Fragebogen: Katrin Hillgruber

„In jenen Jah­ren galt Lite­ra­tur­kri­ti­ker oder auch Jour­na­list im All­ge­mei­nen als Traum­be­ruf, jetzt fühlt man sich im Print­be­reich mit­un­ter wie ein Kum­pel kurz vor der Zechen­schlie­ßung.“ – Zum Geschäft der Lite­ra­tur­kri­tik heu­te

Was sehen Sie als die pri­mä­re Auf­ga­be der Lite­ra­tur­kri­tik heu­te?

Als Instru­ment der Auf­klä­rung soll sie frei nach Horaz nüt­zen und unter­hal­ten. Es gilt mehr denn je, das Inter­es­se an Lite­ra­tur zu wecken und wach­zu­hal­ten und auf Bücher gera­de auch jen­seits des Main­streams hin­zu­wei­sen. Zwin­gend sind der Respekt vor der krea­ti­ven Leis­tung des Autors/der Autorin und der eige­ne Qua­li­täts­an­spruch. Je län­ger ich die­sen Beruf aus­übe, des­to wich­ti­ger wird mir der Ein­satz für lite­ra­tur­ge­schicht­li­che Neu- und Wie­der­ent­de­ckun­gen, gera­de auch inner­halb der roma­ni­schen Bel­le­tris­tik sowie der nach wie vor mar­gi­na­li­sier­ten Lite­ra­tu­ren Ost- und Süd­ost­eu­ro­pas. So macht es mir gro­ßen Spaß, mei­ne Ent­de­cker­freu­de an einem poè­te mau­dit wie dem Polen Euge­ni­usz Tka­c­zyszyn-Dycki oder einer expe­ri­men­tel­len Pro­sa­au­to­rin wie Sophie Divry aus Lyon zu ver­mit­teln.

Was sind die größ­ten Herausforderungen/Probleme für die Kri­tik heu­te?

Sie muss sich gegen ihren Bedeu­tungs­ver­lust bis hin zur dro­hen­den Abschaf­fung auf­bäu­men. In den elek­tro­ni­schen Medi­en – wann sah man zuletzt ein lite­ra­ri­sches Fern­seh­fea­ture im Lang­for­mat? – flüch­tet sie zuneh­mend in Dis­kus­sio­nen und wird damit eph­eme­rer und belie­bi­ger. Als gelern­te Zei­tungs­re­dak­teu­rin beob­ach­te ich aber vor allem mit Sor­ge den rachi­ti­schen Platz­schwund der gedruck­ten Lite­ra­tur­kri­tik, von eini­gen heroi­schen Aus­nah­men wie dem Tages­spie­gel abge­se­hen. Das Inter­net mit sei­nen unüber­sicht­li­chen Spe­cial-Inte­rest-Sek­tio­nen scheint mir dafür kein adäqua­ter Ersatz zu sein. Der schwin­den­de Raum erlaubt irgend­wann nur noch „Tipps“. Dadurch ent­le­digt sich die pro­fes­sio­nel­le Lite­ra­tur­kri­tik, die ja laut Alfred Kerr eine eige­ne Kunst­form sein soll­te, ihrer Argu­men­ta­ti­on. Als bes­se­re Inhalts­an­ga­be jedoch ver­liert sie ihre Legi­ti­ma­ti­on, die sie bis­lang von Laien-„Rezensionen“ auf Inter­net-Ver­kaufs­platt­for­men unter­schie­den hat. Für frei­be­ruf­li­che Rezen­sen­ten ist die­se Ent­wick­lung natür­lich wirt­schaft­lich ver­hee­rend. Dahin­ter ver­birgt sich mei­nes Erach­tens neben öko­no­mi­schen Zwän­gen ein wach­sen­des dif­fu­ses Res­sen­ti­ment gegen Bil­dung und geis­ti­ge Anstren­gung und damit gegen die Instanz der Kri­tik an sich. Auch der exem­pla­ri­sche, mit Lust an der Pole­mik argu­men­tie­ren­de Ver­riss, einst die Königs­dis­zi­plin unse­rer Bran­che, wird sel­te­ner. Als Kon­se­quenz droht ein wohl­fei­les Minia­tur­feuil­le­ton mit Ser­vice­cha­rak­ter.

Spie­len lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Theo­rien eine Rol­le für Ihre Tätig­keit?

Im Stu­di­um habe ich so man­che struk­tu­ra­lis­ti­sche Trai­nings­ein­heit durch­lau­fen, dar­un­ter ein nach Geschlech­tern getrenn­tes Wochen­end­se­mi­nar an der Nord­see. Aber mir scheint der her­me­neu­ti­sche Ansatz prak­ti­ka­bler, der stets ver­sucht, die Kri­te­ri­en zur Ana­ly­se eines Tex­tes aus die­sem selbst zu gewin­nen und dem lite­ra­ri­schen Kunst­werk gerecht zu wer­den, frei nach Goe­the: „Beque­me dich dem Hei­ßen wie dem Kal­ten, dir wird die Welt, du wirst ihr nie ver­al­ten.“ Für sehr wich­tig und hilf­reich erach­te ich eine soli­de Kennt­nis der Lite­ra­tur­ge­schich­te.

