Fragebogen: Evelyne Polt-Heinzl

Zum Geschäft der Lite­ra­tur­kritk heu­te

Was sehen Sie als die pri­mä­re Auf­ga­be der Lite­ra­tur­kri­tik heu­te?
Das wich­tigs­te ist wohl ganz sim­pel, für Lite­ra­tur zu begeis­tern und glaub­haft zu machen, dass man von ihr mehr erwar­ten darf und auch mehr bekommt als den Plot. Sie macht für sprach­li­che und ande­re Schräg­la­gen hell­hö­rig und hat ein Poten­zi­al des Wider­stän­di­gen, das es als Trade­mark neu zu posi­tio­nie­ren gilt. Im Ein­zel­fall geht es um das Auf­zei­gen der Poten­zia­le, Qua­li­tä­ten und Schwä­chen, denn auch damit hat ein Buch Teil an der Funk­ti­on von Lite­ra­tur, Medi­um der gesell­schaft­li­chen Selbst­ver­stän­di­gung zu sein.

Evelyne Polt-Heinzl © privat

Eve­ly­ne Polt-Heinzl: Die Kri­tik soll­te sich als Kor­rek­tiv zum Markt posi­tio­nie­ren.

Was sind die größ­ten Herausforderungen/Probleme für die Kri­tik heu­te?
Lite­ra­tur­kri­tik soll­te sich als Kor­rek­tiv zum Markt- und Event­ge­sche­hen des Lite­ra­tur­be­triebs posi­tio­nie­ren, nicht als Begleit­mu­sik. Das ist kei­ne Absa­ge an die Even­ti­sie­rung, es gilt nur die bei­den Berei­che kla­rer zu tren­nen, um nicht selbst­ver­schul­det an Glaub­wür­dig­keit und damit wei­ter an Ter­rain zu ver­lie­ren. Außer­dem hat Lite­ra­tur­kri­tik in demo­kra­tie­po­li­tisch kri­ti­schen Zei­ten – wie jeder kri­ti­sche Dis­kurs – auch eine poli­ti­sche Ver­ant­wor­tung.

Spie­len lite­ra­tur­wis­sen­schaft­li­che Theo­rien eine Rol­le für Ihre Tätig­keit als Kri­ti­ke­rin?
Für den prin­zi­pi­el­len Blick auf Spra­che und Ver­fah­rens­wei­sen von Lite­ra­tur ganz bestimmt. Für lite­ra­ri­sche Viel­stim­mig­kei­ten haben Bacht­in und Genet­te sen­si­bi­li­siert, für sozio­lo­gi­sche und ande­re Hin­ter­grund­pro­zes­se Bour­dieu und Ben­ja­min, für Dis­kurs­theo­re­ti­sches Fou­cault und Jac­ques Ran­ciè­re, aber auch Homi Bhab­ha. Lek­tü­ren die­ser Art sind nach wie vor anre­gend – für den lite­ra­tur­kri­ti­schen All­tag bil­den sie frei­lich nur eine Art basa­len Hin­ter­grund.

Wel­che Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rIn­nen schät­zen Sie am meis­ten? Für wel­che Qua­li­tä­ten?
Prin­zi­pi­ell bin ich mehr für die Tra­di­ti­on der fei­nen Klin­ge à la Alfred Pol­gar als für jene des Karl Kraus’schen Bihän­ders. An Wen­de­lin Schmidt-Deng­ler hat mir immer sei­ne gro­ße Offen­heit den ver­schie­de­nen, auch kon­trä­ren ästhe­ti­schen Kon­zep­ten gegen­über, gefal­len, und natür­lich sein sprach­li­cher Witz bei weit­ge­hen­dem Ver­zicht auf Unter­grif­fe. An Kri­ti­kern wie Karl-Mar­kus Gauß schät­ze ich das Enga­ge­ment, Ver­ges­se­nes oder Über­se­he­nes neu zur Dis­kus­si­on zu stel­len.

Wie vie­le Bücher muss ein Kri­ti­ker gele­sen haben, um kom­pe­tent urtei­len zu kön­nen? Wie vie­le haben Sie gele­sen?
Es kön­nen nie genug sein. Letzt­lich ist das Schö­ne an die­ser Arbeit, dass man eigent­lich nichts je „umsonst“ liest, alles macht den Lese­ho­ri­zont wei­ter. Es ist nicht mög­lich, etwas Gele­se­nes nicht in den Gesamt­kos­mos ein­zu­bet­ten, der sich im Lauf der Jah­re so ansam­melt und durch jedes neue Lese­er­leb­nis neue und ande­re und wie­der ande­re Ver­knüp­fun­gen bekommt.

