kani­zaj

Was sehen Sie als die pri­mä­re Auf­ga­be der Lite­ra­tur­kri­tik heu­te?
Die Auf­fäl­ligs­te ist wohl: über Lite­ra­tur zu infor­mie­ren und sie ins Gespräch zu brin­gen. Das tun auch ande­re, die Lite­ra­tur­kri­tik aber tut es auf eine spe­zi­el­le Art und Wei­se, indem sie etwa auch die Kri­te­ri­en gelun­ge­ner Lite­ra­tur reflek­tiert. Im bes­ten Fall gehen Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rin­nen neu­gie­rig auf Suche, auch jen­seits der von PR-Abtei­lun­gen gehyp­ten Bücher, ent­de­cken für Lese­rin­nen und Leser Bücher und dis­ku­tie­ren sie: in einem Stil, der Freu­de an Lite­ra­tur und Spra­che ver­rät, der ver­ständ­lich ist und nicht her­me­tisch-eli­tär, ohne dass aber Dar­stel­lung und Argu­men­ta­ti­on sim­pel sein müss­ten. Kri­te­ri­en der Kunst kön­nen dabei eben­so dis­ku­tiert wer­den wie wich­ti­ge gesell­schafts­po­li­ti­sche Fra­gen. Lite­ra­tur­kri­ti­ker schu­len damit das eige­ne Den­ken und Argu­men­tie­ren und laden mit ihren Tex­ten oder Äuße­run­gen ande­re dazu ein, das eben­so zu tun. Ange­sichts gegen­wär­ti­ger poli­ti­scher Ent­wick­lun­gen wird die­se Auf­ga­be wich­ti­ger denn je, selbst und gera­de wenn Lite­ra­tur­kri­tik viel­leicht immer weni­ger Men­schen inter­es­siert.

Was sind die größ­ten Herausforderungen/Probleme für die Kri­tik heu­te?
Dass Kri­tik nicht mehr erwünscht ist. Das betrifft nicht nur die Lite­ra­tur, nicht nur die Kul­tur. Son­dern auch den poli­ti­schen Jour­na­lis­mus. Dem gilt es ent­schie­den ent­ge­gen­zu­tre­ten. Eine Gesell­schaft ohne Kri­tik ist nicht wün­schens­wert. Dass Kul­tur – und mit ihr die Lite­ra­tur – an den Rand der Wahr­neh­mung, in die Bedeu­tungs­lo­sig­keit gedrängt wird. Das beginnt lei­der trotz so vie­ler enga­gier­ter Leh­rer bereits in der Schu­le – sie­he neu­er Deutsch­un­ter­richt und die Bedeu­tung der Lite­ra­tur dar­in – und hat dann auch sei­ne Aus­wir­kun­gen im gesell­schaft­li­chen und media­len Bereich.

Spie­len lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Theo­rien eine Rol­le für Ihre Tätig­keit?
Ja. Wenn pro­fes­sio­nel­le Kri­ti­ke­rin­nen und Kri­ti­ker ihre „Kom­pe­tenz“ beto­nen, dann soll­ten sie auch in diver­sen Theo­rien bewan­dert sein. Ich habe Roland Bar­thes gele­sen und fran­zö­si­sche Den­ker, ich schät­ze auch anglo­ame­ri­ka­ni­sche Ansät­ze, und in den letz­ten Jah­ren habe ich mich mit post­ko­lo­nia­len Theo­rien aus­ein­an­der­ge­setzt, weil sie den Blick schär­fen für auch poli­tisch rele­van­te Kli­schees, etwa wie das Bild vom Frem­den gezeich­net wird in der Lite­ra­tur. Den Text allei­ne gibt es nicht, Lite­ra­tur­kri­ti­ker sind daher gut bera­ten, sich nicht nur mit Lite­ra­tur­theo­rien, son­dern auch mit dem aus­ein­an­der­zu­set­zen, was Phi­lo­so­phen, Sozio­lo­gen etc. den­ken und schrei­ben. Ohne dass man dabei einem Main­stream oder Trend fol­gen müss­te oder womög­lich dann ver­gisst, auf­merk­sam den Text selbst zu lesen. Theo­rien die­nen eher dazu, mir selbst über mei­ne jewei­li­ge Posi­tio­nie­rung und Argu­men­ta­ti­on klar zu wer­den, nicht aber, den Lese­rin­nen zu zei­gen, wie klug ich bin, oder sie zu beleh­ren, noch sie mit unver­ständ­li­chem Fach­jar­gon zu lang­wei­len. Kon­kre­te Lite­ra­tur­kri­tik soll­te eher eine Art span­nen­de Erzäh­lung sein.

