Fragebogen: Paul Jandl

Paul Jandl zum Geschäft der Lite­ra­tur­kri­tik heu­te
Paul Jandl (Foto: Hannah Andrae)

Paul Jandl. (Foto: Han­nah Andrae)

Was sehen Sie als die pri­mä­re Auf­ga­be der Lite­ra­tur­kri­tik heu­te?
Ich glau­be nicht, dass Kri­tik eine Art Post­ein­gangs­stel­le für lite­ra­ri­sche Neu­erschei­nun­gen sein muss. Eine von sich selbst berausch­te Behör­de, die ord­net und zuweist: Stem­pel drauf, und ab an den pas­sen­den Leser. Statt­des­sen glau­be ich an eine Kri­tik, die tat­säch­lich auf der Höhe der Lite­ra­tur ist. In der es dar­um geht, Erkennt­nis­pro­zes­se in allen ihren Ver­schal­tun­gen sicht­bar zu machen. Zu zei­gen, wie die Welt ins Buch kommt und von dort wie­der in mei­nen Kopf als Leser. Neben der Lust am Buch muss es beim Schrei­ben von Kri­ti­ken auch eine Lust am eige­nen Text geben. Das ist man sich selbst und dem Leser schul­dig. Man darf sich und ande­re nicht lang­wei­len. Nichts schlim­mer als eine Lite­ra­tur­kri­tik, deren Bla­siert­heit es gelingt, sich bis ins Fern­se­hen hoch­zu­ar­bei­ten.

Was sind die größ­ten Her­aus­for­de­run­gen für die Kri­tik heu­te?
Eine gro­ße Her­aus­for­de­rung ist wohl der Bedeu­tungs­ver­lust der klas­si­schen Lite­ra­tur­kri­tik. Ihr gehen die Leser ver­lo­ren, und auch in den Medi­en gibt es immer weni­ger Platz dafür, ohne dass anders­wo etwas Ähn­li­ches nach­wach­sen wür­de. Ich kann mich täu­schen, aber mir schei­nen auch die Schmäh­reden gegen das Anspruchs­vol­le lau­ter zu wer­den.

Spie­len lite­ra­tur­wis­sen schaft­li­che Theo­rien eine Rol­le für Ihre­Tä­tig­keit als Kri­ti­ker?
Es gibt die aus­ge­wie­se­nen Theo­re­ti­ker, die man gele­sen hat, und die vie­len, bei denen Poe­to­lo­gie und Pra­xis mit­ein­an­der ver­schmel­zen. Das sind viel­leicht die Wich­ti­ge­ren. Bei mir geht es da von Michail Bacht­in und Wal­ter Ben­ja­min über Gas­ton Bachel­ard und Roland Bar­thes bis zu Rein­hard Priess­nitz und Moni­ka Rinck. In Sachen Theo­rie gilt beim Schrei­ben einer Kri­tik aber der Satz: Was man an Kräf­ten spart, tritt als Stil zuta­ge.

Wel­che Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rIn­nen schät­zen Sie am meis­ten? Für wel­che Qua­li­tä­ten?
Als gebo­re­ner Öster­rei­cher wächst man unter dem Zen­tral­mas­siv eines Karl Kraus und Alfred Pol­gar auf. Was Spra­che kann, wenn sie nicht gleich locker­lässt und in Phra­sen fällt, kann man bei den bei­den sehen. Dann gibt es eine elas­ti­sche Intel­li­genz, in der Scharf­sinn und Iro­nie alles Fal­sche und Pathe­ti­sche ent­lar­ven. Dazu zäh­le ich Franz Schuh, Sig­rid Löff­ler, Danie­la Stri­gl und den fei­nen Sti­lis­ten Ulrich Wein­zierl. Ihm ver­dan­ke ich viel. Wich­tig ist auch Ilma Rakusa. Ihr gro­ßes Wis­sen über die Lite­ra­tu­ren Euro­pas, ihr Wis­sen als Schrift­stel­le­rin. Von den Jün­ge­ren Tobi­as Lehm­kuhl als sehr genau­er Leser.

Wie vie­le Bücher muss ein Kri­ti­ker gele­sen haben, um kom­pe­tent urtei­len zu kön­nen? Wie vie­le haben Sie gele­sen?
Auf die Zahl kommt es nicht an, wenn man wenigs­tens eini­ge davon wirk­lich ver­stan­den hat. Wenn man weiß, was eine Meta­pher ist und was sie kann. Wenn man weiß, was Iro­nie ist.

Wie vie­le Neu­erschei­nun­gen lesen Sie pro Jahr?
Drei­ßig? Vier­zig?

Wel­che AutorIn­nen haben Ihnen mit 15 gefal­len, wel­che schät­zen Sie heu­te?
Mit 15, 16, 17: Als ers­te Säu­le lite­ra­ri­scher Bil­dung der Dreh­stän­der einer Pro­vinz­buch­hand­lung. Hes­se, Grass, Böll, aber auch Celan, Camus, Sart­re und Ernst Bloch. Ers­te­re habe ich seit­her nicht mehr gele­sen, und danach waren es oft Lek­tü­ren in kon­zen­tri­schen Krei­sen. Rund um Proust, Joy­ce und Flau­bert. Fran­cis Pon­ge war wich­tig. Robert Musil, Kon­rad Bay­er. Und die poli­ti­sche Psy­cho­lo­gie der ost­eu­ro­päi­schen Lite­ra­tu­ren. In der deutsch­spra­chi­gen Lite­ra­tur viel­leicht Tho­mas Lehr, Sibyl­le Lewitschar­off, Bri­git­te Kro­nau­er, Oswald Egger, Max Goldt.

Was lesen Sie, das nichts mit dem Beruf zu tun hat?
Die roman­haf­ten Todes­an­zei­gen in der FAZ.

Haben Sie in Ihrer Lauf­bahn als Kri­ti­ker je ein Urteil grund­le­gend revi­die­ren müs­sen?
Man­ches Urteil über mich selbst.

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Paul Jandl, gebo­ren 1962 in Wien, lebt als Lite­ra­tur­kri­ti­ker in Ber­lin. Seit 1992 arbei­tet er, mit Unter­bre­chun­gen, für das Feuil­le­ton der NZZ.

Quel­le: VOLLTEXT 4/2017 (11. Dezem­ber 2017)

Online seit: 4. April 2018

Online seit: 4. April 2018

Zuletzt geän­dert: 5. Apr. 2018