Wel­che Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rIn­nen schät­zen Sie am meis­ten? Für wel­che Qua­li­tä­ten?

Ohne die mit­rei­ßen­de Begeis­te­rung für die Sache und das Zutrau­en, das mir im Som­mer 1990 bei einer Hos­pi­tanz in der FAZ-Lite­ra­tur­re­dak­ti­on durch Frank Schirr­ma­cher, Jochen Hie­ber und Jens Jes­sen ver­mit­telt wur­de, hät­te ich die­sen Beruf wohl nicht ergrif­fen. Anste­cken­den Enthu­si­as­mus für his­to­ri­sche Trou­vail­len habe ich bei Charles Lins­may­er vom Ber­ner Bund erlebt. In jenen Jah­ren galt Lite­ra­tur­kri­ti­ker oder auch Jour­na­list im All­ge­mei­nen als Traum­be­ruf, jetzt fühlt man sich im Print­be­reich mit­un­ter wie ein Kum­pel kurz vor der Zechen­schlie­ßung. Umso mehr schät­ze ich jede Kol­le­gin und jeden Kol­le­gen, der mit Sach­ver­stand, Esprit und Idea­lis­mus unver­dros­sen im Text­ge­bir­ge wei­ter­gräbt, um Dia­man­ten von Geröll zu tren­nen.

Wie vie­le Bücher muss ein Kri­ti­ker gele­sen haben, um kom­pe­tent urtei­len zu kön­nen?

Wahr­schein­lich sind es nie genug, ande­rer­seits hat die­ses Desi­de­rat aber auch etwas Beru­hi­gen­des.

Wie vie­le haben Sie gele­sen?

Das kann ich beim bes­ten Wil­len nicht sagen.

Wie vie­le Neu­erschei­nun­gen lesen Sie pro Jahr?

Schät­zungs­wei­se zwi­schen drei­ßig und vier­zig. Sie gilt es aus den halb­jähr­lich ein­tref­fen­den Stö­ßen an Ver­lags­vor­schau­en her­aus­zu­kel­tern, die zum Leid­we­sen der Brief­trä­ger nach wie vor in Papier­form ein­tref­fen. In die­sem Punkt bin ich unbe­dingt für die Digi­ta­li­sie­rung.

Katrin Hillgruber (Foto: A. Hahn)

Kat­rin Hill­gru­ber (Foto: A. Hahn)

Wel­che AutorIn­nen haben Ihnen mit 15 gefal­len, wel­che schät­zen Sie heu­te?

Von Lewis Car­roll und Karl May bin ich damals zu Hein­rich Bölls Ansich­ten eines Clowns und der emble­ma­ti­schen Roman­eröff­nung gekom­men: „Es war schon dun­kel, als ich in Bonn ankam.“ Gene­rell lie­gen mir sowohl die Rea­lis­ten als auch die ver­stie­ge­nen Fabu­lie­rer, oft mit alpi­nem Hin­ter­grund oder aus der ehe­ma­li­gen DDR. Eini­ge (Schul-)Lektüren haben mei­nen Geschmack ent­schei­dend geprägt: Arthur Rim­baud, Brechts Lehr­stü­cke, Wil­helm Raabes See- und Mord­ge­schich­te Stopf­ku­chen und Uwe John­sons Mut­mas­sun­gen über Jakob. Immer wie­der lese ich: Gott­fried Benn, Her­mann Bur­ger, Alfred Döb­lin, Hel­ga M. Novak und Wolf­gang Hil­big. Zeit­ge­nos­sen, auf deren Neu­erschei­nun­gen ich beson­ders gespannt bin, sind unter ande­ren: Mar­cel Bey­er, Olga Flor, Nor­bert Gst­rein, Tho­mas Hett­che, Elfrie­de Jeli­nek, Ulrich Pelt­zer, Mari­on Posch­mann und Lin­da Stift.

Was lesen Sie, das nichts mit dem Beruf zu tun hat?

Alles Gedruck­te zieht mich an und lässt mich manch­mal die Welt um mich her­um ver­ges­sen. Ansons­ten ver­fol­ge ich aber eben­so ger­ne Hör­spie­le (Ror Wolf!) oder las­se mir im Kino Geschich­ten erzäh­len.

Haben Sie in Ihrer Lauf­bahn als Kri­ti­ke­rin je ein Urteil grund­le­gend revi­die­ren müs­sen?

Viel­leicht habe ich das eine oder ande­re Debüt zu posi­tiv auf­ge­nom­men, und die Erwar­tun­gen haben sich bei den fol­gen­den Wer­ken des Autors/der Autorin nicht erfüllt: das bekann­te Dilem­ma des zwei­ten Buches.

 

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Kat­rin Hill­gru­ber lebt in Mün­chen und arbei­tet als freie Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rin und Kul­tur­jour­na­lis­tin für Pres­se und Hör­funk, unter ande­rem für den Tages­spie­gel, Deutsch­land­ra­dio und Baye­ri­scher Rund­funk.

Quel­le: VOLLTEXT 2/2018 – 29. Juni 2018

Online seit: 28. Janu­ar 2019

Online seit: 28. Janu­ar 2019

Zuletzt geän­dert: 28. Jan. 2019