Wel­che Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rIn­nen schät­zen Sie am meis­ten? Für wel­che Qua­li­tä­ten?
Ich hab’s nicht so mit Lite­ra­tur­päps­ten, die mit gro­ßer Ges­te und Fall­beil urtei­len. Ich schät­ze jene, die zu erken­nen geben, dass sie neu­gie­rig sind, dass sie suchen, dass sie sich um guten Stil und Argu­men­ta­ti­on bemü­hen.

Wie vie­le Bücher muss ein Kri­ti­ker gele­sen haben, um kom­pe­tent urtei­len zu kön­nen?
Wie soll man das quan­ti­fi­zie­ren? Fünf Bücher sind jeden­falls nicht genug und zehn sind sicher nicht zu viel. Man­che aber lesen Ber­ge von Büchern und kön­nen dann viel­leicht trotz­dem nicht „kom­pe­tent“ urtei­len. Die Men­ge macht noch kei­ne Kom­pe­tenz.

Wie vie­le haben Sie gele­sen?
Ich habe kei­ne Ahnung, wie vie­le Bücher ich gele­sen habe. Am Ende mei­ner Schul­zeit habe ich begon­nen, Lese­hef­te zu füh­ren. Da habe ich akri­bisch alles ein­ge­tra­gen, was ich gele­sen habe, samt Bemer­kun­gen und Urteil. Lei­der habe ich damit eini­ge Jah­re nach mei­nem Stu­di­um auf­ge­hört. Ich wür­de heu­te ger­ne lesen, was ich sei­ner­zeit zu jenen Büchern dach­te, über die ich nicht geschrie­ben habe, und ob und wie sich die Sicht­wei­se even­tu­ell geän­dert hat.

Wie vie­le Neu­erschei­nun­gen lesen Sie pro Jahr?
Kei­ne Ahnung. Manch­mal sogar eini­ge pro Woche.

Wel­che AutorIn­nen haben Ihnen mit 15 gefal­len, wel­che schät­zen Sie heu­te?
Mit 15, 16 begann ich Camus zu lesen. Den las ich dann vor lau­ter Begeis­te­rung auch auf Fran­zö­sisch. Heu­te wei­se ich unter ande­rem ger­ne auf Toni Mor­ri­son hin, vor allem auf ihren Roman Men­schen­kind.

Was lesen Sie, das nichts mit dem Beruf zu tun hat?
Nichts. Da ich kei­ne Koch­bü­cher lese und auch kei­ne Bücher, die mir sagen, wie ich zu leben habe, hat alles, was ich auch „pri­vat“ lese (vor allem Zei­tun­gen und Sach­bü­cher), doch irgend­wie mit mei­nem Beruf zu tun, fließt in mein Den­ken und Schrei­ben ein.

Haben Sie in Ihrer Lauf­bahn als Kri­ti­ke­rin je ein Urteil grund­le­gend revi­die­ren müs­sen?
Viel­leicht gibt es manch­mal für mich selbst kaum merk­li­che Ver­schie­bun­gen in der Sicht­wei­se, weil sich Wis­sen dazu­ge­sellt hat oder eine Erkennt­nis im Sinn von „Aha, da habe ich etwas über­se­hen, über­le­sen“. Span­nend sind auch öffent­li­che Gesprä­che über Lite­ra­tur mit Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen, da kann man gut das eige­ne „Urteil“ über­prü­fen, womög­lich schär­fen, viel­leicht aber eben auch über­den­ken. Ich sehe das lite­ra­tur­kri­ti­sche Tun eher dia­lo­gisch denn dog­ma­tisch.

* * *

Bri­git­te Schwens-Har­rant lei­tet das Feuil­le­ton der Wochen­zei­tung Die Fur­che und ist Mit­her­aus­ge­be­rin von literaturkritik.at. 2015 wur­de sie mit dem Öster­rei­chi­schen Staats­preis für Lite­ra­tur­kri­tik aus­ge­zeich­net. Sie ver­öf­fent­lich­te unter ande­rem Lite­ra­tur­kri­tik – Eine Suche (Stu­di­en­ver­lag, 2008), Schrift ahoi! (Kle­ver, 2013) und Ankom­men (Sty­ria 2014).

Quel­le: VOLLTEXT 3/2018 – 8. Okto­ber 2018

Online seit: 2. Mai 2019

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Zuletzt geän­dert: 2. Mai 2019