Fragebogen: Gerrit Bartels

Zum Geschäft der Lite­ra­tur­kri­tik heu­te: „Es ist nicht so leicht, sich dem Druck zu wider­set­zen.“
Gerrit Bartels

Ger­rit Bartels (Foto: Thi­lo Rückeis/Tagesspiegel)

Was sehen Sie als die pri­mä­re Auf­ga­be der Lite­ra­tur­kri­tik heu­te?
Die weni­gen guten von den vie­len mit­tel­mä­ßi­gen bis schlech­ten Büchern unter­schei­den. Sor­tie­ren. Infor­mie­ren. Neu­es ent­de­cken. Und genau begrün­den, war­um es sich lohnt, genau die­ses Buch, die­se Art von Lite­ra­tur zu lesen. Zudem: Begeis­te­rung für Lite­ra­tur ver­mit­teln und wecken. Dabei soll­te im bes­ten Fall die Lite­ra­tur­kri­tik selbst einen gewis­sen Unter­hal­tungs­cha­rak­ter haben, um genau der Lite­ra­tur, die mehr ist als blo­ße Unter­hal­tungs­li­te­ra­tur, zu ihrem Recht zu ver­hel­fen.

Was sind die größ­ten Herausforderungen/Probleme für die Kri­tik heu­te?
Es ist nicht so leicht, sich dem Druck zu wider­set­zen, der von außen auf die Lite­ra­tur­kri­tik aus­ge­übt wird: Die Ver­la­ge, die bestimm­te Bücher pushen wol­len, selbst wenn sie nicht gut sind, die Best­sel­ler­lis­ten, die angeb­lich ver­mit­teln, „was gele­sen wird“, die Erwar­tun­gen von Men­schen, die am liebs­ten im Urlaub lesen oder eben die Bücher, die gera­de alle lesen, und die mei­nen zu wis­sen, wie Lite­ra­tur­kri­tik sein muss. War­um besprecht ihr nicht den neu­en Suter? War­um igno­riert ihr den neu­en Irving? Über­dies wird das Ver­lan­gen immer grö­ßer, dass es schnell gehen muss, dass Bücher „emp­foh­len“ wer­den sol­len oder eben nicht, „in aller Kür­ze“, dass der Dau­men hoch- oder run­ter­ge­hen soll. Ein Für und Wider zu dis­ku­tie­ren, abzu­wä­gen, das wird immer schwie­ri­ger. Ein Keu­len­schlag ist es jedes Mal, wenn jemand nach der Lek­tü­re einer Rezen­si­on von mir sagt: Ich weiß jetzt gar nicht, ob du das Buch gut oder schlecht fan­dest.

Spie­len lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Theo­rien eine Rol­le für Ihre Tätig­keit als Kri­ti­ker?
Ich wür­de lügen, wenn dem bei jeder Rezen­si­on, die ich schrei­be, so wäre. Sie hel­fen sicher manch­mal, wenn es gilt, die Form über den Inhalt zu stel­len, wenn es gilt, grö­ße­re Zeit­räu­me in der Lite­ra­tur zu über­bli­cken, was ja immer nur mit einem gewis­sen Abstand gesche­hen kann, und doch sind Lite­ra­tur­kri­tik und Lite­ra­tur­wis­sen­schaft zwei unter­schied­li­che Fel­der – was man immer auch merkt, wenn Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin­nen und ‑wis­sen­schaft­ler sich lite­ra­tur­kri­tisch betä­ti­gen.

Wel­che Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rIn­nen schät­zen Sie am meis­ten? Für wel­che Qua­li­tä­ten?
Den Fern­seh­kri­ti­ker Mar­cel Reich-Rani­cki habe ich frü­her immer sehr geschätzt, im Lite­ra­ri­schen Quar­tett. Als schrei­ben­de Kri­ti­ker waren mir Joa­chim Kai­ser, wenn er über Lite­ra­tur schrieb, und vor allem Rein­hard Baum­gart lie­ber und näher, wohl­tu­end unauf­ge­regt, frei von Apo­dik­tik. Und heu­te? Gibt es eini­ge, Jörg Mage­nau zum Bei­spiel, Julia Encke, Chris­toph Schrö­der …

Wie vie­le Bücher muss ein Kri­ti­ker gele­sen haben, um kom­pe­tent urtei­len zu kön­nen? Wie vie­le haben Sie gele­sen?
Was für eine Fra­ge! Muss man wirk­lich so viel gele­sen haben? Die Mas­se macht es bestimmt nicht. Das merkt man allein dar­an, dass man in den jewei­li­gen Sai­so­nen, so es sie über­haupt noch gibt (für die Ver­la­ge ist inzwi­schen das gan­ze Jahr Sai­son), viel zu viel liest. Wich­ti­ger ist, wie man liest, wie sorg­fäl­tig man liest. Auch wich­tig: ein bestimm­ter Kanon, der indi­vi­du­ell ganz ver­schie­den sein kann und den man stets gewahr und, so es die Zeit zulässt, ver­tie­fen soll­te.

