Präauer streamt: „Der Club der toten Dichter“ im Flugzeug der Lufthansa

O Cap­tain! Mein Cap­tain!, kann mich das noch rüh­ren?
Der Club der toten Dichter

O Cap­tain! Mein Cap­tain!, kann mich das noch rüh­ren?
Foto: Der Club der toten Dich­ter

Im Dun­kel leuch­tet der Moni­tor und zeich­net mit einer gestri­chel­ten Linie den Weg von Japan nach Deutsch­land vor. Wir haben bereits ein Drit­tel der Stre­cke hin­ter uns gebracht, als die Ste­war­dess der Luft­han­sa mei­nem Sitz­nach­barn Bai­leys auf Eis ser­viert, und der süße Duft einer fast ver­gan­ge­nen Zeit mir in die von der Air­con­di­ti­on tro­cken gewor­de­nen Nasen­schleim­häu­te fährt. Ich tip­pe mit der Fin­ger­kup­pe auf die Ober­flä­che des Bild­schirms und berüh­re eine Stadt in Russ­land. Ein Fens­ter öff­net sich unmit­tel­bar, sein Name ist: Movies.

Die Fil­me, die die Luft­han­sa unter die­ser Rubrik ver­sam­melt, rei­chen von Die Brü­cken am Fluss über 2001: Odys­see im Welt­raum bis zu Aste­rix oder Mam­ma Mia. Gäbe es die Umge­bung nicht, lie­ße sich so im Zei­chen der Cine­as­tik eine schö­ne Par­ty fei­ern. Wären da nicht die hus­ten­den Mit­rei­sen­den, der Platz­man­gel, die schlech­te Luft, der Lärm der Moto­ren, die läs­ti­gen Durch­sa­gen, Auf­ru­fe, Mah­nun­gen, die soge­nann­ten Nah­rungs­mit­tel und die­se gan­ze, dem vor­über­ge­hen­den Aus­ge­lie­fert­sein geschul­de­te Infan­ti­li­sie­rung und Hos­pi­ta­li­sie­rung des Flug­gas­tes. Es lie­ße sich noch lan­ge aus­la­dend schimp­fen, wäre – wir dre­hen uns wei­ter in der gedank­li­chen Schlei­fe und kata­pul­tie­ren uns bald unfrei­wil­lig aus dem Ver­kehrs­mit­tel – ein Kla­gen über die Zustän­de nicht als ein Bekla­gen von Luxus­pro­ble­men per se ab-zu-leh-nen.

Ist es schön oder befremd­lich, einen Film nach fast drei­ßig Jah­ren wie­der zu sehen? Ist es der fal­sche Film zur rech­ten Zeit oder umge­kehrt? Es ist bei­des, näm­lich tat­säch­lich schön und glei­cher­ma­ßen befremd­lich, zum Bei­spiel, wie jetzt, im Flug­zeug sit­zend, sich den Film Dead Poets Socie­ty, auf Deutsch Der Club der toten Dich­ter, anzu­se­hen und sich dar­an zu erin­nern, wie man als viel­leicht elf­jäh­ri­ges Kind, oder viel­leicht als zwölf- oder drei­zehn­jäh­ri­ges, am Ende des Films das elter­li­che Wohn­zim­mer wort­los ver­las­sen hat, um sich im Bade­zim­mer ein­zu­sper­ren und jäm­mer­lich zu schluch­zen.

Was ist denn noch­mal so trau­rig gewe­sen an die­sem Film? Doch nicht die sanf­ten Augen und das mil­de Lächeln von Robin Wil­liams. Doch nicht die­ser cha­ris­ma­ti­sche Päd­ago­ge, den er mimt, der, um sei­ne Unan­ge­passt­heit zu demons­trie­ren, auf den Kathe­der steigt und Gedich­te rezi­tiert! Doch nicht die­ses „O Cap­tain! Mein Cap­tain!“, mit dem die Schü­ler ihren Leh­rer anspre­chen, das sein Urhe­ber Walt Whit­man viel­mehr dem ver­stor­be­nen Staats­mann Abra­ham Lin­coln zuge­dacht hat­te. Die­se Wör­ter und Sät­ze, die sich mitt­ler­wei­le zu Sprach­bau­stei­nen ver­fes­tigt haben, die heu­te eine homo­ge­ne Twit­ter­mau­er bau­en aus den ewig glei­chen Ver­bal­re­fle­xen auf den Aus­lö­ser Ver­lust oder die Auf­for­de­rung zur Ehr­erbie­tung: O Cap­tain! Mein Cap­tain!, kann mich das noch rüh­ren?

