Fragebogen: Daniela Strigl

Zum Geschäft der Lite­ra­tur­kri­tik heu­te

Was sehen Sie als die pri­mä­re Auf­ga­be der Lite­ra­tur­kri­tik heu­te?
Ein öffent­li­ches Gespräch über Lite­ra­tur in Gang zu hal­ten, das sich auch noch ande­ren Aspek­ten wid­met als jenen der zeit­ge­bun­de­nen Bedeut­sam­keit (die soge­nann­te Welt­hal­tig­keit), der Unter­hal­tung oder des per­sön­li­chen Wohl­be­fin­dens des Lesers. Ein Gespräch, das Lite­ra­tur ernst nimmt, als mit­un­ter schwer erträg­li­che Reak­ti­ons­wei­se auf die mensch­li­che Exis­tenz eben­so wie als Reich der Form.

Was sind die größ­ten Herausforderungen/Probleme für die Kri­tik heu­te?
Für mich per­sön­lich: die Simu­la­ti­on einer gesell­schaft­li­chen Rele­vanz, die sie schon seit Län­ge­rem nicht mehr hat. Ich muss zumin­dest so tun, als wäre die Kri­tik noch wich­tig, damit ich jenes Maß an Hin­ga­be und Ernst auf­brin­ge, das jeder lite­ra­ri­sche Text grund­sätz­lich ver­dient. Mit­ten in die­ser mir selbst vor­ge­spiel­ten Wich­tig­keit däm­mert mir frei­lich die Irrele­vanz mei­nes Tuns, die wie­der­um eine schö­ne Frei­heit eröff­net. All­ge­mein betrach­tet ist die Kri­tik in ihrer Mar­gi­na­li­sie­rung natür­lich als sia­me­si­scher Zwil­ling an die Lite­ra­tur gebun­den. Der Zeit­geist hält nicht viel von Lite­ra­tur und von lite­ra­ri­scher Bil­dung bezie­hungs­wei­se er hält sie für Luxus, ergo ent­behr­lich. Das wird sich ein­mal auch wie­der ändern, bis dahin lese und schrei­be ich unver­dros­sen wei­ter.

Spie­len lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Theo­rien eine Rol­le für Ihre Tätig­keit als Kri­ti­ker?
Bestimmt, irgend­wie sub­ku­tan. Mei­ne Bezie­hung zur fran­zö­si­schen Theo­rie, so ver­mu­te ich, ist eine häre­ti­sche: Ich habe Fou­cault und Bar­thes immer als Lite­ra­tur gele­sen. Und als sol­che durch­aus genos­sen. Aber ich kom­me aus der Schu­le Wen­de­lin Schmidt-Deng­lers und hän­ge als Ger­ma­nis­tin wie als Kri­ti­ke­rin einem alt­mo­di­schen Modell von Phi­lo­lo­gie an, ich glau­be hart­nä­ckig an den Nut­zen der Her­me­neu­tik und an die Mühen und Won­nen des Clo­se rea­ding. Die Psy­cho­ana­ly­se fas­zi­niert mich aller­dings schon, und ich mei­ne – als Bio­gra­fin – von ihr auch pro­fi­tiert zu haben.

Wel­che Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rIn­nen schät­zen Sie am meis­ten? Für wel­che Qua­li­tä­ten?
Tuchol­sky für sei­ne Gerad­li­nig­keit und sei­nen Humor; Karl Kraus natür­lich als makel­lo­sen Sti­lis­ten, aber auch für sei­ne Radi­ka­li­tät im Urteil und sei­nen Mut zur Unge­rech­tig­keit; Hil­de Spiel für ihre Bele­sen­heit und kris­tal­li­ne Klar­heit; Edwin Hartl als Krau­sia­ner mit Mil­de. Von den Zeit­ge­nos­sen zu vie­le, um sie alle zu nen­nen. Sig­rid Löff­ler habe ich schon als Schü­le­rin für ihre ana­ly­ti­sche Schär­fe bewun­dert, obwohl ich in der Sache gar nicht sel­ten ande­rer Mei­nung war und bin. Lothar Mül­ler beein­druckt mich durch sei­ne Klug­heit und gera­de­zu ein­schüch­tern­de Ernst­haf­tig­keit. Den­ke ich an Ursu­la März, Ulrich Wein­zierl, Paul Jandl oder Klaus Nüch­tern fal­len mir vor allem zwei Begrif­fe ein: Witz und Ele­ganz des Stils.

