Fragebogen: Juri Steiner

Lite­ra­tur­kri­tik heu­te

Was sehen Sie als die pri­mä­re Auf­ga­be der Lite­ra­tur­kri­tik heu­te?
Neu­gier­de zu über­tra­gen. Zu zei­gen, dass Lesen eine eben­so spon­ta­ne wie lang­sa­me Kul­tur­prak­tik mit gro­ßem Impact ist. Und dass man Schrift­stel­le­rin­nen und Schrift­stel­lern mit dem nöti­gen Respekt begeg­nen soll.

Was sind die größ­ten Herausforderungen/Probleme für die Kri­tik heu­te?
Schwarm­in­tel­li­genz.

Spie­len lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Theo­rien eine Rol­le für Ihre Tätig­keit als Kri­ti­ke­rIn?
Ich ver­su­che immer noch zu ver­ste­hen, war­um Roland Bar­thes den Autor umge­bracht hat.

Wel­che Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rIn­nen schät­zen Sie am meis­ten? Für wel­che Qua­li­tä­ten?
Ste­fan Zwei­fel, wegen sei­nes Bri­os und der pri­va­ten Nach­le­sen.

Wie vie­le Bücher muss ein/e Kri­ti­ke­rIn gele­sen haben, um kom­pe­tent urtei­len zu kön­nen?
Mehr als zehn, weni­ger als tau­send? Gour­met vor Gour­mand. Qua­li­tät vor Quan­ti­tät.

Wie vie­le Neu­erschei­nun­gen lesen Sie pro Jahr?
Mehr als zehn, weni­ger als hun­dert?

Wel­che AutorIn­nen haben Sie mit 15 geschätzt?
John Len­non, Sime­non, Ser­ner, Glau­ser, Goe­the, Frisch, Mil­ler (Hen­ry), Hes­se und Salin­ger of cour­se.

Wel­che AutorIn­nen schät­zen Sie heu­te?
Spin­nen of cour­se.

Was lesen Sie, wenn es nicht mit dem Beruf zu tun hat?
Graf­fi­tis, Bild­le­gen­den, Le petit Nico­las und Tin­tin, Kal­ten­bach, Tho­reau und Sime­nons Rezept für die „Blan­quet­te de Veau“ (Kalbs­fri­ka­ssee).

Haben Sie in Ihrer Lauf­bahn als Kri­ti­ke­rIn je ein Urteil grund­le­gend revi­die­ren müs­sen?
Sime­nons „Blan­quet­te de Veau“ ist wun­der­bar als Text, in der Rea­li­tät aber zu schwer.

* * *

Juri Stei­ner, gebo­ren 1969 in Zürich, lebt als selb­stän­di­ger Kura­tor und Kul­tur­ver­mitt­ler in Lau­sanne. Er ist seit 2009 für das Schwei­zer Fern­se­hen SRF (u.a. Lite­ra­tur­club und Stern­stun­de Phi­lo­so­phie) tätig. Zuletzt gab er gemein­sam mit Ste­fan Zwei­fel den Aus­stel­lungs­ka­ta­log Expe­di­ti­on ins Glück. 1900 – 1914 (Scheid­eg­ger & Spiess) her­aus.

Quel­le: VOLLTEXT 2/2015

Online seit: 17. Janu­ar 2016

Zuletzt geän­dert: 18. Jan. 2016