Man stößt im Ver­lauf der Hand­lung auf unter­schied­lichs­te Lek­tü­re­er­leb­nis­se, auch eige­ne, die man damit abgleicht, indem man sie ver­suchs­wei­se vom Eng­li­schen ins Deut­sche trans­por­tiert. E.E. Cum­mings’ dive for dreams ist dar­un­ter: „tau­che nach träu­men / sonst könn­te ein schlag­wort dich stür­zen / (bäu­me sind ihre wur­zeln / und wind ist wind) // traue dei­nem her­zen / wenn die mee­re feu­er fan­gen / (und lebe von lie­be / auch wenn die ster­ne rück­wärts gehen) // ehre die ver­gan­gen­heit / aber hei­ße die zukunft will­kom­men / (und tan­ze dei­nen tod / weg auf die­ser hoch­zeit) // mach dir nichts aus der welt / mit ihren böse­wich­ten oder hel­den / (denn gott liebt mäd­chen / und mor­gen und die erde).“ Tau­che nach Träu­men, flie­ge wei­ter, ruft Robin Wil­liams – noch ein­mal ist auch er wie­der leben­dig – als Leh­rer John Kea­ting aus den kra­chen­den Kopf­hö­rern, die die Luft­han­sa ihren Flug­gäs­ten vor­über­ge­hend zur Ver­fü­gung gestellt hat. Das Gedicht von E.E. Cum­mings zum Bei­spiel muss­te mir beim ers­ten Sehen des Films als Kind ent­ge­hen, jetzt aber höre ich die­se Zei­len, schrei­be sie nie­der, ein Schlag­wort könn­te mich stür­zen.

Die Flug­stre­cke ist vor­ge­ge­ben, sie führt bis nach Mün­chen, wo der Anschluss­flug Rich­tung Wien erwar­tet wird. Robert Frost wird der­weil zu Rate gezo­gen, wört­lich über­setzt sagt er in etwa: „Zwei Wege ver­zweig­ten sich in einem Wald, und ich – / Ich nahm den weni­ger abge­tre­te­nen, / Und das hat all den Unter­schied erge­ben“, das hat alles ver­än­dert, das hat viel bedeu­tet. Den Schü­lern, den Mit­glie­dern die­ses Clubs der toten Dich­ter, bedeu­ten die­se Sät­ze so etwas wie ein Vade­me­cum, das sie auf ihrem Weg ins Erwach­sen­wer­den beglei­tet. An einer der Gabe­lun­gen ent­schei­det sich der Schü­ler Neil Per­ry für sei­ne Nei­gung, das Thea­ter­spie­len, und gegen die Pflicht, die vom Vater vor­ge­se­he­ne mili­tä­ri­sche Aus­bil­dung. Das Lesen, das Spre­chen, das Schrei­en von Gedich­ten, die­se Wei­ge­rung, sie gemäß dem Lehr­buch zu inter­pre­tie­ren, die­se Mög­lich­keit, die Tex­te anzu­wen­den und sie ein ander­mal auch ins Lee­re der wol­ken­lo­sen Atmo­sphä­re lau­fen zu las­sen … Denn nicht für die Schu­le, son­dern für das Leben lesen wir, und wir lesen, um zu über­le­ben: den Drill, die Stren­ge, die Hier­ar­chie, die Stumpf­sin­nig­keit des Schü­ler­all­tags. Die Erin­ne­rung dar­an wird wach und schmerzt mit­un­ter als Gegen­wart.

Jetzt möch­te ich auch ein Glas Bai­leys bestel­len. Denn mir fällt doch auf ein­mal wie­der ein, was nun folgt, und was so unend­lich trau­rig gewe­sen ist an die­sem Film. Die Schü­ler, die am Ende auf die Tische stei­gen, die ihrem Leh­rer ein „O Cap­tain! Mein Cap­tain!“ nach­ru­fen, die sehn­suchts­vol­le Ahnung von einem ande­ren Leben. Plötz­lich gilt alles das wie­der, plötz­lich ver­steht man es, zehn­tau­send Meter über dem Boden, auch wenn der Film mitt­ler­wei­le pein­lich gewor­den ist, oder es schon immer war. Wahr ist er wie­der, stimmt auch heu­te noch, und gleich­zei­tig duf­tet etwas zu süß aus der Ver­gan­gen­heit her­über, das schmeckt wie das alko­ho­li­sche Getränk, das man als Jugend­li­cher im Schrank der Eltern gefun­den hat.

Noch vier Stun­den sind es bis Mün­chen, o Flug­ka­pi­tän, und man will vor Unge­duld auf die Tische sprin­gen. Trotz­dem ist manch einer zu müde, sich nach der Ankunft gleich auf­zu­raf­fen und ziel­ge­rich­tet wei­ter­zu­stap­fen. Es gibt halt so vie­le Wege, so vie­le Ver­zwei­gun­gen und so vie­le Schleu­sen zwi­schen den Zei­ten.

Dive for dreams, watch thy film. Die­se Kolum­ne ist dem Seri­en­schau­en und Vide­os-Kli­cken im Inter­net und wäh­rend Lang­streckenflügen gewid­met.

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Tere­sa Prä­au­er ist Autorin in Wien. Aktu­ell ist im Wall­stein Ver­lag der erzäh­len­de Groß­essay Tier wer­den erschie­nen.

Quel­le: VOLLTEXT 4/2018 – 10. Dezem­ber 2018

Online seit: 25. April 2019

Online seit: 25. April 2019

Zuletzt geän­dert: 25. Apr. 2019