Wie vie­le Neu­erschei­nun­gen lesen Sie pro Jahr?
Sie­he oben – viel­leicht eine pro Woche? Jeden­falls zu vie­le, die oft davon ablen­ken, dass so vie­le bes­se­re Bücher schon geschrie­ben wor­den sind, man aber nicht dazu kommt, sie zu lesen. Trotz­dem: Einen neu­en Bola­ño, einen neu­en Herrn­dorf ent­de­cken zu wol­len – die­ser Reiz ver­küm­mert nie.

Wel­che AutorIn­nen haben Ihnen mit 15 gefal­len, wel­che schät­zen Sie heu­te?
Mit 15 habe ich noch Jugend­bü­cher, an die ich mich nicht mehr erin­ne­re, die Lus­ti­gen Taschen­bü­cher und Jer­ry Cot­ton gele­sen – ich glau­be, ich war 16 oder 17, als mein Vater mir die Jer­ry-Cot­ton-Hef­te tat­säch­lich ver­bot (er war sonst nicht so) und mir anschlie­ßend Heming­ways Gesam­mel­te Wer­ke in so einer brau­nen Rowohlt-Bil­lig­ta­schen­buch­aus­ga­be schenk­te. Die habe ich dann gele­sen, von Sturm­flu­ten des Früh­lings, was ich als Par­odie auf einen Roman von Sher­wood Ander­son über­haupt nicht ver­stand, über Fies­ta, was ich groß­ar­tig fand, bis zu Paris, ein Fest fürs Leben, was mir schließ­lich hau­fen­wei­se ande­re Schrift­stel­ler offe­rier­te, die ich lesen woll­te, allen vor­an F. Scott Fitz­ge­rald. Ja, und so ging es wei­ter, auch mit den deutsch­spra­chi­gen Autoren, mit Böll, John­son, Hand­ke, Grass, Bern­hard, dann Tho­mas Mann, Musil, Proust und Joy­ce.

Wen schät­ze ich heu­te? Man­ches von Heming­way geht über­ra­schen­der­wei­se immer noch, auch Fitz­ge­rald, Proust ist ein Lebens­au­tor. Wirk­lich beglü­ckend an ganz neu­en Sachen, weil so selt­sam, so anders, so neben der Spur, war Rober­to Bola­ños 2666, eigent­lich fast alles von die­sem lei­der schon so früh ver­stor­be­nen Chi­le­nen, dann Herrn­dorf, Kurz­eck, auch Knaus­gård, ja, doch, es gibt so eini­ges.

Was lesen Sie, das nichts mit dem Beruf zu tun hat?
Sehr regel­mä­ßig, sehr auf­merk­sam die Sport­tei­le von Süd­deut­scher Zei­tung und Tages­spie­gel. Jedes Buch, das ich mit in den Urlaub neh­me und kei­ne Neu­erschei­nung ist, das ich wie­der­le­se, das den eige­nen Kanon ver­tie­fen soll – am Ende hat es doch wie­der mit dem Beruf zu tun.

Haben Sie in Ihrer Lauf­bahn als Kri­ti­ker je ein Urteil grund­le­gend revi­die­ren müs­sen?
Grund­le­gend sicher nicht. Im Nach­hin­ein, so kommt es mir vor, war ich sicher das eine oder ande­re Mal zu freund­lich, zu mil­de.

* * *

Ger­rit Bartels, Jahr­gang 1967, ist Lite­ra­tur­re­dak­teur des Ber­li­ner Tages­spie­gels. Zuvor war er Lite­ra­tur­re­dak­teur bei der taz und arbei­te­te als Arzt in der Inne­ren Medi­zin und Psych­ia­trie.

Quel­le: Die­ser Bei­trag erschien zuerst in VOLLTEXT 2/2017.

Online seit: 13. Okto­ber 2017

Zuletzt geän­dert: 17. Nov. 2017