Wie vie­le Neu­erschei­nun­gen lesen Sie pro Jahr?
Das sind wohl eher vie­le. Zäh­len emp­fiehlt sich für Lite­ra­tur­kri­ti­ke­rIn­nen nie. Weil man eben nichts „umsonst“ liest, hat alles irgend­wie mit der Arbeit zu tun. Wür­de man das im stren­gen Sinn so sehen und die Lese­stun­den quan­ti­fi­zie­ren, käme ein Stun­den­ho­no­rar her­aus, das man viel­leicht sogar in den süd­ost­asia­ti­schen Elends­fa­bri­ken der Mode­kon­zer­ne für bedenk­lich hiel­te.

Wel­che AutorIn­nen haben Ihnen mit 15 gefal­len, wel­che schät­zen Sie heu­te?
Wenn ich mich recht erin­ne­re, war damals eine schwie­ri­ge Lese-Zeit. Karl May war durch, Sime­nons Mai­gret-Bän­de auch, Kaf­ka schon ver­ehrt, aber nicht ver­stan­den. Zu den ers­ten gro­ßen Lek­tü­re­ein­drü­cken gehör­ten dann Hand­kes Die Angst des Tor­manns beim Elf­me­ter, Frischs Mein Name sei Gan­ten­bein und die bei­den Bän­de von Enzens­ber­gers Muse­um moder­ner Poe­sie. Auf die – hier leicht ver­hüll­te – Fra­ge nach Lieb­lings­bü­chern habe ich eine Ant­wort immer ver­wei­gert. Blo­ßes Name­drop­ping ist fad – und Mit­glied­schaf­ten in mei­ner pri­va­ten Best-of-Lis­te ken­nen auch Ablauf­da­ten. Solan­ge Leser lesen, blei­ben all­fäl­li­ge Ran­kings ver­än­der­bar. Lesen abseits des All­tags­ge­schäfts bedeu­tet jeden­falls immer eher den Griff zu schon ein­mal Gele­se­nem und häu­fig zu Lyrik.

Was lesen Sie, das nichts mit dem Beruf zu tun hat?
Sie­he Fra­ge Nr. 5.

Haben Sie in Ihrer Lauf­bahn als Kri­ti­ke­rin je ein Urteil grund­le­gend revi­die­ren müs­sen?
Das scheint in den bis­her erschie­ne­nen Inter­views die schwie­rigs­te Fra­ge für Kri­ti­ke­rIn­nen zu sein. Man­ches ver­drängt man wohl tat­säch­lich. Aber an eini­ge Fehl­ur­tei­le erin­ne­re ich mich noch gut. Jür­gen Becker zum Bei­spiel habe ich in den poli­tisch auf­ge­la­de­nen 1980er-Jah­ren – wie auch Hand­kes Lang­sa­me Heim­kehr – in die Schub­la­de „Neue Sub­jek­ti­vi­tät“ ver­bannt. Völ­lig falsch – die Schub­la­de ins­ge­samt wie das Urteil in bei­den Fäl­len. Ein jün­ge­res Bei­spiel wäre Xaver Bay­ers Roman Wei­ter, den ich bei Erschei­nen zu wenig als phä­no­me­no­lo­gisch wie sprach­lich span­nen­de Aus­ein­an­der­set­zung mit der Welt der Com­pu­ter­spie­le wahr­ge­nom­men habe.

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Eve­ly­ne Polt-Heinzl, gebo­ren 1960, ist Lite­ra­tur­wis­sen­schaft­le­rin, Kri­ti­ke­rin und Kura­to­rin. 2017 erhielt sie den Öster­rei­chi­schen Staats­preis für Lite­ra­tur­kri­tik. Zu ihren wich­tigs­ten Ver­öf­fent­li­chun­gen zäh­len Ich hör‘ dich schrei­ben. Eine lite­ra­ri­sche Geschich­te der Schreib­ge­rä­te (Son­der­zahl, 2007) und Ein­stür­zen­de Finanz­wel­ten. Markt, Gesell­schaft und Lite­ra­tur (Son­der­zahl, 2009).

Quel­le: VOLLTEXT 1/2018 – 26. März 2018

Online seit: 28. April 2019

Online seit: 28. April 2019

Zuletzt geän­dert: 2. Mai 2019