Wie vie­le Bücher muss ein Kri­ti­ker gele­sen haben, um kom­pe­tent urtei­len zu kön­nen? Wie vie­le haben Sie gele­sen?
Ich weiß nicht, vie­le – er muss vor allem vie­le auch wie­der ver­ges­sen haben. Das Gele­se­ne rei­chert sich in der idea­len Lese­bio­gra­fie gleich­sam an wie Humus. Die zwei­te Fra­ge kommt mir vor, als wür­de man von mir wis­sen wol­len, wie vie­le Wie­ner Schnit­zel ich in mei­nem Leben geges­sen habe. Kei­ne Ahnung, das kann ich auch nicht schät­zungs­wei­se ange­ben.

Wie vie­le Neu­erschei­nun­gen lesen Sie pro Jahr?
Immer zu vie­le, immer zu weni­ge, oft die fal­schen. Das hängt auch von mei­ner jewei­li­gen Jury­ar­beit ab. Heu­er waren es schät­zungs­wei­se drei­ßig bis vier­zig. Ich bedau­re grund­sätz­lich, zu viel mei­ner Zeit mit bel­le­tris­ti­scher Dut­zend­wa­re zu ver­geu­den und neh­me mir vor, mich inten­si­ver den Klas­si­kern zu wid­men. Und mehr Lyrik zu lesen.

Wel­che AutorIn­nen haben Ihnen mit 15 gefal­len, wel­che schät­zen Sie heu­te?
Mar­len Haus­ho­fer zum Bei­spiel, Nes­troy, Ril­ke, Mor­gen­stern, Jane Aus­ten, Kleist (Kohl­haas), Tschechow, Schnitz­ler, Kazant­zakis, Karl May. Eigent­lich hat sich nur Karl May abge­nutzt. Dazu gekom­men sind, etwas will­kür­lich aus­ge­sucht, Tur­gen­jew, Gontscha­row, Fon­ta­ne, Grill­par­zer, Ebner-Eschen­bach, Fer­di­nand von Saar, Theo­dor Kra­mer.

Was lesen Sie, das nichts mit dem Beruf zu tun hat?
Nicht viel, ich kann mir meis­tens erfolg­reich ein­re­den, dass eh alles im wei­tes­ten Sin­ne mit mei­nem Beruf zu tun hat. Abge­se­hen von hip­po­lo­gi­schen Abwe­gen: Pfer­de, Pfer­de­sport, Zucht, Dres­sur, Spa­ni­sche Hof­reit­schu­le. Und Kuli­na­rik, Gas­tro­no­mie­kri­tik.

Haben Sie in Ihrer Lauf­bahn als Kri­ti­ke­rin je ein Urteil grund­le­gend revi­die­ren müs­sen?
Viel­leicht eine erfolg­rei­che Ver­drän­gung, aber mir fällt kei­ne sol­che Revi­si­on ein. Ver­mut­lich war ich da und dort eher zu mild als zu streng.

* * *

Danie­la Stri­gl lebt als Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rin und ‑wis­sen­schaft­le­rin in Wien. Zuletzt erschien Berühmt sein ist nichts. Marie von Ebner-Eschen­bach –  Eine Bio­gra­phie (Resi­denz Ver­lag).

Quel­le: VOLLTEXT 4/2016

Online seit: 16. Mai 2017

Online seit: 16. Mai 2017

Zuletzt geän­dert: 16. Mai 2017